9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2023 - Kulturpolitik

Es gibt noch Brachen in Berlin, dieser einst für ihre Brachen berühmten Stadt. Die größte ist das einstige Stadtzentrum südlich des Roten Rathauses, das auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Berliner komplett verschwunden ist. Der Berliner Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler hat nun einen Rahmenplan vorgestellt, der sowohl Anhänger eine radikal modernen Bebauung als auch Befürworter der Historisierung enttäuschen muss, so Matthias Alexander in der FAZ, der Gaebler aber verteidigt: "Die erwartbaren Reaktionen, den Rahmenplan als Mittelweg im negativen Sinne abzutun, also als Versuch, es allen ein wenig recht zu machen, haben nicht lange auf sich warten lassen. Sie verkennen den entscheidenden Punkt. Der Plan ermöglicht differenzierte städtebauliche Vorgaben, die die Nutzung und Größe der Gebäude von den Straßen und Gassen und ihrer unterschiedlichen Funktion und Lärmbelastung her denken. Es wird sich um eine annähernd klassische Blockrandbebauung handeln, die mit verschiedenen Typologien von Höfen arbeitet." Hier eine Seite des Senats mit Informationen zum Molkenmarkt, die aber nicht aktuell zu sein scheint.

Ebenfalls in der FAZ fragt Andreas Kilb, was nun aus dem geplanten Museum des Exils am Anhalter Bahnhof werden soll, nachdem Christoph Stölzl, der als Gründungsdirektor vorgesehen war, gestorben ist: "Das Schweigen der Politik zu dem Projekt, das 2011 mit einem Brief der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller an die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel begann, ist inzwischen ohrenbetäubend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2023 - Kulturpolitik

Peter Higgs, ein ehemaliger Kurator des British Museum, wird beschuldigt, antike Kunstgegenstände aus dem Museum über Ebay verscherbelt zu haben. Gina Thomas resümiert die Vorwürfe in der FAZ: "Ittai Gradel, ein in Dänemark ansässiger Wissenschaftler und Kenner antiker Gemmen und Kameen, der auch damit handelt, war schon vor einigen Jahren aufgefallen, dass antike Schmuckstücke, die ihm aus alten Katalogen des Britischen Museums bekannt waren, zu Spottpreisen auf Ebay verscherbelt wurden. Der Gesamtwert der entwendeten Objekte soll sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen." Das Museum scheint bisher recht unbeholfen auf die Enthüllung des Skandals zu reagieren.
Stichwörter: British Museum, Dänemark

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2023 - Kulturpolitik

Italiens Regierung hat durch einen Passus in einem Dekret dafür gesorgt, dass die aktuelle Leitung der Filmakademie "Centro sperimentale di Cinematografia" abtreten muss. Es ist nicht der erste Versuch des amtierenden Kulturministers Gennaro Sangiuliano, "die Hegemonie Linker und Liberaler im Kulturleben zu brechen", schreibt Andrea Dernbach, die im Tagesspiegel ein Muster erkennt: "Die Regierung wartet nicht aufs Vertragsende, sondern wirft auch die Führung des CSC zwei Jahre früher raus. Die Eile erschreckt bis ins konservative Lager hinein. Die neuen Mächtigen seien 'besessen von der Idee, die Geschichte umzuschreiben und alle angeblichen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit jetzt auszugleichen', notierte Antonio Polito in einem Kommentar des Corriere della sera. 'Als wäre eine neue 'Erzählung' sogar wichtiger als die Wirtschaft. Und als könne man sich dabei allein auf die verlassen, die in vergangenen Jahren die gleiche Geschichte geteilt haben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2023 - Kulturpolitik

Thomas E. Schmidt geht für die Zeit eher resümierend nochmal die Verwicklungen bei der Rückgabe der Benin-Bronzen aus deutschen Museen durch. Kann Dekolonisierung von Staat zu Staat noch funktionieren? Erst schloss die Bundesregierung einen Vertrag mit der Regierung von Nigeria. Und die gab die Bronzen dann gleich weiter an den Oba von Benin. Daraufhin sprach die Bundesregierung davon, dass die Rückgabe "bedingungslos" gewesen sei: "Das Abkommen mit Nigeria ist Makulatur, falls der Oba Eigentümer der Bronzen bleibt - wonach es aussieht. Er ist ja nicht Vertragspartei. Er könnte nun auf der sofortigen Aushändigung sämtlicher Objekte bestehen, auch der als Leihgaben deklarierten. In diesem Fall müsste die deutsche Politik neu entscheiden, ob sie dem Restitutionsbegehren folgt, selbst wenn sie formal auf Einhaltung ihres Vertrages pochte. Nach dem Grundsatz der Bedingungslosigkeit müsste sie liefern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2023 - Kulturpolitik

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch setzt sich immer wieder in verschiedenen Essays mit Haiti auseinander. Im Tagesspiegel wirft er dem Haus der Kulturen der Welt, das sich unter anderem mit einem Haiti-Festival der Geschichte der Sklaverei widmet, Geschichtsverzerrung aus der "Woke-Ecke" vor - so werde etwa nicht erwähnt, dass "die Anführer des Sklavenaufstands, Toussaint Louverture, Dessalines und Christophe den Voodoo bekämpften". Und auch die politische Gegenwart werde verfälscht: "Das von Krisen gebeutelte Haiti erlebt zur Zeit das schwierigste, seit langem blutigste Kapitel seiner wechselvollen Geschichte. Der demokratisch gewählte Präsident wurde im Bett erschossen, Hintermänner und Auftraggeber des Komplotts nie dingfest gemacht. Port-au-Prince ist eine No-Go-Area, die Regierung hat die Herrschaft an Kriminelle abgetreten und kontrolliert nur 20 Prozent des Territoriums. Auf Befragen stellt sich heraus, dass die Hauptredner der Eröffnung, zwei prominente Autoren, in der Diaspora leben und Haiti aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten, während der Botschafter meint, das im Elend lebende Volk habe das Singen und Tanzen nicht verlernt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2023 - Kulturpolitik

Während des Afrika-Gipfels in St. Petersburg konnten sich die Anwesenden an mehreren Ausstellungen Kunst aus Afrika erfreuen. Außerdem ordnete Putin gleich noch die Errichtung eines Museums für die Kultur afrikanischer Länder in Moskau an, berichtet Konstantin Akinsha in der NZZ. Eine der Ausstellungen war "Umgekehrte Safari. Zeitgenössische Kunst aus Afrika", die zu einem großen Teil mit Werken italienischer Sammler bestückt gewesen sein soll: "Auch wenn die Mehrheit der afrikanischen Staats- und Regierungschefs sich weigerte, zum Gipfel zu erscheinen, waren doch einige afrikanische Künstler glücklich, Teil der Ausstellung zu sein. Dies ungeachtet der Tatsache, dass diese ein Herzstück der russischen Propaganda darstellte. Russland sollte als maßgeblicher Motor der Entkolonialisierung aufscheinen. 'Unbefleckt von den blutigen Verbrechen des Kolonialismus' sei das Land, wie Außenminister Sergei Lawrow es ausdrückte, wobei er die russische Kolonisierung Sibiriens, des Kaukasus und Zentralasiens natürlich völlig 'vergaß'. Man kann davon ausgehen, dass die meisten in St. Petersburg ausgestellten afrikanischen Künstler den russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine keine große Beachtung schenken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2023 - Kulturpolitik

Ende Juli fand das wirtschaftliche und humanitäre Forum Russland-Afrika in St. Petersburg statt, flankiert wurde es von Ausstellungen zu afrikanischen Themen. In die Kritik geriet die vom Staatlichen Russischen Museum ausgerichtete Ausstellung "Afrika in der russischen Kunst" wegen der mangelnden Sensibilität, die sie im Umgang mit Werken, die vom Einfluss kolonialer Ästhetik zeugen, an den Tag legte, berichtet der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der NZZ. Als Gegenschau wurde die Ausstellung "Umgekehrte Safari. Zeitgenössische Kunst aus Afrika" in der Zentralen Ausstellungshalle Manesch in St. Petersburg, die unter anderem zeitgenössische Künstler aus Afrika zeigt, inszeniert: "Auch wenn die Mehrheit der afrikanischen Staats- und Regierungschefs sich weigerte, zum Gipfel zu erscheinen, waren doch einige afrikanische Künstler glücklich, Teil der Ausstellung zu sein. Dies ungeachtet der Tatsache, dass diese ein Herzstück der russischen Propaganda darstellte. Russland sollte als maßgeblicher Motor der Entkolonialisierung aufscheinen. (…) Man kann davon ausgehen, dass die meisten in St. Petersburg ausgestellten afrikanischen Künstler den russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine keine große Beachtung schenken. Allerdings dürften ihnen die 'Heldentaten' der mit brutalsten Mitteln operierenden Truppe Wagner in der Zentralafrikanischen Republik, Mali, dem Sudan und Libyen nicht verborgen geblieben sein. Wenn man sieht, wie bereitwillig sie den russischen Anspruch auf antikoloniale Führung unterstützen, fällt es schwer, sich nicht an Lenins Diktum von den 'nützlichen Idioten' zu erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2023 - Kulturpolitik

Eher sanft, aber informativ stellt Stephan Löwenstein in der FAZ die Arbeit des Mathias-Corvinus-Collegiums (MCC) dar, das von Viktor Orban sozusagen als Gegenmodell zur Soros-Stiftung aufgebaut wird, Konservative und noch weit Rechtere in ganz Europa vernetzen will und mit paradiesischen Mitteln ausgestattet ist. Dozenten dürfen sich bester Bezahlung erfreuen, auch Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung arbeiten mit dem Kolleg zusammen. "Gastdozenten unterrichten für ein oder zwei Jahre. Aus Deutschland lehrte in Budapest zuletzt der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der bis zur Emeritierung an der TU Dresden wirkte. Anschließend veröffentlichte er das Buch 'Ungarn verstehen', das nicht ganz kritiklos, aber doch um Verständnis werbend die von Viktor Orbán geschaffene Verfassung Ungarns, das politische System und seine Geschichte darstellte."

Man muss das mit den Benin-Bronzen verstehen, meint Matthias Goldmann, Experte für Internationales Recht, in der FAZ. Er antwortet auf einen Artikel der Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin, die kritisiert hatte, dass die Benin-Statuen vom nigerianischen Staat nun in die Obhut des Oba, also des "Königs" des ehemaligen Königreichs Benin übergeben worden waren (unser Resümee): Das entspreche "afrikanischen Begriffen von kollektivem Eigentum", so Goldmann. "Entscheidend ist jedoch, dass das Dekret den Oba in seiner Funktion als Kustos der Kultur, Tradition und des Erbes des historischen Königreichs Benin ermächtigt - also gerade nicht als Privatperson."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2023 - Kulturpolitik

Im SZ-Interview mit Lennart Laberenz blickt der scheidende Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz Frédéric Bußmann ziemlich ernüchtert zurück auf seine fünfjährige Amtszeit, in der es vor Ort immer wieder zu rechtsextremen Ausschreitungen kam. Ein Museum sollte eine "klare Haltung" zeigen, sagt er, aber es sei nie zum Dialog gekommen: "Manch einer meint, Politik sei nicht Aufgabe der Kultur. Da bin ich anderer Auffassung. Kunst ist immer auch politisch. Künstler müssen nicht politische Kunst machen, aber Haltung ist politisch." Aber: "Ich habe gemerkt, dass die Leute, die ich erreichen möchte, eher nicht ins Museum kommen. Wir wollten unsere Arbeit in die Stadt hineintragen. Eine Kollegin wusste von dem leeren Laden hinter dem Karl-Marx-Kopf. Das ist der Ort, über den man spricht, wenn man über Chemnitz spricht, da laufen montags 'besorgte Bürger' und Neonazis mit Russlandfahnen vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2023 - Kulturpolitik

Der Theologe und SPD-Politiker Richard Schröder, einst Fraktionsvorsitzender der SPD in der letzten frei gewählten Volkskammer der DDR, ist heute Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss. In einem ganzseitigen FAZ-Artikel weigert er sich in der Inschrift an der Kuppel des Schlosses, die bekanntlich fordert, "dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind", eine Provokation zu erkennen. Der "angeblich giftige Hintersinn der Inschrift" löse sich in Luft auf, wenn man bedenke, dass die Inschrift keineswegs als Antwort auf 1848 gemeint sei. Und was ist an der Berufung auf Gott überhaupt falsch? "Nach der völlig unverantwortlichen Willkürherrschaft der Nazizeit haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes es für geboten gehalten, in der Präambel an die Verantwortung vor Gott zu erinnern. Den Revolutionären war das allein - verständlicherweise - zu wenig Machtkontrolle. Aber wir gäben viel darum, wenn uns die zwei Diktaturen enthemmter Herrschaft ohne Gewissenbindung erspart worden wären."

In Chemnitz laufen die Vorbereitungen für das Kulturhauptstadtjahr, berichtet Lennart Laberenz in der FAZ. Einige kulturelle Missverständnisse sind aber noch abzubauen: "Im März wurden Kulturmanager nach einer Konferenz von polizeibekannten Rechten bedrängt, einer heftig verprügelt: Sie hatten in der Innenstadt Englisch gesprochen."