9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2022 - Medien

Wer die Stille der russischen Zivilbevölkerung beklagt, sollte das Ausmaß der Repression nicht vergesssen, schreibt der oppositionelle Journalist Vladimir Kara-Murza in einem Brief aus dem Gefängnis für die Washington Post: Die "Wahrheit wird vor der russischen Öffentlichkeit akribisch verborgen. Seit Wladimir Putins Invasion im Februar wurden bis Anfang Mai mehr als 3.000 russische und ausländische Websites von der staatlichen Zensurbehörde gesperrt, weil sie gegen deren Anordnung verstoßen haben, nur 'offizielle Informationen' - also die Propagandabotschaft des Kremls - über den Krieg zu verbreiten. Mehr als 200 Medien wurden blockiert oder gänzlich abgeschaltet."

Friedrich Küppersbusch ist Medienexperte und Produzent der Talkshow "Gysi & Schmidt - der ntv-Rückblick". Im Gespräch mit Michael Angele vom Freitag lässt er Überdruss an gewissen rhetorischen Figuren erkennen: "Es ist ja inzwischen zum 'ceterum censeo' jedes Krieges geworden. Saddam Hussein war irgendwann Hitler, Milošević irgendwann Hitler. Der polnische Staatspräsident sagt, wer mit Putin telefoniert, hätte damals auch mit Hitler telefoniert. Und umgekehrt baut die russische Propaganda ja auf die absurde These von der Entnazifizierung und dass in Kiew die Nazis herrschten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2022 - Medien

Während der philippinische Präsident Rodrigo Duterte abtritt, erlässt seine Regierung ein Dekret, dass  Nobelpreisträgerin Maria Ressa ihr Magazin The Rappler schließen soll, meldet axios.com: "Ressa, die sowohl philippinische als auch amerikanische Bürgerin ist, sagte in einer Grundsatzrede auf der Internationalen Medienkonferenz des East-West Centers in Honolulu, dass die philippinische Börsenaufsichtsbehörde das Dekret am Dienstag erlassen habe. Rappler werde gegen die Verfügung vorgehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2022 - Medien

Die großen medialen Schlachten finden nicht im russischen Staatsfernsehen statt, sondern auf Youtube, erfährt SZ-Autor Andrian Kreye in einer Studie der beiden exilrussischen Experten Andrei Soldatov und Irina Borogan für die Friedrich-Naumann-Stiftung. Der Kreml scheue davor zurück YouTube zu verbieten, wo etwa Alexej Nawalny ein Millionenpublikum erreiche, weil dort auch Russia Today sende: "Fast alle erfolgreichen sozialen Medien des so verhassten Westens haben inzwischen russische Alternativen. Es gibt drei TikTok, drei Whatsapp- und vier Youtube-Alternativen. Die heißen dann Klippi, Yappi oder Yandex. Das erinnert an die Verstaatlichung der McDonalds-Filialen mit dem etwas autoritären neuen Namen 'Lecker und Punkt' oder an fernöstliche Markenklone. Und wenn Russlands Interview-Star Yuri Dud ein Konto bei der Youtube-Alternative Yandex eröffnet und dort nur 1642 Abonnenten hat, auf Youtube aber zehn Millionen? Schadenfreude. Gerade weil Dud regelmäßig Nationalisten in die Schnappatmung treibt. Den im April verstorbenen Rechtsextremen Wladimir Schirinowski hatte Dud einst gefragt, warum dessen Wahlkampfvideos immer aussehen wie Schwulenparties."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2022 - Medien

Jochen Bittner widmet in der Zeit der Woke-Werdung Mathias Döpfners, die zur Kündigung der Bild-Redakteurin Judith Sevinc Basad führte, eine ganze Seite. Wirtschaftliche Gründe könnten eine Rolle spielen, denn Springer ist in Amerika stark engagiert, hat amerikanische Investoren und folgt deren puritanischen Compliance-Regeln: "Döpfner hat gerade erst den US-Medienrummel um den - inzwischen gegangenen - Bild-Chef Julian Reichelt überstanden, dem vorgeworfen worden war, seine Macht gegenüber untergebenen Frauen missbraucht zu haben. Erst als patriarchal, dann auch noch als transphob zu gelten, das wäre für Investoren dann vielleicht doch ein Gift zu viel." Wenn Döpfner auch noch Waffen am Arbeitsplatz zulässt, wissen wir, dass die These stimmt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2022 - Medien

Die EU-Kommission gibt Nachrichtenagenturen im Rahmen einer neuartigen Kooperation Fördergelder und schöne Büros in Brüssel, berichtet Alexander Fanta bei Netzpolitik. Das Projekt ist heikel: "Das Geld stammt aus dem Budget der EU-Kommission für Öffentlichkeitsarbeit, aus dem auch der Sender Euronews Mittel erhält. Als Gegenleistung für die Finanzspritze sollen die Korrespondent:innen der Agenturen zweimal wöchentlich einen Nachrichtenüberblick produzieren, der eine 'paneuropäische Perspektive auf die EU-Politik' bietet. (...) Doch die Vermischung von Auftragsarbeit und redaktioneller Tätigkeit sorgt für Irritation. Denn das EU-Geld soll die Arbeit der Journalist:innen finanzieren, ist jedoch an konkrete Leistungen für die Kommission geknüpft. Wie sichern die Agenturen ihre Unabhängigkeit von der EU-Kommission, wenn diese sie für Nachrichten bezahlt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2022 - Medien

Die Journalistin Carole Cadwalladr ist über Jahre von dem Millionär Arron Banks mit Prozessen schikaniert worden, weil sie über seine Beziehungen zur Russland und Facebook und seine illegale Finanzierung der Brexit-Kampagne berichtet hatte. Inzwischen sind neue Details über ihn bekannt geworden, über die aus Angst vor juristischen Konsequenzen praktisch kein britisches Medium außer dem Guardian berichtete, schreibt sie. Der Prozess nach den extrem pressefeindlichen britischen Gesetzen hat sie existenziell betroffen und ihr trotz ihres letztlichen Sieges geschadet, erklärt sie im Guardian: "Ich schreibe dies heute, weil das Gesetz geändert werden muss. Wir können und dürfen nicht zulassen, dass ein weiterer Journalist so etwas durchmachen muss. Nicht um seines Verstandes, sondern um der Gesundheit unserer Demokratie willen. Denn das ist nicht Demokratie. Es ist Oligarchie. Und der Fall Banks gegen Cadwalladr muss das letzte Mal sein, dass diese obszönen Gesetze auf diese Weise gegen einen Journalisten eingesetzt werden."

Etwas ungerecht verliefen die Konsequenzen bei der Deutschen Welle, wo sich einige Mitarbeiter der arabischen Redaktion antisemitisch geäußert hatten und gefeuert wurden (unsere Resümees), berichtet Anna ernst in der SZ: "Die Verantwortlichen in der arabischen Redaktion, die die später Gefeuerten eingestellt hatten, sind butterweich gefallen: Der zurückgetretene Redaktionsleiter arbeitet nun im Bereich Unternehmensstrategie, sein früherer Stellvertreter in der Chefredaktion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2022 - Medien

Die britische Innenministerin Priti Patel  hat für eine Auslieferung Julian Assanges an die USA optiert, eine Entscheidung, gegen die immer noch Rechtsmittel möglich sind. Patel hätte auch im Sinne der Pressefreiheit entscheiden können, sagt der Guardian in seinem Editorial: "Ihre Vorgängerin Theresa May hat das Auslieferungsverfahren von Gary McKinnon, der das US-Verteidigungsministerium gehackt hat, eingestellt. Das Vereinigte Königreich hätte entscheiden können, dass Assange ein unannehmbar hohes Risiko einer langen Einzelhaft in einem US-Hochsicherheitsgefängnis droht. Stattdessen hat Frau Patel der Pressefreiheit und der Öffentlichkeit, die ein Recht darauf hat, zu erfahren, was ihre Regierungen in ihrem Namen tun, einen Schlag versetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2022 - Medien

Das ist Stoff für deutsche Twitter-Blasen! Die Journalistin Judith Sevinç Basad, nicht gerade beliebt bei linken Twitterern, erklärt in einem offenen Brief, warum sie bei der Bild-Zeitung kündigt - wegen einer direkte Attacke des Springer-Chefs Mathias Döpfner, der sich neulich von einem die Trans-Bewegung kritisierenden Text in der Welt distanziert hatte (unser Resümee): "Der Grund für meine Kündigung ist am Ende der Umgang von Axel Springer, also auch Ihr Umgang, mit der woken Bewegung. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr über die Gefahren berichten kann, die von dieser gesellschaftlichen Bewegung ausgehen. Und ich habe das Gefühl, das der gesamte Verlag in dieser Sache nicht mehr hinter mir steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2022 - Medien

Russland verweist 29 britische Journalisten des Landes, darunter sämtliche Guardian-Korrespondenten und Kollegen der BBC, die mit die beste journalistische Arbeit im Krieg gemacht haben. Im Guardian berichtet Pjotr Sauer. "Russland ist seit seinem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar mit beispielloser Härte gegen russische und ausländische unabhängige Nachrichtenagenturen sowie gegen ausländische soziale Netzwerke vorgegangen." Max Seddon berichtet in der Financial Times sogar von 49 Personen, die ausgewiesen werden, darunter auch Gideon Rachman von der FT selbst.

Weil Ayaan Hirsi Ali die Transbewegung als "idiotischste Ideologie von allen" beschrieben hatte, wurde ihr Kommentar im Schweizer Fernsehen mit einer Triggerwarnung versehen, berichtet Lucien Scherrer in der NZZ. Triggerwarnungen sind im Fernsehen üblicherweise für Bilder von Gewalt und Zerstörung reserviert, vor Meinungen wird sonst nicht gewarnt. "Aufgrund von Kritik in den sozialen Netzwerken hat man sich immerhin dazu entschlossen, die Triggerwarnung abzuschwächen. Statt 'Diskriminierung gegenüber Transgender- und nichtbinärer Geschlechtsidentität' heißt es nun: 'Thematisierung von Genitalverstümmelung und Diskriminierung von Geschlechtsidentitäten'. Die Kritik an Geschlechterkonzepten, so könnte man daraus schließen, ist genauso schlimm wie die Verstümmelung von Mädchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2022 - Medien

"Boris Johnsons Innenministerin hat das Leben von Assange in der Hand", schreibt Constanze Kurz in Netzpolitik: "Im April 2022 hatte nach zwölf Jahren Hickhack und nach mehreren juristischen Verfahren zuletzt ein britisches Gericht entschieden, dass der WikiLeaks-Gründer ausgeliefert werden könne. Nach diesem Urteil liegt die Entscheidung seither bei der Regierung von Boris Johnson, namentlich bei der britischen Innenministerin Priti Patel. Patel gilt als Hardlinerin, daher wird erwartet, dass sie zu Ungunsten von Assange entscheidet. Spätestens am 17. Juni soll sich die Ministerin entschließen."