Bücherbrief

Ins gemeinsame Diesseits der Literatur

Die besten Bücher des Monats
14.09.2026. Der literarische Herbst beginnt mit nicht nur einem Paukenschlag: Maxim Biller sucht nach dem Urgrund des Antisemitismus. Samuel Beckett reist in den Jahren 1936 und 1937 durch Deutschland - mit Witz und Wut im Bauch. Banu Mushtaq erzählt vom Alltag indischer Frauen unter der Scharia. Die Journalistin Asne Seierstad zeichnet ein meisterliches Panorama der russischen Gesellschaft. Und Christian Buckard lädt ins Café Babylon. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats September.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2025, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Literaturkolumne "Vorworte", Benita Berthmanns und Thekla Dannenbergs Weltliteraturkolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Maxim Biller
Schwarze Samstage
Roman eines Jahres
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 304 Seiten. 24 Euro

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Die Welt wird den Israelis den 7. Oktober niemals verzeihen - könnte man in Abwandlung eines bekannten Diktums über den Holocaust sagen. Maxim Billers Roman "Schwarze Samstage" ist ein Kaleidoskop essayistischer Fragmente und eine der besten Reflexionen über ein Pogrom, das von den Tätern stolz dokumentiert und von der Welt zeitgleich geleugnet wurde. Warum die Juden, fragt das Buch - denn der 7. Oktober steht für Biller in einer Reihe, die seit 3.000 Jahren anhält. Billers Bücher waren oft umstritten - aber in diesem Fall ist die Ergriffenheit der Kritiker fast einhellig und um so bemerkenswerter, als auch in deutschen Medien nicht selten eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wurde. Für Welt-Kritikerin Mara Delius ist der Roman eine autobiografische Spurensuche nach dem Urgrund des Antisemitismus. Der Roman verzichtet nicht auf Polemik, Jan Assmann und Carolin Emcke bekommen satirische Kapitel, doch er ist trotz der Wucht des Themas "eingängig, lebensprall" - und natürlich konfrontativ, versichert in der FAZ Edo Reents, der bei der Lektüre an Thomas Manns Josephromane denken musste. taz-Rezensentin Julia Hubernagel kann allerdings nicht verstehen, dass Biller die Leiden der Palästinenser ignoriert. Lobende Besprechungen gab's auch in der FAS, Zeit und SZ. "Schwarze Samstage" ist eins der Bücher, die aus diesem Jahr bleiben werden.

Tony Tulathimutte
Fiasko
Fiktionen
dtv. 384 Seiten. 26 Euro

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Die amerikanische Presse warf sich geradezu in den Staub vor Tony Tulathimuttes Erzählband - und im Spiegel annoncierte Xaver von Cranach gleich das "Buch des Jahrtausends". Weit drunter macht es auch der Großteil der anderen deutschen KritikerInnen nicht: Offenbar trifft der Amerikaner einen Nerv, wenn er hier die Identitätspolitik zerlegt. Denn genau darum geht es in den Kurzgeschichten, die etwa von einem Feministen erzählen, der durch die Ablehnung von Frauen bald zu einem hasserfüllten Incel wird, oder einer Trollin folgen, die das ganze Internet gegen sich aufbringt. Welt-Kritiker Richard Kämmerlings liest Geschichten von "stupender Sprachgewalt", die "fast körperlich wehtun", die taz-Kritikerin Sophia Zessnik hebt Tulathimuttes wahnsinniges Erzähltempo, seine erstaunliche Kenntnis der Dating-App-Welten und Online-Foren hervor. In der SZ annonciert Marie Schmidt gar "Männerliteratur, die es jetzt braucht", zieht aber die neuen Erzählungen "Mein Leben als Noiseband" (bestellen) von Clemens J. Setz vor: Auch hier geht es um Anziehung und Abstoßung von Gewalt, Perversionen und um die Sehnsucht nach Nähe. Aber Setz' Storys eignet nicht nur eine Subtilität, die Tulathimutte abgeht, sondern auch Sätze, die vor Präzision und Schönheit geradezu "glühen", meint sie.

Banu Mushtaq
Meistens bleibt ja die Frau zu Hause
Storys
Kjona Verlag. 256 Seiten. 23 Euro

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Ausgezeichnet mit dem International Booker Prize 2025 haben die deutschen Kritiker bisher kaum Notiz von Banu Mushtaqs hier versammelten zwölf Erzählungen aus den Jahren 1990 bis 2015 genommen. Dabei ist es ein wichtiges Thema: Mushtaq erzählt vom Leben als Frau in einer kleinen muslimischen Gemeinde in der indischen Provinz, wo die Gesetze der Scharia gelten und Frauen kaum ein Recht auf Bildung, Freiheit und Selbstbestimmung haben. Sehr eindrücklich beschreibt Mushtaq den Leidensdruck dieser Frauen, findet die FR-Kritikerin Petra Pluwatsch, die hier beispielsweise von Ashraf liest, deren Mann sie mit ihren Töchtern in finanzieller Not allein lässt, weil sie ihm keinen Sohn geboren hat, oder von Mehrun, die eine Zwangsehe eingeht, bevor sie die Schule abschließen kann. Doch so entmutigend, so niederschmetternd diese Schicksale sind, Mushtaqs Heldinnen wehren sich - zumindest innerhalb des engen Rahmens, der ihnen offen steht. Ihr Mut und ihr Trotz sind "ein Anfang", hofft Pluwatsch. Im SWR empfiehlt auch Nadine Kreuzahler dieses "vielfältige Panorama des Patriarchats" in Südindien, warnt aber vor: Ton und Perspektiven wechseln in den Erzählungen mitunter unvermittelt, das nimmt den Geschichten aber nichts an Kraft, versichert sie.

Emma Cline
In die Schweiz
Roman
Carl Hanser Verlag. 384 Seiten. 25 Euro

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Fast nur Hymnen für den neuen Roman von Emma Cline, die für den NZZ-Rezensenten Paul Jandl ohnehin eine "Ikone des neuen Erzählens" ist. Warum? Weil die Amerikanerin ausgefeilte Erzähllabyrinthe zu bauen weiß, so auch in ihrem neuen Roman, der uns die Geschichte des siebzigjährigen Unternehmers David Hastings erzählt, der sich mit beginnender Demenz für einen assistierten Suizid in der Schweiz entscheidet. Allein wie die Autorin das Zerfallen der Erinnerungen, der Gefühle und des Gehirns beschreibt, mitfühlend, in verschiedenen Schichten, erscheint Jandl so meisterhaft, dass er von einer "literarischen Elektroenzephalografie" spricht. Vor allem aber bewundert er, wie Cline "dem Rätsel des Menschseins seine Rätselhaftigkeit" lässt. Ein "Abenteuerroman des Alterns", ganz ohne Pathos und brillant von Nikolaus Stingl übersetzt, schließt der Kritiker. Auch der Zeit-Kritiker Ronald Düker will diesen Roman gar nicht mehr aus der Hand legen, so virtuos wie einzigartig sauge sich die Autorin in die "Psyche ihres Helden", meint er. Nur dem Welt-Kritiker Jan Küveler ist das alles etwas zu unverbunden.

Samuel Beckett
German Diaries
28. September 1936 - 1. April 1937
Suhrkamp Verlag. 1352 Seiten. 78 Euro

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"Wirklich guter Komiker, strahlt Depression aus, hat seine beste Zeit vielleicht hinter sich", notiert Samuel Beckett nach einem Besuch eines Auftritts von Karl Valentin im Jahr 1937. Wer auf Deutschland schon immer mal mit den Augen eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts schauen wollte, dem geben die Tagebücher, die Beckett während seiner Deutschlandreise September 1936 bis April 1937 geschrieben hat, auf jeden Fall reichlich Stoff. Überbordend ist die Fülle von witzigen, melancholischen, teilweise auch unappetitlichen Beobachtungen, Notaten, Beschimpfungen und Beschwerden, die der Schriftsteller hier vorbringt, staunt Jochen Schimmang in der FAZ. Seine zahlreichen Museumsbesuche, auch in der Ausstellung "Entartete Kunst", hält Beckett sehr detailliert fest, hinzu kommen Schilderungen seiner langen Spaziergänge durch die besuchten Städte, seiner Mahlzeiten (Beckett findet das deutsche Essen grauenhaft) und seiner zahlreichen körperlichen Beschwerden. Wie der erstarkende Nationalsozialismus den deutschen Alltag prägt, kann SZ-Kritiker Alexander Menden anhand von Becketts Begegnungen mit geifernden Regime-Anhängern und dem völlig normalisierten Antisemitismus nachvollziehen. Er lobt außerdem die hervorragende und aufwendige editorische Arbeit, mit allerlei Anhängen und einem lesenswerten Nachwort.


Sachbuch

Asne Seierstad
Der Krieg ist anderswo
Russland von innen
Carl Hanser Verlag. 608 Seiten. 32 Euro

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Als Meisterwerk werden Sachbücher selten bezeichnet - aber dieses ist eins, meint Welt-Kritiker Richard Kämmerlings, der uns die Mischung aus "Protokoll und Reisebericht, Kriegsroman und Sachbuch, Essay und investigativer Recherche" dringend ans Herz legt: Als viele westliche Kollegen das Land verließen, verschaffte sich die norwegische Journalistin Asne Seierstad ein Russland-Visum, reiste bis nach Sibirien und durch russische Großstädte, um dieses Panorama der russischen Gesellschaft zu zeichnen. Seierstad trifft sich sowohl mit putintreuen Menschen als auch mit den letzten aufrechten Oppositionellen und nähert sich ihnen geradezu ethnologisch, lobt Kämmerlings, der Vergleiche mit Dostojewski nicht scheut. Als komplexes Porträts Russlands und veritablen Pageturner, empfiehlt Andrea Gerk das Buch im Dlf Kultur. Und in der FAZ hebt die ebenfalls angetane Rezensentin Kerstin Holm auch die exzellente Übersetzung von Anja Lenz hervor.

Günter Frankenberg (Hg.), Wilhelm Heitmeyer (Hg.)
Autoritäre Treiber eines Systemwechsels
Zur Destabilisierung von Institutionen durch die AfD
Campus Verlag. 401 Seiten. 39 Euro

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Die AfD muss gar nicht erst in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen, um ihren Einfluss geltend zu machen, sie übt schon jetzt Druck auf demokratische Institutionen aus. Wie, das erfährt man in diesem von den Autoritarismusforschern Günter Frankenberg und Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Sammelband mit 16 Beiträgen. So erklärt der Jurist Maximilian Steinbeis, wie die Partei über bereits von ihr kontrollierte Institutionen ihre Macht ausbaut. Der Soziologe Wolfgang Kühnel legt dar, wie die AfD die Schulen "reformieren" könnte, etwa in dem sie den Zugang zu Gymnasium und Universität erschwert oder auf Meldeportalen Namen von Lehrern sammelt, die nicht 'neutral' genug auftreten. Thematisiert werden aber auch die Attacken von Parteivertretern gegen die Kulturszene oder die Gefahren, die durch eine rechtsextreme Übernahme der Polizei drohen. Keine angenehme Lektüre, aber eine wichtige, auch für den politischen Alltagsgebrauch, meinen Peter Laudenbach in der SZ und Justus Bender in der FAZ. Bender selbst geht in seinem Buch "Deutschland 2033" (bestellen) noch einen Schritt weiter, indem er sich ausmalt, wie das Land unter einer AfD-Regierung aussehen würde. "Erschreckend real" findet das Tim Frehler in der SZ.

Omar Kamil
Muslimischer Antisemitismus
Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können
C.H. Beck Verlag. 235 Seiten. 18 Euro

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Das Verhältnis der Muslime zu den Juden ist mindestens so zwiespältig wie das Verhältnis der Christen zu den Juden. In beiden Nachfolgerreligionen speist sich das Ressentiment schon aus der Verlegenheit, selbst nur den zweiten und dritten Aufguss der Erfindung des Monotheismus zu liefern - diese "kulturellen Aneignungen" spielen übrigens auch eine Rolle in Maxim Billers (siehe oben) Überlegungen zum Urgrund des Antisemitismus. Überlagert wurde dieses religiöse Motiv seit dem 19. Jahrhundert durch modernere Versionen der Judenfeindschaft. Omar Kamil, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, liefert hier ein nützliches Kompendium, finden die Kritiker: "Analytisch-kraftvoll" vollzieht er nach, wie sich die großen antisemitischen Narrative verbreiteten, lobt Majd El-Safadi in der FAZ, zum Beispiel die vom griechisch-katholischen Libanesen Habib Faris in die Welt gesetzte Ritualmordlegende oder die aus Russland kommenden "Protokollen der Weisen von Zion", die auch heute noch die Grundlage vieler antisemitischer Ideen bilden. Auch Dlf-Kritiker Jens Balzer lobt die erhellende Lektüre, da der Autor die komplexen Beziehungen entwirrt und auch die Rolle des Christentums und des Kolonialismus erläutert. Die Vielgestaltigkeit des Konflikts lässt sich so besser verstehen, findet Balzer.

Christian Buckard
Café Babylon
Berlin, Romanisches Café, 1913-1933
C.H. Beck Verlag. 352 Seiten. 26 Euro

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Wer auf den Zustand der Berliner Kulturlandschaft schaut, gebeutelt durch Kürzungen, Fehlentscheidungen, aufgebauschte und echte Skandale, aber auch vor allem auf die allseits präsente Ratlosigkeit, der kann schon wehmütig werden, wenn er Christian Buckards Buch über das Romanische Café in Berlin liest. Hier gaben sich Künstler, Intellektuelle, Visionäre und Außenseiter die Klinke in die Hand. Alle waren sie dort, schwärmt Tilman Krause in der Welt: Unten saßen die alten Hasen um den Maler Max Slevogt, etwas weiter oben vor allem Theater- und später Filmleute, Billy Wilder war Stammgast, Bertolt Brecht, Mascha Kaléko und Joseph Roth - die Liste der großen Namen ließe sich lange fortführen. Außerdem war das Café ein wichtiger Treffpunkt für die ungarische exiljüdische Community, weiß Krause. Das war nicht zuletzt dem Caféhaus-Besitzer Bruno Fiering (das entsprechende Kapitel haben wir in unserem "Vorgeblättert" abgedruckt) zu verdanken, der das Romanische Café nicht nur zur "neuen Heimat der Bohème" werden ließ (und dafür den Verlust der bürgerlichen Kundschaft in Kauf nahm), sondern außerdem als "Fürst der Galut", der jüdischen Diaspora, galt, wie bei Buckard zu lesen ist. Vielleicht strahlt der Glanz dieser vergangenen Zeit ja auch in unsere intellektuell etwas trübe Gegenwart. 

Christine Webb
Der arrogante Affe
Der Mythos der menschlichen Überlegenheit und was wir von anderen Spezies lernen können
Ullstein Verlag. 432 Seiten. 24,99 Euro

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Gott hat den Menschen "mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt" heißt es in der Bibel: Im Laufe der Historie hat das übergroße Selbstbewusstsein der Spezies Homo Sapiens dann allerdings empfindliche Kratzer davongetragen. Nicht nur sind wir nicht der Mittelpunkt des Universums, Darwin fand ja zudem heraus, dass wir eine recht nahe Verwandtschaft zum Affen haben. Zu allem Überdruss machte Freud uns dann noch klar, dass wir nicht einmal im eigenen Kopf die Herrscher sind. Wem schon das zu viele der Kränkungen sind, sollte das Buch von Christine Webb besser nicht lesen, für alle anderen hält die Tierforscherin aber eine spannende Lektüre bereit, wie die Kritiker versichern. In der FAZ ist Claus Leggewie begeistert: Ohne in "Naturromantik" zu verfallen, zeige Webb mit einer klugen Mischung aus interdisziplinären wissenschaftlichen Befunden, "Kindheits- und Naturerfahrungen" und Wissen aus indigenen Kulturen, dass vermeintlich dem Menschen vorbehaltene Fähigkeiten wie Empathie, Intelligenz und Bewusstsein auch bei anderen Spezien zu finden sind, erklärt Leggewie. Es geht ihr aber gar nicht darum, dem Menschen alle Besonderheit abzusprechen, beruhigt Susanne Billig im Dlf. Vielmehr möchte sie mit einem kritischen Blick auf das Konzept des autonomen Individuums für mehr Naturverbundheit plädieren. Ein bisschen Demut tut uns ja vielleicht ganz gut, nickt die Kritikerin.

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