Szene aus Haydns "Schöpfung". Foto: Sandra Then Für die FAZ hat sich Patrick Bahners beide Stücke zur Eröffnung der Saison an der Oper Köln angesehen, noch mehr als Roland Schwabs Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" scheint ihn allerdings Melly Stills Inszenierung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" fasziniert zu haben. Denn das, was der Musikkritiker Karl Friedrich Zelter bereits 1802 als "höheres Schattenspiel" beschrieb, das am "inneren Auge" des Konzertbesuchers vorbeizieht, bringt Still hervorragend auf die Bühne, so Bahners: "Sie bietet in mehrfacher Hinsicht ein Schattenspiel. Auch nach der Erschaffung des Lichts bleibt die Bühne über die längste Zeit düster. Auf der Rückwand zeichnen sich Wolkenformationen ab, Konstellationen von Grauwerten, Chiffren eines Gekräusels, das sich der Entzifferung entzieht. Den Erzählerfiguren aus dem festangestellten Ensemble der himmlischen Heerscharen hat die Regisseurin ein wuseliges Gefolge von Tänzern beigesellt, das die klaren Linien der pantomimischen Hauptaktionen der Urweltgeschichte durchkreuzt und verwischt."
Weitere Artikel: Winfried Tobias, Natalie Driemeyer, Thomas Keller und Jutta Brinkschulte bilden ab Sommer 2025 das neue Leitungsteam des Berliner Grips-Theaters, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Nachtkritiker Vincent Koch resümiert die desaströse finanzielle Situation am Europäischen Zentrum der Künste HELLERAU in Dresden, das gegen ein existenzbedrohendes Minus von 1,1 Millionen Euro kämpft.
Besprochen werden außerdem FX Mayrs Inszenierung von Nele Stuhlers Stück "Und Oder Oder Oder Oder Und Und Beziehungsweise Und Oder Beziehungsweise Oder Und Beziehungsweise Einfach Und" in München (FAZ), der Auftakt des "Spy on me"-Festivals im Berliner Hebbel am Ufer (Berliner Zeitung), Taylor Macs Performance "Bark of Millions. A Parade Trance Extravaganza for the Living Library of the Deviant Theme" bei den Berliner Festspielen (nachtkritik), Thom Luz' Stück "Tourist Trap" in der Kaserne Basel (nachtkritik) und Armin Fuhres Buch "Sextropolis" über die Tänzerin Anita Berber und das wilde Berlin der Zwanzigerjahre (Berliner Zeitung).
Szene aus "Götterdämmerung". Foto: Ingo Höhn Mit dem "Siegfried" und zuletzt der "Götterdämmerung" ist Benedikt von Peters Basler Ring abgeschlossen, und SZ-Kritiker Egbert Tholl scheint recht zufrieden mit der Inszenierung, in der das Ensemble "mit sängerischen Glanzleistungen prunkt" und der Regisseur "alles Mythische abräumt": "Vom Beginn der Tetralogie an arbeitet Benedikt von Peter mit Puppen, mit stummen Statisten, mit einem manchmal verwirrenden Bezugsgeflecht. Im 'Siegfried' tauchen immer wieder alle Opfer Wotans auf, riesengroß, Hunding mit einem Hammer im Kopf, Alberich als Riesenkröte, die Rheintöchter, wunderschön. Ist Fafner erledigt, gesellt sich der Rest der prächtigen Wurmpuppe zu den Opfern. In der 'Götterdämmerung' wird das Puppentheater sinnstiftender, subtiler, auch dichter. Dazu gibt es Brünnhilde in drei Lebensaltern inklusive der Idee einer fröhlichen Kindheit, Siegfried holt das Kasperltheater aus Kindertagen hervor, Plüschtiere vertreten im Kleinen, was groß auf der Bühne herumläuft, dazu zwei echte Pferde." "Redundant", findet Georg Rudiger in der NZZ die Puppenidee, lenkt sie doch vom vom musikalischen Geschehen ab.
Weitere Artikel: Die Mezzosopranistin Doğa Eren Birlik ist die erste trans Opernsängerin der Türkei. Im Van-Magazinerzählt sie von den Repressionen, die sie erlebt: "Es gibt viele Morde an trans Menschen. Es war schon allein schwierig für mich, als trans Frau eine Unterkunft zu finden. ... Das ist auch der Grund, warum ich nach Deutschland kommen will. Als mein Vater erfuhr, dass ich trans bin, hat er gedroht, mich mit einem Küchenmesser umzubringen. Und dann ist er in Ohnmacht gefallen." Der Tagesspiegel berichtet mit dpa von medizinischen Zwischenfällen bei der Stuttgarter Aufführung von Florentina Holtzingers Skandal-Oper "Sancta".
Besprochen werden außerdem Kata Wébers und Kornél Mundruczós Stück "Method" an der Berliner Volksbühne (Zeit) und Richard Brunels Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Opéra de Lyon (FAZ).
Hannes Hintermeier besucht für die FAZ die szenische Lesung "Über den 7. Oktober hinaus - Israel und Palästina" im Münchner Residenztheater, in der Michael Wolffsohn gemeinsam mit den Schauspielern Barbara Horvath und Michael Goldberg über den 7. Oktober 2023 nachdenkt. Der Historiker holt weit aus: "Wolffsohn rekapituliert die Geschichte der ehemaligen britischen Kolonie Palästina. Beschreibt das palästinensische Volk als fortgesetztes Opfer seiner skrupellosen Regierungen, die es verführen und zur Abschlachtung freigeben. Der Text collagiert Belegstellen aus der Bibel, dem Koran, dem Äthiopischen Henochbuch, Josephus Flavius, der Chartas von PLO und Hamas, Zitate von Politikern wie Scharon, Abbas, Olmert, Cohn-Bendit und von Schriftstellern wie Heinrich Heine, Isaak Babel, Nelly Sachs."
Außerdem: Atif Mohammed Nour Hussein macht sich auf nachtkritik Gedanken dazu, wie im Theater Erinnerung gestaltet werden kann. Welt-ler Jakob Hayner besucht zwei Premieren Berliner Theater, die derzeit von Sparplänen der Politik heimgesucht werden.
Besprochen werden Tilmann Köhlers Inszenierung von Thomas Freyers Stück "Dumme Jahre" am Deutschen Nationaltheater Weimar (FAZ) und die Ottorino-Respighi-Oper "La fiamma" an der Deutschen Oper Berlin (van).
Nachtkritikerin Elena Philipp steht diesem "Splatterfest mit Starbesetzung" eher ein wenig ratlos gegenüber. Einen tieferen Sinn des Spektakels kann sie nicht erkennen: "Auch mit Interpretationen à la 'dünn ist der Firnis der Zivilisation' oder 'das Horrorgenre legt die Aggressionen offen, die in uns allen schlummern' komme ich hier nicht weit. Zwischen den schlurfenden, selbstironisch eitlen Gestalten dieser filmtheatralen Fingerübung passiert nichts, was irgendeine Fallhöhe schaffen könnte." FAZ-Kritiker Simon Strauß speit Gift und Galle angesichts dieses Abends und hofft darauf, dass an der Volksbühne endlich jemand wieder die Zügel in die Hand nimmt.
Peter Laudenbach sieht es in der SZ ähnlich und setzt alle Hoffnungen in die neuen Interimsintendanten Ida Müller und Vegard Vinge. Die beiden "kennen das Haus seit ihren eigenen, damals selbst für Volksbühnen-Verhältnisse krassen Inszenierungen in den 2010er-Jahren. Sie stehen für beides, für Aufbruch und das Anknüpften an die besten, also die kunstradikalen Traditionslinien dieses sehr besonderen Theaters. Zum Risiko der Berufung der beiden Extremkünstler gehört natürlich auch die Möglichkeit des Komplettabsturzes, frei nach der berühmten Formel, mit der Frank Castorf die Volksbühne 1992 übernommen hatte: In drei Jahren tot oder berühmt. Aber Müllers und Vinges Theater wäre zumindest ein aufsehenerregendes Abenteuer, eine Exkursion zu den Grenzen der Kunst. Ihre Inszenierungen sind ein einziger Stresstest darauf, was das Theater und seine Zuschauer aushalten können, und damit die Probe darauf, was im Theater alles möglich ist." Ulrich Seidler bespricht "Method" in der Berliner Zeitung.
Außerdem: Michael Maier berichtet in der Berliner Zeitung von Protesten gegen Anna Netrebko, die in Verdis "Nabucco" an der Staatsoper in Berlin die Abigaille gibt. Besprochen wird Joan Anton Rechis Inszenierung von Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" am Oldenburgischen Staatstheater (FAZ).
Szene aus "Draußen vor Tür" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Thomas Rabsch. "Sehenswert" und "verstörend" ist Adrian Figueroas Inszenierung von "Draußen vor der Tür", die nachtkritikerin Dorothea Marcus am Düsseldorfer Schauspielhaus nachhaltig beeindruckt zurücklässt. Figueroa bringt das Drama von Wolfgang Borchert, in dem ein Kriegsheimkehrer an der Rückkehr in die Gesellschaft scheitert, als "Psychogramm des menschlichen Untergangs" auf die Bühne. Das Bühnenbild erweckt die dunklen Visionen des Protagonisten zum Leben, staunt die Kritikerin: "Grandios, wie hier die Bühnentechnik arbeitet, das gruselige Bühnenbild der dunklen, beweglichen Wohnkästen von Irina Schicketanz als Alptraumlandschaft agiert, sich auf der kunstvoll bewegten Drehbühne permanent heben, senken, drehen und die Figuren dank Videobearbeitung immer wieder in Fratzen und Zerrbilder verwandeln: Beckmanns Reise ist letztlich die Inszenierung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Immer wieder wird Beckmann von Erinnerungen an Schlachtfelder und soldatische Befehle überfallen. Tapfer geht er von Station zu Station, Haus zu Haus, sie wachsen aus dem Boden, drehen sich weg und hin, können durchleuchtet werden oder finster abweisend schwarz sein, entstehen immer neue atemberaubende Bilder, finstere Labyrinthe und Gassen ohne Ausweg."
Außerdem: taz-Kritikerin Verena Harzer sieht sich die ersten drei Teile des Episodenfilms "Theater" von Calla Henkel und Max Pigetoff an, der im privaten Ausstellungshaus "Fluentum" in Berlin zu sehen ist. Besprochen werden Matthias Köhlers Inszenierung von Michael Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" am Schauspiel Erlangen (nachtkritik), Armin Petras Inszenierung von "Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte" nach dem Memoir von Lea Ypi (nachtkritik), Florian Fischers Adaption von Ronald M. Schernikaus "Kleinstadtnovelle" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Selen Karas Inszenierung von "Ophelia/Hamlet" nach Shakespeare am Theater Essen (nachtkritik), Christina Rasts Inszenierung von Pierre Corneilles Stück "Spiel der Illusionen" und Ersan Mondtags Inszenierung von Sam Max' Stück "Double Serpent" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und Fynn Malte Schmidts Inszenierung von Holger Schröders Stück "Il Trionfo dei Giganti 2" am Staatstheater Braunschweig (taz).
Szene aus Michel Friedmans Fremd Ergriffen ist SZ-Kritiker Egbert Tholl von Kathrin Lindners Inszenierung von "Fremd" an den Münchner Kammerspielen. In diesem Text verarbeitet Michel Friedman seine Kindheit und Adoleszenz im Deutschland der Nachkriegszeit: Als er zehn Jahre alt ist, übersiedelt er mit seinen Eltern von Frankreich in die Bundesrepublik, von seiner großen Familie haben nur diese und die Großmutter überlebt. Katharina Bach macht die Feindlichkeit der Welt, in der das Kind aufwächst, in einer Soloperformance greifbar, die es in sich hat, so der beeindruckte Tholl: "Mit Kreide schreibt Katharina Bach 'Jude' an die schwarze, eiserne Wand, die die Bühne verschließt. 'Jude', 'Jude', 'Jude', wie 1933 auf Schaufenster in Deutschland. Und jetzt wieder. Dann schreibt sie darüber: 'Do Not Disturb.' Störe nicht! Juden stören, Sinti, Queere, Ausländer. Fährt das Kind nach dem Sommer gut gebräunt Straßenbahn, umklammert eine Frau ihre Handtasche. 'Fremd' ist ungeheuer persönlich, schmerzhaft, intim - aber nie privat. Das Nichtdazugehören ist nicht das Gefühl eines einzelnen Menschen. Integrier dich! Aber wo? Wohin? Einmal ist das Kind im Zirkus. Großes Pathos, Licht. Alle lachen. Das Kind nicht. Nicht einmal so geht es."
Christoph Weissermel geht in der FAZ der Geschichte des indonesischen Schattentheaters auf den Grund, dem sogenannten Wayang Kulit, das auf eine "mindestens tausendjährige Tradition" zurückblickt: "Zu dessen Faszination gehört, dass zwei Vorstellungen in einer zu sehen sind: So wird das Geschehen nicht nur auf der Leinwand beobachtet. Das Publikum kann auch dahinterschauen und die Fingerfertigkeit des Schattenspielers bewundern oder die Schattenfiguren selbst sehen, die sich von dieser Seite als farbige Kunstwerke erweisen. Wayang Kulit lässt sich daher als Meditation zwischen Angedeutetem (dem Ephemeren der Schatten) und Erkennbarem (den bunt glänzenden Figuren) verstehen, als Grenzgang zwischen einer animistischen, von Ahnen, Göttern und Geistern beseelten und der unmittelbar sichtbaren Welt."
Außerdem: Die neue Leitung der Volksbühne in Berlin übernimmt das norwegisch-deutsche Künstler-Duo Vegard Vinge und Ida Müller, meldet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Das deutsche Musical "Elisabeth" feierte in China Premiere: SZ-Kritiker Florian Müller staunt, wie die Geschichte von Sissi hier geradezu revolutionäres Potential entfaltet. Michael Stallknecht porträtiert in der NZZ den Schweizer Startenor Benjamin Bernheim. In der WamS trifft Elmar Krekeler den Schauspieler Dimitrij Schaad. Dennis Basaldella macht für die taz einen Spaziergang zu den Ruinen des einstigen Heidetheaters und lernt etwas über die Geschichte der frühen DDR. Besprochen werden Robert Lepages Inszenierung seines Stücks "Glaube, Geld, Krieg und Liebe" an der Schaubühne Berlin (SZ) und Emma Dantes Inszenierung von Verdis "Nabucco" an der Berliner Staatsoper (FAZ).
"Nabucco" an der Staatsoper Berlin. Bild: Bernd Uhlig. Auch abgesehen von der Frage, ob Anna Netrebko trotz ihrer nicht ganz klaren Haltung zu Putin hier die Hauptrolle spielen sollte, ist Wolfgang Schreiber in der SZ nicht glücklich mit Emma Dantes Inszenierung von Verdis "Nabucco" an der Berliner Staatsoper. Zu viel Dekorum, zu wenig politische Auseinandersetzung: "Fast alle Bild- und Handlungselemente erscheinen herbeigezwungen: Kriegerische Menschen in Fantasiekostümen (Vanessa Sannino) fuchteln immerzu mit Pistolen, pathetisch schreitende, tanzende stumme Darsteller wollen, neben Chor und Solisten, die Ereignisse obendrein mit Rhythmus und Bedeutung aufladen. So harmlos einfältig: Herrschaft und Thron des Usurpators Nabucco und seiner Töchter Fenena und Abigaille werden durch einen güldenen Riesenkäfig abgebildet, den die Herrschaftskonkurrenten zeitweilig betreten und der, Action, stets hin- und hergeschoben wird. Dem Team Emma Dantes antworten nach der Aufführung die Proteste des Publikums."
Auch Alexander Cammann ist in der Zeit nicht überzeugt von dem allzu großen Fokus auf die optische Wirkung, den die biblische Geschichte hier einnimmt: "Die Hebräer mal im Dreißigerjahre-Blümchenkleid, mal orthodox schwarz in Mantel und Hut gewandet, dazu ein paar mit freiem Oberkörper herumspringende Janitscharen, die demonstrativ todeszitternde jüdische Mädchen abmurksen: So etwas wirkt leider weniger ergreifend als penetrant lieblich, klischeehaft bemüht. Erwartbarerweise schweben irgendwann die Seelen der ermordeten Juden in Gestalt von ein paar schwarzen Mänteln gen Himmel, uff. Der Schock bleibt aus und man wundert sich: Derart verspielt sollte Terror in der Oper eigentlich heute dann doch lieber nicht auftreten." Eine weitere Besprechung findet sich im Tagesspiegel.
Weiteres: Die NZZ schaut sich Demis Volpi als Nachfolger von John Neumeier beim Hamburg Ballett an.
Besprochen werden: "La Fiamma" von Ottorino Resphigi in der Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (Van Magazin), Carolin Millners "Macht endlich das Licht an!" im Frankfurter Studio Naxos (FAZ) und "Requiem für einen jungen Dichter/Rothko Chapel", geschrieben von Bernd Alois Zimmermann, Musik von Morton Feldman in der Inszenierung von Karsten Wiegand am Staatstheater Darmstadt (FAZ).
Szene aus "Frau Yamamoto ist noch da". Bild: Alex Bunge In den neunziger und nuller Jahren war Dea Loher der Star an deutschen Theatern, dann wurde es ruhig um sie. Mit dem Stück "Frau Yamamoto ist noch da", das in vielen kleinen reduzierten Szenen von Alltags-Skurrilitäten, schmerzhaften Begegnungen und Einsamkeit während der Corona-Pandemie erzählt, meldet sich Loher zurück, freut sich Jakob Hayner in der Welt. Und Jette Steckel gelingt mit der Inszenierung des Stückes am Schauspielhaus Zürich nichts geringeres als die "existenziellen Erfahrungen der Gegenwart freizulegen", staunt Hayner, auch dank des Bühnenbildes von Florian Lösche: "Eine sterile Welt hinter Plastik, die Gleichzeitigkeit von höchster Transparenz und maximaler Trennung. Zu den verschiedenen Lichtstimmungen legt sich die melancholische Musik von The Notwist über die Szenerie. Es sind wenige Mittel, aber sehr eindrückliche. Auch das zehnköpfige Ensemble, das sich auf die über doppelt so vielen Rollen verteilt, übt sich in der Kunst minimaler Gesten. Was hervorragend gelingt. So entstehen Figuren, die in Einsamkeit und Todesangst gefangen sind und sich trotzdem durch ihre wie auch immer entstellten Spuren einer Sehnsucht nach Leben auszeichnen. Es sind aus dem entfremdeten Alltag geschöpfte Kunstfiguren mit clownesken Zügen, zu sehen an den buntgeschminkten Gesichtern."
Die Nachtkritik-Redakteure haben bei den Berliner Intendantinnen nachgefragt, was die massiven Kürzungen im Kulturhaushalt für die einzelnen Berliner Häuser bedeuten: Oliver Reese vom Berliner Ensemble warnt etwa vor einer "Wiederbesetzungssperre. Man besetzt freiwerdende Stellen nicht nach - im besten Fall für ein paar Monate, im schlimmsten dauerhaft." Shermine Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters fürchtet: "Bereits ab 2026 wäre das Gorki nicht mehr fähig, als Ensemble-und Repertoiretheater weiterzuexistieren." Und Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, erwartet von Berlins regierendem Bürgermeister eine Stärkung der Kultur: "Sonst wird diese Stadt öde und leer." Ostermeiers Hoffnung setzt Peter Kümmel in der Zeit allerdings entgegen: "Man hört …, der Regierende Bürgermeister sei, im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger, eher theaterfremd".
Auch das Deutsche Theater Berlin setzt zum Beginn der neuen Saison ganz auf die Krisen der Gegenwart, allerdings sehr zum Missfallen von SZ-Kritiker Peter Laudenbach: Sowohl Anna Bergmanns Fellini-Adaption "Das Schiff der Träume (fährt einfach weiter)" als auch Alexander Eisenachs Adaption von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" erscheinen Laudenbach so "halbgar", dass er gern seine Lebenszeit zurück hätte: "Die Mischung aus gedanklicher Konfusion, Bedeutungshochstapelei und freilaufendem Kunstgewerbe richtet einen trostlosen Cocktail an. Die Schrecken der ökologischen Katastrophe und die Klage über den moralischen Bankrott Europas werden als eine Art Geschmacksverstärker über lauter leerlaufende Theatermittel gekippt: Quatsch mit kulturpessimistischer Soße."
Besprochen wird Damiano Michielettos Inszenierung von Händels Messias im Flughafen Tempelhof (Welt).
Fabian Hinrichs als ein "Volksbürger". Foto: Falk Wenzel Bereits am Freitag feierte "Ein Volksbürger" im Haus der Bundespressekonferenz Premiere: Die Regisseurin Nicola Hümpel hat das aus seinem Sachbuch "Die verwundbare Demokratie" entstandene Stück des Juristen und Verfassungsblog-Gründers Maximilian Steinbeis gemeinsam mit der Gruppe "Nico an the Navigators" auf die Bühne gebracht. Die Zeitungen brauchten offenbar eine Weile, um den Stoff zu verdauen, in dem ein smarter, von Fabian Hinrichs gespielter rechtspopulistischer Ministerpräsident, der die Wahl in einem nicht näher benannten Freistaat gewinnt. Ein "lehrreicher" Abend, der nicht nur die Frage behandelt: "Was geschieht, wenn ein rechtspopulistischer Regierungschef Gesetze ignoriert und der Bruch mit dem Rechtsstaat in Form von Verwaltungshandeln stattfindet", lobt Peter Laudenbach in der SZ. Beeindruckend findet er vor allem Hinrichs, mit dessen Figur sich weitere Fragen stellen: "Was, wenn rechte Demokratiefeinde sich nicht im Höcke-Stil mit SA-Parolen blamieren, sondern sich diffus modern geben, also am liebsten von Digitalisierung reden und nebenbei Grundrechte ignorieren?"
FAZ-Kritiker Simon Strauss ist zwar ein wenig genervt von der Tendenz zur "Verächtlichmachung alles Bodenständigen", etwa, wenn ein Landrat, der von "Ukrainern in SUVs" oder von "Multikulti-Städten" spricht, mit Fanfaren-Musik begleitet wird. Insgesamt sah er aber einen bedrohlich wirklichkeitsnahen "politischen Nachhilfeabend in Sachen Demokratiegefährdung." In der Welt spricht Jakob Hayner indes von einer "peinlichen" Inszenierung, die "auf anspruchslosem Ferdinand-von-Schirach-Fernsehspiel-Niveau vor sich hindümpelt" und "die angstlüsternen Fantasien des Justemilieus, das sich nichts lieber ausmalt als die Machtübernahme sogenannter Populisten, befriedigt". Für die Nachtkritikbespricht Frauke Adrians das Stück.
Szene aus "La fiamma". Foto: Monika Rittershaus Ein Stück, das sich "dem Betrachter gnadenlos in die Magengegend bohrt", erlebt FAZ-Kritiker Clemens Haustein an der Deutschen Oper, wo Christof Loy die 1934 in Italien uraufgeführte und in Deutschland nur selten gespielte Oper "La fiamma" von Ottorino Respighi inszeniert hat. Haustein verbeugt sich vor allem vor Olesya Golovneva, die die lebenshungrige, junge Silvana spielt, die dem Gefängnis ihrer Ehe mit einem älteren Mann durch ein Verhältnis mit dem Stiefsohn entflieht, worauf der Mann stirbt und Silvana von der Gesellschaft als Hexe behandelt wird: Golovneva "singt das mit einer dunkel glühenden Stimme, unnachgiebig bis zur Unbarmherzigkeit, pulsierend von einem Vibrato, welches das Schwingen des ganzen Kosmos aufzunehmen scheint." Auch Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hanssen erliegt der Wucht der Musik, fürs Libretto hat er nicht so viel übrig.
Weiteres: Für die tazporträtiert Sophia Zessnik die argentinische Performancekünstlerin Marina Otero, deren Stück "Kill Me" am Berliner Hebbel am Ufer nun ihre Trilogie über Alltag und Psyche abschließt. Besprochen werden Pablo Lawalls Inszenierung von Ivana Sokolas und Jona Spreters "Der Grund. Eine Verschwindung" am Nationaltheater Mannheim (taz), Alexander Eisenachs Adaption von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" am Deutschen Theater in Berlin (taz), Alexander Nerlichs Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" am Staatstheater Mainz (FR), Amalia Starikows Adaption von Thomas Bernhards Roman "Alte Meister" sowie Maëlle Dequiedts Inszenierung des "Salon Strozzi" am Staatstheater Wiesbaden (FR).
Szene aus "Mefistofele" an der Semperoper. Foto: / David Baltzer Bei Andrea Battistoni und der Dresdner Staatskapelle war Arigo Boitos Oper "Mefistofele" in besten Händen, findet Gerald Felber in der FAZ nach dem Besuch von Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung an der Semperoper: "Von samtig düsterer Glut" durchdrungen spielte das Orchester die Faust-Oper, in der der Mephisto allerdings zur Hauptfigur "als blasierter und trotzdem dünnhäutiger Menschen- und Schöpfungsverächter" wird, so Felber: "eine faszinierend zwielichtige Gestalt, von Krzysztof Bączyk erst machtvoll rebellierend und herrisch, dann zunehmend gebrochen und ausgehöhlt gesungen, optisch mit seiner nervösen, hager-schnittigen Eleganz eine Art Klon aus Pius XII., dem umstrittenen Pacelli-Papst der Vierziger- und Fünfzigerjahre, und heutigen Leitgestalten wie Bill Gates. Wie ein einfaches Verrücken oder Absetzen der markanten Brille, eine wegzuckende Körperverbiegung Verunsicherung, sogar Momente sensibler Einfühlung zum Ausdruck brachten, waren Musterbeispiele differenziert ausgearbeiteter Individualisierung."
Auch Roland H. Dippel ist in der nmz von den Sängern begeistert, vor allem von Faust Pavol Breslik "in einer der schönsten Tenor-Partien des italienischen Repertoires." Ab "der Gartenszene gelingt dem slowakischen Paradetenor eine perfekte Leistung. Mühelos überstrahlt die sicher klingende und geführte Stimme alle Orchestermassen ohne Flucht ins Fortissimo. Mit der schlichtweg wunderbaren Magherita von Marjukka Tepponen liefert er einen bewegenden Abschied von der Liebe."
Besprochen werden außerdem Stephan Kimmigs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Münchner Residenztheater (SZ, FAZ), Christoph Marthalers Inszenierung von "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis - Ein Wunschdenkfehler" am Theater Basel (NZZ), Claudia Bauers und Anna Bergmanns Inszenierung "Das Schiff der Träume" nach dem Film von Federico Fellini am Deutschen Theater Berlin (taz), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Guiseppe Verdis "Don Carlo" an der Wiener Staatsoper (taz, Welt, NZZ), das von Maximilian Steinbeis konzipierte und von Nicola Hümpel inszenierte Planspiel "Ein Volksbürger" (taz), Daniel Arkadij Gerzenbergs Inszenierung seines Langgedichts "Wiedergutmachungsjude" am Gorki-Theater Berlin (taz), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Anne Carsons Stück "Antigone" nach Sophokles am Theater Bremen (nachtkritik), Tom Kühnels Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück "Die rote Mühle" am Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Johanna Wehners Adaption von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" am Staatstheater Cottbuss (nachtkritik), Jorinde Dröses Inszenierung von Tine Rahel Völckers Stück "We Are Family. Eine Antikenüberschreibung" am Schauspiel Köln (nachtkritik) und Anna Marboes Inszenierung von Maria Lazars Stück "Die Hölle auf Erden" am Landestheater Innsbruck (nachtkritik).
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