9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2021 - Kulturpolitik

Götz Alys kommendes Buch heißt "Das Prachtboot". Es erzählt, wie eines der Glanzstücke des kommenden Humboldt-Forums, das große Südseeboot von der Insel Luf, durch Gewalt in den Besitz der Berliner Museen kam, was auch für sehr viele andere Exponate des Humboldt-Forums aus ehemals deutsche Kolonien in der Südsee gilt. Der Perlentaucher druckt ein Kapitel des Buchs vorab. Die Angaben der Museen zu den Exponaten sind in dem Punkt der gewaltsamen Herkunft auch heute noch sehr schüchtern, kritisiert Aly hier: "Die originalen Eingangsbücher und Inventare enthalten wesentlich deutlichere und zahlreichere Hinweise auf das Sammeln wertvoller Ethnographica mit Hilfe von Kanonenbooten und im Kontext ungezählter sogenannter Strafexpeditionen. Genau deshalb weigern sich die meisten Direktoren ethnologischer Museen bis heute, die großen handgeschriebenen ursprünglichen Verzeichnisse, also die dokumentarischen Grundlagen ihrer Bestände, der interessierten Öffentlichkeit in digitaler Form zugänglich zu machen."

"Der Sinn der Rückerstattung kann (…) nicht sein, dass die Deutschen sagen: 'Wir geben ein paar Kunstwerke zurück und behalten den Rest.' Das wäre keine Wiedergutmachung", sagt mit Blick auf die Benin-Bronzen der nigerianische Künstler Victor Ehikhamenor im FR-Gespräch mit Johannes Dieterich: "Wenn man gestohlenes Gut erwirbt, ist das ein Vergehen: Das gilt so gut wie überall auch heute noch. Wer Hehlerware erwirbt, kann nicht über deren Zukunft entscheiden, er muss sie zurückgeben. Die deutschen Museen wussten von Anfang an, dass sie gestohlene Kunstwerke kauften. Und sie haben Jahrzehnte lang davon profitiert. Sie haben kein Recht, Teile davon zu behalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2021 - Kulturpolitik

In der SZ freut sich Jörg Häntzschel, dass mit der Rückgabe der in Berlin aufbewahrten Benin-Bronzen ein erster Schritt zur Rückgabe von Raubgut gemacht wurde, dem andere deutsche Museen jetzt folgen müssen: "Mit der Entscheidung vom Donnerstag ist endlich eine Tür geöffnet, die sich nun nicht mehr schließen lässt."

In der Welt gratuliert Boris Pofalla Botschafter Yusuf M. Tuggar zur Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria, hätte aber noch eine Frage: "Den Benin-Bronzen aus deutschen Museumssammlungen wird es in Nigeria sicher bestens gehen, es wird für sie ein Museum gebaut. Zugleich lese ich aber auch, dass in den zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias die Scharia angewandt wird. Ehebrecherinnen und Homosexuelle werden dort zum Tod verurteilt. Seit 2014 ist im ganzen Land nicht nur Homosexualität als solche mit hohen Haftstrafen belegt, sondern auch Treffen von Unterstützern derselben. Muss ich, wenn ich die Benin-Bronzen ab 2022 in Nigeria besuchen will, mit zehn Jahren Haft rechnen, wenn ich mich an der Hotelbar über die Hochzeit meiner lesbischen Freundin freue?"

In der SZ lässt Gerhard Matzig hemmungslos seinem Abscheu vor dem deutschen Eigenheim und seinen Besitzern freien Lauf, vor allem, wenn sie auf dem Land angesiedelt sind, dieses "ökologisch frevelhaft zersiedeln" und sich "wie Eitergeschwüre breiig in den Naturraum ergießen. Immer nach Feierabend zeigen einem die von den Kugelgrill-Gerätschaften in den Dimensionen kleinerer Kraftwerke befeuerten und nach angesengten Brandleichen riechenden Rauchschwaden an, wo das deutsche Herz zwischen Jägerzaun, Buddhafigur, Schweinenackensteak in Bier-Marinade, Kinderhüpfburg und Mährobotergarage schlägt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Kulturpolitik

Die ersten Benin-Bronzen sollen nach gestrigem Beschluss von Monika Grütters mit Museumsexperten und politisch Verantwortlichen schon kommendes Jahr nach Nigeria zurückgehen, meldet der Tagesspiegel mit dpa. "Wegweisend" nennt Kia Vahland in der SZ die Entscheidung, wendet dann aber ein, es könne jetzt nicht "darum gehen, eine historische Schuld rasch loszuwerden (das wird man sowieso nicht) und sich moralisch auf der richtigen Seite zu fühlen, indem man sich mit Rückgaben vom schlechten Gewissen freizukaufen versucht. Die Kunst aus diesem Impuls heraus schnellstmöglich abzugeben und sich dann nicht mehr drum zu kümmern, wäre fatal. Das würde die Kulturen trennen, die längst, gerade durch die Kolonialgeschichte und ihre Folgen, eng verbunden sind. Es wäre wohl auch nicht im Sinne der Nigerianer, wenn ihre kulturelle und politische Geschichte in Europa nicht mehr sichtbar sein sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2021 - Kulturpolitik

Für den heutigen Donnerstag hat Monika Grütters Museumsleute, Kulturminister und das Auswärtige Amt geladen, um über die Rückgabe der Benin-Bronzen zu diskutieren, melden Jörg Häntzschel und Sonja Zekri, die in der SZ die Debatte resümieren und sich freuen, dass es nun endlich voran geht: "Lange hatten die ehemaligen europäischen Kolonialmächte das Feld anderen überlassen: China hat Senegal in Dakar das Musée des civilisations noires gebaut, das Museum für schwarze Zivilisationen. Südkorea hat das Nationalmuseum in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo finanziert. Erst Ende 2017 wachte Europa auf: Frankreichs Präsident Macron kündigte an, er wolle innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen für die Rückgabe von geraubtem Kulturgut aus den Kolonien schaffen. Auch den Deutschen wurde klar, dass es außer um historisches Unrecht auch um politischen Einfluss geht." In der taz berichtet Susanne Memarnia.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2021 - Kulturpolitik

Für die Kultur dürfte die Saison gelaufen sein, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Die Politik hat das nicht weiter gekümmert. In der leidenschaftlichen Bundestagsdebatte wurde die erhebliche Einschränkung der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit nicht einmal erwähnt, anders als die Ausgangssperre. (…) Dass das Aus für die Künste im Parlament der Kulturnation Deutschland weiter keinen scherte, erschüttert dann doch."

Die beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts hat empfohlen, das wichtige Gemälde "Füchse" von Franz Marc (1913) an die Erben früheren jüdischen Eigentümer Kurt Grawi zurückzugeben, obwohl dieser das Bild nicht zwangsweise in Deutschland, sondern später im Exil verkaufte. Hiergegen hatte sich schon Patrick Bahners in der FAZ vor einigen Tagen gewandt (unser Resümee). Der Richter Friedrich Kiechle stimmt ihm heute ebenfalls in der FAZ zu - auch mit Blick auf die Käufer: "Selbst nach vielen Jahrzehnten und vielen seinem Erwerb vorausgegangenen und unbeanstandet gebliebenen Veräußerungen müsste ein Eigentümer befürchten, sein Eigentum wieder zu verlieren, obwohl der Verfolgte sowohl sich als auch den Vermögenswert ins Ausland gerettet hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2021 - Kulturpolitik

Wenn Kaufhäuser und Einzelhandelsgeschäfte wegen der Pandemie vermehrt pleite gehen, sollte man das als Chance betrachten, meint Till Briegleb, der den Geschäften in der SZ keine Träne nachweint. Beispielhaft findet er die Hamburger Initiative "Bündnis Stadtherz", die gern das leerstehende Karstadt Sporthaus übernehmen würde für "Kunst-, Kultur-, Bildungs-, Gesundheits- und Sportangebote" oder das "Haus der Statistik" am Berliner Alexanderplatz. Dort, "wo eine große Koalition vielfältiger Gruppen einen Stadtblock mit Hochhäusern sehr unterschiedlich neu bespielen wird, geht es nicht um den Primat der Geldvermehrung. Gerade hat das Riesenprojekt fünf Millionen Euro Förderung von Bund und Stadt erhalten, damit in den lukrativen Erdgeschosszonen nicht-kommerzielle Projekte auf Dauer bestehen können: Recyclingwerkstatt, Theater und Pilzkultur statt Zara, Starbucks und Primark." Hm, fünf Millionen Euro sind keine Geldvermehrung?
Stichwörter: Kaufhäuser, Alexanderplatz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2021 - Kulturpolitik

Freischaffenden Künstlern, die in der Krise statt Sozialhilfe zu beantragen in anderen Jobs arbeiteten, droht der Rauswurf aus der Künstlersozialkasse, wenn sie mehr als 450 Euro im Monat in nichtkreativen Berufen dazuverdient haben, berichtet Till Briegleb in der SZ. Darum fordere "der Deutsche Kulturrat eine dringende Gesetzesänderung. Kulturschaffende, die gerade 'das Gemeinwesen schonen' und sich 'am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen', wie Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des deutschen Kulturrats, die große Mehrheit der Kreativen nennt, dürften nicht ein weiteres Mal für ihr selbständiges Handeln bestraft werden. Die Frage der Zusatzverdienste müsse neu geregelt werden." Gefordert wird deshalb, dass zukünftig "für die Berechtigung zur KSK nur noch maßgeblich sein [soll], welches die Haupterwerbsquelle einer Person ist", informiert Briegleb, der die Forderung zwar für berechtigt hält, aber wenig Hoffnung auf schnelle Umsetzung hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2021 - Kulturpolitik

Susanne Memarnia von der taz spricht mit Mnyaka Sururu Mboro, einem seit 30 Jahren in Berlin lebenden Aktivisten aus Tansania, und dem Historiker Christian Kopp, beide Mitbegründer des Vereins Berlin Postkolonial, über die mögliche Rückgabe der Benin-Bronzen aus dem Humboldt-Forum und anderen Museen. Mboro stellt drüberhinaus weitergehende Forderungen: "Es geht sicher nicht um die gesamten Bestände. Selbst in ethnologischen Museen kommen nicht alle Objekte aus kolonisierten Gebieten. Aber es kann auch nicht nur um einzelne Prestigeobjekte gehen, die uns von den Nachfahren der Räuber gnädig zurückgegeben werden. Es geht um unsere Ahnen und unser Eigentumsrecht an allen Kultur- und Naturschätzen, für die ein rechtmäßiger Erwerb durch die Museen nicht nachgewiesen werden kann. Wenn das anerkannt ist, werden wir uns überlegen, was wir den Häusern im Norden unter welchen Bedingungen als Leihgabe überlassen."

In der FAZ kritisiert Patrick Bahners die immer größere Ausdehnung des Begriffs "Raubkunst". So hat die Limbach-Kommission jetzt die Rückgabe eines Bildes empfohlen, das der Eigentümer nicht unter unmittelbarem Zwang verkauft hatte, sondern um sein Leben im Exil aufzubauen. Für Bahners ein gutes Beispiel, wie vage der Begriff Raubkunst geworden ist: "Die Washingtoner Erklärung spricht von Beschlagnahmen, widerrechtlicher Aneignung durch den Staat. In der Praxis bezog man auch zivilrechtlich getarnte Beschlagnahmen ein, erzwungene Scheinverkäufe. Den Begriff des Zwangsverkaufs dehnte man dann auch auf Fälle aus, in denen das Kulturgut gar nicht in die Hände des Staates gelangte. Und nach der jüngsten Empfehlung sollen jetzt auch die Geschäfte rückabgewickelt werden, in denen Gerettete gerettetes Eigentum veräußerten, um ihr neues Leben aufzubauen. Sollten sich die übrigen Signatarstaaten der 'Washingtoner Erklärung' der Auslegung der deutschen Beratenden Kommission anschließen, käme auf die Museen der Welt eine Welle neuer Restitutionsanträge zu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2021 - Kulturpolitik

Die Rückgabe afrikanischer Artefakte ist komplizierter, als viele hier wahrhaben wollen. "Es kommt wirklich sehr darauf an, wen man fragt", erklärt die Ethnologin Heike Behrend im Interview mit der Welt. "Bénédicte Savoy hat, soweit ich das beurteilen kann, vor allem mit Frauen und Männern in Afrika gesprochen, die wohl eher der nach westlichem Vorbild geprägten Elite angehören. Ich dagegen arbeite meistens mit Leuten zusammen, die dieser sozialen Schicht nicht angehören. In vielen Regionen Afrikas hat, darüber schreibe ich auch in meinem Buch, ein radikales christliches Revival stattgefunden, zum Teil von Kirchen aus den USA beeinflusst und finanziert. Vor diesem Hintergrund wurde auch das Verhältnis zur eigenen Tradition neu definiert und radikalisiert. Tatsächlich lehnen viele dieser Christen die eigenen Traditionen als 'satanisch' ab. Das gilt auch für die Objekte, die sie mit diesen Traditionen verbinden. Viele Objekte, die in Afrika und bei uns in den ethnologischen Museen zu finden sind, würden sich nicht unbedingt einer Wertschätzung erfreuen, im Gegenteil, sie würden als Objekte des Teufels abgelehnt. Es hat zum Beispiel in Uganda zahlreiche ikonoklastische christliche Bewegungen gegeben, die die Objekte, die sie mit der eigenen Tradition in Verbindung brachten, öffentlich verbrannt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2021 - Kulturpolitik

Der nigerianische Botschafter Yusuf M. Tuggar appelliert in der FAZ an das "Anstandsgefühl Deutschlands, ja der Menschheit" und fordert ein weiteres Mal in einer langen Geschichte der Forderungen die Rückgabe geraubter afrikanischer Kunst: "Die nigerianische Restitutionsforderung beschränkt sich außerdem nicht auf die Benin-Bronzen, sondern umfasst unter anderem auch Ife-Bronzen und Nok-Terrakotten, die zum Teil noch nach der Unabhängigkeit Nigerias gestohlen wurden. Es ist wichtig, dass die afrikanischen Länder Raubgut zurückerhalten, um die Prinzipien der Gesetzestreue, der Rechtsstaatlichkeit und der auf Regeln basierenden internationalen Ordnung gleichsam im Körpergedächtnis zu verankern."