9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2022 - Medien

Dass es ein "Hufeisen" gibt, an dem sich rinks und lechts berühren, wird ja weithin bestritten. Aber es in den Medien tun sich im Moment einige verbüffende Symmetrien auf. So wie Henryk Broder jüngst seinen Abschied von der nun allzu putinistischen Schweizer Weltwoche erklärte (unser Resümee), ziehen sich einige Autoren von der superlinken Postille konkret zurück, weil sie ebenso allzu putinistisch ist, Ruth Lang Fuentes berichtet für die taz. "Bei den Unterzeichner:innen war es der redaktionelle Kurs zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der konkrete Anlass für die Beendigung der Autor:innenschaft bot sich mit der Märzausgabe der Zeitschrift, die am 25. Februar, das heißt einen Tag nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erschien. Unter dem Titel: 'Go East! Nato-Aggression gegen Russland'." Schon in den Jugoslawien-Kriegen hatte konkret mit ihrem Redakteur Jürgen Elsässer  eine ähnliche Linie pro Aggressor und gegen den Westen gefahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2022 - Medien

Studien und Umfragen zufolge haben Menschen in Deutschland und anderen Ländern ihren Nachrichtenkonsum eingeschränkt, sie leiden unter ein "News Fatigue", schreibt Christian Meier in der Welt. "Diesen Effekt belegen auch Ergebnisse des 'Digital News Report' des Reuters Institute mit Sitz in Oxford. Einmal jährlich führen Medienwissenschaftler Interviews zum Medienkonsum von Menschen weltweit. Das Interesse an Nachrichten, heißt es im gerade veröffentlichten Report, sei in vielen Ländern deutlich gesunken. In Deutschland interessierten sich demnach nur noch 57 Prozent der erwachsenen Internetnutzer für Informationen über das aktuelle Geschehen - ein Rückgang von zehn Prozentpunkten zum Vorjahr. Am deutlichsten sei diese Entwicklung bei jungen Erwachsenen im Altern von 18 bis 24 Jahren, hier interessierten sich nur noch 31 Prozent für Nachrichten - ein Minus von 19 Prozentpunkten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2022 - Medien

Erdogan kontrolliert bereits jetzt 95 Prozent der türkischen Medien, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Zur Sicherheit erklärt er aber noch ein paar Regeln: "Berichterstattung dürfe nicht gegen 'die allgemeine Moral und den Schutz der Familie' verstoßen. Nachrichten, die nicht im Einklang mit den 'nationalen und gesellschaftlichen Werten' stehen, dürfen nicht gebracht werden. Und wer entscheidet darüber, ob Berichterstattung nun diesen Regeln entspricht? Selbstverständlich die Beamten des Palastes. Zeitungen, die sich nicht an die Regeln halten, erhalten von der öffentlichen Hand keine Anzeigen mehr, und die Presseausweise ihrer Mitarbeiter werden annulliert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2022 - Medien

Johannes Willms, Feuilletonchef der SZ zwischen 1993 und 2000 und Erfinder des "Literarischen Quartetts", ist nach kurzer Krankheit im Alter von 74 Jahren gestorben. In der SZ erinnern sich Alexander Gorkow und Nils Minkmar sehr persönlich an den großzügigen und humorvollen "Architekten des geistigen Deutschlands". Er "begriff den Kulturjournalismus im Fernsehen und in der Zeitung als einen Dienst an der Öffentlichkeit - und nicht als Gelegenheit zum Ausweis elitärer Kompetenzen oder Rechthabereien. Dabei setzte Johannes Willms schlicht voraus, dass sich kluge Menschen nun mal für Geschichte und Literatur interessieren, ja begeistern - einfach weil sie Bürgerinnen und Bürger in Karl Poppers offener Gesellschaft sind, der Republik. Den heute hingegen so zwanghaft kultivierten Part, dem Publikum zu erklären, weshalb es sich für Napoleon oder Charles de Gaulle interessieren sollte, Schwieriges, gar Historisches also mit Smileys zu garnieren, die aktuelle Übung auch, potenzielle Leserinnen und Leser wie arme Herumirrende durch alle Arten von Niveau-Limbo abzuholen, das alles kam nicht in Frage." In der Berliner Zeitung erinnert sich Harry Nutt: "Seine elegante Erscheinung war derart einschüchternd, dass es beinahe verblüffte, wie wenig auftrumpfend Johannes Willms im Gespräch unter Kollegen war."

Willms ragte wie ein Denkmal aus glücklicheren Medienzeiten in die heutige Landschaft. Seine stete Fröhlichkeit aber diente in gewisser Hinsicht dazu, seine stupende Bildung und übrigens seinen protestantischen Fleiß zu kaschieren, eine Geste der Höflichkeit! Denn nebenbei schrieb er einige fulminante Napoleon-Biografien und Referenzwerke zur französischen Geschichte (seine Bücher im Perlentaucher). Es ist richtig, schreibt sein ehemaliger SZ-Kollege Claudius Seidl in der FAZ, "dass im Feuilletonchefzimmer immer gekühlter Champagner bereitstand. Wichtiger daran war aber, dass Willms seine geistige Kraft, seine intellektuellen Maßstäbe, seine Vorstellung von Vollkommenheit aus französischer Kultur, vor allem aus der französischen Aufklärung, schöpfte."

In der FAZ schreibt Othmara Glas über den ukrainische Oligarchen Rinat Achmetow, dem im Rahmen eines "Gesetzes zur Entoligarchisierung" seine Mediengruppe weggenommen wird. Der Medienvielfalt diene das nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2022 - Medien

Im Interview mit Benedict Neff von der NZZ erklärt Henryk Broder, warum er nicht mehr in der extrem proputinistischen Zürcher Weltwoche schreibt: "Ich verbiete niemand, eine Meinung zu haben. Aber ich bin nicht dazu verpflichtet, in einer Umgebung zu bleiben, die mir Unbehagen bereitet. Oder sagen wir: ein starkes Grummeln im Magen, das auf einen bevorstehenden Kotzausbruch hindeutet. Ich würde mich auch nicht in ein Café setzen, in dem Hamas-Leute sitzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2022 - Medien

Nick Cohen rechnet im Observer mit Boris Johnson ab. Und auch mit den Medien, die ihn ermöglicht hatten: "Die Sun, die Mail, der Express und der Telegraph waren mehr als nur Opfer einer Kultur der Abhängigkeit. Von gelegentlichen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen, waren sie ein aktiver und williger Arm des Johnsonschen Staates. Sie boten dem Premierminister einen privatisierten Propagandadienst mit Cheerleadern, Schönrednern, Rüpeln und Spionen. Johnson war einer der ihren. Sie liebten ihn dafür."
Stichwörter: Johnson, Boris, Spio

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2022 - Medien

Die FAZ macht sich für Pressesubventionen stark: Sachsen und Niedersachsen starten eine Bundesratsinitiative, um der Presse Förderung zukommen zu lassen, berichtet Helmut Hartung. Die vorherige Regierung wollte vor dem Wahlkampf bereits 200 Millionen Euro locker machen, zog aber zurück, nachdem Internetmedien mit Klagen drohten. Aber aufgegeben ist die Idee nicht: "Mit einer Bundesratsinitiative setzen die Länder ein Signal, sie können die Bundesregierung aber nicht zum Handeln zwingen. Es ist offen, ob und wann die Regierung ihre Verpflichtung aus dem Koalitionsvertrag, die flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen zu gewährleisten und dafür geeignete Fördermöglichkeiten zu prüfen, umsetzt."
Stichwörter: Niedersachsen, Sachsen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2022 - Medien

George Degiorgio, der mutmaßliche Auftragsmörder der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, hat in einem Gespräch mit einem Reuters-Journalisten seine Tat ohne weiteres zugegeben - und übrigens ohne ein Zeichen des Bedauerns. Stephen Grey berichtet für die Agentur: "In seiner ersten Stellungnahme aus dem Gefängnis sagte George Degiorgio, wenn er mehr über Daphne Caruana Galizia gewusst hätte - die Journalistin, die er und zwei andere im Jahr 2017 getötet haben sollen - hätte er mehr Geld für die Ausführung des Anschlags verlangt." Degiorgio äußerst sich in einem sechsteiligen Podcast der Agentur zum Mord an der Journalistin. In der Hoffnung auf Straferleichterung will er andere Schuldige benennen.

Über "Schlesinger-Filz" beim RBB berichtet der Tagesspiegel. Gemeint ist die Intendantin des Berlin-Brandenburger Senders, Patricia Schlesinger: "Schlesingers Ehemann, Gerhard Spörl, bekam durch Vermittlung des RBB-Verwaltungsratchefs Wolf-Dieter Wolf einen lukrativen Beratervertrag. Dann soll Schlesinger in ihrem Privathaushalt Abendessen gegeben haben, die sie über den RBB abgerechnet hat. Beides ist von der Compliance-Abteilung des RBB geprüft und in keiner Weise gerügt worden."

Seit 2005 sind in den USA 2.500 Lokalzeitungen eingestellt worden, also ein Viertel der einst zehntausend, schreibt Jürgen Schmieder in der SZ. So entstehen "Nachrichtenwüsten", denn in zwei Dritteln der 3.143 Bezirke in den USA gebe es gar keine oder nur eine Tageszeitung. "Lokaljournalismus ist bedeutsam in einem solchen Land, denn: Was hat ein linksliberaler Kalifornier mit dem Republikaner aus Kentucky gemein außer der Übereinkunft, keinen gemeinsamen Nenner finden zu wollen? Wenn es niemanden mehr gibt, der über den Stadtrat oder den Skandal im Schulbezirk berichtet oder aufgrund der Monopolstellung eines Mediums nur so, dass es dessen Förderern gefällt, dann ist die Demokratie wirklich bedroht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2022 - Medien

Das philippinische Nachrichtenmagazin The Rappler hat unter Chefredakteurin Maria Ressa viele Verbrechen des Duterte-Regimes aufgeklärt, Ressa bekam dafür den Friedensnobelpreis. Nun schließt Rodrigo Duterte das Magazin. Michael Lenz schildert es in der taz als ein Geschenk an Ferdinand Marcos Jr., einen Abkömmling des einstigen Diktators, der die Macht von Duterte übernimmt: "Marcos habe schon im Wahlkampf nur mit Medien gesprochen, die ihm freundlich gesinnt waren. Auf der ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl im Mai habe er Fragen einer Rappler-Reporterin einfach ignoriert. Bei einer späteren Pressekonferenz sollen erst gar keine Fragen zugelassen gewesen sein. Rappler hat gegen die Anordnung der Finanzaufsicht, dichtmachen zu müssen, Berufung eingelegt und will zum laufenden Verfahren keine Stellungnahme abgeben."

In der Berliner Zeitung berichtet Joseph Croitoru, dass die palästinensische Journalistin Schireen Abu Akleh nach Untersuchungen der Gewehrkugel durch amerikanische Stellen wohl von israelischen Soldaten erschossen wurde. Croitoru berichtet auch unter Bezug auf das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, dass Israel seit 2000 auch weitere palästinensische Journalisten erschossen habe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2022 - Medien

Von der Kommunikationspsychologie der Ukrainer können wir einiges lernen, meint - auch mit Blick auf Leugner von Corona oder des Klimawandels - der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem Essay für die NZZ. Oder von den Finnen: "Medienbildung muss die Demokratie schützen, ohne die Ideale von Aufklärung und Mündigkeit zu verletzen. Finnland liefert dazu ein gutes Beispiel. Dort hat man schon vor dem Schock der Krim-Annexion 2014 und als Reaktion auf russische Desinformationskampagnen eine Medienbildung aufgebaut, die in Europa ihresgleichen sucht. Unter anderem gibt es ein 'critical thinking curriculum', das darauf zielt, quer durch alle Fächer Quellenanalyse und Fact-Checking einzuüben, Manipulationstechniken zu analysieren und zu entlarven. Medienbildung wird als gesellschaftliche Aufgabe begriffen, die im Idealfall im Kindergarten beginnt. Ziel ist es, die eigene Urteilskraft zu stärken."