Wegen dieses Auftritts auf Twitter ist die marokkanische Feministin und Menschenrechtsaktivistin
Ibtissame Lachgar am Sonntag verhaftet worden,
berichtet Reiner Wandler in der
taz - und stellt die Feministin in einem kleinen Profil vor: "Lachgar, die in Frankreich und Marokko aufwuchs, hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie ging in Rabat auf die französische Auslandsschule, das Lycée Decartes, und studierte in Paris Psychologie. Die Tageszeitung
El Faro de Melilla in der spanischen Exklave an der nordafrikanischen Mittelmeerküste erklärte sie bereits vor Jahren zur '
meistgehassten Frau Marokkos'. 2009 gründete sie zusammen mit einer Freundin die 'Alternative Bewegung für individuelle Freiheiten' - auf Französisch abgekürzt:
Mali. Mali bedeutet im marokkanischen Dialekt so viel wie 'Was ist los mit dir?' oder 'Was wirfst du mir vor?'. Die erste Aktion der Gruppe war ein
Picknick mitten im Fastenmonat Ramadan."
In der
NZZ blickt Kacem El Ghazzali auf den Fall Ibtissam Lachgar und was er für
Marokko bedeutet. "Für Marokko stehen in dieser Frage schwierige Jahre bevor. Das Königreich, das 2030 als Mitorganisator der Fußball-Weltmeisterschaft glänzen möchte, wird zunehmend mit seinem Menschenrechtsdossier konfrontiert. Je näher das Großereignis rückt, desto größer wird die
internationale Aufmerksamkeit. Die Welt wird dann nicht nur das touristische Postkartenbild von Bauchtanz und Couscous in Marrakesch sehen, sondern auch die Dutzende politischer Gefangener, die grassierende Armut und die
Willkür der Justiz. (...) Die nächsten Stunden werden zeigen, ob Marokko bereit ist, die Aktionen einer streitbaren Feministin auszuhalten, oder ob diesmal die rote Linie endgültig überschritten wurde." So könnte die marokkanische Justiz Lachgar wieder freilassen.
Der von der chinesischen Regierung verfolgte Hongkonger Buchhändler
Lam Wing-kee hat inzwischen einen neuen
Buchladen in Taipeh aufgemacht, wo er vor allem Bücher zur chinesischen Geschichte und Politik verkauft. Katrin Haupt und Josefine Rein
befragen ihn in der
taz zu seiner neuen Heimat: "Taiwan hat sich erst in den 1990er Jahren demokratisiert und noch keine fest verankerte demokratische Kultur entwickelt. Eine ausgeprägte Kultur der Menschenrechte und Gleichberechtigung muss die Gesellschaft erst noch vom Westen lernen.
Erst durch das Lesen beginnen wir, Chinas strukturelle Probleme in Wirtschaft, Politik und Kultur zu verstehen. Das will die chinesische Regierung verhindern, deswegen ist sie hinter mir her."
Im
FAZ-Leitartikel bekundet Berthold Kohler sein Verständnis für die von Friedrich Merz entschiedene
Einschränkung von Waffenlieferungen nach Israel: "Netanjahus Beschluss, Gaza-Stadt und die Flüchtlingslager einzunehmen, wird die katastrophale Lage der Menschen dort noch verschärfen. Diese Aussicht hat Merz dazu bewogen, es nicht länger
nur bei kritischen Worten zu belassen."
Im
FR-Interview mit Elias Feroz
spricht Sarit Michaeli von der israelischen Hilfsorganisation "B'Tselem" über den Vorwurf ihrer Organisation, die israelische Regierung verübe in Gaza einen
Genozid, wozu sie einen Bericht herausgebracht haben, der den 7. Oktober als Auslöser des Gazakrieges vollkommen zu ignorieren scheint, was eine Täter-Oper-Umkehr sehr erleichtert: "
Israelische Juden wie ich selbst sprechen aus der Gesellschaft der
Täter heraus, während
unser palästinensisches Personal - etwa unsere Feldforscher aus Gaza - die Perspektive der
Opfer mitbringen." Außerdem befürchtet sie, dass die von ihnen beobachteten Praktiken auf das Westjordanland ausgedehnt werden könnten: "Soldaten und Offiziere haben sich an die in Gaza normalisierten Praktiken gewöhnt und operieren nun im Westjordanland. Es gibt weiterhin
keine Rechenschaftspflicht und keinen wirklichen Schutz für die Palästinenser. Die gleichen Ideen, die gleichen Handlungen, die gleichen Entscheidungsträger und das gleiche Militär sind weiterhin da. Vor Ort hat sich grundsätzlich nichts geändert."
"Es ist ein Genozid - Es bricht mir das Herz, aber nun muss ich es sagen", hatte
La Republicca ein Interview mit
David Grossman überschrieben, ein Zitat, das überall
begierig aufgegriffen wurde (unsere
Resümees). Leider verkürzt das Zitat Grossmans Gedanken - auch wenn man nicht sagen kann, dass es sie verfälscht,
schreibt Thomas Schmid in der
Welt, der dankenswerter Weise ausführlich aus dem hinter Paywall stehenden Interview zitiert. Die entscheidende Passage des Grossman-Interviews lautet in Schmids Übersetzung so: "Ich möchte als eine Person sprechen, die alles dafür getan hat, um nie an den Punkt zu kommen, Israel einen genozidalen Staat nennen zu müssen. Und heute muss ich, mit ungeheurem Schmerz und gebrochenem Herzen zur Kenntnis nehmen,
was vor meinen Augen geschieht. 'Genozid'. Es ist ein Wort wie eine Lawine: sprichst du es einmal aus, wird sie nur immer größer, eben wie eine Lawine." Schmid dazu: "David Grossmans
mäanderndes Bemühen, der Realität des Gaza-Krieges ins Gesicht zu sehen, wurde von sehr vielen Medien missbraucht. Von Meinungsmachern, die in der Regel keine Ahnung davon haben, wie sich die Bedrohung und die Zweifel anfühlen, mit denen Israelis heute Tag für Tag zu leben haben."
Außerdem zu Israel: Felix Wellisch
berichtet in der
taz über die Tötung des
Al-Jazeera-Korrespondenten
Anas al-Scharif und von vier seiner Kollegen in Gaza. Der Journalist sei auch "Kopf einer Hamas-Zelle", behauptet die israelische Armee (auf
Twitter zirkulieren
Bilder, wie er direkt nach dem 7. Oktober mit Yahya Sinwar feiert).
Zeit Online bringt ein Dossier, in dem sie Anas al-Scharif Leben nachzeichnen und beziehen sich dort auf einen Bericht der UN, der dementiert, dass er Teil der Hamas gewesen sei. Ebenfalls in der
taz schreibt Kafr Malik über die Gewalt im Westjordanland.
In
Japan hat die LDP, die dominante Regierungspartei seit der Nachkriegszeit, die Mehrheit in beiden Häusern verloren. Dafür hat die Partei Sanseito zugelegt, die mit dem Spruch "Japan first" Donald Trump nacheifert und gegen Migranten hetzt,
schreibt Marco Kauffmann Bossart in der
NZZ. "Nicht zu vernachlässigen ist die Verpackung. Japans Jungparteien verdichten ihre
Botschaften auf Tiktok-Länge, setzen peppige Instagram-Reels ab. Ihre Spitzenkandidaten treten für japanische Verhältnisse locker und zugänglich auf. Sie erreichen damit urbane Wählerinnen und Wähler, die sich von den etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Die LDP kommt wie ein Altherrenklub daher, der ungelenk durch die digitale Welt stolpert. Japans junge Wilde haben den verknöcherten Monolithen LDP ins Schwanken gebracht. Aber
gestürzt ist er nicht. Die Partei überlebte schon manchen Rückschlag."
Neulich wurden in
Saudi-Arabien binnen weniger Stunden 17 Todesurteile vollstreckt,
berichtet Helmut Ortner bei
hpd.de. Letztes Jahr wurden 345 Menschen hingerichtet, dies Jahr bereits 239. "Es werden Geständnisse genutzt, die durch Folter erpresst wurden. Es sind 'incommunicado-Inhaftierungen' (also nicht registrierte und kommunizierte Verhaftungen), in U-Haft kein Zugang zur Familie, kein Zugang zum Anwalt. 'Es sind oft Entscheidungen und Urteile, die auf
grob unfairen Vorgaben getroffen wurden', sagt Taha al-Haji. Der saudische Menschenrechtsanwalt lebt in Berlin und kritisiert seit Jahren die Hinrichtungspraxis in seinem Heimatland. Die Angeklagten, sagt er, sind der Willkür der streng konservativen Scharia-Richter weitgehend hilflos ausgeliefert: 'Es sind zum Teil
politische Anklagen - wegen der Teilnahme an Demonstrationen, Hochverrats und der Aufwiegelung der öffentlichen Meinung. Darüber hinaus wurden Todesurteile gegen Personen aufgrund ihrer politischen Ansichten oder
Kommentare in sozialen Medien verhängt', kritisiert der Anwalt."