9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2017 - Medien

Der hoch defizitäre Guardian soll in zwei Jahren schwarze Zahlen schreiben, meldet Rainer Stadler in der NZZ: "Dazu sind rigide Einsparungen nötig. Die Mediengruppe reduzierte die Belegschaft um 300 auf 1563 Personen. Dafür gab sie in den letzten beiden Jahren 30 Millionen Pfund aus. Die Personalkosten sanken so um 14 Millionen. Bis 2018 wird das Budget des Guardian um 20 Prozent verkleinert."
Stichwörter: Guardian, Medienwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2017 - Medien

Der pakistanische Premieminister muss aufgrund der Enthüllungen aus den "Panama Papers" zurücktreten - Thema des Tages unter anderem in der Süddeutschen zeitung, die in dem Konsortium recherchierender Journalisten eine führende Rolle spielte. Edward Snowden gratuliert auf Twitter:
"Die Umstände, die ein Zeitungsmuseum als mehr als überfällig erscheinen lassen, sind nicht mehr zu übersehen", schreibt Publizistikprofessor Jürgen Wilke in der FAZ in einem Plädoyer für ein Pressemuseum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2017 - Medien

In einem Interview mit Sebastian Hofer und Robert Treichler von Profil bekennt sich der ehemalige Fernsehunterhalter Harald Schmidt zu seiner Feigheit. Selbst auf die Frage, ob der Islam zu empfindlich sei für Witze, antwortet er: "Ich habe vollständig und mit Ansage die Finger davon gelassen. Weil mir früh klar war, dass Satire etwas für eine gewisse westliche Klientel ist, und dass es sinnlos ist, da zu missionieren. Ich lasse mir auch sofort Feigheit vorwerfen, aber ich meine, ich bin Conférencier und kein Heldendarsteller."

Es könnte passieren, dass die Öffentlich-Rechtlichen keine Gebührenerhöhung bekommen, schreibt Ulrike Simon in ihrer Spiegel online-Kolumne. Dann müssten die Sender sich demnächst reformieren, um mit ihren acht Milliarden Euro im Jahr auszukommen. Und allein die Liste der angedachten Reformen klingt deprimierend: "Dazu gehört etwa die Vereinheitlichung von IT, Buchhaltung und Archiven, was 300 Millionen Euro sparen könnte, zunächst aber Umstellungskosten verursacht. Das meiste Geld bringt die neu geregelte Altersversorgung. Es geht aber auch um Fragen wie die, ob ein zentrales Justiziariat die Arbeit für alle neun ARD-Anstalten aufnehmen könnte, oder ob sich alle - auch das ZDF - auf gemeinsame Produktionsstandards und damit eine einheitliche Ausrüstung einigen könnten." Das wird die Probleme sicher lösen!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2017 - Medien

Netflix wächst und wächst und hat jüngst mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen übertroffen, berichtet Nils Jacobsen in Meedia. In solchen Momenten macht es immer wieder Spaß, an Fehleinschätzungen aus der Vergangenheit zu erinnern, wie etwa an die des Time Warner-CEOs Jeff Bewkes: "Angesprochen auf die Bedrohung durch den Streaming-Pionier erklärte Bewkes 2010: 'Das ist ein bisschen wie die Frage, ob die albanische Armee die Welt erobern wird'. Sieben Jahre später steht fest: Die albanische Armee hat die Welt erobert."

Conrad Albert verteidigt in der Welt den Vorstoß seiner Sendergruppe ProSiebenSat.1 für eine "Medienordnung 4.0": "Ziel ist, Inhalte mit einem hohen gesellschaftlichen Wert ('Public Value'-Inhalte) zu fördern, so- dass die Finanzierung nicht an Institutionen festgemacht ist und allein öffentlich-rechtlichen Anbietern zukommt. Damit entwickeln wir unser duales Rundfunksystem evolutionär und zukunftsfest weiter." Albert hatte bereits in der FAS dargelegt, warum er glaubt, dass auch Privatsender etwas von den öffentlich-rechtlichen Gebühren abbekommen sollten (unsere Resümees).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2017 - Medien

Wer glaubte, die real existierende Spiegel-Bestsellerliste entspreche einer Wirklichkeit, sieht sich getäuscht. Bei Spiegel online erklärt die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer, warum der Spiegel das missliebige Buch "Finis Germania", das nur durch die Manipulation eines Spiegel-Kollegen bekannt wurde (unsere Resümees), von der Liste entfernte: "Das Buch 'Finis Germania' hat in der Spiegel-Bestsellerliste von Heft 29 Platz 6 erreicht. Ohne die Empfehlung unseres Kollegen hätte das Werk des im vergangenen Jahr verstorbenen Autors es unserer Einschätzung nach nicht in die Liste geschafft; das Buch ist in einem kleinen und durch rechtsextreme Publikationen geprägten Verlag erschienen. Insofern haben wir in diesem Fall eine besondere Verantwortung. Deswegen haben wir das Buch in Heft 30 von der Liste heruntergenommen."

So macht man Schlimmes noch schlimmer, meint Rainer Moritz in der NZZ: "Wer im Nachhinein leugnen will, dass sich ein Buch gut verkauft, greift genau zu jenen Maßnahmen, die man den sogenannten Rechtspopulisten liebend gern vorwirft. Warum nur halten es manche so schwer aus, dass ihre eigenen Gedankengebäude und ihre offenbar für unangreifbar gehaltenen Überzeugungen angezweifelt werden? Warum streitet man nicht, warum diskutiert man nicht, warum macht man sich nicht daran, das Verachtete zu widerlegen, anstatt vom hohen Ross aus Geringschätzung zu zeigen? Es zu negieren und voreilig aus dem demokratischen Diskursfeld zu entfernen, ist ein Armutszeugnis." Auch Martin Oehlen meint in der Berliner Zeitung: "Souverän ist anders!"

Mehr zum Thema im FAZ.Net (hier), im Tagesspiegel (hier) und beim Deutschlandfunk (hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2017 - Medien

Gestern hat der Prozess gegen die türkische Zeitung Cumhuriyet begonnen. Ali Çelikkan schildert in der taz, wie schmerzhaft sich das für die Journalisten anfühlt - vor allem wegen mangelnder Solidarität: "Die Staatsanwaltschaft behauptet, die Berichterstattung habe sich zugunsten von Gülen-Bewegung und PKK verändert. Regierungsnahe Medien stützen diese Anschuldigungen durch ihre Berichterstattung. Noch trauriger ist, dass einige (Ex-) Mitarbeitende als Zeugen der Anklage ausgesagt haben. Offensichtlich hatten sie Interesse daran, die frei gewordenen Stellen zu besetzen. Die Regierung hatte sich interne Machtkämpfe zunutze gemacht, um unsere Zeitung von innen zu zerlegen."

"Ein wirklich beachtlicher Vorgang", findet Stefan Niggemeier und ist sich tatsächlich mal mit Henryk Broder in der Welt (hier) einig: Der Spiegel hat das Buch "Finis Germania" des Historikers Rolf Peter Sieferle, dem Geschichtsrevisionismus und und Antisemitismus vorgeworfen wird, schlicht und einfach von der Bestseller-Liste gestrichen. Dabei hatte es diese Platzierung nur dem Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel verdanken, der es auf die Sachbuchbestenliste des NDR manipuliert und damit überhaupt erst in die Diskussion gebrachte hatte. Niggemeier: "Hätte der Spiegel das Buch wenigstens transparent entfernt, wäre ihm Kritik aus der rechten Ecke gewiss gewesen, doch zumindest hätte er sich in vielen anderen Ecken Glaubwürdigkeit bewahrt. So aber untergräbt er diese nicht nur selbst, sondern gießt auch weiteres Öl ins 'Lügenpresse'-Feuer - und verschafft dem Buch einmal mehr Aufmerksamkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Medien

Heute beginnt in der Türkei der Prozess gegen die Redakteure von Cumhuriyet, und es wird kaum mehr ein Journalist in der Türkei sein, der das kritisieren kann, schreibt der Chefredakteur con Cumhuriyet, Can Dündar, aus seinem deutschen Exil in Zeit online: "Jeder Journalist hinter Gittern ist eine Geisel, die andere einschüchtern und zum Schweigen bringen soll. Dieser Weg wurde auch beschritten, um die Cumhuriyet, eine der letzten Bastionen der Pressefreiheit, zum Schweigen zu bringen. Zuletzt wurde sogar der Kantinenwirt der Zeitung verhaftet. Sein Verbrechen war es, gesagt zu haben: 'Wenn Erdogan herkommt, serviere ich ihm keinen Tee.' Das hatte der bei der Zeitung postierte Polizist gehört und seinen Vorgesetzten gemeldet, am nächsten Morgen wurde unser Kantinenwirt wegen 'Beleidigung des Staatspräsidenten' festgenommen." Auch in der SZ schreibt Dündar heute aus diesem Anlass.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2017 - Medien

In der Welt spricht Christian Meier mit dem Journalistik-Professor Michael Haller, der eine Studie zur Berichterstattung über die Flüchtlingskrise durchführte. Deutschen Zeitungen wirft er Einseitigkeit vor: "Die Agenda der meinungsführenden Tageszeitungen wird von Berlin bestimmt." Und weiter: "Einer solide gemachten Erhebung zufolge glaubt fast die Hälfte der Bevölkerung,
die Bundesregierung würde tagtäglich den Journalisten vorschreiben, über was sie wie zu berichten hätten. Das heißt, sie sprechen dem etablierten Journalismus jede Glaubwürdigkeit ab. Glauben Sie, dass demnach rund die Hälfte der Deutschen einen Knall hat? Wohl kaum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2017 - Medien

Nicht nur die SZ (unser Resümee), auch andere Zeitungen waren in letzter Zeit voll mit gut bezahlten Glamouranzeigen und Beilagen für die Türkei, berichtet Silke Burmester in der taz und kommentiert nicht sehr freundlich: "Die Absicht der ehrwürdigen Verlage, mit dem Dreck der Despoten Geld zu machen und ihren Lesern Märchen aus dem Morgenland zuzumuten, dürfte bei vielen nicht gut ankommen. Bei der Zeit war zudem der Zeitpunkt ein überraschender. Die Werbung lag eine Woche vor dem Interview mit Präsident Erdogan bei. Ein Umstand mit Geschmäckle."

Etwas wolkig liest sich ein bei Spiegel online veröffentlichtes manifestartiges Papier der Plattform Vocer, das eine Veränderung der Öffentlichkeit nach dem Modell der Energiewende propagiert. Nebenbei wird festgestellt: "Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, gibt es kein Geschäftsmodell für nachhaltigen Journalismus. Deshalb sollten Medienmacher offen sein für neue Geldquellen und aktiv danach suchen - bei den Öffentlich-Rechtlichen, bei staatlichen Stellen, bei Philanthropen und selbst bei Google und Facebook. Ja, diese Form der Finanzierung kann die redaktionelle Unabhängigkeit gefährden, aber wenn man ehrlich ist, gibt es uneingeschränkte redaktionelle Unabhängigkeit schon lange nicht mehr (wenn es sie denn überhaupt jemals gab). "

Jens Schröder präsentiert bei Meedia die neuesten IVW-Zahlen. Die FAZ liegt noch bei einer Auflage von 206.000 aus Abo und Einzelverkauf, die SZ bei 299.000. Die Bild, die mal eine Auflage von fünf Millionen hatte, liegt bei 1.600.000.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2017 - Medien

Maria Furtwängler spricht mit Nora Burgard-Arp von Meedia nochmal über ihre Studie zu Frauenrollen im Fernsehen: "Die Diversität des Frauenbildes muss breiter werden. Warum gibt es nicht mal eine dicke, übellaunige, alte Kommissarin? Das kann man sich ja bislang im deutschen Fernsehen kaum vorstellen. Frauen werden oft wahlweise liebeshungrig oder übertough dargestellt. Ich möchte Geschichten über Frauen jenseits der vierzig sehen, die etwas bewegen, Geschichten über richtige Macherinnen."

Hingewiesen sei auch auf einen Artikel von Kornelius Friz im Hamburger Lokalteil der taz, der über einen Streit am Hildesheimer Literaturinstitut berichtet: "Es ist kein Zufall, dass in Hildesheim neben derzeit sechs Männern mit Jenifer Becker nur eine Frau Literatur und Schreiben unterrichtet - als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Studentinnen am Institut sind dagegen mit achtzig Prozent in der Mehrheit. Hieran einzelnen Figuren wie Christian Schärf oder Hanns-Josef Ortheil, dem Gründervater des Instituts, die Schuld zu geben, würde das Thema verfehlen. Die Benachteiligung von Frauen ist vielmehr auch im Literaturbetrieb ein strukturelles Problem, das alle betrifft".