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Büchern der Saison vom
Herbst 2025, Marie Luise Knotts
Lyrikkolumne "Tagtigall", dem
"Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders
Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren
Bücherbriefen.
Literatur
Karine TuilDie LiebeshungrigenRoman
dtv. 400 Seiten. 25 Euro
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Bestens unterhalten fühlen sich die Kritiker vom neusten Roman der Französin Karine Tuil über einen ehemaligen französischer Staatspräsidenten, Dan Lehman, der mit seiner neuen Bedeutungslosigkeit hadert, während seine schöne junge Frau die Hauptrolle in einem Film spielt, der ausgerechnet auf einem Roman von Lehmans Exfrau basiert und von einer misshandelten Frau erzählt. Die Erinnerung an manchen
französischen Ex-
Präsidenten mag nicht ganz fern sein, meint Christoph Mayer in der
SZ, vor allem aber ist der Roman eine von "
Realitätssinn und Boshaftigkeit" geprägte Betrachtung der Medien, der Politik,, aber auch des Körperkults. Wie Tuil davon erzählt, spannend, bissig, aber ohne ihre Figuren bloßzustellen, macht das Buch für Mayer zu einem "grandiosen Gesellschaftsroman". Im
Dlf amüsiert sich auch Cornelius Wüllenkemper prächtig, wenn hier die Pariser Hautevolée ihr Fett wegbekommt.
Petra MorsbachOrionRoman
Penguin Verlag. 416 Seiten. 26 Euro
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Das Leben, das Nora Meyer führt, und von dem uns Petra Morsbach von den späten Fünfzigern bis in die Gegenwart erzählt, ist kein aufregendes: Zunächst arbeitet sie im Münchner Literaturarchiv, später wird sie passionierte Deutschlehrerin und weniger ambitionierte Ehefrau und Mutter - das Lesen aber begleitet sie ein Leben lang. Die Kritiker sind begeistert: Wie Morsbach hier ein neues Milieu auskundschaftet, die "
Büchermenschenwelt", findet Hannes Hintermeier in der
FAZ grandios: Morsbachs eigene Erfahrungen verbinden sich mit ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe zu einem sogkräftigen Roman, meint er.
FR-Kritikerin Judith von Sternburg bewundert, wie die Autorin Figuren und Szenerien erschafft, die der Wirklichkeit an Originalität und Lebendigkeit keinesfalls unterlegen seien.
Menschenliebe,
Bitteres und
Komödiantisches zeichnen den Roman aus, ohne dass der Text sich auf das eine oder andere festlegen ließe, versichert sie. Und in der
NZZ lobt Paul Jandl die sprachliche Präzision, mit der Morsbach vom Werden einer Schriftstellerin erzählt.
Robert SeethalerDie StraßeRoman
Claassen Verlag. 240 Seiten, 25 Euro
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Die Hauptfigur von Robert Seethalers Roman steckt schon im Titel: "Die Straße", "scheinbar unscheinbar", wie Rezensent Wolfgang Schneider im
Dlf erzählt, aber dennoch bietet sie eine Art
Querschnitt menschlicher Erfahrungen: enttäuschte Liebe, üble Gerüchte, Kriegserinnerungen, Obdachlosigkeit, Rassismus, Migration, Brandstiftung und fragwürdige Immobiliengeschäfte. Seethaler lässt seine Erzählung flugs über all diese Geschehnisse und Gespräche hinweggleiten, verknüpft dabei seine knappen Momentaufnahmen geschickt durch wiederkehrende Motive und Begriffe, lobt Schneider. Fokke Joel beschreibt es in der
taz als eine Art "Wimmelbild für Erwachsene", das ihn allerdings nicht ganz überzeugt. Andreas Platthaus hingegen bewundert in der
FAZ Seethalers
Beschreibungsgenie, das sich hier auf Blumenhändler, Ärzte, Ehepaare und Zwangsgeräumte richtet. Wie Seethaler die Perspektiven und Formen wechselt, Dialoge, Monologe, Chroniken, Protokolle, Baupläne und Liebesbriefe, findet Platthaus stark. Ein Roman wie ein
Wegenetz durch die Gesellschaft, Umleitungen, Sackgassen und Einbahnstraßen inklusive, meint der begeisterte Kritiker.
Peggy MädlerSelbstregulierung des HerzensRoman
Galiani Verlag. 304 Seiten. 23 Euro
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Noch ein DDR-Roman? Ja, aber keiner der lauten Art,
kein Debattenroman, der mit den großen Diskursen liebäugelt, entwarnt Helmut Böttiger im
Dlf Kultur. Im Mittelpunkt des Romans steht Kybernetiker Georg, der in den Achtzigern vergeblich versucht den Staat mithilfe von ersten Computern nach vorne zu bringen und sich schließlich mit seiner Familie auf eine Datsche nördlich von Berlin zurückzieht, wo er der Künstlerin Mona, der zweiten Hauptfigur, begegnet. Immer mehr Figuren treten in den "scheinbar unbehelligten Mikrokosmos" der Feriensiedlung ein, in den der Machtapparat der Regierung aber doch hineinwirkte, verrät uns
Welt-Rezensent Heiko Zwirner: Wie ambivalent die Autorin ihr Personal entwirft und Täter-Opfer-Schemata unterläuft, indem sie zeigt, wie gerade auch
regierungskritische Individuen wie Georg und Mona auf ihre Weise zu "Stützen des Staatsapparats" wurden, auch wenn sie sich "nur" arrangierten, ist für Zwirner ein großes Verdienst. Dabei schreibt sich Mädler nah an ihre Figuren und deren "Sprach- und Denkformen" heran und macht ihr Handeln und Leben nachvollziehbar,
einfühlsam und versiert, erfahren wir von Böttiger. Raffiniert findet der
NZZ-Kritiker Paul Jandl indes die parallelisierende Darstellung von Staat und einer Gegenwelt des privaten Glücks. Die sprachliche Sachlichkeit im Text erscheint Jandl passend zur grauen Monotonie des DDR-Alltags. Ein
Roman der stillen Thesen, meint Jandl.
Farai MudzingwaDie AvenuesRoman
Unionsverlag. 304 Seiten. 24 Euro
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Auf einen
wilden Ritt durch die Straßen von Harare nimmt uns der in Simbabwe geborene Schrifsteller Farai Mudzwinga mit. Das jedenfalls verspricht
FAZ-Kritiker Tobias Döring, der mit Mudzingwa hier den beiden Geschwistern Jedza und Natsai folgt. Jedza begibt sich in Harare auf die Suche nach der verschwundenen Natsai und lässt dabei auch die gemeinsame Kindheit Revue passieren. Einen stringenten Plot gibt es nicht, macht aber nichts, meint Döring. Entlohnt wird der Leser mit
scharfem Humor, schrägen Einfällen und einer Sprache, die mal kühl erscheint und dann wieder "
hitzig,
fiebrig und expressionistisch überspannt" daherkommt. Und doch liest sich der Roman geradezu musikalisch, auch dank der Übersetzung von Jan Schönherr, versichert Sonja Hartl, die den Roman im
Dlf Kultur ein "flirrendes Gegenwartsporträt von Simbabwe" ans Herz legt.
Sachbuch
Andrea Stoll"Zwei Menschen sind in mir"Ingeborg Bachmann. Die Biografie
Piper Verlag. 480 Seiten. 26 Euro
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Vergangene Woche wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden, und natürlich sind aus diesem Anlass neue Biografien erschienen. Aber braucht es die überhaupt? Ja, denn durch die zahlreichen in den letzten Jahren veröffentlichten Briefwechsel hat sich die Quellenlage verändert, nicht zuletzt durch jenen mit Max Frisch, den Bachmann nie veröffentlicht wissen wollte, erinnert Jolinde Hüchtker in der
Zeit. Welcher aber nun den Vorzug geben? Die Kritiker sind sich uneins: Der Germanist
Dieter Burdorf konzentriert sich in
"Dieses unruhige Ich" (
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akribisch detailliert" anhand der Briefe Bachmanns etwa zu Enzenberger, Böll oder Aichinger, lobt Hüchtker. Zu detailliert, meint indes Marie Schmidt in der
SZ. Sie zieht die erweiterte und überarbeitete, aber bündigere Biografie von
Andrea Stoll vor, die ihr "
auf sanfte Art" darlegt, wie sich Bachmann im männerdominierten Literaturbetrieb ihrer Zeit zurechtfand, sich gegen Neid und Eifersucht von beiden Geschlechtern durchsetzte und bisweilen auch die "Regeln der Männerwelt" zu ihren Gunsten zu nutzen wusste. Dass Stoll die Bachmann "kompromisslos", aber nicht als Opfer zeigt, gefällt Tina Hartmann in der
FAZ. Mit seinen Werkanalysen taugt das mit biografischen Fakten wie mit historischen Kontexten gleichermaßen pralle Buch für Hartmann auch als Einführung. Burdorfs Buch wiederum besticht laut Hartmann durch Multiperspektivität und eine empathische wie ausgewogene und die Forschung berücksichtigende Darstellung mit allerhand
Nuancen und Neuigkeiten. Empfehlenswert sind außerdem
Fleur Jaeggys Erinnerungen an ihre
"Letzten Tage mit Ingeborg" (
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Liste bei eichendorff21 finden.
Hamza Abu HowidyMuscheln am Strand von GazaErinnerungen an ein zerstörtes Land
S. Fischer Verlag. 240 Seiten. 24 Euro
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Manchmal fühle er sich wie der einsamste Palästinenser auf der Welt, schreibt Hamza Abu Howidy in seinem Buch. Kein Wunder, denn als Kritiker der israelischen Politik sitzt man zwischen den Stühlen, wenn man gleichzeitig auch die Herrschaft der
Hamas im Gazastreifen anprangert. Seine Haltung bezahlte er als Student in Gaza und Teil der Protestbewegung "Wir wollen leben" mit Verhaftungen und Folter durch die Hamas. 2023 floh er dann nach Ägypten und von dort nach Deutschland. Nun erzählt er von seinem
Aufwachsen in Gaza und seiner Entwicklung vom indoktrinierten Nationalisten und gläubigen Muslim zum kritischen Denker: Das "
Gegenteil von Propaganda" sieht Carsten Hueck im
Dlf Kultur in diesem Erinnerungsbuch. Nicht nur dekonstruiere Howidy Vorurteile in alle Richtungen mit theoretischer Expertise, er kenne natürlich auch die realen Lebensbedingungen vor Ort. So bietet das Buch sowohl eine kritische Außenansicht als auch eine
facettenreiche Innenansicht Gazas und der realen Lebensverhältnisse dort, versichert er. Auch in der
FAZ ist Rezensent Majd El-Safadi beeindruckt von diesem Dokument eines freiheitsliebenden Menschen und seinem nicht zu bezwingenden Glauben an eine Lösung des Konflikts.
Mikhail ZygarDie Zukunft, die nie kamWie der Zerfall der Sowjetunion bis heute nachwirkt
Aufbau Verlag. 829 Seiten. 36 Euro
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Das Gute an diesem Buch über das Ende der Sowjetunion und die Folgen, ist gerade, dass es keine politische, sondern eine gesellschaftliche und
auch subjektive Sicht bietet, loben die Rezensenten. Der heute im Berliner Exil lebende Journalist Zygar, Jahrgang 1981, geht zurück bis in die Tauwetter-Periode unter Chruschtschow und beobachtet, wie
zaghafte Befreiungsversuche die Russen letztlich nicht aus der autoritären Umklammerung, die sicherlich auch eine verinnerlichte ist, befreien konnten. Die Rezensenten stöhnen teils ein wenig über die Länge des Buchs und seine ein wenig chaotische Präsentation - aber sowohl Cathrin Kahlweit in der
SZ also auch Alexandra Wach im
Dlf erkennen gerade hierin auch eine Qualität, spiegelt sich darin doch "das Chaos der postsowjetischen Ära".
Patrick Radden KeefeDer Sohn des OligarchenÜber die globale Macht der Superreichen und den Niedergang einer Weltstadt
Carl Hanser Verlag. 448 Seiten. 29 Euro
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Was für eine Geschichte: 2019 stürzt der 19-jährige Zac Brettler in London vom Balkon eines Luxushochhauses, man vermutet Suizid - bei den Ermittlungen kommt heraus, dass er sich als Sohn eines fiktiven russischen Oligarchen ausgegeben hatte und dabei in die korrupten Machenschaften von Superreichen geriet. Patrick Radden Keefe, Investigativjournalist des
New Yorker, nimmt sich des Falles, an dem die Polizei wenig Interesse zeigt, an und zwar mit "
journalistischer Ernsthaftigkeit", wie uns Johannes Franzen in der
FAS versichert. Radden Keefe gelingt ein "meisterhaftes
Panorama moralischer Deprivation" und eine gelungene Sezierung krimineller Machenschaften der Londoner High Society, lobt er. Im
Dlf Kultur betont auch Benjamin Knödler, dass es sich hier keineswegs um "True-Crime-Kitsch" handelt, nicht mal von der Romantik, die Hochstapler-Geschichten dieser Art sonst auszeichnen, sei hier etwas zu spüren. Vielmehr entspannt sich eine traurige und doch spannende Geschichte um einen fantasiebegabten Jungen mit der Sehnsucht nach Reichtum, erklärt er. Eine reife journalistische Leistung, findet Knödler. Als auch an Einblicken in die forensische Arbeit reichen Thriller
lobt Michael Wurmitzer diese Reportage im
Standard. In der
New York Times empfiehlt sie Jennifer Szalai.
Rainer Bayreuther, Gunilla EschenbachDas Dorf der VisionäreAufbruch in die Bundesrepublik
Gutkind Verlag. 464 Seiten 30 Euro
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Vom kleinen Örtchen Saig im Schwarzwald dürften die wenigsten gehört haben, dabei gaben sich Künstler und Intellektuelle wie
Martin Heidegger,
Edmund Husserl,
Otto Dix,
Marie Luise Kaschnitz, Generaldirektoren deutscher Konzerne und Stars der Babelsberger Studios hier in den Jahren 1927 bis 1947 die Klinke in die Hand. Es war eher Zufall - und doch fielen hier wichtige Entscheidungen die junge Bundesrepublik betreffend. Davon erzählt das Wissenschaftler-Ehepaar Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther - und zwar anekdotenreich und meisterhaft, wie Jens Hacke in der
SZ verspricht. So erfahren wir etwa von amourösen Abenteuern Heideggers, besuchen G-Punkt-Entdecker Ernst Gräfenberg in seinem Feriendomizil, erleben aber vor allem, wie der Journalist Benno Reifenberg hier die bedeutende Nachkriegszeitschrift
Die Gegenwart gründete. Ein überzeugendes Buch, das zeigt, wie "
Landschaften im Denken" entstehen können, verspricht Hacke. In der
FAZ empfiehlt auch Gerald Braunberger diese genau recherchierte und doch kompakt und spannend dargestelte Intellektuellengeschichte.