9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel geht Bernhard Schulz eher von 600 Millionen Euro Kosten für das geplante Berliner Museum der Moderne aus (unsere Resümees) - immerhin hat man Herzog und de Meuron verpflichtet: "Die Architekten machten bei zwischenzeitlichen Vorstellungen ihres Planungsstandes nicht den mindesten Hehl daraus, dass sie ihre Wettbewerbseinreichung als unverbindlich erachten und erst nach der Beauftragung ins Konkrete gehen (dass erst einmal ein ganzes Jahr verstrich, in dem die Architekten offenbar andere Aufträge vorrangig bearbeiteten, sei nur am Rande erwähnt)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2019 - Kulturpolitik

In der SZ geht Jörg Häntzschel noch einmal der Frage nach, warum die Kosten für das geplante Museum der Moderne in Berlin noch vor Baubeginn von 130 auf 450 Millionen Euro gestiegen sind: "Die Antwort findet sich im Kleingedruckten. Im SPK-Papier 'Zur Zukunft der Berliner Museumslandschaft' von 2013, das der Bundestagsentscheidung zugrunde lag, werden 130 Millionen für ein Museum mit 7400 Quadratmetern Ausstellungsfläche und 10 000 Quadratmetern Nutzfläche veranschlagt. Im Realisierungswettbewerb werden aber 9200 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 15 400 Quadratmeter Nutzfläche gewünscht. Die neueste Version des Entwurfs ist sogar 16 000 Quadratmeter groß. Nachdem der Bundestag also Geld für ein 10 000-Quadratmeter-Museum bewilligt hatte, gaben SPK und BKM eines in Auftrag, das um 60 Prozent größer ist."

Und das, obwohl die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) schon heute nicht in der Lage ist, ihre Bauten in Berlin vernünftig zu unterhalten, melden die SZ und Ralf Schönball im Tagesspiegel: Sie verfallen, hat der Bundesrechnungshof in seinem jüngsten Bericht festgestellt. "Der Fehler liegt teils bei der Stiftung selbst, denn diese habe keine ausreichenden Mittel für Instandsetzungen beantragt. Chronischer Geldmangel kommt offensichtlich hinzu: Die Mittel zur 'Bauunterhaltung' seien 'in den vergangenen 22 Jahren nicht annähernd dem Bedarf der Liegenschaften entsprechend erhöht' worden. Im Gegenteil, sie lagen vor zwei Jahren sogar 'weit unter dem Niveau des Jahres 1996', jedenfalls wenn man die bei der Stiftung dazu gekommenen Bauten und den Anstieg der Baupreise seit dieser Zeit berücksichtigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Kulturpolitik

Die Stadt Chemnitz bewirbt sich um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" für 2025, und ihre Bewerbung ist bemerkenswert ehrlich, berichtet Julian Weber in der taz: "Die Industriestadt ist bekannt für Innovationen, hier wurde die Thermoskanne erfunden. Aber zunächst wird im Bidbook der Song 'Karl-Marx-Stadt' der Band Kraftklub zitiert, der die jüngere Stadtgeschichte selbstmitleidlos aufspießt. 'Ich steh auf keiner Gästeliste, bin nicht mal cool / In einer Stadt, die voll Nazis ist, Rentner und Hools'. Rechtspopulismus hat die Gesellschaft gespalten. Die Abwanderung nach der Wende, der demografische Wandel haben in Chemnitz riesige Lücken hinterlassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Kulturpolitik

In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von einem Offenen Brief, in dem Postkolonialismus-Forscher und Künstler wie Bénédicte Savoy, Achille Mbembe, Felwine Sarr, Souleymane Bachir Diagne, Wolfang Kaleck, Milo Rau und Kader Attia eine klare Öffnung der Museen fordern, um die Raubkunst-Debatte auf einen anderen Stand zu heben. Leider lässt sich der Brief nicht im Netz finden, Häntzschel zitiert, worüber die Unterzeichner Klarheit haben wollen: "Wie genau sehen die afrikanischen Sammlungen in deutschen Museen aus? Aus welchen Regionen kommen die Objekte? Welche Arten von Objekten sind es? Wir wollen und müssen das wissen, wenn wir die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit gemeinsam betreiben wollen." Auch wenn die Forderungen nach Klärung des Sachverhalts deutlich verhaltener klingen als die nach unbedingter Rückgabe, sieht er einen wichtigen Punkt im Selbstverständnis der Museen berührt, wie er seinerseits schreibt: "Anders als Bibliotheken und Archive, die jedem offenstehen, entscheiden die Museen nach wie vor ganz alleine darüber, wer mit ihren Inventaren forschen darf, und was er zu sehen bekommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2019 - Kulturpolitik

Das Berliner Abgeordnetenhaus entwickelt zur Zeit ein Konzept zur Rückgabe von Kolonialkunst, das der Grüne Daniel Wesener im Gespräch mit Susanne Messmer im Berlin-Teil der taz vehement verteidigt: "Es gibt Schätzungen, dass ein Großteil des Kulturerbes des afrikanischen Kontinents nicht mehr dort, sondern in europäischen und US-amerikanischen Sammlungen bewahrt wird. Man stelle sich vor, das würde uns, also der Bundesrepublik, so ergehen: Wir würden das sicherlich als einen unerträglichen Zustand empfinden. Die regelmäßigen Diskussionen um deutsche Kunstschätze, die heute in der Eremitage in St. Petersburg lagern, machen deutlich, dass wir in dieser Frage mit zweierlei Maß messen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2019 - Kulturpolitik

Eike Schmidt war einer jener internationalen (oft deutschen)) "super direttori", die in Italien die Museen aus dem Dornröschenschlaf wecken sollten. Die waren vom damaligen Kulturminister Dario Franceschini eingesetzt, von der nationalistischen Regierung abgesetzt worden. Aber nun ist Dario Franceschini wieder dran. Und Eike Schmidt sagt den bereits zugesagten Posten bim Kunsthistorischen Museum in Wien ab, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ: "Offenbar hofft auch Eike Schmidt, unter dem neuen alten Regime auf verbesserte und längerfristig geltende Arbeitsbedingungen zu stoßen. Zudem ist er offenbar nicht der 'deutsche Karrierist', den manche in ihm sehen wollen: In Wien sagte er ab, ohne überhaupt gewiss sein zu können, dass sein Vertrag verlängert wird. Man wolle erst einmal sehen, was geschehe, hieß es dazu aus dem Kulturministerium in Rom. Auf keinen Fall beabsichtige man, die österreichischen Kollegen zu verärgern."

Die Österreicher ärgern sich jedenfalls über Eike Schmidt, der sein Amt beim KHM eigentlich in vier Wochen antreten sollte. "Das Ministerium prüft rechtliche Schritte. Sie täten not, schon um das Risiko solcher Possen künftig zu minimieren. Toleranz ist das eine - sich in der internationalen Museumswelt zum nachsichtigen Kasperl zu degradieren etwas völlig anderes", schreibt im Standard Olga Kronsteiner. Im Interview mit der Nachrichtenagentur APA, das der Standard unter Kronsteiners Artikel druckt, erklärt Schmidt, seine Entscheidung sei dem politischen Umschwung in Italien geschuldet sei und bedauert die fehlerhafte Kommunikation mit den Österreichern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2019 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut veranstaltete im namibischen Windhuk eine Tagung zu Restitution von Kulturgütern und hat auch die taz-Autorin Nina Apin eingeladen. Da keine französischen und britischen Vertreter zugegen waren, bekamen die deutschen Museumsleute den Zorn der afirkanischen Kollegen exklusiv ab. Wie schwierig es mit der Rückgabe ist, erzählt Nina Apin auch: "Im Fall der Ende Februar von Baden-Württemberg zurückgegebenen Witbooi-Bibel und -Peitsche sei die Frage gewesen, ob man an die Nachkommen aus der Nama-Community restituiere - oder an die Regierung. Heute lagern Bibel und Peitsche, unerreichbar für die Öffentlichkeit, im Depot des namibischen Nationalmuseums, dessen naturwissenschaftlich-zoologischer Standort sich schlecht gepflegt und unterfinanziert zeigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2019 - Kulturpolitik

Geschmacklos findet Catrin Lorch in der SZ den Umgang des Bayerischen Nationalmuseums mit den Nachfahren des jüdischen, im Nationalsozialismus enteigneten Kunsthändlers Otto Bernheimer, die trotz klarer Beweislast weiterhin auf die Rückgabe eines Sekretärs warten müssen. Wundern kann sich Lorch allerdings kaum, auch internationale Wissenschaftler schütteln den Kopf über die "mangelnde Aufarbeitung" vor allem in bayerischen Museen, schreibt sie: "Ausgerechnet in Bayern, wo besonders viel Raubkunst nach dem Krieg von den 'Monuments Men' der Alliierten aufgefunden und gelagert wurde, verzögern sich selbst offensichtliche Restitutionsfälle, weil die Provenienzforscher langsam arbeiten. Von den mehr als tausend verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2019 - Kulturpolitik

Das Ethnologische Museum verleiht 23 Objekte nach Namibia, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Hermann Parzinger von der Stiftung Deutscher Kulturbesitz erwartet nicht unbedingt, dass sie alle zurückkommen: "Es sei ein modellhafter Prozess, der hier in Gang gesetzt werde. Das Ende sei offen." Doch Vertreter von "Berlin Postkolonial" und dem "Bündnis Völkermord verjährt nicht!" kritisieren die Verleihung: Ihrer Ansicht nach sollten die Puppen einfach zurückgegeben werden. Und ein in Berlin lebender Herero fragt, ob die Herero denn an diesem Projekt beteiligt seien. Dabei kommt Lenz die Einstellung Parchingers eigentlich ganz vernünftig vor: "Die Idee, sie nach Namibia reisen zu lassen und abzuwarten, welche Diskussionen sich dort an ihnen entzünden, welche Wünsche entstehen, ob etwa die namibische Regierung ein Rückgabe-Ersuchen stellen wird, erkennt zum einen an, dass es in Afrika einen Anspruch auf diese Objekte gibt. Aber vor allem beinhaltet dieser Prozess eine Ermächtigung: Die Antworten auf die Frage, die man sich in Berlin, in Deutschland, in Europa stellt, könnten in Afrika gegeben werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2019 - Kulturpolitik

Wie schwierig es ist, sich selbst in afrikanischen Museen vom Kolonialismus zu lösen, zeigt eine Rede von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, die er bei den "Museum Conversations" in Windhoek, Namibia gehalten hat und die die taz heute veröffentlicht: Einige heutige afrikanische Mueeen, sagt er, seien von den Kolonialmächten gegründet worden. Andere erzählten nurdie Heldengeschichten der Unabhängigkeit. Aber es entstehen auch neue Museen: "Einige der Museen werden mit der Unterstützung ausländischer Staaten gegründet, wie beispielsweise das Zivilisationsmuseum in Dakar. Auch dort, wo der Museumsbau fremdfinanziert wird, arbeiten die Museen beeindruckend unabhängig. Der intellektuelle Kolonialismus hat hier ein Ende gefunden. Das muss die Herangehensweise in der Gegenwart sein, die zentrale Stellung der afrikanischen Experten bei der Erforschung und Präsentation ihrer eigenen Kultur."

Ebenfalls in der taz berichtet Susanne Messmer über die Erfolge des Architekturhistorikers Philipp Oswalt, der mit einem offenen Brief an Schirmherr und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Frieden um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche kräftig störte: "Als Mitinitiator der kulturellen Zwischennutzung des Palasts der Republik 2004 und 2005 sagt Oswalt, dass das Stadtschloss im Vergleich zur Garnisonkirche 'geradezu ein linksliberales Projekt' gewesen sei. In einer Pressemitteilung hat er darauf hingewiesen, dass eine der Glocken des nun abgeschalteten Glockenspiels dem besagten Verband deutscher Soldaten gewidmet sei, eine andere dem Kyffhäuserbund, eine dritte dem Wehrmacht-Luftwaffenoffizier Joachim Helbig, der selbst nach Hitlers Tod noch für die Regierung Dönitz flog." Der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert hat das Glockenspiel der Kirche inzwischen abgeschaltet, Demonstrationen sind geplant.