9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2020 - Medien

Die deutschen Zeitungen können sich künftig als subventioniert bezeichnen. 220 Millionen Euro sollen sie in ihrer Not bekommen, hat der Haushaltsausschuss des Bundestags entschieden. Die Zeitungen möchten gern, dass der Geldsegen offiziell als Vertriebsförderung gilt, weil sie den Boten zuvor nicht so gern den Mindestlohn zahlten, berichtet Steffen Grimberg in der taz: "Doch hier mag der Bund bislang nicht mitziehen. Man könne doch kein überkommenes Geschäftsmodell künstlich am Leben halten, heißt es hinter nur mäßig vorgehaltener Hand im Wirtschaftsministerium. Deswegen ist neben der Zustellförderung ausdrücklich auch von der 'digitalen Transformation des Verlagswesens' die Rede. Was die Verlagswesen als unfreundliche Einmischung begreifen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2020 - Medien

Bedeutet "Cancel Culture" auch eine Bereinigung der Vergangenheit nach den Kriterien heutiger moralischer Einsichten? In der FAZ berichtet Henner Flohr, dass die Fotoagentur Magnum sämtliche Bilder ihres berühmten Fotoarchivs offline gestellt hat, weil eine Serie des Fotografen David Alan Harvey über minderjährige Prostituierte in Bangkok aus den achtziger Jahren für problematisch befunden wurde (ein Bild von den Bildern kann man sich noch über die Google-Bildersuche machen): "Schon vor dem aktuellen Fall wurde der Agentur vorgeworfen, die Zusammensetzung ihrer Mitgliedschaft sei männlich und westlich dominiert. Das führe dazu, dass Minderheiten aus einer privilegierten Perspektive falsch oder zumindest ungenau dargestellt würden. Zum Thema minderjährige Prostituierte fänden sich in der Magnum-Datenbank aus den letzten siebzig Jahren keine Bilder, die aus Europa oder Nordamerika stammten. Bis jetzt hat Magnum, im Gegensatz zu beispielsweise National Geographic, sein umfangreiches Bildarchiv, in dem sich Ikonen des Fotojournalismus befinden, nie durch externe Experten systematisch auf problematische Inhalte untersuchen lassen." Aufgebracht hat die Geschichte laut Flohr das Foto-Onlinemagazin Fstoppers.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2020 - Medien

Dass Gruner und Jahr sein berühmtes Haus in Hamburg verkaufen muss, das noch aus Zeiten stammt, als man mit Medien dickes Geld machen konnte, ist für Peter Burghardt in der SZ (die ihr Verlagsgebäude mitten in München ja längst schon verlassen hat) ein symbolischer Moment. Nun kommt es noch härter. Das Haus sollte an die Stadt Hamburg gehen. "Für die Hamburger Uni sollte die Anlage verwendet werden, gute Aussichten für Studenten. Gruner und Jahr brauchte einen Käufer, Hamburg griff zu. Doch dann wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass Hamburg sein Rücktrittsrecht aus dem Kaufvertrag wahrnimmt. Das Ensemble übernehmen private Investoren unter Leitung des New Yorker Immobilienkonzerns Tishman Speyer. Warum? Weil dieses Unternehmen offenbar mehr bezahlt, auch wenn es zu den Preisen offiziell keine Angaben gibt."

Kann man überhaupt noch produktive Streitgespräche führen über ideologisch hochbesetzte Themen wie Gender? Kaum. Deshalb empfiehlt Claudia Wirz in der NZZ Journalisten das Buch "Die Kunst, schwierige Gespräche zu meistern", das der amerikanische Philosoph Peter Boghossian zusammen mit dem Mathematiker James Lindsay verfasst hat. Es geht darum, "wie man mit gezielten Fragen sein Gegenüber zwingt, über die eigenen Überzeugungen nachzudenken und sie bestenfalls zu revidieren. Statt eines 'Duells der Predigten', das keinen der Gesprächspartner weiterbringt, sondern eher den Zorn anfeuert, empfehlen die beiden Wissenschafter, ihrem Gegenüber ein authentisches und freundliches Interesse entgegenzubringen, gut zuzuhören und durch permanentes, aber nicht zudringliches Nachbohren Zweifel zu säen. Das Gegenüber ist Partner, nicht Gegner. Und die eigene Botschaft behalten die Fragensteller für sich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2020 - Medien

Daniel Lücking, Redakteur des Neuen Deutschland, hat in einem Tweet kritisch über einen Artikel der Welt geschrieben. Dafür hat er den Artikel fotografiert und das Foto in den Tweet eingefügt, wie es heute angesichts nicht online stehender Artikel häufiger gehandhabt wird. Darauf hat sich der Chefredakteur der Welt am Sonntag, Johannes Boie, persönlich eingeschaltet, und Lücking aufgefordert, das Foto wegen Urheberrechtsverletzung zu entfernen, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Dem kam Lücking nach eigener Aussage acht Minuten später nach - er entfernte den Tweet mit dem Foto des Artikels. Eine Abmahnung bekam Lücking dann am 5. August trotzdem, er sollte eine strafbewehrte Unterlassungserklärung unterschreiben und 864,66 Euro bezahlen. Außerdem bezifferte die Welt am Sonntag einen Schadenersatzanspruch in Höhe von 600 Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2020 - Medien

Jenni Thier berichtet in der NZZ, wie sich das soziale Netzwerk Parler zum Hort der Meinungsfreiheit stilisiert und damit vor allem rechte Kreise an sich bindet, seit Facebook und Twitter gegen Fake-News und Hetze vorgehen: "Ende 2018 zählte Parler knapp 60.000 Nutzer. Ein Jahr später waren es immerhin schon mehr als eine halbe Million. Nun sind es bereits rund drei Millionen. Seit Mai kommen laut Matze Hunderttausende von neuen Nutzern pro Woche dazu. Die Parler-App ließ in Apples App-Stores sogar Twitter teilweise hinter sich. Parlers Nutzerzahlen sind zwar im Vergleich zu Twitter mit seinen 1,3 Milliarden Accounts und 330 Millionen monatlich aktiven Nutzer immer noch gering, aber das Wachstum vor allem bei politischen Schwergewichten aus dem rechten Lager in den USA ist bemerkenswert. Wie politisch unausgewogen die Plattform ist, wird jedem schnell klar, der sich dort registriert. Parler schlägt Neulingen sowohl Nutzer als auch Medien vor. Bei Letzteren steht das rechte Online-Medium Breitbart an erster Stelle (800 000 Follower). Bei den Nutzern sind es Dan Bongino, ein bekannter amerikanischer Radio- und Podcast-Talkmaster und Trump-Anhänger (1,2 Millionen Follower), Trumps Kampagnen-Account Team Trump (1,2 Millionen Follower) und Eric Trump (970 000 Follower)."

Bei Tripadvisor rangiert ein Steakhouse am Stadtrand als bestes Lokal von Frankfurt, in der FAZ schäumt Jakovb Strobel y Serra vor Wut über die fingierten Bewertungen auf dem Portal, mit denen Klitschen hochgejubelt und Spitzenrestaurant niedergeschrieben werden: "Auch wenn die Bewertungsportale oft groben Unfug verbreiten, nimmt sie jeder Gastronom ernst. Im Français und Lafleur geht man sogar so weit, auf viele Urteile direkt zu reagieren - mit Danksagungen bei positiver Resonanz und Widerspruch oder Bedauern bei negativen Bewertungen. Das geschieht nicht nur, um die Zufriedenheit und Bindung der Gäste zu erhöhen oder Fehlurteile zu korrigieren, sondern auch, um sich den fragwürdigen Regularien von Tripadvisor zu fügen. Denn eine hohe Zahl von Antworten auf Bewertungen verbessert die Position im Ranking - ganz gleich, wie gut oder schlecht das Essen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Medien

Eine Zeitlang setzten  die Leitmedien auf Jugendableger wie Bento (Spiegel) oder ze.tt (in der Zeit), um mit diesem lästigen Internet fertig zu werden. Aber Bento ist inzwischen abgeschafft und ze.tt verkleinert - Aurelie von Blazekovic zitiert in sueddeutsche.de die frustrierte Ze.tt-Chefredakteurin Marieke Reimann: "Würde man ein Feuilletonressort aus einer Zeitung ausgliedern und versuchen, das rentabel zu machen, wäre das auch eine große Herausforderung. Warum hat man bei sehr jungen Medien, auch vom Gründungsdatum sehr jungen Medien, diesen Anspruch, dass sie in Windeseile refinanzierbar sein müssen?" Sie sollte sich damit trösten, dass auch die Feuilletons in den letzten Jahre gehörig gerupft wurden.
Stichwörter: Medienwandel, Zeitungskrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Medien

Ganz happy ist Gregory Lipinski bei Meedia darüber, dass die SZ und die FAZ ihre Printanzeigen künftig gemeinsam vermarkten wollen - so können sie Mediaagenturen eine größere Reichweite anbieten (und nebenbei sind sie davor gefeit, ihre Preise zu unterbieten, was Lipinski nicht erwähnt). Nebenbei streift Lipinski aber auch, dass die FAZ ihre Sonntagsausgabe auf Samstag ziehen wolle. "Zusammen mit der bestehenden Samstagsausgabe verstärken die Printhäuser hierdurch ihre Stellung auf dem lukativen Markt der Wochenendtitel. So werden die Platzhirsche für Kombi-Anzeigen attraktiver." Äh, und es gibt nur noch eine Wochenendausgabe der FAZ?

Außerdem: Stefan Niggemeier erzählt in Übermedien, wie es die Soulsängerin Joy Denalane und die Rockmusikerin Ilgen-Nur fast aufs Cover des deutschen Rolling Stone schafften, wo sie zu Sexismus in der Branche interviewt werden. Aber dann brachte der Rolling Stone doch lieber ein 45 Jahre altes Bild von Bruce Springsteen!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2020 - Medien

Die Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl (die im Februar in der FR einen Essay über "Die Rechten und die Sprache" veröffentlichte) ist nach einem Streit mit dem Welt-Kolumnisten Don Alphonso einem Ansturm von Hassmails ausgesetzt. Don Alphonso hatte sie wegen einer Äußerung auf der Website der Sendung "Panorama" angegriffen, im Netz hat er eine gläubige Gefolgschaft, die gern kräftig zubeißt. Im FR-Gespräch mit Viktor Funk sieht Strobl durchaus Parallelen zu den "NSU 2.0"-Hassmails an linke Politikerinnen: "Im globalen Rechtsterrorismus sehen wir, dass solche Stimmungen zu Radikalisierung führen. In irgendwelchen Foren im Internet schießen sich dann die Nutzer auf einzelne Personen ein, diese Person bekommt dann quasi ein Fadenkreuz auf den Kopf. Die Idee in solchen Gruppen ist, dass man sich gegenseitig anstachelt. Und dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert." Die Redaktion von "Panorama" hat ebenfalls zu dem Streit Stellung genommen.

Ganz frisch ist die Guardian-Meldung, dass Rupert Murdochs Sohn James seinen Rücktritt aus  dem Vorstand des Medien-Imperiums erklärt - und zwar weil er politisch mit den Positionierungen des Alten und vor allem mit dessen Ansichten zum Klimawandel nicht einverstanden sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2020 - Medien

In der Welt hat Manfred Klimek wenig Geduld mit den Robespierristen - 15 weißen Nachwuchsjournalist*innen aus der 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule -, die in einem Aufruf gerade die alten, weißen Journalisten aufgefordert haben, ihre Plätze zu räumen und diese für junge nicht weiße Journalisten freizumachen. Warum nicht bei sich selbst anfangen, fragt Klimek, den pauschalen Rassismusvorwurf gegen die Alten vom Tisch wischend: "Liebe 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule, liebe Leonie Schlick, liebe 15 Brigadisten: Tretet auch Ihr zurück, Ihr weißen Privilegierten. Macht Platz für 15 junge, auszubildende BIPoC-Journalisten, die uns mit trefflicher Sicherheit besser über den unzweifelhaft vorhandenen Alltagsrassismus in Deutschland berichten können als Ihr. Leute, macht ernst: Geht freiwillig. Weil: This time, the revolution will be televised."

Stefan Niggemeier liest für seine Übermedien ein Buch eines ehemaligen Starreporters der SZ, Birk  Meinhardt, der mit seiner einstigen Zeitung abrechnet: "In seiner Schilderung ist die SZ ein Blatt, in dessen Redaktion man Schwierigkeiten bekommt, wenn man versucht, Artikel zu schreiben, die nicht ins sorgfältig kurartierte Bild passen. Die die übersichtliche Weltsicht stören, die Sortierung von Gut und Böse verkomplizieren. Ein Blatt, das - kurz gesagt - genau so ist, wie es die Kritiker von sogenanntem 'Haltungsjournalismus' und sogenannten 'Mainstreammedien' immer schon angenommen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2020 - Medien

Aus der Relotius-Affäre mag der Spiegel gelernt haben, dass man besser bei den Fakten bleibt, aber leider nicht, dass man auch den gefühligen Ton deutscher Reportagen aufgeben sollte. In der aktuellen Nummer sind zwei Spiegel-Autoren mit dem Extremisten Attila Hildmann auf einem "Waldspaziergang". Stefan Niggemeier spießt das Stück in seinen Übermedien auf: "Man kann den Inszenierungen von gefährlichen Verschwörungserzählern mit Mordfantasien nicht oft genug eine Bühne geben. Mordfantasien? Ach ja, über den Grünen-Politiker Volker Beck sagte Hildmann bei einer Demonstration: 'Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz!' Im Spiegel darf er Beck dazu noch als Pädophilen bezeichnen und davon träumen, dass man 'noch schlimmere Sachen' mit ihm machen müsste, aber natürlich nur als Fantasie, nur als Fantasie. Der Spiegel arrangiert die Kleine-Racker-Geschichte und die Käfer-Rettungs-Episode als Kontrast zu Hildmanns Mordgedanken über Volker Beck und bemerkt fröhlich unbedarft: 'Tiere schützen, Menschen schlachten, so recht passt das nicht zusammen.'"