Die Ausstrahlung des Films "
Auserwählt und ausgegrenzt" geriet gestern zur hochnotpeinlichen Angelegenheit - der
WDR schuf sogar
eine eigene Internetadresse zum "Faktencheck", um die
redaktionelle Prüfung nachzuholen, die man den Filmemachern zuvor offenbar gar nicht konzediert hatte. Selbst Arno Frank von
Spiegel online, der nach der Präsentation des Films bei
bild.die das übliche Argument seiner Gegner brachte - der Film habe handwerkliche Mängel (unser
Resümee) - kann in seiner heutigen Besprechung des Films und der Diskussion (
Video in der Mediathek) nur abwinken: "So redlich der Versuch sein mag, eine Dokumentation zu
zeigen und sich gleichzeitig von ihr zu
distanzieren, so gründlich ging er in die Hose. Zumal die
obsessive Akribie, mit der im 'Faktencheck' noch das kleinste Haar in der Suppe gesucht wurde, den Befürwortern des Films in die Hände spielte." Wird man am Ende zugeben müssen, dass es den im Film beschriebenen Antisemitismus
tatsächlich gibt?
Michael Hanfeld
erinnert im f
az.net daran, dass der
WDR bei anderen Dokumentationen
weit liberaler verfuhr, etwa "als er vor einigen Wochen einen von seiner Machart her um einiges fragwürdigeren Film über den niederländischen Rechtspopulisten
Geert Wilders zeigte" (unser
Resümee). "In diesem Film, den der
WDR erst nach Kritik von außen in einigen Punkten veränderte und das auch nicht unbedingt transparent, wurde Wilders mehr oder weniger als Repräsentant einer
jüdischen Weltverschwörung dargestellt." Matthias Drobinski
bespricht Doku und Diskussion für
sueddeutsche.de. Bei den
Salonkolumnisten schreibt Richard Volkmann.
Sehr scharf
kritisiert Michael Wuliger in seiner Kolumne für die
Jüdische Allgemeine antiisraelische Tendenzen der
öffentlich-rechtlichen Sender - trotz und gerade wegen der Nachricht, dass die
ARD doch die proisraelische Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" sendete: "Die Verantwortlichen des Westdeutschen Rundfunks (
WDR) haben
nicht aus Einsicht gehandelt, sondern taktisch. Sie wollten
die Kuh vom Eis holen, bevor ihr peinliches Rumgeeiere den Ruf von
ARD und
WDR noch mehr beschädigt hätte, als er ohnehin schon ist. Der
Widerwille gegen die Dokumentation war noch der Presseerklärung des Sender deutlich anzumerken: Fünfmal ist in dem kurzen Text von 'Mängeln' der Dokumentation die Rede, als wollte man den Autoren noch deutlich eins reinwürgen."
Erstmals sind auch
französische Stimmen zu dem Film zu hören, die das linkskatholische Magazin
Télérama (das zu
Le Monde gehört)
gesammelt hat. Drei Historiker reißen die Doku in Stücke, etwa der Zeithistoriker
Johann Chapoutot: "Die Gesamtthese des Films ist von unerträglicher
intellektueller und moralischer Grobheit: ein erster Holocaust wurde von den Deutschen begangen, die seit Golgatha von
Antisemitismus vergiftet sind (die zu kurze Sequenz über das Christentum hätte ausgebaut werden dürfen), und ein zweiter steht bei den Arabern/Muslimen an, die den Hass auf die Juden mit der Muttermilch aufgesogen haben. Dieselben Ursachen, dieselben Wirkungen, und unsere
tapferen deutschen Dokumentarfilmer berufen sich auf ihre ganze angeborene Schuld und nachfolgende Verantwortung, um eine Welt aufzuklären, die taub und stumm ist."