9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2021 - Medien

So heimlich sind ja inzwischen bei den Zeitungen ein paar Sachen passiert. Die Sonntagszeitung der FAZ erscheint in Wirklichkeit am Samstag. Und die Welt schrumpft ihre Wochentagsausgabe ab nächster Woche um acht Seiten. turi2 informiert dazu: "Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld erklärt im Podcast und zeigt im Video von turi2, wie die 16-Seiten-Welt künftig aussehen wird. 'Diese Zeitung ist kein bisschen Verzicht', sagt sie. Das Gegenteil sei der Fall, 'es geht nichts an Stoff, nichts an Inhalten verloren', die Zeitung sei künftig pointierter." Wir haben herzlich gelacht.
Stichwörter: Springer Verlag, Die Welt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2021 - Medien

Der Springer Verlag hat über eine Milliarde Dollar ausgegeben, um das Politik-Portal Politico zu kaufen, das in Washington eine große und dessen europäischer Ableger politico.eu in Europa eine kleine Rolle spielt. Joshua Benton erzählt bei niemanlab.org nochmal, was Politico richtig gemacht hat: "Die meisten hochwertigen Nachrichtenseiten- die Times, die Post, das Journal - haben ihre Berichterstattung teilweise oder ganz hinter eine Bezahlschranke gestellt. Das ist aus finanzieller Sicht ein kluger Schachzug. Zwar zahlt nur ein kleiner Teil der Leser, aber es ist eine besser skalierbare, berechenbare und oft lukrativere Einnahmequelle als Werbung. Politico ist immer noch für alle kostenlos. Wie das? Es hat früh erkannt, was Fluggesellschaften schon lange wissen: Es ist viel einfacher, mit einigen wenigen Kunden viel Geld zu verdienen als mit allen anderen ein wenig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2021 - Medien

Keine Aufregung, meint Christian Meier in der Welt: Dass Gruner + Jahr von der RTL-Gruppe geschluckt wurde, ist wahrscheinlich "die einzig realistische Zukunft des Verlags ... Wer heute noch so tut, als wäre RTL der journalistische Grabbeltisch und G+J die Edelfederschmiede, der könnte sich in der Zeit vertan haben. Der Niedergang, oder besser: die Schrumpfung des Verlagshauses G+J ist nicht in erster Linie auf Managementfehler zurückzuführen (auch die gab es sicher, wie in jedem anderen Unternehmen), sondern auf eine gezielte Strategie seitens des Mutterkonzerns Bertelsmann. Diese Strategie basiert auf der Annahme, dass ein Zeitschriftenverlag, dessen wesentliche Umsätze und Gewinne weiter mit gedruckten Wochen- oder Monatsmedien und ein wenig digitalem Beiwerk erzielt werden, mittelfristig nicht überleben kann."

In der SZ protestiert Wolfgang Lanzrath, Chef des Dienstes Infonline, der Reichweitenzahlen für Medien erhebt, gegen neue Cookie-Regeln, die das Leben von Medien gegenüber Internetplattformen erschwert. Während Google oder Facebook dem Nutzer nur einmal ein "Ja" abringen müssen, wenn sie ihre Dienste benutzen wollen, müssen Online-Medien immer wieder neu nach der Zustimmung der Nutzer fragen. Wenn die "Nein" sagen, können die Medien ihre Daten nicht mehr tracken, und ihnen geht Werbung (die übrigens sehr oft von besagten Plattformen eingespielt wird) verloren. "Die Gesetzgebung verlangt, dass jeglicher Zugriff auf das Endgerät eines Users eine aktive Zustimmung benötigt. Ausgenommen sind nur technisch notwendige Funktionen. Das bisher geltende, sogenannte 'berechtigte Interesse' wird ab dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht mehr möglich sein, auch wenn es sich um eine vollständig anonyme Datenerhebung handelt.

Außerdem: In der NZZ stellt Marc Neumann den Newsletter-Abodienst Substack vor.
Stichwörter: Gruner und Jahr, Datenschutz, Rtl

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2021 - Medien

In der FR konstatiert Sebastian Borger, dass der vor zwei Monaten von einer Gruppe Milliardäre lancierte Sender GB News wie erwartet als Krawallschachtel britischer Rechtspopulisten dient und damit hohe Einschaltquoten einfährt.
Stichwörter: Borgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2021 - Medien

Der legendäre Medienmanager Gerd Schulte-Hillen ist gestorben.Er hat den Stern zu einem riesigen Erfolg gemacht, bevor er mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern seinen langen Niedergang einleitete. Just im selben Moment kommt die Meldung, dass Gruner und Jahr quasi abgeschafft wird, kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ, "denn auch wenn die Konzernmutter Bertelsmann, die 2014 alle Anteile an Gruner + Jahr aufkaufte, den am Freitag offizielle verkündeten Zusammenschluss seiner Tochterunternehmen Mediengruppe RTL und Gruner + Jahr als Fusion verkauft, ist es in Wahrheit etwas anderes: eine Übernahme. Gruner + Jahr wird zum Lieferdienst, zur Textwerkstatt eines Multimediakonzerns, in dem RTL das Tempo vorgibt." Sehr lesenswert erzählte schon vor einigen Wochen Wolfgang Michal im Freitag die Geschichte dieses Niedergangs (unser Resümee).

Vor etwa mehr als einem Jahr meldete der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz an. Bis dahin war Karl-Theodor zu Guttenberg, ein Mann mit Gespür für Fettnäpfchen, Lobbiyst für das korrupte Unternehmen. Und als solcher schrieb er noch im April letzten Jahres für die FAZ einen Artikel mit Titel "Ein Virus namens Leerverkäufe", der Wirecard sehr gefallen haben dürfte - denn Wirecard war längst umstritten, und es wurde gegen das Unternehmen spekuliert. Dass die Zeitung Guttenbergs Artikel ohne jeden Hinweis auf seine Tätigkeiten abdruckte, sieht Arne Semsrott bei heise.de kritisch. Auch bei der Süddeutschen hatte der Lobbyist publiziert. Der Fall werfe ein schiefes Licht auf die Zeitungen, so Semsrott: "Reicht es, wenn Redaktionen darauf vertrauen, dass Ex-Politiker:innen Gastbeiträge vor allem aus Mitteilungsdrang verfassen und nicht aus geschäftlichen Interessen? Wenn mangels Offenlegungspflicht Geschäftsverbindungen von Ex-Ministern nicht öffentlich sind, hätte die FAZ (und die Süddeutsche Zeitung beim früheren Beitrag) nicht bei zu Guttenberg nachfragen müssen, ob er mögliche Interessenkonflikte hat?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2021 - Medien

Die Demokratie ist gerettet. Die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen die Gebühren erhöhen, und das Land Sachsen-Anhalt darf da nicht einfach nicht mitmachen, hat das Bundesverfassungsgericht, an das sich die Sender immer wieder wenden wie an eine große Mutter, gestern entschieden. Christian Rath begrüßt die Entscheidung in der taz, will aber auch Strukturreformen: Sie seien "schon deshalb erforderlich, weil der öffentlich-rechtlich Rundfunk seine Grundversorgung in den nächsten Jahrzehnten immer mehr ins Internet verlagern wird - nicht nur mit Bild- und Ton-Berichterstattung, sondern auch mit Texten." Hier Raths Bericht zum Urteil.

Im Tagesspiegel nickt auch Joachim Huber das Urteil grundsätzlich ab, mahnt aber mehr "ernsthafte Informationssendungen" an: "Die ARD-Programmdirektion hält es aktuell für eine brillante Idee, den 'Weltspiegel' vom frühen Sonntagabend in die 'Todeszone' nach den 'Tagesthemen' am Montag zu verlegen, zudem soll die Zahl der wöchentlichen Magazine zugunsten von Dokumentationen reduziert werden. Solche Thermomix-Vorschläge schwanken zwischen Rat- und Hilflosigkeit." Juristisch sauber, aber "politisch weltfremd" erscheint hingegen Heinrich Wefing bei Zeit Online das Urteil, "denn natürlich ist Geld immer und überall einer der wichtigsten Reformtreiber. Wenn es reichlich vorhanden ist, ist der Veränderungsdruck gering."

Abgeklärt der Kommentar des Ruhrbarons Stefan Laurin: "Die Richter haben ein Anstaltsideal beschrieben, das mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Und sie ließen sich dabei offenbar von den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend beeinflussen. Irgendwann wird eine andere Richtergeneration, die mit dem Internet aufgewachsen ist, anders entscheiden. Bis dahin werden die Bürger allerdings noch viel Geld für Pensionskassen mit angeschlossenem Sendebetrieb ausgeben, für die sie sich immer weniger interessieren." Stefan Niggemeier reagiert in seinen Übermedien schon gar nicht mehr auf das Urteil, sondern nur auf "Springers rasende Wut auf das Bundesverfassungsgericht".

In Karlsruhe siegen ohnehin immer die Sender, schreibt Wolfgang Janisch in der SZ. FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld, der einzige wirkliche Kritiker der Öffentlich-Rechtlichen in den deutschen Alphamedien, findet die Entscheidung des BVG in "ihrer rabulistischen Oberflächlichkeit schon atemberaubend… Die Richter setzen die Presse- und Meinungsfreiheit der öffentlich-rechtlichen Sender nach Artikel 5 Grundgesetz mit der Finanzierung der Anstalten gleich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2021 - Medien

Ziemlich säuerlich resümiert Michael Hanfeld in der FAZ die bisherige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu den den öffentlich-rechtlichen Sendern, deren Forderungen in den Urteilen des Gerichts fast immer erhört wurden. Und das wird jetzt auch wieder so sein, vermutet Hanfeld, wenn es um die wegen Wirren in Sachsen-Anhalt verschobene Erhöhung der Gebühren geht. Es könnte für uns Gucker nicht Nichtguckerinnen (ist ja egal) teuer werden. "Was die öffentlich-rechtlichen Sender optimistisch stimmen darf, ist, dass die Verfassungsrichter das Junktim, das die Verantwortlichen immer wieder für sich ins Feld führen, untermauern. Es lautet: Der öffentlich-rechtliche ist der einzig wirklich freie Rundfunk (die unabhängige Presse erscheint im letzten Rundfunkurteil aus Karlsruhe nur als Randphänomen ohne erhebliche Bedeutung). Er muss 'staatsfern' organisiert und finanziert werden. Was die Sender finanziell für geboten halten, ist der Maßstab."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2021 - Medien

Die jüngste Anhörung vor dem amerikanischen Kongress zum Putschversuch vom 6. Januar, die von den meisten der unter Trumps Zauber stehenden Republikanern boykottiert wurde, nimmt Margaret Sullivan in der Washington Post zum Anlass, grundsätzlich über die Rolle der Medien nachzudenken. Was sie stört, ist die "falsche Äquivalenz" in vielen Berichten, die beiden Seiten, der pro- und der antidemokratischen tendenziell gleiche Legitimität gibt. Viele Medien säßen da in einer Art Fairness-Falle, ein Problem sei auch der Stolz des Insiderhaften in vielen Berichten. Sie verlangt "ein umfassendes Umdenken in den Mainstream-Medien. Um dies zu erreichen, ist etwas erforderlich, was der Big Journalism notorisch schlecht beherrscht: Ein offenes, nicht defensives Eingeständnis dessen, was falsch gelaufen ist. Top-Redakteure, Moderatoren von Sonntags-Talkshows und andere Führungskräfte der Nachrichtenbranche sollten sich mit Experten zusammensetzen, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und sie sollten der Öffentlichkeit gegenüber transparent sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2021 - Medien

Joshua Benton freut sich beim Mediendienst niemanlab.org über eine Kulturrevolution in amerikanischen Zeitungen: "Nachdem ich sie alle zusammengetragen hatte, war ich angenehm überrascht zu sehen, wie viel weniger weiß und männlich die Leitungspersonen der amerikanischen Zeitungsredaktionen in relativ kurzer Zeit geworden sind. Von den zwanzig größten Zeitungen werden nur sieben von weißen Männern geleitet. Zwölf werden von einer Frau, einer farbigen Person oder beidem geleitet. (Ein Spitzenposten, beim Honolulu Star-Advertiser, ist unbesetzt.)"
Stichwörter: Kulturrevolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2021 - Medien

Es ist schon auffällig, wenn Alan Rusbridger, der charistmatische Chefredakteur des eins so renommierten Guardian einen großen Meinungsartikel in der Daily Mail schreibt, neben der Sun der schärfste denkbare publizistische Gegenpol. Aber es geht um ein neues Pressegesetz der Regierung Johnson, das  alle Medien gefährden würde. In dem Gesetz soll "serious unauthorised disclosure", also unautorisierte Offenlegung von Informationen, die den Staat angeblich gefährde, unter Strafe gestellt werden. Das wäre das Ende der Snowdens!: "Halten Sie bei den Worten 'unautorisierte Offenlegung' inne. Das klingt nach etwas Schlechtem, aber viele der wertvollsten Informationen, die in der Presse oder den Medien erscheinen, sind unautorisierte Informationen, bei denen eine Quelle ein großes Risiko eingegangen ist - mit ihrem Ruf, ihrem Lebensunterhalt oder sogar ihrem Leben -, um Dinge offenzulegen, die sie offiziell nicht offenlegen sollten. Mutige Quellen sind das Lebenselixier des Journalismus und, so würde ich argumentieren, auch einer zivilisierten Demokratie."