Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses Zur-Sache-Reden

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04.05.2020. Online diszipliniert, stellt die FR nach den ersten Aufführungen des digitalen Theatertreffens fest. Linke Schnulze oder alternative Geschichte? Netflix' neue Serie "Hollywood" stößt bei Berliner Zeitung und NZZ auf ein geteiltes Echo. Der Tagesspiegel erkundet mit Käthe Kruse die konkrete Poesie der Zeitungssprache. In der FAZ verliert Heinz Strunk einige Worte zum Stand der deutschen Comedy. Die taz erinnert daran, wie Thierry Mugler den Frauen breite Schultern und maschinelle Kraft gab.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 finden Sie hier

Design

Brad Branson und Fritz Kok, Comet Lady Blitz, September 1990. Outfit: Thierry Mugler, Herbst/Winter 1990-1991. Foto: © Indüstria / Brad Branson und Fritz Kok

Im taz-Interview mit Johanna Schmeller erklärt Roger Diederen, Leiter der Münchner Hypo-Kunsthalle, warum er die Mode von Thierry Mugler, die weiblichen Sexappeal mit offensivem Machtbewusstsein kombinierte, in seinem Museum zeigen will: "Er prägte maßgeblich den Look der 1980er- und 1990er-Jahre, der der Frau mit breiten Schultern ein neues Auftreten gegeben hat. Dies und seine Robot-Couture, inspiriert von Filmen von Fritz Lang sind wegweisend: Auch heute beschäftigen wir uns mit künstlicher Intelligenz, mit dem Verhältnis von Maschinen und Menschen ... Mugler ist der Erste, der dies so auf den Punkt gebracht hat. Es war ihm ein Anliegen, Frauen eine maschinelle Kraft zu geben und damit auch eine Stärke darzustellen."
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Film

Alternativer Geschichtsentwurf: "Hollywood" erzählt, wie Hollywood auch hätte sein können (Netflix)

Eigentlich ja Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Netflix mit "Hollywood" jetzt eine Serie über Glitz und Glam, vor allem aber über die Abgründe der Traumfabrik in den späten Vierzigern vorgelegt: Es geht um Rassismus, Sexismus und Homophobie, um die Machtstrukturen einer trotz allem ungebrochen faszinierenden Industrie, schreibt Michael G. Meyer in der Berliner Zeitung. Mastermind Ryan Murphy hat mit 300 Millionen Netflix-Dollar "aus der Traumfabrik eine  Schlangengrube gemacht, in der gevögelt, gekokst und intrigiert wird. Aber das höchst unterhaltsam. Trotz aller Diskriminierungen und Verletzungen zeichnet die Serie ein erwartbar glamouröses Bild."

Auch wenn Figuren wie Rock Hudson und Anna May Wong zu sehen sind, sollte man die Serie nicht für einen Tatsachenbericht halten, mahnt Sarah Pines in der NZZ, vielmehr wandelt sie sich nach zu nach zu einem alternativen Geschichtsverlauf: "Wie hätte Hollywood sich entwickelt, hätte es von vorneherein queere oder afroamerikanische Menschen einbezogen? "Hollywood" gibt die vermeintliche Antwort: bestmöglich, regenbogenfarben, dazu noch Weinstein-los, und das bis heute. ... Man fragt sich, ob man hier als Zuschauer gerade auf den Arm genommen worden ist oder einen besonders wichtigen Subtext verpasst hat, eine subtile Form der Ironie, die das aus der Mode gekommene Bedürfnis nach Schnulze und Happy End auf die Schippe nimmt." Stimmt schon, schreibt Manuel Brug in der Welt und ruft seinerseits "Fake Alarm". ... Diese Utopie des schrankenlosen Kinoglücks, man muss ihr als idealistischer Kreuzzug ins bonbonfarbene La-La-Land freilich folgen wollen, sie inszeniert Ryan Murphy zwischen Zynismus und Screwball Comedy mit vielen vertrauten Mitgliedern seiner Schauspielerfamilie so naiv, problembefreit und sentimental saccharinsüßschwebend wie eine originales 'Let's-put-on-a-show'-Hollywood-Epos aus dieser Zeit."

Silvia Hallensleben blickt in der taz auf das Dokumentarfilmfestival "Visions du Réel", das eigentlich in Genf ansässig ist, in diesem Jahr allerdings kurzerhand auf eine Onlineversion umgemodelt wurde, was "erstaunlich reibungslos" gelang - Highlights waren Thomas Imbachs "Nemesis", Kamal Aljafaris "Unusual Summer" und "The Silhouettes" der iranischen Filmemacherin Afsaneh Salari, "die hier ebenso formal zurückgenommen wie dicht von einer Familie erzählt, die schon vor dreißig Jahren aus Afghanistan nach Teheran emigriert war, dort aber bisher nicht angekommen ist. Das liegt an den Abstoßungen der Fremdem wenig zugeneigten iranischen Gesellschaft, aber auch an dem Wunsch der jungen zweiten Generation von Einwanderern nach Teilnahme und klarer Zugehörigkeit. Ein Film, der auf unaufdringliche Weise den Blick auf die große Welt jenseits unserer engen Befindlichkeiten richtet."

Außerdem: In der taz zerlegt Umweltredakteur Bernhard Pötter Michael Moores neuen Dokumentarfilm "Planet of Humans", in dem der Filmemacher und Aktivist die Industrie um erneuerbare Energie in ein schlechtes Licht rückt. In der Berliner Zeitung empfiehlt Claus Löser das Online-Angebot des Filmarchivs Austria als Überbrückungsangebot bis die Kinematheken wieder öffnen. Für die FAZ wirft Bert Rebhandl einen Blick ins Angebot des Streamingdienstes Means TV, der linksbewegte Inhalte verspricht.

Besprochen werden die abschließenden Staffeln der Sitcomcs "Modern Family" und "Will & Grace" (Freitag) sowie neue DVDs von Filmen des südafrikanischen Horror-Regisseurs Richard Stanley (SZ).
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Bühne

Sandra Hüller als Hamlet. Bild; Berliner Theatertreffen

Judith von Sternburg bilanziert in der FR die ersten Online-Streams des ihrer Ansicht nach "angenehm unberlinerischen" Theatertreffens 2020. Die Filmaufzeichnung mit Sandra Hüllers als trauriger, ernster Hamlet vom Bochumer Schauspielhaus ist ein Erlebnis, versichert Sternburg, Alice Birchs "Anatomie eines Suizids" vom Schauspielhaus Hamburg dagegen filmisch spröde, aber auch überwältigend: "Dazu Videodiskussionen, und auch auf die Theatertreffen-Nachgespräche muss keiner verzichten. Ensemblemitglieder, Jurorinnen, Moderatoren sitzen daheim und reden gut sortiert und aufmerksam. Das Disziplinierende solcher Zusammenschaltungen ist lästig für die Beteiligten, beim Zuhören ist es eine Freude, vor allem diese Bündigkeit, dieses Zur-Sache-Reden. Die Idee, das rote Theatertreffen-Rechteck an der heimischen Wand zu platzieren (einige machen es vorbildlich, andere schlumpfig, und wer es einfach weglässt, wird auch nicht zurechtgewiesen), ist niedlich. Jede Art von identitätsstiftender Maßnahme ist derzeit bei einsamen Zuschauern willkommen."

Weiteres: Die Nachtkritik zeigt in ihrem Theaterstream heute Abend ebenso wie das Theatertreffen selbst Anta Helena Reckes Produktion "Die Kränkungen der Menschheit". Besprochen wird der digitale Dreiteiler von Forced Entertainment "End Meeting For All", der über die Kanäle des Berliner HAU und des Frankfurter Mousonturm zu sehen ist (FR, Berliner Zeitung).
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Archiv: Bühne

Kunst

Käthe Kruse: "Ich sehe". Foto: Christine Frenzl / Kunstverein Tiergarten

Käthe Kruses
neue Schau um Kunstverein Tiergarten kann man mühelos durch die Scheiben von außen betrachten, versichert Gunda Bartels im Tagesspiegel frohgemut. Die einstige Schlagzeugerin der Tödlichen Doris, die längst schon in die Kunst gewechselt zeigt dort ihre Kollektion von Wörtertableaus, die sie aus Zeitungsschlagzeilen gezogen hat: "Dort entwickeln die Wörter ein überraschendes Eigenleben und wirken befreit von der Syntax wie Konkrete Poesie. Hier drängen sich zwei Eindrücke auf: Einmal, wie limitiert und stereotyp doch Überschriftensprache ist. Und zweitens, dass sich schlechte Nachrichten besser verkaufen als gute."

Weiteres: Marc Spiegler, der Chef der Art Basel, kann im NZZ-Interview zwar überhaupt nicht sagen, ob und wie die Kunstmesse im September wird stattfinden können, aber ins Internet ausweichen möchte er nicht: "Die Geschäfte, die jetzt zwischen Galerien und Sammlern stattfinden, kommen nur zustande, weil diese Galeristen und Sammler zum Beispiel letztes Jahr zusammen ein Abendessen genossen haben und sich noch bestens daran erinnern, in Paris diese großsartige Flasche Wein getrunken zu haben." Im Standard dämpft Olga Kronsteiner die plötzliche Aufregung um den Abzug der Flick-Kunstsammlung aus Berlin. Und Hyperallergic meldet, dass es Barbie jetzt auch als Jean-Michel-Basquiat gibt.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kruse, Käthe, Art Basel

Literatur

Man nenne ihn bloß nicht Comedian: Schriftsteller Heinz Strunk rechnet in seiner von der FAZ dokumentierten Rede zur Auszeichnung mit dem "Literaturpreis für grotesken Humor" nach Strich und Faden mit dem deutschen Gegenwartshumor ab, denn "überall, wo Comedy draufsteht, ist Scheiße drin. Und zwar ausnahmslos. ... Für den Typ des ernsthaften, schwerblütigen Humoristen, für den Komik existentielle Notwendigkeit bedeutet, eine Möglichkeit, dem Schmerz und den Widrigkeiten des Daseins zu begegnen, gibt es hier keine Verwendung. Der geht unter in bedeutungslosem Gebrabbel, Gebrunze, Geblöke, Gekreische und Gepöbel, dem endgültigen Sieg der Lautstärke."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Julya Rabinowich schreibt im Standard zum Tod ihres Onkels, der in einem New Yorker Altenheim Covid-19 erlegen ist. In der SZ schreibt die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt über die Berliner Paris Bar, die ihr derzeit sehr fehlt. Für die FR blättert Reinhart Wustlich nach, was sich der "Odyssee" an Stichworten und Hinweisen für die Gegenwart entnehmen lässt. Peter Urban-Halle schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den dänischen Dichter Yahya Hassan, der mit gerade einmal 24 Jahren gestorben ist. Andreas Kilb und Andreas Platthaus haben sich für die FAZ zum großen Gespräch mit der Schriftstellerin Hilary Mantel getroffen. Dlf Kultur und die FAZ verkünden die besten Krimis des Monats. Erneut auf der Spitzenposition: Young-ha Kims "Aufzeichnungen eines Serienmörders".

Besprochen werden unter anderem Carl Weissners "Aufzeichnungen über Außenseiter. Essays und Reportagen" (taz), Sayaka Muratas "Die Ladenhüterin" (NZZ), Didier Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" (Jungle World), Westerncomics von Paolo Serpieris (Tagesspiegel), Philipp Lenhards Biografie über Friedrich Pollock (Freitag), J.M.G. Le Clézios "Alma" (online nachgereicht von der FAZ), Patrick Hofmanns "Nagel im Himmel" (FR), Martha Nussbaums "Kosmopolitismus. Revision eines Ideals" (SZ) , Georges-Arthur Goldschmidts "Vom Nachexil" (NZZ) und neue Krimis, darunter Jérôme Leroys "Der Schutzengel" (FAZ). Außerdem gibt es eine neue, prall gefüllte Ausgabe des CrimeMag - hier das Editorial mit Hinweisen zu allen neuen Artikeln, Essays und Rezensionen.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Beate Tröger über Kerstin Preiwuß' "Mein innerer Chor":

"Mein innerer Chor ist in Aufruhr.
Verbellt die kommende Hälfte an Jahren.
..."
Archiv: Literatur

Musik

Wer sich derzeit nach großen Popmusikkonzerten sehnt, übersieht, dass auch Popkonzerte schon lange nicht mehr live und authentisch sind, meint Ueli Bernays in der NZZ: Früher - Bernays erinnert sich versonnen an Punkbands wie UK Subs - konnte man noch echten Eruptionen beiwohnen, heutzutage bestimmen minutiöse Inszenierungen, Soundkonserven und Videobildschirme die Auftritte. "Hologramme sind symptomatisch für eine Entwicklung, in deren Verlauf die Lebendigkeit an Live-Konzerten stetig abgenommen hat. Sie zeigen auch, wie Authentizität und Affekt von Musikern mehr und mehr durch technische Simulation ergänzt oder gar ersetzt worden sind. ... Die jungen Pop-Musiker-Generationen, die eher mit Sound-Softwares heranwachsen als mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, werden kaum je wieder über die Flexibilität und Virtuosität verfügen, die bei souveränen Live-Performern vorausgesetzt wird."

Warum arbeitet Brian Eno eigentlich so gern beim Zugfahren? Im (gemeinsam mit seinem Bruder Roger gegebenen) SZ-Interview erklärt es: "Vor dem Fenster zieht eine Landschaft vorbei, die gleichbleibend erscheint, sich aber ständig verändert - das ist ähnlich wie bei meiner Musik. Ein anderer Vorteil ist: Die Zeit, die ich für die Arbeit an etwas habe, ist von vornherein begrenzt. Ich versuche immer, bis zu meiner Ankunft einen bestimmten Punkt in der Produktion zu erreichen. Das ist sehr motivierend. Neulich bin ich von London nach Turin gefahren, das sind mehr als zehn Stunden Fahrt, mit einem Mittagessen in Paris. Auf dieser Fahrt habe ich ein sehr schönes Stück Musik hinbekommen."

Außerdem: Ljubisa Tosic bringt für den Standard in Erfahrung, wie es derzeit um das Beethoven-Jahr bestellt ist. Kristof Schreuf porträtiert in der taz den Organisten Cameron Carpenter, der in Berlin vor Alten- und Pflegeheimen auftritt. Besprochen wird Wolfgang Jansens Biografie "Willi Kollo. Autor und Komponist für Operette, Revue, Kabarett, Film und Fernsehen" (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Live, Eno, Brian