9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Medien

Tom Buhrows Rede über die Öffentlich-Rechtlichen hat trotz inhaltlicher Defizite (unsere Resümees) zumindest in den Sendern selbst ganz schön für Aufregung gesorgt. turi2 zitiert den ehemaligen ARD-Vorsitzenden Jobst Plog, der in einem Medienmagazin des RBB sagte: "Der Inhalt hat mich überrascht, weil man während seiner gesamten Amtszeit als ARD-Vorsitzender überhaupt nicht erkennen konnte, dass an einem Konzept gearbeitet wurde für die ARD."

turi2 berichtet auch über die jüngste Folge von Jan Böhmermanns Sendung "ZDF Magazin Royale" Böhmermann kritisiert die üppigen Intendanten-Zahlungen sowie die 'miesen Arbeitsbedingungen' von freien Mitarbeitenden - und mahnt eine Reform von ARD und ZDF an: 'Nur weil es politisch motivierte Kampagnen von Rechtspopulisten im Bundestag oder im Axel Springer Verlag gibt, heißt das nicht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht dringend reformiert werden müsste.' Er könne die 'Systemerhaltungs-Reflexe' nicht mehr ertragen, sagt er 'ganz privat' - und meint damit 'diesen Struktur-Fetischismus, bei dem am Ende nichts rauskommt, außer massenweise verschlissene und frustrierte Talente, die zum fucking Privatfernsehen gehen'.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2022 - Medien

So wahnsinnig konkret wurde Tom Buhrow in seiner Rede zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender, die er ja ausdrücklich als Privatperson hielt, eigentlich gar nicht, finden die SZ-Medienredakteurinnen Aurelie von Blazekovic und Claudia Tieschky bei näherem Hinsehen. Aber mit Interesse liest man, welcher Sturm im Wasserglas ihr sogar schon vorausging: "Gegrübelt worden war über die Tabu-Rede Buhrows offenbar lange: Der Referent der WDR-Geschäftsführung berichtet auf einer Business-Plattform von 'wochenlangen Vorbereitungen' und 'diversen Nachtschichten' vor der Rede, zählt die ARD-Entourage auf, die wie er und die stellvertretende WDR-Sprecherin in Hamburg dabei waren." Der Kommentar der Autorinnen dazu: "Man kommt nicht umhin, zu bemerken, dass Tom Buhrows Moment, in dem er nur für sich sprach, offenbar von seiner beruflichen Infrastruktur umfassend unterstützt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Medien

FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld, der Tom Buhrows Rede über wünschenswerte Reformen bei den Öffentlich-Rechtlichen zuerst brachte, ist sehr aufgeregt über die "Bombe" und zitiert eher maue Reaktionen aus den Staatskanzleien der Länder. Auch der ZDF-Intendant Norbert Himmel hat bei einem Pressegespräch reagiert, das Hanfeld zusammenfasst. "Einer möglichen Fusion erteilte er eine diplomatische Absage: 'Wir sind mit unseren drei linearen Kanälen vergleichsweise schlank aufgestellt. Ich finde es wichtig, dass wir auch im publizistischen Wettbewerb sind', sagte Himmler."

Buhrow mag vor Kühnheit gezittert haben, als er die Rede hielt, Perlentaucher Thierry Chervel mag nicht recht dran glauben. Die Sender sind politisch viel zu stark abgesichert und blockiert, als dass man Grundsätzliches an ihnen ändern könnte, fürchtet er in einem Twitter-Thread. Charakteristisch sei darum eher, was Buhrow inhaltlich ins Spiel bringt: "Er schlägt vor, die Rundfunkorchester zu schleifen, bis nur noch ein paar Spitzenensembles übrig bleiben. Kultur will er zentralisieren. Worüber er überhaupt nicht redet, sind die Sportrechte. Allein für die Fußball-WM im Sklavenhalter-Staat Katar zahlen die Sender meines Wissens über 200 Millionen Euro. Die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender tragen mit diesen ungeheuren Summen maßgeblich dazu bei, dass solche Ereignisse, über die sie dann vorgeben zu berichten, überhaupt stattfinden."

Mit seinem Vorschlag hätte "Buhrow nicht nach Hamburg reisen müssen, sondern schon vor zehn Jahren loslegen können, als er nämlich zum Intendanten des WDR gewählt wurde", schreibt Willi Winkler in der SZ: "Zugegeben, es gab Wichtigeres - das Kulturprogramm einzudampfen, mit Bild auf Omas Motorrad durch den Hühnerstall zu kurven und ein Jahresgehalt von 400.000 Euro zu rechtfertigen, aber schließlich wurde auch Rom nicht an einem Tag zerstört."

Spricht Buhrow, sonst eher für "wolkige" Texte bekannt, hier vielleicht als Privatmann, fragt sich Dirk Peitz (ZeitOnline) und vermutet, dass es sich nur um eine "selbst entlastende Geste" handeln könnte: "Buhrows Rede selbst war am Ende ein Best-of der Klagen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, da verbanden sich Form und Inhalt ganz gut, wenn auch nicht unbedingt mit dem bisherigen Intendantenhandeln des Vortragenden. Man kann diese Rede aber durchaus als spätes öffentlich-rechtliches Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Logik betrachten, mit der der ÖRR in Deutschland einfach immer weiter gewachsen ist: mehr Sender für mehr Spezialinteressen an mehr medialen Ausspielorten. Systeme neigen bekanntlich nicht dazu, sich selbst abzuschaffen oder nur zu verkleinern. Aber womöglich war Buhrows Rede ja wirklich ein uneigennütziges und ehrliches Bekenntnis von jemandem, der nach einem Volontariat beim Bonner General-Anzeiger seit 1985 seine gesamte berufliche Laufbahn beim ÖRR verbracht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2022 - Medien

"Mein fester Eindruck ist: Deutschland scheint uns in zehn Jahren nicht mehr in dem Umfang zu wollen - und auch finanzieren zu wollen wie heute", sagte WDR-Intendant Tom Buhrow vor dem Verein Übersee-Club in Hamburg, meldet unter anderem ZeitOnline. Auch ein Fusion von ARD und ZDF könne er sich vorstellen: "Dahinter stehe die wichtige Frage, wie viele unabhängige Rundfunkanstalten zur föderalen Struktur und Vielfalt in Deutschland gehören sollen. 'Das wird nicht Sender für Sender und Bundesland für Bundesland zu lösen sein - sondern nur in einem größeren Zusammenhang.'" In der FAZ resümiert Michael Hanfeld sehr ausführlich Buhrows Ideen.
Stichwörter: Buhrow, Tom, WDR, ARD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2022 - Medien

Wie wird wohl Elon Musk mit den komplexen Problemen umgehen, die der Twitterkauf bedeutet, fragt sich in der SZ Andrian Kreye. "Wenn er zum Beispiel die Meinungsfreiheit bei den chinesischen Dissidenten durchsetzt, ist ihm die chinesische Regierung böse, die Teile seiner Teslas bauen. Wenn er die Dissidenten aber drosselt, sind ihm die Deutschen böse, die in der Gigafactory Brandenburg ebenfalls für ihn produzieren, aber vor allem seine Teslas kaufen. Was ist mit Iran? Mit Russland? Dort ist Twitter genauso wie in China offiziell gesperrt und nur über Umwege wie VPN-Tunnel erreichbar. Wird er dort die Opposition stützen? Für einen Meinungsfreiheitskämpfer eine edle Aufgabe. Wird er sie gleichzeitig mit Verschlüsslungsmechanismen vor dem Zugriff der Diktaturen schützen? Das wäre ein Widerspruch zu seiner Open-Source-Haltung, dem digitaltechnischen Äquivalent zur Meinungsfreiheit." Kreye wüsste da auch keinen Rat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2022 - Medien

Twitters Gründer Jack Dorsey hatte schon im April Elon Musk geschrieben, dass ein Soziales Netzwerk nicht der berühmte Townsquare werden könne, also ein Ort der öffentlicher Diskussion, solange es auf Werbung beruht, erinnert Eli Pariser auf Wired. Seiner Meinung nach braucht es eine öffentlich finanzierte Plattform: "Der Kauf durch Musk ist das unvermeidliche Ergebnis unser kollektiv getroffenen Entscheidung, den öffentlichen Raum an zentralisierte, werbegesteuerte Unternehmen abzutreten, die von einigen wenigen Männern kontrolliert werden. Das Ergebnis ist ein funktionell autokratisches digitales Umfeld, in dem man twittern kann, was man will - aber um die Dynamik der Plattform selbst zu ändern, braucht man 44 Milliarden Dollar. Und es ist eine Katastrophe für die Demokratien, für die Gemeinwesen und für viele Menschen, die unter dem Hass, der politischen Unterdrückung und Schlimmerem leiden, nur weil sie in einer Aufmerksamkeitsökonomie Nachzügler sind."

Can Dündar, der nach den Gezi-Protesten als Chefredakteur der Cumhüriyet abtreten musste und jetzt für seine fünf Millionen Follower auf Twitter angewiesen ist, graut es auf ZeitOnline gar nicht so sehr vor Elon Musk, sondern vor dem neuen türkischen Mediengesetz. Es will Desinformation unter Strafe stellen, ist aber so schwammig fomuliert, dass es auch auf Kritik an der Regierung zielt, wie Dündar schreibt: "Meine Posts auf Twitter werden seit letzter Woche weniger geteilt und gelikt. Und zwar nicht etwa, weil meine Kommentare sich verändert hätten. Sondern, davon muss ich ausgehen, weil das Mediengesetz einen Klick auf den Like-Button faktisch zu einem Straftatbestand gemacht hat. Nach den Algorithmusregeln der Social-Media-Plattformen bedeutet das auch: Je weniger Posts eines Accounts gelikt und geshart werden, desto weniger sichtbar wird er. Mit einer solchen Informationsverdunklung also will Erdoğan in die sowohl für ihn wie auch für die Türkei historischen Wahlen gehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2022 - Medien

Programmdirektor bei den Öffentlich-Rechtlichen müsste man sein! Nur einen einzigen Tag muss ein Programmdirektor beim RBB arbeiten - und schon steht ihm ein lebenslanges "Ruhegeld" von 8.000 Euro monatlich zu, hat Laura Hertreiter (SZ) erfahren: "Dass die ARD ihre Bosse mit Säcken voll Geld in den Sonnenuntergang reiten lässt und gleichzeitig die hundertvierte Quizshow sendet, statt mit Premiumprogramm zu protzen, ist indiskutabel. Und es ist unanständig, dass ARD-Sendungen oft genug von freien Journalisten gemacht werden, die man zwischen prekären Zeitverträgen zappeln lässt, während Ruhende Ruhegeld erhalten - und sich nicht mal irgendein Verantwortlicher für diesen Begriff schämt in einem System, das jeder in einem Haushalt lebende Mensch in der Hoffnung auf gutes Programm selbst bezahlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2022 - Medien

Im Welt-Interview mit Christian Meier erklärt der 2020 eingesetzte BBC-Chef Tim Davie (Jahresgehalt 525.000 Pfund), wie er den von der Tory-Regierung vorgegeben harten Sparkurs umsetzen will. Allein in den kommenden Jahren sollen eintausend von den insgesamt 22.000 Stellen abgebaut werden: "Hier geht es uns wie jeder anderen klassischen Medienmarke. Sie können nicht hoffen, dass der Markt einfach so bleibt, wie er ist. Das Internet verändert alles. Die Verbreitung von linearem Fernsehen bietet Sendern langfristig keine Vorteile. Sie sind also in einer Lage, in der das Angebot und die Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt der unbegrenzten Auswahl bestehen muss. Das ist die Herausforderung für die BBC. Es geht nicht einfach darum, mit einem Budget zurechtzukommen. Wir müssen sicherstellen, dass Geld innerhalb der BBC so verteilt wird, dass wir sicherstellen können, dass wir 'digital first' sind, also das Digitale an erster Stelle steht. Und wie lässt sich dieser Wandel hinbekommen, wenn man gleichzeitig das Kernpublikum nicht aufgeben will? Dazu braucht es ein gutes Urteilsvermögen und Fingerspitzengefühl. Sie müssen schnell digital werden - aber das bedeutet auch, dass man harte Entscheidungen treffen muss."
Stichwörter: BBC, Davie, Tim

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2022 - Medien

Russische und belarussische Exilmedien wie Zerkalo (Nachfolger der belarussischen Plattform tut.by) und Nowaja.Europa würden sehr gern viel stärker von Berlin aus agieren - bisher haben sie vor allem in baltischen Ländern Asyl gefunden, schreiben Katja Gloger und Georg Mascolo in der SZ. Verschiedene Stellen der Bundesregierung haben auch ihre Offenheit proklamiert. In der Praxis aber klappt es nicht: "Für die eingetretenen Verzögerungen machen sich die beteiligten Ministerien und Behörden wechselseitig verantwortlich. Es entsteht der Eindruck, dass politische Versprechen und behördliche Praxis auseinanderklaffen - wieder einmal, wie im Fall der afghanischen Ortskräfte. Und sollte die moralische Lektion aus diesem Versagen schon vergessen sein: Unabhängige russische Medien zu unterstützen, Journalistinnen und Journalisten willkommen zu heißen, ist in der nun wohl lange dauernden Auseinandersetzung mit Russland von herausragender Bedeutung."

Adieu Print in Sozialen Medien. Facebook wird seine "Instant Articles" einstellen, ein Format, das es Medien erlaubte, sich auf  Facebook besonders prominent darzustellen, berichtet Sara Fischer bei axios.com. Auch Google "erklärte letztes Jahr, dass es Nachrichtenartikel, die das AMP-Format (Accelerated Mobile Pages) verwenden, in der Rangliste nicht mehr bevorzugen würde, was das Aus für dieses Format bedeutet. Zwischen den Zeilen: Da immer mehr soziale Plattformen wie Meta auf vertikale Kurzvideos setzen, investieren die meisten Verleger ohnehin in Videoinhalte für diese Plattformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2022 - Medien

Nach Prozessen gegen die "Tagesschau"-App und das Online-Angebot des RBB klagen 16 Zeitungsverlage nun gegen die SWR-App "Newszone", meldet Wolfgang Janisch auf den Medienseiten der SZ. Bitter für die Öffentlich-Rechtlichen, denn auch sie sehen ihre Zukunft im Internet, meint Janisch. Und der vage gehaltene Medienstaatsvertrag, der festhält, dass Telemedienangebote nicht presseähnlich sein dürfen, macht es nicht einfacher: "Das ist - Stichwort Online-Journalismus - ein Abgrenzungsversuch, der mehr Probleme schafft, als er löst. Denn was 'presseähnlich' ist, weiß heute wahrscheinlich nicht einmal mehr die Presse selbst, weil die Verlage sich vom Denken in Papierkategorien gerade verabschieden. Zeitungsnachrichten halten auf der Website im Geschwindigkeitswettbewerb längst Schritt mit dem einst uneinholbaren Rundfunk, modernes Storytelling verbaut Fotostrecken und bewegte Bilder, Kommentare werden auch mal in Kameras gesprochen, und ein bisschen Radio macht die Presse im Zeitalter des Podcasts ebenfalls. Wer Onlinejournalismus betreibt, handelt beinahe unausweichlich 'presseähnlich'. Wie soll da ein Gericht mit dem Gutenberg'schen Begriff Grenzen ziehen?"