9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2022 - Medien

In deutschen Medien wurden die jüngsten Äußerungen Dmitri Medwedjews kaum wahrgenommen. Er hatte gepostet: "Ich werde oft gefragt, warum meine Telegram-Posts so hart sind. Die Antwort ist: Weil ich sie hasse. Sie sind Bastarde und Abschaum. Sie wollen unseren Tod, den Tod Russlands. Und solange ich lebe, werde ich alles tun, um sie verschwinden zu lassen." In Italien, so Matthias Rüb in der FAZ wurde diese Äußerung viel kommentiert, allerdings auch vor dem Hintergrund, dass es in Italien fast noch mehr russophile Influencer und Prominente gibt als hierzulande: "Anfang dieser Woche veröffentlichte die konservativ-liberale Tageszeitung Corriere della Sera eine Liste von einem knappen Dutzend pro-russischer Journalisten, Ökonomen, Politologen und Historikern, die sich bei der Verteidigung der russischen Position besonders hervortun. Und die vor allem den parteilosen Ministerpräsidenten Mario Draghi immer wieder ins Visier ihrer Kritik nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2022 - Medien

Lucien Scherrer porträtiert für die NZZ  die Journalistin Ekaterina Glikman, die von der Schweiz aus für die Nowaja Gaseta Europa schreibt - längst kann die berühmte Zeitung nur mehr online erscheinen. Für sie ist die Monumentalisierung der stalinistischen Vergangenheit einer der Hauptgründe für die Möglichkeit dieses Krieges: "Wie verlogen der Umgang mit dem Erbe des Landes ist, wird ihr erstmals in der Schule bewusst, und das nicht nur, weil die meisten Schulbücher noch aus der Sowjetunion stammen. Mit 15 wird sie von ihren Lehrern aufgefordert, an einem nationalen Schreibwettbewerb teilzunehmen, zum 50. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Nazideutschland. Glikman schildert das Schicksal ihres Großvaters, der drei Jahre in einem deutschen Kriegsgefangenenlager vegetierte. Bei der Befreiung wog er noch 38 Kilogramm - glücklich, dass man ihn nicht gleich zurück in die Sowjetunion schickte, wo Stalin ehemalige Gefangene gleich nochmals einsperren und hungern ließ, wegen 'Verrat am Vaterland'. Der Text wird nicht angenommen: zu wenig heroisch, zu wenig Pathos, zu wenig militaristisch.
Stichwörter: Nowaja Gaseta

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2022 - Medien

Fünf AutorInnen veröffentlichten vor einigen Tagen in der Welt einen Aufruf, der bei Twitter größte Empörung auslöste. Sie behaupten, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in unverantwortlicher Weise Transsexualität propagieren und dabei wissenschaftliche Fakten ignorierten. In einem ziemlich ungewöhnlichen Akt kritisiert nun Springer-Chef Mathias Döpfner höchstselbst diesen Text: "Für alle, die sich der LGBTIAQ*-Community zugehörig fühlen, ist er eine Verletzung und Zumutung. Das ist schade oder sogar schlimm. Denn das darin angesprochene Thema - wie und wann man Kindern Diskussionen und Entscheidungen über fluide Geschlechtsidentitäten verweigert oder zumutet - ist ein ausgesprochen wichtiges und heikles. Immer mehr Kinderpsychologen sehen hier große Gefahren in beiden Richtungen. Sowohl, wenn das Thema zu lange verdrängt, aber vor allem auch, wenn es zu früh aufgedrängt wird." Döpfner betont die LGBT-freundliche Politik seines Hauses und bittet, den Ausschluss seines Hauses von der queeren Jobmesse "Sticks & Stones" rückgängig zu machen.

Döpfner ist in diesen Tagen auch als Chef des Zeitungsverlegerverbands BDZV zurückgetreten, wo er auf europäische Ebene die Politik das Fürchten lehrte und ein Leistungsschutzrecht durchsetzen half. Steffen Grimberg bilanziert sein Wirken in der taz in dem gegenüber Springer üblichen spöttischen Tonfall und zitiert aus Döpfners Abschiedsschreiben: "Er empfiehlt dem BDZV künftig 'andere Strukturen' und vor allem 'mehr Repräsentanz der lokalen und regionalen, kleinen und mittleren Verlage'. In anderen Worten: Da ist einer krachend gescheitert und macht jetzt den Abgang, bevor er von der eigenen Branche dazu gezwungen wird. Seine Worte klingen nach Flucht."

Außerdem: Der Politologe Markus Linden wirft seiner Kollegin Ulrike Guérot in der FAZ vor, in Corona- und Ukraine-Debatten die Wirklichkeit zu verfälschen und in ihren Büchern zu plagiieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2022 - Medien

Religiös betreibt Tayyip Erdogan eine Talibanisierung, doch selbst seine konservative Wählerschaft ist nicht mehr so treu wie einst, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne, medienpolitisch läuft es dagegen auf eine Putinisierung hinaus, etwa mit einem Mediengesetz , das Zitate von Quellen unter dem Schutz der Anonymität verfolgt: "Das Gesetz erhöht nun die Haftstrafe für alle, die Quellen nutzen, die ihre Namen nicht genannt haben wollen, um die Hälfte. Links zu Meldungen, die der Regierung nicht genehm sind, können künftig ohne Gerichtsbeschluss innerhalb von vier Stunden gelöscht werden. Hält sich jemand nicht an die nirgendwo schriftlich festgehaltenen 'moralischen Pressegrundsätze', wird ihm der Presseausweis entzogen."
Stichwörter: Türkei, Mumay, Bülent

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2022 - Medien

Frédéric Leclerc-Imhoff ist der achte Journalist, der im Krieg gegen die Ukraine ums Leben kam. Er war mit einem humanitären Konvoi zur Evakuierung von Zivilisten unterwegs, der von den Russen beschossen wurde. 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2022 - Medien

In der taz weiß René Martens nicht, ob er angesichts der neuen Organisationsstruktur bei RTL nach der Einverleibung von Gruner und Jahr lachen oder weinen soll. 14 Oberchefredakteure sollen über Bereiche wie "Reportage, Dokumentation & Investigativ" herrschen, über ihnen thront jedoch RTL-News-Geschäftsführer Stephan Schmitter als Chief Journalistic Content Officer: "Man muss Medienhäuser heute natürlich anders organisieren als zu Zeiten, als der Stern noch siebenstellige Verkaufszahlen hatte, aber ein Grund für das, was wir nun auch schon seit sehr vielen Jahren 'Medienkrise' nennen, sind Management-getriebene Top-down-Strukturen, in denen nicht Journalisten das letzte Wort haben."

In der FAZ berichtet Jürg Altwegg, dass sich in Frankreich Stimmen mehren, die russischen Propagandasender zu sperren, die noch immer über den europäischen Satelliten Eutelsat verbreitet werden: "Weil die russischen Propagandasender außerhalb der EU beheimatet sind, muss das Land des Satellitenbetreibers handeln. Eutelsat ist ein französisches - börsennotiertes - Unternehmen. Neben dem Staat gehört es weiteren Investoren, hat aber zweifellos auch russische Aktionäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2022 - Medien

Diese Karikatur der SZ hat auf Twitter eine Flut von empörten Kommentaren ausgelöst - sie zeigt einen schlecht getroffenen und unwirsch dreinblickenden Wolodimir Selenski, wie er übergroß als Videobild in die Konferenz von Davos projiziert wird. Viele lesen sie als antisemitisch. Die SZ versucht sich zu erklären.


Die Süddeutsche Zeitung hat schon länger ein Problem mit ihren Karikaturen, erläutert Frederik Schindler in der Welt. Schon 2018 hatte die Zeitung versprochen, mehr Sensibilität zu entwickeln: "Damals hatte die SZ die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Karikaturisten Dieter Hanitzsch beendet, nachdem sie eine antisemitische Karikatur von Hanitzsch veröffentlichte, die den Eurovision Song Contest (ESC) zu einem Event israelischer Kriegspropaganda umdeutete und die ESC-Gewinnerin Netta Barzilai mit dem Antlitz des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu darstellte, mit großen, abstehenden Ohren sowie einer Davidstern-Rakete in der Hand."

Und Stefan Laurin kommentiert bei den Ruhrbaronen: "Nein, das Weltwirtschaftsforum in Davos war keine Veranstaltung, die von Selenski beherrscht wurde. Er war nur der Repräsentant eines Landes, dessen Bevölkerung gegen einen Aggressor kämpft und mit dem Rücken an der Wand steht und um Hilfe bittet. Und genau deshalb im Gegensatz zu Scholz all unsere Unterstützung verdient hat!"

SZ Autor Ronen Steinke twittert eine Verteidigung: "Ich finde die Aufregung in diesem Fall unberechtigt. Die karikierte Figur wird nicht 'als Jude' karikiert. Das war bei Netanjahu damals (2018) anders, der ja mit Davidstern verziert war und einen jüdischen religiösen Satz in der Sprechblase hatte..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2022 - Medien

In der SZ wärmt Christoph Schwennicke, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Corint Media, unverdrossen das Märchen von den Verlagen auf, die ihre "Inhalte" kostenlos an Google und Co abgäben. Tun sie natürlich nicht, aber das weiß Schwennicke vielleicht nicht, sonst würde er die Verlage nicht mit Bob Dylan, Bruce Springsteen oder Sting vergleichen, die ihre Verwertungsrechte für Milliarden Dollar an den Vermögensverwalter Blackrock verkauft haben: "Sie alle haben begriffen, wie viel Geld sich mit den Rechten an ihren Schöpfungen verdienen lässt." Sicher, nur wollen die Zeitungen nicht wie die Musiker ihre Verwertungsrechte verkaufen, sondern Geld dafür bekommen, dass ihre hinter einer Bezahlschranke versteckten Artikel in den Suchergebnissen von Google gelistet werden. Schwennicke ficht das nicht an, er hofft auf das neue Presseleistungsschutzrecht: "Es sollte die Digitalmonopolisten zwingen, für die Presseinhalte pauschal zu bezahlen, mit denen sie bislang gratis ihr Geschäftsmodell zum eigenen Vorteil betrieben. Dieses Recht ist das schärfste Schwert, das die Presse bislang im Überlebenskampf gegen die Digitalkonzerne von der Politik an die Hand bekommen hat." Vorausgesetzt, die Verlage vereinigten sich gegen Google und Co, so Schwennicke.

Der Börne-Preis, einst eine renommierte Institution, ging an den Chefredakteur der NZZ, Eric Gujer, der das Blatt kräftig nach rechts gerückt hat. Leon de Winter spricht in seiner natürlich in der NZZ abgedruckten Laudatio viel über das angeblich grassierende Klima der Hysterie und ein wenig über Eric Gujer, dessen Artikel eine "tragisch-heroische" Qualität auszeichne. Der Börne-Preis wurde übrigens von dem Frankfurter Unternehmer Michael Gotthelf gestiftet, dem wir auch den Schirrmacher-Preis verdanken - und der ging im letzten Jahr an den Trump-Fan Peter Thiel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2022 - Medien

Dass Stern-Gründer Henri Nannen in den ersten Jahren ein emsiger Nazi-Propagandist war, ist schon länger bekannt und nun durch eine Recherche bei Funk (unser Resümee) noch eindeutiger belegt worden. Er habe zwar trotz allem auch Verdienste für den Journalismus, meint Christian Mayer in der SZ. "Doch als Namensgeber für einen bedeutenden Journalistenpreis und einer Hamburger Journalistenschule von Rang ist er jetzt für viele nicht mehr tragbar. Die Verantwortlichen täten gut daran, eine qualvolle Debatte zu vermeiden und souverän zu entscheiden."
Stichwörter: Nannen, Henri

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Medien

"Wer in Russland wissen will, was in der Ukraine geschieht, der kann es wissen", schreibt Sonja Zekri in ihrem SZ-Porträt des Berliner Privatsenders Ost West TV, des letzten unabhängigen russischsprachigen Nachrichtensenders Europas: "Für die Kreml-Hörigen unter ihren Zuschauern sind bereits die Fakten eine Provokation. In den ersten zwei Wochen des Krieges sei der Hass in den Social-Auftritten des Senders so schlimm gewesen, dass sie die Kommentarfunktion abschalteten. Dennoch versucht der Sender, jene zu erreichen, die noch nicht ganz verloren sind, bemüht sich um eine betont nüchterne Sprache und meidet herabsetzende Wendungen, wie sie viele Ukrainer und selbst einige ukrainische Medien für russische Soldaten oder Russen allgemein gebrauchen - 'Orks' zum Beispiel, nach den Finsterlingen in 'Herr der Ringe'."

Gereiztes Klima in der Schweizer Öffentlichkeit, notiert Jürg Altwegg in der FAZ, wo die Bürger geplante großzügige Mediensubventionen per Abstimmung cancelten: "Den Verlegern werden die üppigen Gewinne vorgeworfen, die sie nicht in ihre Medien investieren. In der Pandemie kassierten sie Gelder vom Staat und zahlten hohe Dividenden. Die Verleger sind für das schwindende Vertrauen in Medien mitverantwortlich." Außerdem erlaubten neue Pressegesetze Betroffenen von Berichterstattung - etwa russischen Oligarchen - schnelle juristische Schritte gegen Medien. Aber Sanktionen gegen Russland sind ohnehin unbeliebt, "der Rechtsaußen-Politiker Christoph Blocher von der Schweizer Volkspartei meint, dadurch beteilige sich die Schweiz am Krieg".