9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2020 - Kulturpolitik

Zur Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Michael Eissenhauer, (Unser Resümee) möchte sich Hermann Parzinger im großen Tagesspiegel-Gespräch mit Christiane Peitz lieber nicht äußern. Und auch die Reform der Stiftung läuft bisher nur langsam an, Parzinger setzt erstmal auf "Ideen von innen": "Wir haben die interne Kommunikation deutlich verstärkt: Nach jeder Sitzung der Strategiekommission gibt es zeitnah eine Online-Konferenz mit den Personalräten. Außerdem wollen wir Formate entwickeln, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseren internen Reformprozess reflektieren und kommentieren können. Es gibt einen internen Newsletter, alle Mitarbeiter können über ein internes Postfach ihre Fragen stellen - der Reformprozess wird intensiv kommuniziert. Er kann nur gelingen, wenn er von allen getragen wird. Die Stiftung sind wir alle gemeinsam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2020 - Kulturpolitik

Chemnitz soll 2025 die deutsche Kulturhauptstadt werden. Auf Zeit Online begrüßt Steffi Hentschke die Entscheidung: "Es ist kein Zufall, dass nun ausgerechnet eine Stadt, die zu einem Synonym für den Rechtsruck in Deutschland geworden ist, mit dem Titel Kulturhauptstadt ausgezeichnet wird. Die Ernennung ist implizit auch eine Würdigung der Chemnitzer Zivilgesellschaft, die sich damals gegen die Rechten aufgebäumt hat, Gegendemonstrationen und Konzerte organisierte und seitdem ohne Pause an einem besseren Bild von Chemnitz gearbeitet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2020 - Kulturpolitik

In New Yorker Museen herrscht ein Gehaltsgefälle wie in europäischen Fußballclubs, berichtet Verena Harzer in der taz. Die Direktoren verdienen nicht selten eine Million Dollar oder mehr, die Angestellten kommen in New York mit 40.000 Dollar kaum über die Runden. Darum formiert sich etwa im New Museum eine Gewerkschaft. Das Museum kämpft mit allen Bandagen: "Die Leitung des New Museum wollte die Bildung einer Gewerkschaft an ihrem Haus nicht so einfach hinnehmen. Eine Agentur wurde engagiert, die darauf spezialisiert ist, Gewerkschaftsbildungen in Unternehmen abzuwehren. Auf ihrer Webseite wirbt sie mit der Vision einer 'gewerkschaftsfreien Zukunft'. Mitarbeiter des Museums berichten, dass einige von ihnen daraufhin überraschend zu 'Supervisoren' befördert wurden. Laut dem Arbeitsgesetz der USA, können sie dann nicht mehr Mitglied in einer Gewerkschaft werden. Alle Mitarbeiter sollen außerdem in persönlichen Gesprächen eindringlich gewarnt worden sein."

Der Staat kann in der Coronakrise nicht endlos alle fördern. Wo sparen? Bei der Kultur? Ist die lebensnotwendig? "Dass sich die Frage überhaupt stellt', meint Petra Kohse in der Berliner Zeitung, "hat damit zu tun, dass sich die noch zu Beginn der 2000er-Jahre kulturpolitisch immer wieder beschworenen 'Stadtgesellschaften' zunehmend in Nischengemeinschaften auflösen, die auf nebenan.de vitaler und vielfältiger in Erscheinung treten als auf der A-Premiere des Stadttheaters. Tatsächlich hat der digitalisierte, immer stärker absorbierende Alltag dazu geführt, dass der Anspruch auf Zugänglichkeit von Kultur gestiegen ist - und das Nicht-so-gut-Zugängliche womöglich entbehrlich erscheint. Wer Filme auch streamen kann, wird den Weg in die nächste Kreisstadt nicht mehr auf sich nehmen, um dort ins Kino zu gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2020 - Kulturpolitik

"Es ist was faul in den Staatsmuseen", meint Christiane Peitz im Tagesspiegel, und das nicht erst seit den Anschlägen auf der Berliner Museumsinsel. "Dutzende beschädigte Kunstwerke, und kein Aufsichtspersonal hat etwas bemerkt? Ein Zeugenaufruf erst Wochen nach der Tat vom 3. Oktober? Keine Personalienerfassung bei an der Kasse erworbenen Tickets, wie in vielen Museen wegen Corona üblich? ... Nein, die Museen sind keine Opfer, sondern mächtige, eigenverantwortliche Institutionen. Schon der Münzenklau durch ein nicht gesichertes Fenster des Bodemuseums 2017 war beschämend. Hermann Parzinger, der seinerseits mächtige Chef einer der weltweit bedeutendsten Kulturinstitutionen, stellt die Museen dennoch einmal mehr als Opfer hin. Genau wie bei der Reform." Das zieht nicht mehr, meint Peitz, die eine radikale Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fordert.

Gegen den Genraldirektor der Mussen, Michael Eissenhauer, haben einige Museumsdirektoren mittlerweile Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ: "Eine solche Beschwerde kann jeder Bürger gegen einen Angehörigen des Öffentlichen Dienst einreichen. Doch dass die Beschwerde umgehend an die Presse weitergegeben wurde, zeigt, wie sehr in der Stiftung die Luft brennt."

Eine Gruppe hochmögender Autoren - nämlich der Historiker Herfried Münkler, Hans Walter Hütter vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und Peter Cachola Schmal vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main - ist von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier  beauftragt worden, den erinnerungspolitischen Rang der Frankfurter Paulskirche einzuschätzen, die heute noch den nüchternen Neubeginn des unmittelbaren Nachkriegszeit ausstrahlt. Aber die Professoren hätten's gern bunter: "Seit der Wiedereröffnung sind inzwischen mehr als siebzig Jahre vergangen, und was damals für die Besucher sinnfällig war, ist heute selbst zur Erinnerung geworden, die erst wieder präsent gemacht werden muss. Genau das leistet die Paulskirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht. Als Gedenkort hat sie weder ästhetische Evidenz noch besitzt sie eine Aura, die den Besucher in die zu erinnernde Vergangenheit mitnimmt. Erinnerungspolitisch ist das ein Desaster."

Das Humboldt Forum in Berlin hat noch nicht eröffnet, aber schon die Aufteilung der Stellflächen zeigt, dass es seinen Auftrag nicht mal im entferntesten gerecht werden wird, bedauert Arno Widmann in der FR. Auf gerade mal 1000 Quadratmetern von über 42.000 "beschäftigt sich das Humboldt-Labor 'mit der Wechselwirkung und Krise natürlicher und sozialer Systeme". Also mit dem, was der Kern eines jeden Humboldt-Projektes sein sollte. Das war die Chance. Sie wurde vertan. ... Das Humboldt-Forum konzentriert sich auf die 'Provinz des Menschen'. Das ist dumm. Die Globalisierung schließt Natur- und Menschheitsgeschichte zusammen. 1827 hatte Alexander von Humboldt in Berlin mit seinen Kosmosvorlesungen den Hörerinnen und Hörern die Augen dafür geöffnet. Hundert Jahre danach wird ein Humboldt-Forum gegründet, und die Museen, die sich mit nichts als den Menschen beschäftigen, kapern das Projekt. Wäre das Humboldt-Forum eines, das diesen Namen verdiente, es würde uns etwas sagen über die 'Stellung des Menschen' im Kosmos."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2020 - Kulturpolitik

Der Bau des Berliner Schlosses wird vermutlich nochmal 33 Millionen Euro teurer, entnimmt Ulrich Paul in der Berliner Zeitung einem Bericht des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat: "Als Grund für die Kostensteigerung werden in dem Bericht die Auswirkungen der Corona-Krise genannt. Die Pandemie habe zu gestörten Bauabläufen 'insbesondere in den technischen Gewerken und im Ausstellungsbau' geführt, wodurch sich die Ausführungsdauer der Arbeiten verlängert habe. Außerdem habe es 'erhöhte Aufwendungen für Hygienemaßnahmen' gegeben. Auf der Baustelle seien bis zu 30 Prozent weniger Arbeitskräfte tätig gewesen, was auf Quarantäne, Kurzarbeit und Beschränkungen im Reiseverkehr zurückzuführen sei. Auch Schäden aus einem Brand auf der Baustelle 'beeinträchtigen den Baufortschritt', heißt es."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2020 - Kulturpolitik

Sehr angeregt berichtet Matthias Alexander in der FAZ von seinem ersten Rundgang durchs neu gestaltete Jüdische Museum in Frankfurt. Dass sowohl in Berlin als auch in Frankfurt die Jüdischen Museen neue Dauerausstellungen haben, sei kein Zufall: "Die letzten Überlebenden des Holocausts verstummen, die jüdischen Gemeinden sind durch die Zuwanderung aus den ehemaligen Sowjetrepubliken größer und heterogener geworden, und die Jüngeren nehmen selbstverständlicher ihren Platz in der Gesellschaft ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2020 - Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ begreift der Veranstalter Marek Lieberberg beim besten Willlen nicht, warum die Live-Kultur in der Coronakrise strenger behandelt wird als Fußball, Flieger oder die Öffis. Und warum sie so wenig finanziell unterstützt wird, obwohl sie eigentlich eine sehr gesunde Branche sei, die Kredite auch zurückzahlen werde: "Wir müssen nicht auf Dauer alimentiert werden. Wir brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, und diese Hilfe kommt nicht schnell genug, nicht umfangreich genug. Und sie kommt im Kleid einer grotesken Bürokratie. ... Die Veranstalter können anhand ihrer Zahlen nachweisen, dass Sie bis zum Lockdown profitabel gewirtschaftet haben. Wir wissen allerdings nicht, von welchem Zeitpunkt an wir weiterarbeiten können. Wenn ich also einen Kreditantrag mit einer sogenannten negativen Fortführungsprognose begründe, verhindert diese Erwartung gleichzeitig dessen Genehmigung. Absurdes Theater. Catch 22."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2020 - Kulturpolitik

Am Mittwoch in der kommenden Woche wird in Frankfurt das erweiterte jüdische Museum eröffnet. Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert betont Direktorin Mirjam Wenzel, dass es dem Museum nicht um die Ausstellung schöner Kultur oder prächtiger Tradition gehe, sondern um eine politische oder gesellschaftliche Verortung jüdischen Lebens in Deutschland und Europa, mit einem starken Fokus auf Diversität und demokratischem Bewusstsein: "Beides sind Voraussetzungen für eine jüdische Zukunft in Deutschland und Europa. Diese steht im Zentrum unserer Museumsarbeit und dafür setzen wir uns ein. Unser neues Museum ist ein offener Ort, an dem Unterschiedlichkeit verhandelt, diskutiert und in Bezug zueinander gebracht wird. Eine Plattform für Diversität, ein Training für demokratisches Bewusstsein, eine Einladung zur Selbstreflexion. Und last but not least: ein Ort des differenzierten Diskurses über gesellschaftliche Entwicklungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2020 - Kulturpolitik

Ab dem 17. Dezember will das Berliner Humboldt Forum ein Eröffnungsjahr beginnen, meldet der Tagesspiegel mit dpa: "Von Januar an sollen (…) erste Teile des Kultur- und Ausstellungszentrums zunächst für vier Tage pro Woche öffnen. Regulärer Betrieb in einigen Bereichen ist von Ostern an geplant, also Anfang April." Rüdiger Schaper war für Tagesspiegel bei der Pressekonferenz: "Es wird Spätsommer, bis das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst eröffnen, die Sammlungen über Ozeanien und Afrika folgen Ende 2021. Man müsse das Haus erst erkunden, sagt Dorgerloh, der die Höhe der Betriebskosten, getragen vom Bund und dem Land Berlin, nicht beziffern mochte. So viel nur: 'Das Humboldt Forum wird teuer', kein Wunder bei 30 000 Quadratmetern Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2020 - Kulturpolitik

Die Explosion am 4. August hat Teile von Beirut, darunter auch viele historische Gebäude, zerstört oder stark beschädigt. Im Interview mit der NZZ erzählt die Architektin Danièle Chikhani, wie private Initiativen beim Wiederaufbau helfen. Der Staat scheint nicht viel zu tun. Chikhani hat eher Angst, dass er die Fehler beim Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg wiederholen könnte: "Die Innenstadt von Beirut war einmal eine reizvolle Gegend, die jedoch infolge ihrer Nähe zur grünen Linie, die Beirut in zwei Hälften teilte, völlig zerstört wurde. In den neunziger Jahren gründete der damalige Präsident Rafik Hariri die Solidère, eine Gesellschaft, die den gesamten Wiederaufbau übernahm. Dabei bereicherten sich gewisse Bauherren, und die Innenstadt wurde mit seelenlosen Gebäuden im Disneyland-Stil zubetoniert. Wenn Sie jetzt nachts durchs Zentrum gehen, werden Sie feststellen, dass die Straßen völlig leer sind. Die meisten Beiruter versuchen diese Gegend zu meiden. Grünflächen sind für normale Menschen nicht zugänglich. Der Raum ist uns, den Bürgern, gestohlen worden. Stattdessen ging alles in die Hände von ein paar reichen Leuten über."