9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2017 - Medien

"Ich weiß, da ist ein Video hier oben auf der Seite. Tut mir leid. Es ist wahrscheinlich auf Autoplay eingestellt und wird loskrähen, ob Sie es wollen oder nicht (ich nehme an, Sie wollen nicht)." So witzig und mutig beginnt Zach Schonfeld  in Newsweek seinen Artikel über den neuesten, auch in Deutschland schon praktizierten Werbehype: "Mein Arbeitgeber sagt, dass das Video da sein muss, weil Video-Werbung entscheidend für das Geschäftsmodell dieser Firma sei, so wie sie auch für alle anderen digitalen Medienhäuser entscheidend ist. Banner-Anzeigen laufen nicht mehr und die von rasenden Managern präsentierte Lösung ist Video. Noch mehr Video. Sehr viel Video."

Außerdem: Stefan Niggemeier schildert bei Uebermedien die "bizarren Verhandlungen ums TV-Duell" zwischen Vertretern der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender einerseits und Abgesandten der Kanzlerin Angela Merkel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2017 - Medien

Ziemlich skeptisch kommentiert FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld den Vorschlag des Pro 7-Sat 1-Vorsitzenden Conrad Albert, auch den Privatsendern und anderen Medien etwas von den Fernsehgebühren abzugeben (unsere Resümees): "Umzusetzen ist die Idee, einen Zwangsbeitrag für alle auszuschreiben, nicht. Der Preis, den die Presse dafür zahlte, wäre zu hoch. Sie wäre nicht mehr vom Staat unabhängig."
Stichwörter: Albert, Conrad

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2017 - Medien

Schon am Samstag machte dieses Interview mit der FAS Wind (unser Resümee). Pro-Sieben-Sat1-Vorstand Conrad Albert will etwas von den Fernsehgebühren ab: "Schon heute entdecken Sie, der Quotenorientierung geschuldet, gerade in der Prime Time oft wenig Differenzen zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen. Schalten Sie nur mal am Sonntagabend das ZDF ein...  Auch Private senden relevante Public-Service-Inhalte, beispielsweise Infotainment-Formate, preisgekrönte Filme zu gesellschaftlich relevanten Themen, Reportagen und Dokumentationen. Unter den 50 meistgesehenen Sendungen in ARD und ZDF rangiert 2016 dagegen 35 Mal Sport und 11 Mal 'Tatort'."

Außerdem: Jan Feddersen fragt sich in der taz noch mal, was die FAZ getrieben hat, einen schwulenfeindlichen Text, und dann auch noch unter Pseudonym, zu veröffentlichen (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2017 - Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender, deren Publikum vor den Fernsehern langsam verdämmert, möchten sich weiter ins Netz ausdehnen, wo ihnen aber wegen der eifersüchtig wachenden Presse Restriktionen auferlegt sind. Nun fordert der WDR-Rundfunkrat eine Aufhebung der Begrenzungen, berichtet Uwe Mantel bei dwdl.de: "Die Erfüllung des gesetzlichen Programmauftrags solle nicht länger auf bestimmte Verbreitungswege wie Fernsehen oder Hörfunk beschränkt werden. Der WDR-Rundfunkrat hat daher die Gesetzgeber aufgefordert, die Begrenzungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet aufzuheben. Zudem unterstützt er ausdrücklich das Konzept einer öffentlich-rechtlichen Plattform, die Angebote verschiedener Anbieter unter einer starken Internet-Marke bündelt."

Gleichzeitig bringt golem.de eine überraschende Meldung, die der Dienst offenbar einem Interview der komenden Sonntags-FAZ entnimmt: "Die Privatsender verlangen für sich einen Anteil an den Gebühren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 'In dem Maße, in dem wir die Grundversorgung vor allem in jungen Segmenten de facto mit übernehmen, finden wir es sachgerecht, dass diese Inhalte aus öffentlichen Mitteln finanziert oder mitfinanziert werden', sagte ProSieben-Sat1-Vorstand Conrad Albert der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er fordere einen 'Systemwechsel'." Gut, aber dann hätte der Perlentaucher auch gern was ab!

Thomas Frickel von der AG Dok kommt im Tagesspiegel nochmal auf den Skandal um die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" zurück - allerdings mehr aus der Perspektive eines Produzenten, der im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender arbeitet und sich nun fragt: "Was schützt ein Produktionsunternehmen beim nächsten Mal davor, dass Absprachen mit der zuständigen Redaktion plötzlich nicht mehr gelten, dass willkürlich neue Regeln gesetzt werden und dass eine Vertragsklausel greift, die standardmäßig in jedem Fernsehproduktionsvertrag steht und die dem Produzenten die gesamte Produktionsverantwortung aufbürdet? Eine Klausel, die es dem Sender ermöglicht, den bestellten Film am Schluss abzulehnen - und damit alle weiteren Zahlungen für diese Produktion einzubehalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2017 - Medien

Neulich hatte FAZ-Feuilletonist Patrick Bahners nach der Ausstrahlung des Films "Auserwählt und ausgegrenzt" und der gegen den Film besetzten Fernsehdebatte beklagt, dass man sich nicht mal gegen Israel äußern könne, ohne dass man gleich mit dem Fluch des "A-Worts" belegt werde: "Dieser Meinungskampf ist ein asymmetrischer Konflikt. Nichts müssen Amtsträger in Deutschland so sehr fürchten wie das A-Wort." (Unser Resümee.) Darauf antwortet Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen: "Wenn Patrick Bahners .. so gereizt auf das 'A-Wort' reagiert, dann wohl deshalb, weil die Benennung dessen, was ist, als das, was es ist, bei ihm einen Nerv trifft. Sich mit dem sachlichen Gehalt des Antisemitismusvorwurfs inhaltlich auseinanderzusetzen, kann oder will er nicht... Was Bahners umtreibt, ist nicht, dass 'Israelkritik' in Deutschland nicht möglich wäre; ihn stört, dass ihr widersprochen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2017 - Medien

Der deutsche Bundestag hat als erstes nationales Parlament überhaupt die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten gefordert, meldet Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel hocherfreut: "Aber es ist ja auch schlicht wahr, was die Regierungskoalition in ihren Entschließungsantrag hineingeschrieben hat: 'Unabhängiger und kritischer Journalismus ist ein Grundpfeiler jeder demokratischen Gesellschaft.' Und Presse- und Meinungsfreiheit sind seit dem Hambacher Fest 1832 beste journalistische Tradition in Deutschland. Sie wahrzunehmen und zu verteidigen ist Pflicht. Der Kampf gegen zum Teil erhebliche Einschränkungen beginnt vor der Haustür. Schon in der EU steht es nicht zum Besten."

In der FAZ informiert Matthias Rüb, dass in Mexiko offenbar Dutzende Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Gesundheitsexperten mit dem vom israelischen Cyberunternehmen NSO entwickelten Spähprogramm Pegasus überwacht wurden: "Pegasus soll in der Lage sein, nicht nur Telefonie, Textmitteilungen und Mails aufzuzeichnen sowie den Aufenthaltsort des Geräts - und von dessen Nutzer - zu registrieren, sondern auch das Mikrofon und die Kamera des Smartphones zum Aufzeichnen von Tönen und Bildern zu nutzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2017 - Medien

Ausführlich bespricht Caroline Fetscher im Tagesspiegel noch einmal den Film "Auserwählt und ausgegrenzt", macht darauf aufmerksam, dass bestimmte Themen darin angesichts mangelnder Bekanntheit eine Vertiefung verdienen - etwa die Korruption im Gaza-Streifen - und fragt sich, warum Präsentation und Diskussion bei der ARD so peinlich missglückt sind: "Die ganze Causa samt Zagen und Zaudern ist in sich Symptom dafür, wie schwer der Umgang mit dem Thema Antisemitismus noch und wieder fällt - zumal die Basis derzeit so grotesk wie breit ist. Christliche und islamistische, rechte und linke Antisemiten sind sich darin einig, dass 'Israel' ein Unrechtsstaat sei."

Stefan Winterbauer checkt bei Meedia den "Faktencheck", ohne den der WDR vorgestern die Antisemitismus-Doku nicht zeigen wollte. Er entpuppt sich eher als ein Meinungscheck: "Nehmen wir beispielhaft nur mal Punkt 1 aus dem Faktencheck. Der Film beginnt mit der berüchtigten Rede des Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament, in der dieser den uralten antisemtitischen Mythos der jüdischen Brunnenvergifter allen Ernstes aufwärmt. ... Und was meint der WDR-Faktencheck? Es wird da im Ernst 'korrigiert', dass Abbas nicht 'Brunnen' gesagt hat, sondern nur 'Wasser'. Und natürlich hat er Feigenblatt-mäßig auch von einer 'friedlichen Koexistenz' gesprochen. Aber das macht es doch nicht besser, dass er älteste antijüdische Zerrbilder serviert." Auch Frederik Schindler unterzieht den Faktencheck des WDR im Schweizer Blog audiatur-online.ch einem Faktencheck.

Der meinungslastige "Faktencheck" und die vielen Warntafeln vor und in dem Film führen Michael Hanfeld in der FAZ zu eine kategorischen Urteil "Vorgeführt hat sich der Sender selbst: ein Lehrstück in Selbstgerechtigkeit, die ein Markenzeichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist." Und Jürg Altwegg schreibt, ebenfalls in der FAZ: "Dass sich Arte nicht zu einer eigenen Bearbeitung und Diskussion durchringen konnte, ist eine Bankrotterklärung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2017 - Medien

Die Ausstrahlung des Films "Auserwählt und ausgegrenzt"  geriet gestern zur hochnotpeinlichen Angelegenheit - der WDR schuf sogar eine eigene Internetadresse zum "Faktencheck", um die redaktionelle Prüfung nachzuholen, die man den Filmemachern zuvor offenbar gar nicht konzediert hatte. Selbst Arno Frank von Spiegel online, der nach der Präsentation des Films bei bild.die das übliche Argument seiner Gegner brachte - der Film habe handwerkliche Mängel (unser Resümee) - kann in seiner heutigen Besprechung des Films und der Diskussion (Video in der Mediathek) nur abwinken: "So redlich der Versuch sein mag, eine Dokumentation zu zeigen und sich gleichzeitig von ihr zu distanzieren, so gründlich ging er in die Hose. Zumal die obsessive Akribie, mit der im 'Faktencheck' noch das kleinste Haar in der Suppe gesucht wurde, den Befürwortern des Films in die Hände spielte." Wird man am Ende zugeben müssen, dass es den im Film beschriebenen Antisemitismus tatsächlich gibt?

Michael Hanfeld erinnert im faz.net daran, dass der WDR bei anderen Dokumentationen weit liberaler verfuhr, etwa "als er vor einigen Wochen einen von seiner Machart her um einiges fragwürdigeren Film über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders zeigte" (unser Resümee). "In diesem Film, den der WDR erst nach Kritik von außen in einigen Punkten veränderte und das auch nicht unbedingt transparent, wurde Wilders mehr oder weniger als Repräsentant einer jüdischen Weltverschwörung dargestellt." Matthias Drobinski bespricht Doku und Diskussion für sueddeutsche.de. Bei den Salonkolumnisten schreibt Richard Volkmann.

Sehr scharf kritisiert Michael Wuliger in seiner Kolumne für die Jüdische Allgemeine antiisraelische Tendenzen der öffentlich-rechtlichen Sender - trotz und gerade wegen der Nachricht, dass die ARD doch die proisraelische Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" sendete: "Die Verantwortlichen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) haben nicht aus Einsicht gehandelt, sondern taktisch. Sie wollten die Kuh vom Eis holen, bevor ihr peinliches Rumgeeiere den Ruf von ARD und WDR noch mehr beschädigt hätte, als er ohnehin schon ist. Der Widerwille gegen die Dokumentation war noch der Presseerklärung des Sender deutlich anzumerken: Fünfmal ist in dem kurzen Text von 'Mängeln' der Dokumentation die Rede, als wollte man den Autoren noch deutlich eins reinwürgen."

Erstmals sind auch französische Stimmen zu dem Film zu hören, die das linkskatholische Magazin Télérama (das zu Le Monde gehört) gesammelt hat. Drei Historiker reißen die Doku in Stücke, etwa der Zeithistoriker Johann Chapoutot: "Die Gesamtthese des Films ist von unerträglicher intellektueller und moralischer Grobheit: ein erster Holocaust wurde von den Deutschen begangen, die seit Golgatha von Antisemitismus vergiftet sind (die zu kurze Sequenz über das Christentum hätte ausgebaut werden dürfen), und ein zweiter steht bei den Arabern/Muslimen an, die den Hass auf die Juden mit der Muttermilch aufgesogen haben. Dieselben Ursachen, dieselben Wirkungen, und unsere tapferen deutschen Dokumentarfilmer berufen sich auf ihre ganze angeborene Schuld und nachfolgende Verantwortung, um eine Welt aufzuklären, die taub und stumm ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2017 - Medien

Nach einigem Hin und Her (unsere Resümees) läuft die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" von Joachim Schröder und Sophie Hafner heute Abend um 22.15 Uhr in der ARD. Arte hat sich der Ausstrahlung angeschlossen. Nach dem Film soll bei "Maischberger" diskutiert werden - Schröder fürchtet im FAZ-Interview mit Michael Hanfeld ein "Schautribunal" gegen seinen Film: "Seit sechs Monaten sprechen weder der WDR noch Arte mit uns. Stattdessen verbreitet sich der WDR seit zwei Wochen über angebliche Mängel des Films. Einen Fünfzehn-Fragen-Katalog des WDR zum Film mussten wir vergangene Woche binnen drei Tagen beantworten. Auch das blieb unbeantwortet. Ich überlege, den Katalog mit unseren Antworten offenzulegen. Wir haben nichts zu verbergen."

Die Sendung "Maischberger" hat inzwischen die Gästeliste der Diskussion bekanntgegeben, die erst um 23.45 Uhr startet. Eingeladen sind  Michael Wolffsohn, Historiker, Norbert Blüm, CDU-Politiker,  Ahmad Mansour, Psychologe,  Gemma Pörzgen, Journalistin, Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied  des "Zentralrats der Juden in Deutschland" und Jörg Schönenborn, WDR-Fernsehdirektor. Die Filmemacher dürfen sich offenbar nicht äußern - und obwohl Arte wohl auch die Diskussion sendet, wird der französische Aspekt in der Gästeliste überhaupt nicht widergespiegelt - übrigens beginnt die Ausstrahlung des Films bei Arte zeitversetzt erst um 23 Uhr.

Dass sich Arte jetzt doch der Ausstrahlung des Films anschließt, berichtete unter anderem Télérama. Arte-Chef Alain le Diberder, der in dem Artikel zitiert wird, sei keine andere Wahl geblieben. Aber er bleibt bei seinem Vorwurf gegen den Film und weist zugleich die Kritik der Zensur zurück: "Es handelt sich nur um Standfestigkeit: Wenn das Werk, das uns geliefert wird und selbst wenn es von Arte produziert und finanziert wurde, nicht der Bestellung entspricht, dann senden wir es nicht. Auch und besonders dann, wenn wir das Gefühl haben, dass man uns die Hände binden wollte, indem man uns vor vollendete Tatsachen stellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2017 - Medien

Christian Bartels ging im gestrigen Altpapier nochmal auf den deutsch-französischen Aspekt der Debatte um die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und Ausgegrenzt" ein, die zwar jetzt in der ARD aber nicht bei Arte zu sehen sein wird: "Die weiterhin vorherrschende Interpretation der 'Auserwählt und ausgegrenzt'-Affäre geht ja dahin, dass die französische Arte-Seite den Film verhindern wollte und es dem WDR bloß keiner Mühe wert war, sich dagegen zu stellen. Und in Frankreich scheint der Film weiterhin nicht gezeigt zu werden."

In der NZZ findet Ulrich Schmid den Film zwar ein Ärgernis, doch tue die ARD "recht daran, den Film doch noch öffentlich zu machen. Die Zuschauer können sich nun ihr eigenes Urteil bilden".