9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2017 - Medien

Der Status der Frauen in Kultur und Medien wird überall  diskutiert. Das Interview von ZDF-Anchorman Claus Kleber mit der Schauspielerin Maria Furtwängler, die eine neue Studie vorstellte, ist im Internet zum Renner geworden. Und auch Spiegel-online-Kolumnistin Margarete Stokowski schreibt heute zum Thema. Bundeskulturministerin Monika Grütters will ein "Kulturfrauenzimmer" einrichten, wo Frauen qualifiziert und noch mehr Berichte erstellt werden sollen. Christiane Peitz ist im Tagesspiegel ungehalten und fordert Quoten: "Nichts gegen Symbolpolitik und das Engagement der CDU-Politikerin, nichts gegen die Steigerung des Frauenanteils in der eigenen Behörde oder den Gremien der FFA. Aber warum so defensiv? Niemand fordert Gesetze, Richtlinien, Quoten - obwohl all die freiwilligen Jahre vergeblich waren." In der Welt berichtet Hannah Lühmann und liefert ein paar Zahlen mit: "Achtzig Prozent aller Bühnenintendanten und 98 Prozent aller Chefredakteure in Deutschland sind Männer."

In vielen Medien kursierte die maßgeblich von den Grünen verbreitete Meldung, dass die Zahl der Insekten in Deutschland um achtzig Prozent zurückgegangen sein. Der FDP-Politiker Hasso Mansfeld geht in Meedia zu den Quellen der Behauptung zurück und findet als Ursprung einen - sehr peniblel dokumentierenden - Verein, um den Hobbyforscher Martin Sorg, den auch die FAS zitierte: "Beindruckend ist aber auch, was Sorg der FAS noch erzählt: Die starken Rückgänge 'von bis zu 80 Prozent' sind nicht etwa ein Durchschnitt aller vom Verein betriebenen Messstellen in Nordrhein-Westfalen. Nein, die Zahl, auf die sich seit 2013 alle Experten stützen, stammt von genau zwei Standorten im Krefelder Naturschutzgebiet 'Orbroicher Bruch'. Auf die Frage der FAS, ob sich diese beiden Messpunkte denn problemlos auf ganz Deutschland hochrechnen ließen, antwortet Freizeitentomologe Sorg: 'Natürlich nicht.'"

Struppig, aber nicht uninteressant liest sich ein Bericht des für Netzpolitik schreibenden Leonhard Dobusch , der Mitglied im Runkfunkrat des  ZDF-Fernsehrats ist, und über Debatten zwischen  den Sendern und Interessengruppen von "Kreativen" und Produzenten über eine stärkere Präsenz der Sender im Netz diskutiert - die einzige Frage schien dabei aber zu sein, ob die "Kreativen" für die Netzpräsenz ausreichend vergütet werden. Einziger Lobbystandpunkt gege die Ausdehnung kam von Zeitungsverlegern und privaten TV-Sendern, die alle "Presseähnlichkeit" im Netz ablehnen: "Mit dieser radikalen Ansicht sind die Zeitungsverleger allerdings fast alleine unter den Konsultationsteilnehmern. Die Mehrzahl der Einlassungen zum Thema 'presseähnlicher Angebote' fordern hingegen eine Lockerung oder völlige Abschaffung des Verbotes."

Außerdem: Ludger Fittkau fragt auf der Website von Deutschlandfunk Kultur mit vielen Illustrationen, was sich türkische Karikaturisten noch trauen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2017 - Medien

Facebook und die Zeitungsverlage verhandeln derzeit über einen Deal, wonach Bezahlartikel der Zeitungen auf Facebook an den Leser gebracht werden sollen. Auf Netzpolitik hat Julia Krüger dazu ein paar Fragen: "Jüngst wurden nun weitere Details der laufenden Verhandlungen bekannt: Dazu zählt etwa der Zugriff der Medienunternehmen auf die Facebook-Daten der Abonnenten. Zweck sei es, die Zielgruppen besser zu verstehen. ... Ob Nutzerinnen und Nutzer einverstanden damit sind, der BILD oder F.A.Z. ihre persönlichen Daten zukommen zu lassen, damit die Verlage einen besseren Deal mit Facebook erzielen? Das sollte man sie wohl mal fragen."

Außerdem: In der FAZ beleuchtet Jürg Altwegg das gespannte Verhältnis zwischen Emmanuel Macron und den französischen Medien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2017 - Medien

Es gibt einen Typus proklamatorischer Anzeigen in Zeitungen, mit denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollen. Manchmal bringen Zeitungen sie kostenlos, zum Beispiel wenn ihre Herausgeber gegen angebliche Urheberrechtsverletzungen protestieren wollen. In der Süddeutschen Zeitungen war das diesemal wohl eher nicht der Fall, vermutet Ulrike Simon in horizont.net:

In der Welt beklagt Jacques Schuster eine mangelnde Offenheit der Debatte in Deutschland, auch gegenüber Positionen von außerhalb des Konsenses: "Noch immer fehlt dem öffentlichen Diskurs jene Leichtigkeit, die in der amerikanischen, britischen und französischen Demokratie zu spüren ist. Dort wird auch heftig gestritten, aber selten so unerbittlich und um Vernichtung des Gegners bemüht wie hierzulande. Fast jede Debatte kann in Deutschland unter das Damoklesschwert der Frage nach Schuld und Scheitern der Demokratie an sich geraten und damit den Wettstreit der Worte unterbinden, der zur Demokratie gehört. Offenbar mangelt es den Deutschen noch immer an Selbstsicherheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2017 - Medien

Amerikanische Zeitungen rufen in diesen medienfeindlichen Zeiten den Kongress auf, Ausnahmen vom Kartellrecht zu machen, damit sie kollektiv mit Google und Facebook verhandeln können (unsere Resümees) - ein Eingeständnis der Schwäche, findet Will Oremus  bei Slate, aber ein willkommenes und richtiges: "Der Widerspruch ist doch, dass Information, vor allem in Form investigativen Journalismus, weithin ein öffentliches Gut ist. Und doch sind die Firmen, die sie leisten, mit seltenen Ausnahmen privat und gewinngetrieben. Zeitungen mochten in der Vergangenheit diesen Widerspruch kaum anerkennen, denn über lange Zeit haben sie es hinbekommen, beides zu erfüllen. Aber ihre Anfrage an den Kongress und die Appelle ans Publikum bedeuten einen zögernden Schritt zur Einsicht, dass diese beiden Seiten nicht mehr vereinbar sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2017 - Medien

"Größe, Schönheit, Kühnheit" soll sein neues Online-Magazin Republik bieten, verspricht der Schweizer Journalist Constantin Seibt im Welt-Gespräch mit Christian Meier. Dafür hat er von künftigen Lesern bereits Millionen bekommen. Meier glaubt: "Der Erfolg des Republik-Crowdfunding ist ein Paradebeispiel für eine neue Sehnsucht nach mehr Pathos im Journalismus. Nach Aufklärung. Nach Kontrolle der Mächtigen. Nach Beistand. Einer Heilserwartung von Lesern, die sich mitreißen lassen von Versprechungen neuer journalistischer Angebote, von denen sie offenbar eine Haltung erwarten, die sie bei etablierten Medien vermissen. Die mit Euphorie auf die Zusicherung unbedingter Unabhängigkeit von Konzernen und Werbekunden reagieren."
Stichwörter: Seibt, Constantin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2017 - Medien

Auf einen gewissen Widerspruch im Leben der Malu Dreyer weist Michael Hanfeld in der FAZ hin: "Als Ministerpräsidentin (von Rheinland-Pfalz, d.Red.) sollte ihr daran gelegen sein, dass die Arbeitsgruppe der Bundesländer, die ARD und ZDF eine schlankere Struktur verpassen soll, damit die Sender mit acht Milliarden Euro Beitragsgeld pro Jahr auskommen, Erfolg hat. Als Verwaltungsratschefin des ZDF hingegen hat Malu Dreyer im Sinn, dass das für 'ihren' Sender so glimpflich wie möglich abgeht." Außerdem will Dreyer, dass die Sender ins Internet expandieren und mit ihren zwangsfinanzierten Kulturprogrammen dem Perlentaucher Konkurrenz machen, und ein bisschen auch der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2017 - Medien

Große Aufregung bei amerikanischen Medien: Die News Media Alliance, die 2.000 Medien in den USA und Kanada repräsentiert, wird beim amerikanischen Kongress vorstellig, damit die Medien entgegen bisherigen Kartellbestimmungen kollektiv mit Google und Facebook verhandeln können (unsere Meldung gestern). Der Guardian meint allerdings, dass "es schwierig werden wird, den Kongress zu eine Ausnahme zu bewegen". Währenddessen "sagt Campbell Brown, der Chef für die Medienpartnerschaften bei Facebook, dass Facebook 'sich verpflichtet fühle, Qualitätsjournalismus auf Facebook gedeihen zu lassen. Wir machen Fortschritte bei unserer Arbeit mit Verlegern und haben noch mehr Arbeit vor uns.'"

In der NZZ greift der Publizistikprofessor Otfried Jarren dagegen eine alte, aber immer noch kfrei und überall ins Netzluge und nie umgesetzte Idee auf: Journalistische Medien sollten eine eigene (jedoch öffentlich finanzierte) Plattform gründen und ihre Artikel dort markenübergreifend anbieten: "Dort könnten Angebote gebündelt bereitgestellt werden. Man kann also wie gewohnt einzelne Angebote integral abonnieren und nutzen. Aber - und das macht den Charme von Plattformen aus - man kann zudem Angebote anderer Anbieter selektiv beziehen. Wer sich für bestimmte Themen, Ereignisse oder Autorinnen interessiert, der könnte sich diese Angebote selektiv herunterladen und zusenden lassen. Eine Software würde Einzelnutzung gegen Entgelt ermöglichen. Auch Blogger könnten auf der Plattform sein."

Und in der FAZ polemisiert Michael Hanfeld gegen Rundfunkräte, die wollen, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen ungehindert frei und überall ins Netz ausbreiten sollen, wohin nach Hanfeld seltsamer Weise vor allem die Zeitungen zu gehören scheinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2017 - Medien

Die amerikanischen Zeitungen rüsten im Kampf gegen Google und Facebook auf, schreibt Jim Rutenberg in der New York Times. Sie sehen sich von der extremen Dominanz der beiden Plattformen im Werbemarkt und der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes derart bedrängt, dass "eine Gruppe von Medien in dieser Woche einen Versuch startet, ein Recht auf kollektive Verhandlungen mit den großen Plattformen zu bekommen. Sie wollen darum im Kongress eine Ausnahmegenehmigung von Kartellbestimmungen erlangen. Das ist ein extremer Schritt mit hohem Einsatz. Aber die Medienindustrie hält ihn für sinnvoll, da sie Google und Facebook, absichtlich oder nicht, als größeres ökonomisches Risiko ansehen als es Trump mit seiner Rhetorik ist."

Beim Freitag gibt es Streit um den vom Besitzer Jakob Augstein als Herausgeber installierten Jürgen Todenhöfer, der bereits zu einem Exodus einiger Redakteure und freier Autoren aus dem linken Wochenblatt gegführt habe. Unter anderem weil der ehemalige CDU-Politiker die unbehagliche Nähe von "links" und "rechts" so deutlich macht, berichtete bereits am Samstag Peter Weißenburger in der taz: "Todenhöfer kritisiert regelmäßig die 'einseitige Berichterstattung westlicher Medien' und inszeniert sich als 'Sucher nach Wahrheit', wofür er private Reisen in die Kriegsgebiete Syriens, Afghanistans und des Irak als Beleg heranzieht. Um diese Erzählung von sich selbst zu verbreiten, nutzt er fragwürdige Plattformen: das völkisch-verschwörungstheoretische Compact-Magazin des exlinken Populisten Jürgen Elsässer, die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit oder das kremlnahe Portal RT Deutsch."

Christian Füller, Chefredateur des Freitag, hat inzwischen bei turi2 jeden Einfluss Todenhöfers auf redaktionelle Entscheidungen verneint.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2017 - Medien

Wie gut, dass Deniz Yücel so lustige Texte geschrieben hat, seufzt Oliver Jungen in der FAZ erleichtert, so sind auch die Soli-Veranstaltungen #FreeDeniz für ihn immer eine ziemlich komische Angelegenheit, wie jetzt gerade in Köln.
Stichwörter: Yücel, Deniz, #freedeniz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2017 - Medien

Die bei der SPD so beliebte Regulierung des Internets (die bis hin zur Forderung nach Rundfunklizenzen für Youtube-Kanäle geht) ist in China fast schon realisert, berichtet Christoph Giesen in der SZ: "291 Portale müssen schließen, 10.000 Videojournalisten verlieren ihre Jobs", schreibt er. Sie hatten eigentlich politische nur Harmloses getrieben, aber der der chinesischen Regierung war das zu viel Wildwuchs: "Auf ihren Seiten und in ihren Apps wird künftig nicht mehr umfassend berichtet. Videos, die länger als 15 Minuten sind, können nicht mehr eingestellt werden. Nur wer eine Medienlizenz hat, darf überhaupt noch Videos hochladen. Stattdessen greifen die Portale künftig auf Material der Staatsmedien zurück. Noch mehr Volkszeitung, noch mehr Xinhua." Die China-Expertin Kristin Shi-Kupfer sieht China dagegen auf Seite 2 der SZ auf dem zu eine offenen Gesellschaft und verlangt dafür "Verständnis und Respekt". Der Name Liu Xiaobo fällt nicht.