9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2016 - Kulturpolitik

Nach der Wiedereroberung Palmyras durch die Truppen Baschar al-Assads, gibt es erste Meldungen, dass die Zerstörungen der Tempelanlagen durch Rekonstruktionen behoben werden sollen. Olga Zoller konstatiert in der FAZ: "Von ganz besonderem Wert ist jetzt der reiche Fundus an Architekturzeichnungen von Louis François Cassas und seinen Vorgängern und Nachfolgern. Ihre Ansichten und architektonischen Detailstudien, ihre lupenrein gezeichneten Risse und Schnitte vermitteln ein komplexeres Bild von dem, was in Palmyra einmal gebaut wurde, und welcher Reichtum an Wissen und Kultur für immer vernichtet wurde." Die Cassas-Zeichnungen sind zur Zeit in Köln ausgestellt.

Der Berliner Stadtmuseen-Direktor Paul Spies gibt sich im Interview mit der Berliner Zeitung optimistisch, was die Renovierungen seiner Häuser und das Humboldt-Forum angeht. Nur wenn er an die hiesige Verwaltung denkt, wird ihm flau: "Ich versuche für das Märkische Museum flexibel zu denken. Dafür brauche ich einen Architekten, einen Gestalter und eine Idee. Zusammen überlegen wir uns ein Programm als Ausgangspunkt. Aber das geht in Berlin nicht! Ich muss erst das Ganze allein bedenken und ein Bedarfsprogramm erstellen. Das geht dann zur Kulturverwaltung, die dafür sorgt, dass ich die Gelder für Architekten und Gestalter bekomme, um weitermachen zu können. Wenn nun der Gestalter sagt: Dein Plan geht so nicht, muss das Bedarfsprogramm geändert werden, und alles fängt von vorn an..."

Im Tagesspiegel fordert der Architekt Hans Kollhoff angesichts der Wohnungsnot in Berlin ein neues nationales Bauprojekt für Berlin: Es soll wieder in der Stadt gebaut werden können, mit einer großen Vision, wie sie die Architekten der Karl-Marx-Allee hatten. Zur Not auch mit Lockerung von Denkmalschutz-, Schall-, Wärme- und Brandschutz-Standards. "Zuallererst fehlt heute, auf geradezu tragische Weise, die Erkenntnis, dass unsere außergewöhnliche Lage außergewöhnlicher Entscheidungen bedarf und dass wir uns nicht wieder mit Scheinlösungen durchlavieren können, die sich als untauglich erwiesen haben: die Billigbauweise am Stadtrand. Wir können uns nicht länger Bebauungspläne leisten, deren Aufstellung drei Jahre dauert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2016 - Kulturpolitik

Der Tagesspiegel druckt einen Text Horst Bredekamps aus dem Katalog zur Palmyra-Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Er fordert eine Reproduktion der zerstörten Teile der Tempel-Anlage: "Reproduktion kann die Verschmelzung von Entwurf und Materie zur gestalteten Form niemals ersetzen, alle Überlegungen zur Ablösung der Aura durch die Reproduktion sind irreal. Jede Reproduktion lässt vielmehr ein eigenes Original entstehen. Das würde mit Blick auf Palmyra einen neuen Typus erzeugen, den der kämpferischen Reproduktion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2016 - Kulturpolitik

Sehr freundlich ist Rose-Maria Gropps FAZ-Abschiedsartikel für Max Hollein, der die großen Frankfurter Museen verlässt, um nach San Francisco zu gehen: "Dass Hollein nach anderthalb Jahrzehnten weiterzieht, liegt nicht an Frankfurt; karrieristischen Ambitionen folgend, hätte er längst gehen können. Dass es für ihn freilich nur international weitergehen würde, konnte sich jeder denken, der seiner Arbeit gefolgt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2016 - Kulturpolitik

Christian Eger fragt sich in der Berliner Zeitung, warum auf der Leipziger Buchmesse außer Flüchtlingen so wenige aktuelle Thema zur Sprache kamen: "Vom E-Book ist kaum die Rede. Vom Preisverfall im Antiquariatsgeschäft auch nicht, obwohl das ein Thema wäre. Bücher des 18. Jahrhunderts gibt es in Folge der Digitalisierung zu Tiefstpreisen. Die Verleger schauen mit Bangen auf den 21. April, auf die Entscheidung des Bundesgerichtshofes, ob die Verlage weiterhin an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden oder nicht. Der Verleger Christoph Links spricht von einem 'brennenden' Problem. Sollte das Urteil gegen die Verlage fallen, müssten diese auch die Ausschüttungen der vergangenen drei Jahre zurückzahlen. Bei Links wären das 51.000 Euro auf einen Schlag. Für manche Kleinverlage das Ende."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2016 - Kulturpolitik

Catrin Lorch und Jörg Häntzschel unterhalten sich in der SZ mit der Gurlitt-Cousine Uta Werner und ihrer Tochter Charlotte, die gegen die Entscheidung der Vergabe der Gurlitt-Sammlung in die Schweiz oppononieren. Charlotte Werner sagt: "Meiner Mutter ist es wichtig, dass der Name Gurlitt wieder für etwas anderes steht. Es geht um die Vergangenheitsbewältigung einer deutschen Familie. Es wäre doch seltsam, wenn die in der Schweiz erfolgt. Wir wollen zeigen, dass eine deutsche Familie dazu in der Lage ist, mit allen Flecken, die da sein können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2016 - Kulturpolitik

"Nichts substanziell Neues" zum inhaltlichen Konzept des Humboldt-Forums hörte Kerstin Krupp bei der Pressekonferenz der drei Intendanten Hermann Parzinger, Horst Bredekamp und Neil MacGregor. Überraschend ist das nicht, meint sie in der Berliner Zeitung: "Der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters berufene und von ihr geradezu als Wundermacher überhöhte Museumsmann Neil MacGregor ist seit Anfang des Jahres im Amt - und das auch nur in Teilzeit für jeweils zehn Tage pro Monat. Es wäre geradezu vermessen, nach dreizehn Jahren konzeptionellen Nichtstuns nun nach etwas über zwanzig Arbeitstagen von dem Kunsthistoriker einen erlösenden Rundumschlag zu erwarten."

Im Tagesspiegel ist Rüdiger Schaper viel optimistischer, so viel Feuer und Begeisterung haben ihm die drei vermittelt: "Konkrete Konzepte? Immer noch nicht. Die sollen ab Herbst zu bekommen sein ... Wenn aber alle Beteiligten für die Sache glühen wie Horst Bredekamp, aus dem es wie mit höheren Stimmen spricht (Das Humboldt-Forum ist Fluxus! Eine neue Verbindung von Naturwissenschaft und Geistesgeschichte! Das Humboldt-Forum für den Film öffnen! Leibniz lebt!), dann kann es nur gelingen. Eigentlich war MacGregor als Heilsbringer empfangen worden, aber da schwebt Humboldts Geist über Bredekamp, verteilt sich die Aura auf mehrere Köpfe."



Axel Timo Purr besucht für die NZZ das neue, von David Adjaye entworfene Kunstmuseum der Aïsthi-Stiftung in Beirut: ein futuristischer Bau, der Teil eines Shopping Centers für Haute Couture ist. Überall werde derzeit abgerissen und neu gebaut, erzählt ihm der Dokumentarfilmer Samer Ghorajeb: "Die sanierte Altstadt werde allenfalls von Touristen aus dem Westen und der Golfregion aufgesucht, so stark sei die Antipathie der Einheimischen gegenüber diesem Projekt. Denn der vom damaligen Präsidenten Hariri 1994 gegründete Bau- und Immobilienkonzern Solidere habe nicht nur die Altstadt an internationale Spekulanten verhökert, sondern auch der Liquidierung historischer Bausubstanz den Weg bereitet. Die Gerüchte häufen sich, dass bei jedem Neubau auch gleich Baumaterial abgezweigt wird, damit man für den Wiederaufbau Syriens die besten Startbedingungen hat. 'Inzwischen ist durch den Immobilienboom und korrupte staatliche Stellen mehr zerstört worden als durch den Bürgerkrieg.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2016 - Kulturpolitik

Die Roma bilden die einzige Gruppe in der EU, für die eine Art Apartheid-Regeln gilt, kritisiert in der NZZ Karl-Markus Gauß. Wie kann man sie am besten unterstützen? Zum Beispiel, so sein exzellenter Vorschlag, mit einem Buchmessenschwerpunkt zur reichen Literatur der Roma. Dazu gehören für Gauß Lebenszeugnisse einzelner Roma, Märchen und Legenden, Bücher auf Romanes, aber auch die Bücher von Roma-Autoren, die "auf Ungarisch oder Serbisch, auf Französisch, Spanisch oder Bulgarisch" oder einer anderen Sprache schreiben. Gauß verbindet damit "etliche Absichten und Hoffnungen: etwa dass die Roma-Literatur, die in vielen Ländern und mehreren Sprachen entsteht, im großen Überblick gesammelt und an einem renommierten, beachteten Ort der Literatur, vielleicht der Leipziger Buchmesse, versammelt werde. Dazu ist es nötig, dass diese Literatur, die oft in Nischenverlagen erscheint und leider auch verborgen bleibt, systematisch erkundet, gesichtet und in großer Zahl ins Deutsche übersetzt wird. Es wäre durchaus erwünscht, wenn auch Buchmessen in anderen Ländern einmal die Roma-Literatur ins Zentrum ihres Programms rückten. Mögen die Buchmessen verschiedener Länder darin wetteifern, Roma-Literatur in ihre Sprachen zu übersetzen!"

Außerdem: Bilder shoppen geht Bernd Müllender für eine taz-Reportage mit dem Generaldirektor der Brügger Museen Till-Holger Borchert auf der größten Kunstmesse der Welt, The European Fine Art Fair (TEFAF). In der SZ zeichnet Franziska Augstein ein liebevolles Porträt der amerikanischen Bibliothekare (die American Library Association ist derzeit zu Gast in Leipzig), die oft genug gleichzeitig auch Sozialarbeiter und Lehrer sind. Marcus Stäbler fordert in der NZZ mehr zeitgemäße Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche: "Heute geht es nicht mehr bloß um Besucherzahlen, sondern um die Verankerung von Musik und Kultur in einer Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2016 - Kulturpolitik

Die erfolgsverwöhnte Bundeskulturministerin Monika Grütters stößt zum ersten mal auf Wiederstände, diagnostiziert Kerstin Krupp in der Berliner Zeitung und nennt den Streit um ihr Kulturgutschutzgesetz. Aber "nicht nur der Gesetzesentwurf sorgt für Bedenken, auch das Museum der Moderne. Ein Neubau für moderne Kunst soll am Kulturforum neben der Neuen Nationalgalerie entstehen. 200 Millionen Euro konnte Grütters hierfür den Haushältern entlocken. Die architektonischen Ideen bisher sind allerdings enttäuschend. Oder das Humboldt-Forum, das derzeit vielleicht wichtigste, auf jeden Fall größte Bundeskulturprojekt. Der Rohbau ist fertig, der Innenausbau geht voran, ohne Pläne allerdings, womit Erdgeschoss und Bel Etage des Schloss-Nachbaus einmal bespielt werden sollen."

Weiteres: Knapp meldet das Goethe-Institut, dass die Leiterin des Instituts Abidjan, Henrike Grohs, beim Terrorattentat in der Stadt ums Leben gekommen ist. Etwas mehr über sie erfährt man in Sabine Vogels Nachruf in der Berliner Zeitung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2016 - Kulturpolitik

Der neuen polnischen Regierung zum Trotz wird sich Breslau mit seinem Kulturhauptstadt-Programm als "multi-konfessionelle, multi-ethnische" Stadt in Szene setzen, schreibt Jens Bisky in der SZ nach einem Besuch. "Interessant ist es dort, wo es die urbane Kultur stärkt. Eine neue Konzerthalle wurde gebaut, ein gewaltiger Klotz; neben der Jahrhunderthalle, Max Bergs Stahlbeton-Pionierbau von 1913, einer 'Kathedrale der Demokratie', steht Hans Poelzigs vornehmer Vier-Kuppel-Pavillon. Von April an wird das Nationalmuseum dort zeitgenössische Kunst zeigen. Ein Programm fördert künstlerische Interventionen in fast vergessenen, heruntergekommenen Vierteln der Stadt: gemeinsam mit den Bewohnern wird versucht, Farbe und Grün in Höfe zu bringen, ein Projekt gegen Resignation."
Stichwörter: Breslau, Kulturhauptstadt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2016 - Kulturpolitik

Jörg Häntzschel singt in der SZ ein Loblied auf das Haus der Kulturen der Welt in Berlin und seinen Leiter Bernd Scherer, der viele originelle interdisziplinäre Projekte erfand: "Wie hier Ideen gemacht werden, kann man erleben, wenn Scherer mit seinen Kuratoren konferiert. In zwei Stunden geht es um Flüchtlinge in Berlin, um eine Band aus Mali, denen die Islamisten die Musik verboten haben, um Punk in Jugoslawien, um Radiohören im Schützengraben und darum, wie es das Singen verändert hat. Es geht um die Erfindung des Vocoders als Verschlüsselungstechnologie, um Ratingagenturen..." Und so weiter!