9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 - Kulturpolitik

Es ist irgendwie still geworden um die Restitution geraubter Kunst, weil ja nun doch alle Benedicte Savoy zustimmen und kaum mehr streiten. Aber geht es voran? Mehr schlecht als recht, meint Jörg Häntzschel in der SZ, unzufrieden mit der Langsamkeit der Erstellung digitaler Verzeichnisse der Museumsobjekte. Selbst Vorreiter, wie das Hamburger Museum am Rothenbaum, haben Probleme damit. Das Museum hat "im Juni etliche Inventarlisten online gestellt. Als simple Tabellen auf endlosen pdfs. Allein die bis 1920 ins Museum gekommenen Afrika-Bestände umfassen 62 000 Objekte auf 2 400 Seiten. Nicht einmal jeder zehnte Eintrag ist mit einem Foto versehen. Zu den meisten Stücken ist nur die elementarste Information verzeichnet. 'Gerät aus Eisen, Westafrika, vor 1895', lautet ein Eintrag. ... Das Bremer Überseemuseum hat inzwischen nachgezogen, mit Faksimile-Seiten uralter Inventarbücher. Kaum etwas ist zu entziffern, Bilder fehlen ebenfalls. Doch immerhin verheimlichen diese Museen nicht mehr, wie überfordert sie mit ihrer eigenen Sammlung sind und welche Defizite sich über die Jahrzehnte angehäuft haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2020 - Kulturpolitik

Das Staatliche Institut für Musikforschung gehört zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz und soll nach dem Gutachten des Wissenschaftsrats schlicht und einfach abgewickelt werden (das Institut wehrt sich, hier), während das dazu gehörenden Musikinstrumentenmuseum irgendwo anders angegliedert wird. Christiane Wiesenfeldt ist damit in der FAZ nicht einverstanden: "Ein Forschungsinstitut mit Museum soll zu einem Museum mit Forschung werden: Musikforschung als nachgeordnetes Phänomen, nicht mehr als Kernaufgabe. Und maximal reduzierte Wissenschaft obendrein, denn sie soll sich künftig, wie in Museen üblich, nurmehr auf die eigenen Bestände konzentrieren. Abgewickelt würde damit in aller Konsequenz das größte außeruniversitäre Forschungsinstitut für Musik in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2020 - Kulturpolitik

Auf Zeit Online holt die Musikwissenschaftlerin und Präsidentin der Gesellschaft für Musikforschung, Dörte Schmidt, weit aus, um vor der Zerschlagung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Unsere Resümees) zu warnen. Durch die Ökonomisierung geschehe nichts Geringeres als eine "grundsätzliche Infragestellung der (in der Struktur der SPK repräsentierten) Funktion der Kunst in unserer Gesellschaft", schreibt sie: "Die Struktur der SPK zielt auf den Umgang mit der historischen Dimension unserer Kultur. Der Kulturbesitz aber, den es verantwortlich zu überliefern gilt, besteht - das zeigt diese Struktur ganz deutlich - nicht nur aus Objekten. Diese Objekte tradieren vielmehr auch institutionelle und (kultur-)politische Funktionen und mit diesen eine Vorstellung vom Verhältnis von Staat, Zivilgesellschaft und Kultur. Die Bauwerke, in denen die im 'Preußischen Kulturbesitz' versammelten Objekte aufbewahrt und ausgestellt werden, repräsentieren solche Programme, die ihrerseits mit jenen der Objekte interagieren."

Der Bund will knapp zwei Milliarden Euro für Kultur ausgeben, entnimmt Jörg Häntzschel in der SZ dem Regierungsentwurf für den Haushalt 2021 und ist mäßig zufrieden: "Das sind satte 120 Millionen oder 6,6 Prozent mehr als im laufenden Jahr. Damit setzt sich die Entwicklung der letzten Jahre ungemindert fort. Seit dem Amtsantritt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters sind die Kulturausgaben um 60 Prozent gestiegen, seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist sogar um 85 Prozent. Natürlich sind diese knapp zwei Milliarden immer noch bestürzend wenig im Vergleich zu dem, was der Bund für Straßen, Waffen oder fragwürdige Subventionen ausgibt. Dennoch machen die erneuten Zuwächse klar, wie viel sich geändert hat seit den neoliberalen Neunziger- und frühen Nullerjahren, als Haushaltskürzungen für die Kultur gang und gäbe waren und Museen gedrängt wurden, sich ihre Ausstellungen von Energieversorgern oder Versicherungskonzernen kofinanzieren zu lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2020 - Kulturpolitik

Auch wenn der Eintritt ins Humboldt-Forum frei sein wird - ein Volksbau wird diese Replik einer Herrscherresidenz niemals werden, antwortet der Historiker Yves Müller in der taz seiner Kollegin Hedwig Richter, die ebenda angeregt hatte, die Empörung einzustellen und sich an der Schönheit zu erfreuen: " Unter Friedrich Wilhelm IV. wurde das Schloss zum Monument der Gegenrevolution. Hier gingen sie ein, die Angehörigen der Kamarilla, des Königs privates Regierungskabinett. Dieser erlauchte Kreis von einem Dutzend Männern strebte nach einer Rückkehr zum vorrevolutionären Ancien Régime. Die Französische Revolution und ihre Idee wollte man rückgängig machen und eine Theokratie, ein 'Reich Gottes' errichten. Dazu brachte man Armee und Geheimpolizei, Zensur und romantische Literatur in Stellung. Die Barrikadenkämpfe vom März 1848 gaben einen Vorgeschmack auf das Gespenst, das da umherging. Noch konnte der schöngeistige König die demokratischen Forderungen abweisen, indem er die Einigkeit des Volkes anrief und das Bürgertum gegen die Arbeiter:innen einsetzte. Weder Revolution noch Gottesstaat kamen, stattdessen ein Kaiserreich. Richter sagt, dass die Monarchie 'ja grundsätzlich kein dubioses Unrechtsregime' gewesen sei. Ja was denn sonst?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2020 - Kulturpolitik

Das British Museum hat zur Wiedereröffnung eine Büste des Biologen und Mediziners Hans Sloane, dessen 71.000 Artefakte umfassende Sammlung den Grundstock für das Museum legte und der Sklaven für sich arbeiten ließ, an einem prominenten Platz neu aufgestellt und mit Erläuterungen versehen, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Die Neuaufstellung der Büste ist Teil einer umfassenden Aufarbeitung der Provenienz sämtlicher Objekte im Zusammenhang mit Kolonialismus und Sklaverei - mit dem Ziel einer möglichen Neupräsentation des gesamten Hauses. So sollen etwa Objekte, die der Seefahrer und Entdecker James Cook von seinen Reisen mitbrachte, mit der Erklärung versehen werden, dass sie bei 'kolonialen Eroberungszügen und Armeeplünderungen' erworben wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2020 - Kulturpolitik

Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen, angesichts von Coronakrise und Klimawandel, fragt Till Briegleb in der SZ. Zersiedelung für mehr Abstand oder mehr digitalisierte Zugänge, die menschliche Begegnungen minimieren, wären nicht seine Lösung. "Wohnungen brauchen Balkone, vor dem Haus Gärten statt Parkplätze. Straßen waren im Lockdown plötzlich wieder vorstellbar als öffentliche Räume statt als asphaltierte Auspuffröhren." Und Familien brauchen genug Platz zum Leben und Arbeiten in ihren Wohnungen, fordert er. Das funktioniere aber nur, wenn der Wohnungsbau nicht mehr auf Rendite ausgerichtet sei und der Boden vergesellschaftet werde: "Dass die Grundstückspreise in München seit 1950 um 36 000 Prozent gestiegen sind, ohne dass ihre Besitzer dafür irgendeine Leistung erbracht hätten, verursacht die allermeisten Probleme der Stadtentwicklung, sozial, vernünftig und umweltbewusst für die Allgemeinheit zu planen."

Außerdem: Nikolaus Bernau besucht für die Berliner Zeitung die Ausstellung "Chaos und Aufbruch", die hundert Jahre Stadtentwicklung in Berlin nachzeichnet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2020 - Kulturpolitik

In der Berliner Zeitung stimmt auch der Historiker Götz Aly in das Lob für die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum in Berlin ein: "Trotz all dem, was zum Gestern und Heute gesagt werden muss und an entscheidenden Stellen mal minimalistisch, mal massiv sichtbar wird, fehlt in der viele Jahrhunderte übergreifenden Darstellung der geschichtspädagogische Zeigefinger. Nirgendwo wird der Betrachter bevormundet." Der Besuch lohne sich auch deshalb, weil das Judentum nie in einer Lehre erstarrt sei: "Am Anfang und Ende der Ausstellung steht die Thora mit ihren ewig glühenden 79.976 Wörtern und 304.805 Buchstaben. Diese sind von jedem einzelnen Leser immer wieder neu zu befragen, und zwar individuell, nicht gemäß dogmatischer Vorgaben oder den Leitlinien eines Vorbeters. Jüdischsein beinhaltet geistige Bewegungslust."

Die Stiftung Topographie des Terrors in Berlin hatte im Jahr 2019 zwar 1,3 Millionen Besucher, eine stattliche Zahl, aber sie leidet unter akutem Personalmangel, berichtet  Birgit Rieger im Tagesspiegel. Die neue Chefin Andrea Riedle wolle vor allem die wenig besuchten Außenbereiche des großen Areals in Kreuzberg besser ins Spiel bringen: "Momentan gebe es ein 'Orientierungsproblem' auf dem Areal, so Riedle. Ihre Idee ist es, beispielsweise die ehemaligen Küchenkeller oder die Hausgefängniszellen temporär zu markieren und direkt am Ort zu erklären. Historische Spuren sollen besser lesbar gemacht werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2020 - Kulturpolitik

Erfreut wandelt Ulrich Schmid für die NZZ durch die von Cilly Kugelmann kuratierte neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Dabei resümiert er auch die scharfe Debatte um das Museum, die zum Abgang des vorigen Direktors Peter Schäfer geführt hat - wegen des Streits darum, wo Antisemitismus heute verortet wird (eine Frage, die offenbar nur "Rechte" umtreibt): "Dass auch die neue, großartige Dauerausstellung die Kritiker zur Rechten nicht restlos beglücken wird, ist absehbar. Die engagierten Patrioten möchten mehr Politik, mehr Aktualität und eine vertiefte Darstellung des Problems, das nach ihrer Auffassung die deutschen Juden heute am meisten bewegt: des Antijudaismus, spezifisch des muslimischen Antijudaismus. Und was das angeht, verweigert sich das Museum tatsächlich. Diese Ausstellung ist nicht auf Krawall hin kuratiert."

Auch Klaus Hillenbrand begrüßt in der taz, dass dieser Konflikt gemieden wird: "Dass es ein Leben jenseits von Todesdrohungen und Judenhass gibt, dass Judentum wieder in diesem Land existiert und wie vielschichtig es ist, erfährt man in diesem letzten Kapitel, das mit einer großartigen Videoinstallation endet: Auf 21 Monitoren berichten Menschen über ihr Jüdischsein in Deutschland. Sie sprechen über ihre Hobbys, Berufe, Wünsche und was es bedeutet, ein Jude zu sein."

Stefan Trinks, Kunstredakteur der FAZ, hofft im Leitartikel auf Seite 1 dieser Zeitung, dass das Humboldt-Forum es trotz der bitteren aktuellen Debatten zur Zeit zeigen wird, "dass es eine europäische Tradition gibt, die im Namen der Dekolonisierung zu verteidigen". Es gehöre Mut dazu, "auch jene Geschichte miteinzubeziehen und zu verteidigen, die sich seit Forster, Herder oder den Humboldts jedem europäischen Suprematiegedanken widersetzt hat. Es waren aber die Sammler nichteuropäischer Objekte mit ihrer Empathie, die sich als Alternative und als Korrektoren gegenüber Räubern und Versklavern empfanden und damit viele Zeugnisse indigener Kulturen vor der Zerstörung bewahrten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2020 - Kulturpolitik

Die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gestaltet sich langsam so zäh, wie es dem Föderalismus gebührt. Die Zerschlagung ist schon mal vom Tisch, berichtet Andreas Kilb in der FAZ. Grund ist, dass die Bundesländer, die zwar kaum in die Stiftung einzahlen, eifersüchtig über ihr Mitspracherecht wachen. Nun wurde gar eine Kommission gegründet, die den Reformprozess gestalten soll - und da haben die Länder "sogar mit vier Sitzen die Mehrheit": "Für die Direktoren der Staatlichen Museen zu Berlin, die vor vierzehn Tagen in einer gemeinsamen Erklärung Sitz und Stimme in dem Gremium gefordert haben, ist das eine herbe Niederlage. Statt gleichberechtigt mit am Tisch zu sitzen, müssen sie jetzt bei ihren Chefs und den Politikern um Audienz bitten. Dabei sind sie es, die die Misere der Preußenstiftung aus nächster Nähe kennen..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2020 - Kulturpolitik

Hanno Rauteberg fordert in der Zeit ein "autonomes Museum für Kolonialismus": "Anders als die gewaltigen Protestmärsche der jüngsten Zeit, geeint im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, käme es ohne spektakulären Gesten aus. Statt Denkmale zu stürzen, könnte es die historische Wahrheit in ihrer ganzen Verwickeltheit darlegen - und damit erst die ungemein tiefen kolonialen Spuren sichtbar machen, die sich bis in den Alltag der Gegenwart ziehen."