Wie der Klimakrise begegnen, das fragt sich auch die Stadt Rotterdam und will mehr Natur, samt Igeltreppen und zirkulärem Wassersystem in die Stadt bringen will, erzählt Laura Weißmüller in der SZ. "Die Stadtverwaltung hat 'naturinklusive'-Planung zum Credo für ihre Entwicklung gemacht. 'Stärker durch 7 Projekte' heißt der 364 Millionen Euro teure Plan, der die Hafenstadt in den nächsten Jahren grüner, kühler und gesünder machen soll. Das ambitionierte Programm ergänzt die Pläne Rotterdams, sich - wie viele Metropolen weltweit - zu einer sogenannten Schwammstadt umzubauen. Zu den sieben Plätzen, Straßenzügen und Parks in Rotterdam gehört auch der 'Hofbogenpark', den van Peijpe und sein Team zusammen mit DS Landschapsarchitecten und De Dakdokters entwickelt haben und dessen Bau 2023 beginnen soll. Es ist Rotterdams Antwort auf die High Line in New York, jene zum Park umfunktionierte ehemalige Hochbahntrasse, die das Versprechen nach Natur in der Stadt mit ihrer Eröffnung 2009 scheinbar so spektakulär eingelöst hat."
In Paris blickt FAZ-Kritiker Niklas Maak auf ein ähnliches Projekt: die "Ferme du Rail" im 19. Arrondissement, die an den stillgelegten Gleisen liegt, die einst als Stadtbahn die Pariser Bezirke verbunden hat. Entstanden ist hier "ein innerstädtischer Bauernhof mit Gewächshaus, Permakulturgarten, Pilzzucht und einem öffentlichen Restaurant, in dem unter anderem die Ernte aus dem Garten serviert wird. Vor Ort wird kompostiert, die Kreislaufwirtschaft soll Ressourcenverbrauch und Energieaufwand auf ein Minimum reduzieren: Der Innenstadtbauernhof lässt organische Abfälle aus dem ganzen Viertel abholen. Zur 'Ferme du Rail' gehört ein Haus mit 15 Sozialwohnungen und fünf Wohnungen für Studenten, in denen vor allem Menschen untergebracht werden, die unter psychischen Problemen wie Depressionen litten und darüber Arbeit und Wohnung verloren haben." Ein schönes Projekt, aber Maak stellt sich doch die Frage, ob das in Zeiten der Wohnungsnot wirklich die Zukunft des Bauens sein kann.
"Wir sind in Mali, Bamako, Baco Djocoroni", leitet Jonathan Fischer sein Welt-Interview mit Abdel Kader Haidara ein, dem Mann, der die Manuskripte von Timbuktu außer Landes schmuggelte, als die Islamisten dort einfielen. Einen großen Teil kann man jetzt im Original und englischsprachiger Kurzzusammenfassung jetzt im Internet einsehen (immerhin 40.000 Seiten). Das Geld für die Konservierung dieser Manuskripte ist richtig angelegt, betont er, auch wenn Mali eins der ärmsten Länder der Welt ist: "Wir können bis heute viel aus diesen alten Schriften lernen. Sie sind - weil sie bisher in Familienbesitz waren und weder Universitäten noch Bibliotheken zur Verfügung standen - eine noch nicht erschlossene Fundgrube für die Wissenschaft. Und dann korrigieren sie auch ein Weltbild: Lange glaubte man im Westen, dass das präkoloniale Afrika ein unzivilisierter Flecken auf der Landkarte war. Nun wird klar: Wir besitzen eine reiche Schriftkultur, Afrikaner haben schon seit einem Jahrtausend ihre Geschichte und Wissenschaft in Büchern festgehalten." Eines der eindruckvollsten Manuskripte, erzählt er, sei ein "medizinisches Buch aus dem 15. Jahrhundert: Es handelt von der Kunst des Operierens, speziell Operationen der Geschlechtsorgane. Das hatte ich nicht erwartet. Die Beschreibungen gehen bis hin zu Analysen der Gewebezellen und der Blutwerte..."
In der SZ beklagt Jörg Häntzschel, dass Kulturinstitutionen nicht zur "kritischen Infrastruktur" gezählt werden, wenn das Gas so knapp wird, dass es rationiert werden muss.
In der Welt kann sich Carl von Siemens nicht mit dem Berliner Stadtschloss anfreunden. Für ihn ist es eine Missgeburt: Ausdruck eines preußischen Antidemokratismus, der mit der Bezeichnung Humboldt-Forum und den ethnologischen Sammlungen übertüncht werden soll. Vielleicht hätte man sich an diesem Ort mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen sollen, statt fremde Kulturen herbeizukarren: "Die Geschichte, die der Neubau des Stadtschlosses symbolisiert, ist die Geschichte zweier verlorener Gebäude, des Hohenzollernschlosses und des Palasts der Republik. Es ist die Geschichte eines Orts, an dem deutsche Staatsgebilde einander mit der Abrissbirne begegnet sind. Es ist eine Geschichte von Preußensehnsucht, Preußenhass und Preußenangst. Es ist eine Geschichte von Narrativen, die nicht miteinander vereinbar sind - und gerade deswegen wäre es reizvoll gewesen, diese Narrative gegeneinander antreten zu lassen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, zu recherchieren, welche möglichen Gegenstände einer solchen Ausstellung heute noch vorhanden sind, welche verloren gegangen sind und welche in Lagern vor sich hin dämmern. Die preußischen Kronjuwelen etwa und der Balkon, von dem Karl Liebknecht die Republik ausgerufen hat. Der 'runde Tisch' und der Saal, in dem die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zum Grundgesetz beschloss. Lithographien von Burgen, Schlössern und Adelssitzen aus der Werkstatt von Alexander Duncker , gerettetes Interieur - natürlich beleuchtet von den berühmten Lampen des Palasts der Republik. DDR-Bürgerrechtler im Preußenschloss, das hätte mir gefallen!"
Wie können die Länder am südlichen Rand Europas mehr Anerkennung erwarten, wenn sie mit ihrem eigenen kulturellen Erbe so nachlässig umgehen? In einem kummervollen Text klagt der serbische SchriftstellerBora Cosic in der NZZ, dass in Mostar gerade das Geburtshaus des Gelehrten Predrag Matvejevic abgerissen wurde: "Es scheint im Übrigen gar kein Krieg notwendig zu sein, um das Leben der Menschen zu ruinieren, es reicht, dass ein übler Bursche mit viel Geld mitten im Frieden ein Auge auf ein bestimmtes Stück Land wirft, aber dass dort etwas aus der Geschichte desselben Landes steht, interessiert ihn nicht! Ich höre jetzt, dass sich diese Stadt Mostar, die größte in der Herzegowina und vielleicht die schönste, um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt bewirbt. Diese Nachricht zeigt an sich schon, dass hier jemand ziemlich viel Courage hat. Wovon kann eine Stadt Hauptstadt sein, die zuerst in einem wahnsinnigen Krieg ihr emblematisches Wahrzeichen zerstört und dann, was noch verrückter ist, in der Stille des Friedens das Geburtshaus ihres Dichters beseitigt hat?"
Als das Humboldt-Forum vor zwanzig Jahren konzipiert wurde, sollten die Schätze des Ethnologischen und des Asiatischen Museums die Weltoffenheit der neuen Institution mitten in der restaurierten Mitte Berlins unterstreichen, erinnert Andreas Kilb in der FAZ. Und resümiert in drei Sätzen, was danach kam: "Inzwischen hat sich die Beweislast zuungunsten der Museen umgekehrt. Jetzt hängt ihre Zukunftsfähigkeit an ihrer Bereitschaft, ihre Stücke zurückzugeben oder von Kuratoren aus den Herkunftsländern neu deuten zu lassen. Das Humboldt-Forum ist, wie es Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei der Vorstellung der neuen Museumssäle im Ostflügel ausdrückte, vom Ausstellungs- zum Aushandlungsraum geworden." Aber die Fokussierung auf Afrika drängt auch andere Höhepunkte der Schau in den Hintergrund, versichert Kilb und rät zum Besuch.
In der Welt streift Matthias Busse an leeren Vitrinen vorbei und notiert, was fehlt. Neben einigen eingeplanten Objekten vor allem im Benin-Saal auch Informationen: "Der Saal soll angeblich ein in Nigeria herrschendes Museumsverständnis vermitteln. Auf Zetteln werden lediglich technische Daten zum Objekt geliefert: zum verwendeten Material und dem Sammler. Dürftige, über die Objekte gepinnte Erklärungen bleiben weit dahinter zurück, was Stand der 120 Jahre andauernden Benin-Forschung ist. Es stellt sich daher die Frage, welche neuen Erkenntnisse die zehnjährige Zusammenarbeit des Museums innerhalb der Benin-Dialoggruppe mit nigerianischen Wissenschaftlern und Vertretern des Hofes brachten?" Versöhnlicher klingt Nicola Kuhn bei Tagesspiegel+: "Der Geschichte Benins wird sichtbar Respekt gezollt, und auch die kümmerlichen Reaktionen des Berliner Völkerkundemuseums auf die ersten Restitutionsersuchen in den 1930er Jahren werden ungeschönt dargestellt."
Maritta Adam-Tkalec hat für die Berliner Zeitung unter anderem mit Wynema Morris, die dem indianischen Volk der Ohamagesprochen, die viele Ohama-Werke erstmals in Berlin sah. "'Der Wunsch, das kulturelle Erbe wieder zu erobern, ist erwacht', berichtet Wynema Morris von den Omaha, 'aber es tut sich ein Schlachtfeld auf.' Die amerikanische Regierung habe zwar die Möglichkeit eröffnet, Objekte zurückzufordern - jedenfalls von den großen, föderalen Museen wie dem Smithsonian oder dem in Berkeley, die über entsprechende Sammlungen verfügen: 'Das Gesetz ist auf Seiten der Indianer, die spannen die Muskeln. Doch die Museen kooperieren nicht.' Noch komplizierter liegt die Frage der sogenannten Repatriierung im Falle privater Museen."
Dass die Infragestellung des Existenzrechts Israels auch von links antisemitisch ist, hat die Documenta jetzt amtlich (mehr in efeu). Aber die Documenta-Leitung ist nicht allein verantwortlich für den neuen Dammbruch. "Ist der Satz 'Man hat uns versprochen, dass es keinen Antisemitismus geben werde' das neue 'Wir haben es nicht gewusst'?", fragt Claudia Schwartz in der NZZ mit Blick auf Kulturministerin Claudia Roth und Bundeskanzler Olaf Scholz: "Im Kanzleramt nutzte in diesen Documenta-fifteen-Zeiten gleich auch noch Mahmud Abbas die ihm gebotene Bühne: Statt für das Olympia-Attentat in München vor 50 Jahren um Verzeihung zu bitten, bezichtigte der Palästinenser-Chef Israel der '50 Holocausts' an 50 palästinensischen Orten. Daneben stand wortlos der deutsche Bundeskanzler. Später sagte dieser dann doch noch etwas, nämlich: Er sei überrumpelt worden. Hat Herr Scholz so etwas von Sabine Schormann und Claudia Roth gelernt? Oder hat ihm Abbas vielleicht versprochen, es werde bei dem Treffen keine antisemitischen Bemerkungen geben?"
Der Orientalist Stefan Weidner hatte gestern in der FAZ die geplante Schließung des vom Auswärtigen Amt finanzierten, dem "Dialog der Kulturen" verpflichtete Magazin qantara.de kritisiert, wie auch Kürzungen beim Goethe-Institut, dessen Budget um 10 Prozent gestutzt werden soll (unser Resümee). Heute antwortet in der taz Andreas Fanizadeh auf Weidner: "Wie so manch anderes verschweigt der paternalistische Herr Weidner, dass dem gesamten Haushalt des Auswärtigen Amts 2023 eine Budgetkürzung um 10 Prozent droht. Also eine keineswegs nur dem Goethe-Institut und anderen vom Auswärtigen Amt geförderten Kulturprojekten."
Die Gelder für die Goethe-Institute sollen gut zehn Prozent gekürzt werden. Auch dem DAAD, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und dem Institut für Auslandsbeziehungen drohen kräftige Streichungen. In der FAZ versucht Paul Ingendaay mit Matthias Lilienthal zu erklären, welche Bedeutung auswärtige Kultur- und Bildungspolitik hat: "Der Dramaturg Matthias Lilienthal, der seit dreißig Jahren mit dem Goethe-Institut kooperiert, sagte der FAZ, an manchen Orten bestehe die Leistung der Institute vor allem darin, die intellektuelle Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten. In Myanmar zum Beispiel. Oder in Jekaterinburg. Überall sieht die Aufgabe anders aus. Eben deshalb muss man persönlich an Ort und Stelle sein. 'Das Goethe-Institut', sagt Lilienthal, 'ist das Zentrum des freien Denkens, in vielen Fällen der 'safe space' einer ganzen Stadt. Das sind genau die Freiheitsräume, die wir in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen brauchen.'" Und dann hat Ingendaay noch einen Gegenvorschlag: "Wie wäre es, wenn der Bundestag, der über die Kürzungen demnächst zu beschließen hat, mit dem Schlankwerden bei sich selbst anfinge?"
In Spanien haben die Rückgabe zweier Gemälde an die Familie eines Opfers der Franco-Diktatur und ein Buch des Madrider Universitätsprofessor Arturo Colorado, "Arte, botín de guerra" ("Kunst, Kriegsbeute"), eine Restitutionsdebatte ausgelöst, berichtet in der NZZ Ute Müller. "Colorado hat in seinem Werk den Werdegang von rund 15 000 Kunstwerken untersucht, die nicht nur aus Museen, sondern auch aus privaten Gemäldesammlungen stammten. Er kam zu dem Schluss, dass seit dem Bürgerkrieg fast 5500 Gemälde nicht an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden waren. Viele hängen bis heute in Kirchen, Ministerien oder anderen staatlichen Einrichtungen... Raubkunst ist auch in 37 Museen ausgestellt. Laut Colorado hat sogar das Prado-Museum rund zwei Dutzend Kunstwerke, die während der Franco-Zeit geraubt wurden. Im Museum wollte man sich dazu nicht äußern."
Die Zeit erscheint heute mit einer Museumsbeilage (mehr in Efeu). Den Auftakt macht Ijoma Mangold, der in einem Text, den die Zeit mit zehn Minuten Lesezeit angibt, noch einmal die ganze Debatte um die Benin-Bronzen (Unsere Resümees), die ab dem 17. September im Humboldt-Forum zu sehen sein werden, nachzeichnet. Der Krieg in der Ukraine war offenbar ein "unfreiwilliger Beschleuniger" für die Rückgabe, meint er: "Plötzlich wird Nigeria furchtbar interessant wegen seiner Öl- und Gasvorkommen." Mangold resümiert: "Das postkoloniale Denken ist offenbar immer dort fruchtbar und befreiend, wo es Komplexität erhöht. In der Praxis erweist es sich leider viel zu oft als auftrumpfender, erkenntnisblinder Moralismus, für den nur und ausschließlich Weiße als Täter gelten. Dafür musste vieles ausgeblendet werden, was für die historische Rekonstruktion unerlässlich ist: vor allem die vielfachen Kooperations- und Komplizenverhältnisse oder der schon bestehende Sklavenhandel Westafrikas, auf den der transatlantische dann so bequem aufsetzen konnte."
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