Außer Atem: Das Berlinale Blog

Verströmt den Charme von Moleskine-Notizbüchern: Wim Wenders' 'Every Thing Will Be Fine' (Wettbewerb)

Von Nikolaus Perneczky
11.02.2015. Wim Wenders erzählt in seinem Film vom tödlichen Unfall eines kleinen Jungen und den Folgen, die das für einen Schriftsteller hat.


Vorab: Weil ich spät dran war, wurde ich als letzter in die Pressevorführung eingelassen. Der einzige noch übrige Platz war in der ersten Reihe, von wo aus die Dreidimensionalität von Wim Wenders "Every Thing Will Be Fine" sich nicht vollständig erschloss. Zu den Rändern hin sah ich doppelt. Was in der unteren Bildhälfte geschah - vor allem: viel Händeringen - war disproportional gewichtet. Ob sich dem Zuschauer tatsächlich neue physiognomische Wahrheiten offenbarten (James Francos Riesenhände!) oder alles nur eine Frage der (Frosch-)Perspektive war, vermag ich darum nicht mit Sicherheit zu sagen. Ein Gewinn des 3D-Verfahrens in dieser eher ungewöhnlichen Melo-Anwendung war nur vereinzelt und nie in einem genrespezifischen Sinn auszumachen. Die deutschen Wettbewerbsbeiträge (siehe unsere Kritik zu Sebastian Schippers "Victoria") zeichnen sich in diesem Jahr durch die zweckmäßige Zweckfreiheit des gimmick aus.

Die Geschichte, die "Every Thing Will Be Fine" erzählt, hat man so oder so ähnlich schon hundertmal gehört: Mann (Franco) ist in den tödlichen Unfall eines kleinen Jungen involviert und lernt dadurch dessen Mutter (Charlotte Gainsburgh) kennen. Was folgt, nimmt aber ganz andere Entwicklungen als in der vertrauten Prämisse angelegt. Nicht um eine allmähliche Annäherung der beiden geht es, sondern um wesentlich weitschweifigere Lebenslinien. Wenders folgt seinem Protagonisten, dem zunächst strauchelnden Schriftsteller Tomas, über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt. Immer wieder, aber stets nur vorübergehend, kreuzt sich sein Weg mit dem der um ihren Sohn trauernden Illustratorin Kate. Dazwischen werden Beziehungen aufgelöst und andere geknüpft, vielgerühmte Romane geschrieben und der verbitterte Vater (ohne rechte Konsequenz) eingeführt und ins Heim verbracht. In den Erzählellipsen, so gibt der Film zu verstehen, reift Tomas zu einer geringfügig weniger narzisstischen Version seiner selbst. Und dann hat er, eben noch "just not ready for all that", plötzlich eine frühreife Ziehtochter am Hals.

Alles Hauptabendfernsehstoff also, dabei aber sehr eigenwillig - mal stockend, mal sprunghaft - vorgetragen. Tages- und Jahreszeiten sind eher Farben auf Wenders" herbst-bis-winterlicher Palette als dass sie einen Anhalt böten zur Chronologie der Ereignisse. Mehrfach finden wir uns unvorbereitet "vier Jahre später" wieder; zentrale plot points (sind sie noch ein Paar?) müssen jeweils retrospektiv eingesetzt werden. Die Grundfrage, die sich als roter Faden durch die Wechselfälle von Tomas" Schriftstellerdasein zieht, wird gleich zu Beginn von seinem Verleger benannt: Könnte es sein, dass sein Schreiben von der Erfahrung des Unfalls profitiert hat?

James Franco ist passgenau besetzt als selbstbezogener Schriftsteller von Büchern, die (das sagt der Film, nicht ich) zugleich wichtige Literaturpreise gewinnen und ihre Leser zum Weinen bringen. In verschiedene Wollpullover gehüllt sieht er aus wie ein der Winterkollektion von Peek und Cloppenburg entstiegener James Dean, wie die Farbwerte und Gegenstandsbesetzungen des Films überhaupt stark an einen Katalog des Hamburger Bekleidungshauses denken lassen. Wiederkehrende Fetischobjekte sind, neben Francos Pullis, gusseiserne Öfen, Moleskine-Notizbücher mit zur Kamera hingedrehten Gebrauchsspuren und auratisch leuchtendes Herbstlaub. In keinem Moment glaubt man, dass in den Romanen, die Tomas-Francos Lebenszweck sind, etwas anderes drinsteht als "lorem ipsum dolor sit amet..." - was für einen Film, der das auktoriale Schalten und Walten mit den Leben seiner Figuren derart hervorkehrt, schon eine besonders sonderbare Leerstelle ist.

Wim Wenders: Every Thing Will Be Fine. Mit James Franco, Charlotte Gainsbourg, Rachel McAdams, Marie-Josée Croze, Robert Naylor, Patrick Bauchau, Peter Stormare. Deutschland / Kanada / Frankreich / Schweden / Norwegen 2015, 118 Minuten. (Vorführtermine)

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