9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2019 - Kulturpolitik

Dass die Bundesregierung heute über eine Reform der Limbach-Kommission zur Rückgabe von NS-Raubkunst berät, begrüßt Ronald S. Lauder vom Word Jewish Congress durchaus - auch wenn er sich vor noch mehr "lähmender Bürokratie" fürchtet, denn schon bisher hieß es auf Nachfragen der Hinterbliebenen: "Anträge möge man bitte ausschließlich in deutscher Sprache einreichen; und man möge sich doch bitte um vier Uhr morgens bereithalten für Videokonferenzen zur Darlegung des eigenen Falls." Lauder schreibt weiter: "Klar ist jedoch auch, dass diese Reform nicht das Ende aller Bemühungen sein kann und sein wird. Eine jüngst veröffentlichte Studie, wonach allein Museen in Nordrhein-Westfalen über 770 000 Kunstwerke besitzen, die eine unklare Herkunft aus der NS-Zeit vorweisen, verdeutlicht die Dimension. Eine Lösung für private Sammlungen und Stiftungen ist ohnehin längst überfällig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2019 - Kulturpolitik

Der sonst eher für die Berliner Zeitung schreibende Architekturkritiker Nikolaus Bernau wettert heute in der FAZ gegen das "Museum der Moderne" und den Entwurf von Herzog und De Meuron, die Monika Grütters nach seiner Darstellung mit aller Gewalt verwirklicht sehen will. Neben den Kosten bekümmert ihn die "totale Zerstörung der großartigen Sichtachsen" im doch mehr zusammengestoppelt wirkenden Berliner Kulturforum. Der Architekt Stephan Braunfels habe hier Zeichnungen im Umlauf gebracht (die auf seiner Steite von dlf kultur zu sehen sind: "Erkennt keiner derjenigen, die jetzt, ermattet vom Dauerbombardement derer, die sagen, es sei für Berlin katastrophal, wenn die Scheune nicht komme, ihre Baukosten durchwinken, was wirklich katastrophal ist - nämlich, wie extrem 'die Scheune' in die Wirkung der Philharmonie und vor allem der Neuen Nationalgalerie eingreift? Sie drängt diese und die Neue Staatsbibliothek regelrecht an den Rand des Kulturforums."

In der Welt dagegen meint Swantje Karich: Das Museum sollte kommen. "Das Museum von Herzog & de Meuron ist ein überzeugender Entwurf. In der überarbeiteten Fassung zeichnen sie einen Ort, der ähnlich der Tate Modern in London (mit dem Erweiterungsturm von Herzog & de Meuron) eine beeindruckende Symbiose von Moderne und Gegenwart vollzieht. Ein offenes Haus, das lange in den Abendstunden geöffnet haben soll, wo sich die Menschen treffen könnten - nicht nur, um Kunst zu gucken, sondern sich zu finden, zu sammeln und auszutauschen. Es ist die Vision eines Hauses, das dem Rhythmus, dem Puls von Berlin entspricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2019 - Kulturpolitik

Die Betreibergesellschaft der Philharmonie de Paris fordert vom Architekten Jean Nouvel 170 Millionen Euro wegen erhöhter Baukosten, berichtet die NZZ mit dpa. Nouvel reagiert mit einer Klage gegen die Betreibergesellschaft. Der Fall ist bisher einzigartig in dem weltweit bekannten Spiel um stets steigende Kosten von Repräsentationsbauten: "'Ein absurdes Spiel, das alle kennen und stillschweigend hinnehmen', sagte der Pariser Architekt Eric Delplanque. Jeder wisse, dass man Großprojekte wie Konzerthäuser weder für 80 Millionen noch für 173 Millionen Euro bauen könne, erklärte er. Deshalb ist für ihn der Pariser Streit um Jean Nouvel ein Skandal. Er werde zum Sündenbock für ein System, das an der Wirklichkeit vorbeigehe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2019 - Kulturpolitik

Niklas Maak unternimmt in der FAS eine Tour d'horizon durch die Berliner Museenlandschaft (vor allem jene, die der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört). Für Neubauten ist Geld da, für Personal und Ausstellungen nicht: "Als das MoMA 2004 in Berlin gastierte, kamen 1,2 Millionen Besucher - warum lässt man die Nationalgalerie-Sammlung während des Umbaus nicht auf Tour? Und wie kommt es, dass die Besucherzahlen der Berliner Museen in sieben Jahren von 4,7 Millionen auf 3,5 Millionen 2017 sanken? Und ändert man das allein durch Neubauten - oder durch Etats für aufsehenerregende Ausstellungen?"

In einem langen Interview mit Zeit online über die Architekturmoderne in Deutschland lässt der 83-jährige Architekt Volkwin Marg kein gutes Haar an der Wiederaufbau-Architektur nach der Wende: "Eine besonders peinliche Herrschaftsgeste gegenüber Minderheiten in der DDR war bei allen verständlichen Argumenten für die Restitution des Berliner Schlosses die völlige Liquidation des Palastes der Republik. Das wurde als spurlose Liquidation von 40 Jahren DDR-Geschichte empfunden. ... Nennen wir es ruhig eine Verdrängung unserer Nachkriegsgeschichte. Das Schloss ist architektonisch gesehen eine einseitige historische Replik. Kein Baudenkmal trotz der paar alten Steinskulpturen in der Fassade. Was sich hier im Zentrum unseres Landes offenbart, ist nicht zuletzt das restaurative Lebensgefühl unserer Gesellschaft, die nur vor einem die meiste Angst hat, verwirrt von den kulturrevolutionären Erschütterungen in Vergangenheit und Gegenwart - und das ist die Zukunft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel ermuntert Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda für Mut beim Bau eines Museums der Moderne in Berlin. Auch bei der Elbphilharmonie explodierten die Kosten, gelohnt hat sich der Bau dennoch, meint er. "Architektur ist keine wärmende Hülle für einen vermeintlich rationalen Zweck, den es zu erfüllen gilt. Sie ist selbst ein öffentliches und künstlerisches Statement ihrer Zeit. Jede Zeit braucht den Mut, öffentlich - und das heißt oft: architektonisch - zu zeigen, was sie ausmacht. Dazu braucht es offene Räume, die einladen, sich mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen und dies im besten Fall gemeinsam zu tun."

Außerdem: Eine Meldung im Tagesspiegel informiert uns, dass der Bundestag die ermäßigte Mehrwertsteuer für E-Books beschlossen hat: Statt 19 Prozent müssen jetzt nur noch - wie schon bei gedruckten Büchern - 7 Prozent bezahlt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2019 - Kulturpolitik

Heute schenken die Nachfahren der enteigneten jüdischen Sammlerfamilie Kraus eine an sie zurückgegebene Kopie von Jan van der Weydens "Holländischem Platzbild" dem Wiener Jüdischen Museum, meldet Catrin Lorch in der SZ und hat mit dem Urenkel John Graykowski über den jahrelangen Restitutions-Kampf gesprochen: "In Deutschland, darauf weist Graykowski im Gespräch hin, sind Privatsammlungen und privat finanzierte Vereine bis heute juristisch nicht zur Rückgabe verpflichtet. Für die Familie ist der Fall noch lange nicht beendet: Man werde nicht aufgeben, 'bevor nicht der Verbleib aller 161 Gemälde aus der Sammlung geklärt ist und wir sie zurückerhalten haben'."
Stichwörter: Restitution, Privatsammlungen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2019 - Kulturpolitik

Die angekündigten Kosten für die Stuttgarter Oper stellen selbst Berliner Verhältnisse in den Schatten: Mehr als eine Milliarde Euro könnte die Sanierung kosten, meldet Claudia Henzler in der SZ: "Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer - beide von den Grünen - hoffen, dass die Bedeutung des Theaters letztlich über den Milliardenschock hinweghilft. Man habe sich bewusst entschieden, mit einer realistische Rechnung in die Diskussion zu gehen, sagte Bauer am Dienstag. 'Wir hören auf mit der Politik früherer Jahre, sich billig in so ein Großprojekt einzuschleichen, mit schöngerechneten Zahlen.' Die bei öffentlichen Bauten immer wieder praktizierte Methode, erst mal den ersten Spatenstich zu setzen und dann die Kosten schrittweise nach oben zu korrigieren, soll es bei der Stuttgarter Staatsoper nicht geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2019 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel ermuntert Glenn Lowry, Direktor des Moma in New York, die Berliner zum Bau des von Herzog und de Meuron geplanten Museums der Moderne am Kulturforum. Kosten be damned: "So kann Berlin die Energie wiedererlangen, die es damals [zu Beginn des 20. Jahrhunderts, d.Redak.] zur Hauptstadt der modernen Kunst machte. So kann sich Berlin wieder als eine treibende Kraft im Studium des 20. Jahrhunderts positionieren. Und so kann Berlin das internationale und das deutsche Publikum, das diese moderne Kunst liebt, wieder erreichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2019 - Kulturpolitik

In der SZ berichtet Peter Richter um einen Streit beim Umbau der Hedwigs-Kathedrale in Ostberlin, der in einen Ost-West-Streit zu münden scheint: Gegner des Umbaus werfen dem Bistum vor, die "gesamte Raumschöpfung" des Architekten Hans Schwippert, der Ende der fünfziger Jahre mit Künstlern aus der DDR zusammengearbeitet hatte, zu zerstören. Domprobst Dompropst Tobias Przytarski hält liturgische Gründe dagegen: "'Wenn ich bei der Feier des Gottesdienstes am Altar stehe, habe ich vor mir nur eine große leere Öffnung und eine Treppe. Und die feiernde Gemeinde wird durch die Treppenanlage geteilt.'" Davon abgesehen geht es bei dem Konflikt "nicht zuletzt eben um die 'bestimmte Zeit', die hier nun nicht mehr konserviert werden soll. Denn in den Augen der Umbaugegner handelt es sich dabei nicht zufällig um die Zeitschicht der DDR, die auch sonst in Berlins Mitte oft genug schon den ästhetischen Reprussifizierungstendenzen seit der Wiedervereinigung zum Opfer gefallen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2019 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat viel zuwenig Geld, um all ihre Museen in Schuss zu halten (von innovativen Ausstellung mal ganz zu schweigen), was also soll die "Marie-Antoinette-hafte Vergeudungsorgie an der Spitze" der Kulturinstitution, die das sündhaft teure Museum der Moderne um jeden Preis durchboxen will, fragt Niklas Maak in der FAZ in Richtung Monika Grütters. "Muss das Museum so gebaut werden, ist alles zu spät? Keineswegs. Herzog & de Meuron haben in der Vergangenheit mit hervorragenden Bauten wie dem Schaulager bewiesen, dass sie innovativere Kunstpräsentationskonzepte erfinden können als einen Hochsicherheitstrakt für 'scheißteure' (Herzog) Kunst in Kathedralbrot-Optik. Doch die Lobby des Projekts unternimmt alle erdenklichen Anstrengungen, um Fragen, Bedenken und Kritik wegzubulldozern."

Das Museum der Moderne ist allerdings beileibe nicht das einzige Problem der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, stöhnt Swantje Karich in der Welt, die sich einen vom Bundesrechnungshof verfassten und von Politikern aus dem Haushaltsausschuss des Bundestages durchgestochenen Bericht zum Bauunterhaltsstau beim Immobilienbestand der SPK angeschaut hat: "Die Berliner Museen rotten vor sich hin und niemand kümmert sich. Kleine Bildchen dokumentieren in dem ansonsten sehr kurz gefassten Blatt: Verschimmelte Fenster, notdürftig abgedeckte Kunst in einem undichten Keller, Sammlungsobjekte nur durch Plastikplanen geschützt, eine Baumwurzel frisst sich in die Fassade des Kunstgewerbemuseums."