9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2337 Presseschau-Absätze - Seite 95 von 234

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2020 - Medien

Bisher war index.hu eines der größten unabhängigen Medien in Ungarn, doch zwei Tage, nachdem Chefredakteur Szabolcs Dull gefeuert wurde, haben die gesamte Chefredaktion und Dutzende von Redakteuren gekündigt, berichtet Shaun Walker im Guardian unter Berufung auf die bisherige Vize-Chefin Veronika Munk: "Munk erklärte, die Redaktion habe den Verleger László Bodolai in etlichen Sitzungen aufgefordert, Dull wieder einzusetzen. 'Immer wieder weigerte er sich. Er behauptete, es sei eine persönliche Entscheidung, aber das glaube ich nicht', sagt sie. Ein der Regierung nahestehender Geschäftsmann hatte zu Beginn des Jahres Anteile um Unternehmen erworben, und vor einem Monat warnte die Webseite, ihre redaktionelle Unabhägigkeit sei in Gefahr. In seiner Abschiedsrede vor der Redaktion erklärte Dull am Mittwoch nach seiner Kündigung: 'Index ist eine mächtige Festing, die sie schleifen wollen.'"
Stichwörter: Index.hu, Dulles, Allen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2020 - Medien

Johanna Christner hat für die FAZ einige freie Journalisten getroffen. Die Coronakrise hat sie doppelt getroffen, wegen der Krise der Medien und der eigenen Situation - Statistiken bestätigen das: "Einer Umfrage des Deutschen Journalisten-Verbands zufolge ist der monatliche Durchschnittsgewinn von 2.470 Euro auf einen Erlös von nur 780 Euro gesunken. Die Zahl freier Journalisten, die Verluste schreiben, liege bei den 287 Befragten bei rund fünfzig Prozent. Wegen der Betreuung ihrer Kinder könnten 32 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer nur in eingeschränktem Maß arbeiten. Ein Drittel der befragten Freien gab an, dass es keine neuen Einsätze oder Aufträge mehr für sie gebe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2020 - Medien

Es gibt Themen, über die selbst auf Medienseiten offenbar ungern berichtet wird - keinerlei Echo gefunden hat Kai-Hinrich Renners Artikel über die doch recht bedeutsamen Revirements bei der Süddeutschen Zeitung (unser Resümee). Hinzukommt, dass die SZ gleichzeitig ein Grundsatzpapier über "Unseren Wert, unsere Werte" veröffentlicht hat, über das die ganze Branche lacht - so sehr klingt es als sei es aus einem Mediationsworkshop für Print und Online hervorgegangen: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SZ hören einander zu, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hierarchie und Betriebszugehörigkeit." Und: "Ein guter Text ist ein guter Text, egal, ob dieser digital ausgespielt oder gedruckt wird", versichert man da mit treuherzigem Augenaufschlag, und "Die Redaktionsmitglieder sind offen für die journalistischen Möglichkeiten neuer Kanäle und Technologien". Diskutiert wurden diese Grundsätze nirgends. Immerhin kommentiert Ben Krischke bei Meedia: "Jene, die den Laden besser kennen, wissen diese und weitere Banalitäten gleichwohl anders zu deuten. Denn was nach Selbstverständlichkeit klingt, ist bei der SZ alles andere als das. In Berg am Laim liegt im Jahr 2020 immer noch ein Hektar Brachland - nur vereinzelt durch Schleichwege verbunden - zwischen den Schützengräben der Printler hier und der Onliner dort."
Stichwörter: Süddeutsche Zeitung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2020 - Medien

Melina Borčak weist in einem Hintergrundartikel auf der Medienseite der taz auf Fehler in der Berichterstattung über das Massaker von Srebrenica hin, die sich auch in den jüngsten Gedenkartikeln wiederholten - und übrigens an die Handke-Debatte vor ein paar Monaten erinnern. Einer davon ist "die immer wieder auftauchende Phrase von den Kriegsverbrechen auf 'allen Seiten'. Laut Untersuchungen der UN sind über 90 Prozent aller Kriegsverbrechen im gesamten Bosnienkrieg von der serbischen Seite verübt worden, der Rest teilt sich auf mehrere andere Parteien auf. Mit 'Verbrechen auf allen Seiten' bemüht sich der Journalist um eine scheinbar neutrale, haltungsbefreite Formulierung - macht sich aber der Genozidverharmlosung schuldig. Dies gilt nicht nur für die ausdrückliche Nutzung der Phrase 'alle Seiten', sondern auch für Framing oder ungenaue Beiträge, in denen der Eindruck entsteht, es hätte sich um einen ausgeglichenen Krieg gehandelt, bei dem alle eine gleich große Verantwortung tragen."

Noch einer, der geht. Der Großessayist Andrew Sullivan, dessen Texte im New York Magazine durchaus sehr erfolgreich sind, der aber auch ziemlich teuer zu sein scheint, wird von den Kollegen nicht mehr gewollt, schreibt er in seiner Abschiedskolumne: "Sie scheinen zu glauben - und das ist in den Mainstream-Medien immer mehr zum Dogma geworden - dass jeder Autor, der nicht aktiv die kritische Theorie in Fragen von Rassismus, Gender, sexueller Orientierung und Gender-Identität vertritt, seine KollegInnen aktiv und physisch schädigt, einzig dadurch, dass er sich im selben virtuellen Raum aufhält. Die Ideen und Methoden dieser kritischen Theorie zu attackieren, gar sich über sie zu mokieren, wie ich es hier immer wieder tat, widerspricht darum den Werten von Vox Media. Darum, wenn ich richtig verstehe, ist es hier mit mir vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2020 - Medien

Der amerikanische Zeitungskonzern McClatchy hat Pleite gemacht. Dadurch ist er gezwungen seine Zahlen in viel größerer Transparenz zu veröffentlichen, als Zeitungen das sonst tun. McClatchy ist nicht irgendein Konzern - er besteht seit über hundert Jahren und hat Regionalblätter in Städten wie Miami oder Kansas City. Joshua Benton liest die Zahlen für das NiemanLab und stellt bei den täglichen Einnahmen einen Verfall aufgrund der Coronakrise fest. Vor der Krise war der Konzern, abgesehen von enormen Schulden, finanziell gesund, so Benton. Aber die Krise zeigt auch, wie stark die Zeitungen nach wie vor von (Print-)Anzeigen abhängig sind: "Im dritten Quartal 2019 stammten 46,8 Prozent der Einnahmen aus Verkauf (Print und Digital-Abos), 45,8 Prozent aus Werbung und 7,3 Prozent aus anderen Quellen. Während der Coronakrise hat McClatchy wie viele andere Konzerne einen Anstieg bei den Abos verzeichnet, so dass dies Stück im Tortendiagramm wahrscheinlich noch größer geworden ist. Das heißt, dass der Schlag bei den Anzeigen wirklich schlimm ist - minus 40 Prozent oder mehr."

Eine erstaunliche Meldung bringt der Figaro: Laurent Joffrin, Chefredakteur von Libération gibt seinen Posten auf und gründet eine neue linke Partei. Am Sonntag wird er bei AFP ein Gründungsmanifest veröffentlichen.
Stichwörter: Coronakrise, Zeitungskrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2020 - Medien

Der Guardian streicht bis zu 180 Stellen, heißt es in einer Meldung in eigener Sache: "Die Chefredakteurin Katharine Viner und die Geschäftsführerin der Guardian Media Group, Annette Thomas, sagten in einer gemeinsamen Erklärung an die Mitarbeiter, dass die Pandemie eine 'unhaltbare finanzielle Perspektive für den Guardian' geschaffen habe, da die Einnahmen voraussichtlich um mehr als 25 Millionen Pfund gegenüber dem Jahresbudget zurückgehen würden." Der Guardian soll trotz der Krise weiterhin online kostenlos lesbar bleiben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2020 - Medien

Nach James Bennet, Redakteur der Meinungsseite der New York Times, der über den Gastartikel eines nicht korrekt meinenden Senators stolperte, geht nun auch seine Kollegin Bari Weiss - ihren Abschiedsbrief veröffentlicht sie in ihrem Blog. Man kann in der New York Times einfach nicht mehr meinen, meint sie: "Meinungsartikel, die vor zwei Jahren noch leicht durchgegangen wären, bringen einen Redakteur oder Autor heutzutage in Bedrängnis, falls er nicht gleich gefeuert wird. Wenn bei einem Artikel befürchtet wird, dass er intern oder in den sozialen Medien Widerwillen hervorruft, schlagen ihn der Redakteur oder Autor gar nicht mehr vor. Falls sie doch die Kraft haben, ihn vorzuschlagen, werden sie eilends auf sicheren Grund bugsiert. Und falls es ihnen in seltenen Fällen einmal gelingt, ein Stück zu publizieren, das nicht explizit linke Ideen vertritt, dann aber nur nachdem jede einzelne Zeile sorgfältig durchmassiert, beraten und und unter Vorbehalt gesetzt wurde."

Ironischer Weise publiziert der New-York-Times-Kolumnist Ross Douthat gerade heute zehn Thesen zur "Cancel Culture", die ziemlich genau definieren, wie "Cancel Culture funktioniert: Ein Angriff auf J.K. Rowling diene in Wirklichkeit dazu, die Mehrheit gleichzuschalten, nicht Rowling zu schaden: "Du musst nicht Rowling unmöglich machen, wenn du die weniger bekannte Schriftstellerin unmöglich machen kannst, die sich auf ihre Seite stellte. Du musst nicht die berühmten Uni-Leute kippen, die den offenen Brief in Harper's unterzeichneten, wenn du halb so alte Leute entmutigen kannst zu sagen, was sie denken."

Selbst in der Modepresse müssen inzwischen reihenweise Redakteure und Mediengründer gehen wegen "unsensibler Bemerkungen", meldet Modebloggerin Navaz Batliwalla in ihrem Blog Disneyrollergirl (mehr hier).

Vielleicht sollte die Linke ihre Prioritäten neu sortieren, meint fast schon verzweifelt der amerikanische Wissenschaftler Ashutosh (Ash) Jogalekar in seinem Blog The Curious Wavefunction: "Gegenwärtig sollte es das oberste Ziel eines jeden amerikanischen Bürgers sein, der über ein gewisses Maß an Anstand und Intelligenz verfügt, Donald Trump und seiner unwissenschaftlichen, rassistischen und ignoranten Regierung die größte Niederlage in der amerikanischen Wahlgeschichte zu bereiten. Fast nichts anderes ist in diesem Jahr so wichtig. Leider gibt es immer noch unentschlossene Menschen, aber gerade in den letzten Monaten hoffte man, ... dass sie desillusioniert sind. Die Demokraten sollten diese Leute mit offenen Armen in ihren Reihen willkommen heißen. Wäre es also schwieriger oder einfacher für die Unentschiedenen, die Wahl eines Demokraten zu erwägen, wenn sie selbsternannte Demokraten sehen, die Statuen stürzen, Twitter-Mobs auf Leute loslassen, mit denen sie nicht einverstanden sind, die versuchen, Karrieren zu zerstören und jeden herabzusetzen oder auszuschalten, der vielleicht nur etwas anders denkt als sie?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2020 - Medien

Die Grünen möchten, dass Journalismus auch gemeinnützig werden darf - er ließe sich dann leichter von interessierten Stiftungen finanzieren, berichtet Steffen Grimberg in der taz: "Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Unternehmen sind überwiegend von der Steuerlast befreit. Außerdem dürfen sie Spenden und Zuwendungen von Stiftungen oder Einzelpersonen annehmen, die diese dann wiederum steuerlich geltend machen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2020 - Medien

Die SZ strukturiert ihre Ressorts um, Innen-, Außen- und Online-Politik werden ebenso wie Feuilleton und Medien zusammengelegt, meldet Kai-Hinrich Renner in der Berliner Zeitung. Vor allem Frauen und Onliner kommen schlecht weg, schreibt er: Von elf Mitarbeitern, die die Redaktion aus unterschiedlichen Gründen verlassen, sind neun Frauen. "Auf den ersten Blick scheinen die Frauen die Gewinner zu sein: Wissenschaftsredakteurin Marlene Weiß leitet künftig das Wissensressort. Die stellvertretende Seite-3-Chefin Karin Steinberger übernimmt die Leitung der Seite. Die Medienseite der SZ wird dem neuen Ressort Feuilleton Medien zugeschlagen. Die bisherige Medien-Chefin Laura Hertreiter wird das neue Ressort gleichberechtigt mit Alexander Gorkow leiten, bisher Seite-3-Chef. Was wie ein Durchmarsch der Frauen aussieht, ist jedoch keiner. Für die bisherige Feuilleton-Chefin Sonja Zekri ist offenbar keine Leitungsfunktion mehr vorgesehen. Folglich hat sich die Zahl der Frauen auf Chefredakteurs- und Ressortleiterebene im Vergleich zum Zeitpunkt unmittelbar vor Bönischs Abgang um gerade mal eine erhöht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Medien

Die Bundesregierung hat in einem Nachtragshaushalt einfach mal so beschlossen, die Presse mit künftig 220 Millionen Euro über mehrere Jahre zu subventionieren (unser Resümee). Damit soll die Digitalisierung gefördert werden, wie es wolkig heißt. Die Medienjournnalistin Ulrike Simon findet dieses Spiel in ihrer Kolumne für Horizont (frei lesbar nach Registrierung) höchst gefährlich: "Die Förderrichtlinien sind allerdings unbekannt und damit insbesondere, wie sichergestellt werden soll, dass von gewährtem Geld nichts in Redaktionen oder redaktionsnahe Strukturen fließt. Der Verdacht von Staatsnähe wäre Gift. Es verwundert nicht, dass die AfD die Gelegenheit sofort erkannte. Eines ihrer Vorstandsmitglieder schrieb in einer umgehend verschickten Pressemitteilung von Hofberichterstattung und stellte die rhetorische Frage, wer Print- und Online-Redaktionen von Verlagen, die Steuermillionen der Regierung annehmen, zukünftig noch glauben solle, dass sie frei und unabhängig berichteten."

Eigentlich hätten die Zeitungen ja gern Zustellförderung bekommen, um ihre verbleibenden Abonnenten in Stadt und Land zu versorgen. Auch bringen Anzeigen im Print mehr als digital - und zwar wesentlich mehr als die ursprünglich in Aussicht gestellten 40 Millionen Euro, notiert Daniel Bouhs auf der Website der NDR-Mediensendung "Zapp": "Tatsächlich haben Umfragen ergeben, dass ein größerer Teil des Stammpublikums gar nicht digital lesen will. 'Drei Viertel (75 Prozent) können sich nicht vorstellen, ihren abonnierten Printtitel nur noch als E-Paper zu lesen', hieß es Anfang 2020 in einer Umfrage der Zeitungsbranche. Man sei deshalb 'nach wie vor unbedingt daran interessiert, dass unsere gedruckten Ausgaben in ganz Deutschland ausgetragen werden', heißt es auch jetzt. Damit sollten auch all diejenigen erreicht werden, die nicht am Netz hingen - 'schon auch im Sinne einer Demokratieförderung'."

Den Medienseiten der SZ und der FAZ sind die 220 Millionen Euro bisher übrigens nur dürre Tickermeldungen wert.