Navid Kermani hat für einen beeindruckenden Artikel in der
Zeit mit vielen Menschen im Iran gesprochen, die dem ersten hingerichteten Demonstranten,
Mohsen Schekari, nahestanden oder seine letzten Tage im Evin-Gefängnis miterlebten. "Es wird berichtet,
Mohsens Eltern seien auf eine Lüge der Behörden hereingefallen. Kurz vor der Hinrichtung hätten sie einen Anruf erhalten, dass Mohsen begnadigt werde, sie sollten daher Ruhe bewahren und keinesfalls
an die Öffentlichkeit gehen. Bald komme ihr Sohn frei. Sie fuhren zum Gefängnis und hofften, Mohsen in die Arme schließen zu können. Tatsächlich wurde Mohsen hingerichtet, während die Eltern vor dem Gefängnis auf Nachricht warteten... Als sie die Habseligkeiten des Sohnes in Empfang nahmen, sei den Eltern mitgeteilt worden, dass Mohsen mit dem Tod für seine Sünden bezahlt habe und somit
wieder als Muslim gelte, der auf dem öffentlichen Friedhof bestattet werden dürfe."
Im Feuilleton der
SZ erzählt die iranische Künstlerin
Parastou Forouhar, wie sie im Iran versuchte, eine Versammlung im Gedenken an ihre Eltern, oppositionelle Politiker, die 1998 durch Agenten des Geheimdienstes der Islamischen Republik ermordet wurden, zu organisieren. Vorab wurde sie zum Verhör gebeten: "Es wird behauptet, dass
dubiose Gestalten kommen würden, um Unruhe zu stiften.
Nezam (auf deutsch: 'System', ein Begriff, der ehrfürchtig ausgesprochen wird und das Regime meint)
könne das nicht dulden, heißt es. Nachfragen dazu laufen immer ins Leere. Am Schluss wird mir ein Blatt Papier gereicht, ein Routine-Protokoll. Diesmal war es mir ein Anliegen, schriftlich zu fixieren, dass
Rufe nach Freiheit Teil der Versammlung sein würden. So auch die Parole: 'Zan, Zendegi, Azadi'. Darauf folgte eine Gegendarstellung des Beamten: Nezam achte und wertschätze gemäß den islamischen Werten Frauen und Freiheit. Am Ende sagt ein Beamter: 'Frau Forouhar, Sie sind sehr unfair.' Als ich überrascht aufblickte, ergänzte er, ich würde alles in einem negativen Licht darstellen. Auch das entspricht einem wiederkehrenden Muster: Nezam und seine Handlanger beanspruchen die
Opferrolle für sich."
"Ich bin der Auffassung, dass
Israel zumindest einen
Teil der Verantwortung trägt für die Tragödie der
Palästinenser, aber wir sind noch sehr weit davon entfernt, das anzuerkennen", sagt der israelische Historiker
Tom Segev im
FR-
Gespräch mit Michael Hesse, in dem er auch über das
Scheitern des Teilungsplans der UN über Palästina spricht: Schon "davor gab es die Vorstellung, dass in Palästina Platz ist für sowohl Juden als auch Araber. Ben Gurions Auffassung war, dass der Sinn des Zionismus darin besteht, soviel Juden wie möglich,
so wenig Araber wie nötig im Land zu haben. Das hat er umgesetzt. Viele Araber wurden vertrieben. Bis 1967 waren wenige Araber in Palästina. Seitdem hat es sich geändert. Aber eine Zwei-Staaten-Lösung ist seitdem eigentlich gar nicht mehr möglich. Daher ist der Teilungsplan von der UN fast ein
Kuriosum. Ein historischer Punkt in dem langen Konflikt, der schon hundert Jahre andauert. Es ist eine fortdauernde
zionistische Bemühung, das ganze Land zu beherrschen. Bei den Palästinensern ist es umgekehrt. Das ist die Schwierigkeit des Konflikts zwischen zwei nationalen Identitäten, die sich beide durch das Land definieren - und zwar das ganze Land."
Die
taiwanesische Bevölkerung ist innerlich vielfältig. Manche Taiwanesen haben starke Beziehungen und Loyalitäten nach Festlandchina. Allerdings wird - ähnlich wie in der Ukraine - die
Identifikation mit Taiwan immer stärker,
schreibt Anne Applebaum in
Atlantic: "Wie die Ukrainer befinden sich auch die Taiwanesen an vorderster Front des Konflikts zwischen Demokratie und Autokratie. Auch sie sind gezwungen,
Strategien des Widerstands zu entwickeln. Was dort geschieht, wird schließlich auch anderswo geschehen: Chinas Führer versuchen bereits, ihren Einfluss in der ganzen Welt auszuweiten, auch
innerhalb der Demokratien. Die Taktiken, die die Taiwanesen entwickeln, um die chinesische psychologische Kriegsführung, den wirtschaftlichen Druck und die politische Manipulation zu bekämpfen, werden schließlich auch in anderen Ländern gebraucht werden."