Szene aus "Melancholie des Widerstands" an der Staatsoper Berlin. Foto: William Minke. "Schreiend aktuell" ist David Martons Inszenierung der Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Staatsoper Berlin, findet Clemens Haustein in der FAZ. Marc-André Dalbavie hat das Stück, in dem eine Kleinstadt nach und nach im Chaos versinkt, nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai als "filmische Oper" konzipiert - und Haustein findet hier alle Symptome der gegenwärtigen Krisenhaftigkeit: Machtbesessenheit, Umweltzerstörung, Faschismus. Das macht nun nicht gerade froh, allerdings leuchtet dem Kritiker aus dem Dunkel der Countertenor Philippe Jaroussky entgegen, "ein Glücksfall für die Inszenierung. Seine satt leuchtende Stimme, die kein Falsch und Böse kennt, verleiht dem Valouchka eine Strahlkraft von himmlischer Naivität." Ein "Opernrätsel" entfaltet sich indes für SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber: "Die Figuren mäandern auf verschlungenen Pfaden durch geisterhafte Filmschnitte oder durch die Bühnenrealität. Sie verschwinden und tauchen wieder auf als apokalyptische Träumer. Im Roman ist das bezwingend erzählt, die Oper jedoch ist narrativ überfrachtet davon, dass Musiktheater hier Filmtheater werden soll." In der nachtkritikschreibt Georg Kasch zum Stück. Im Tagesspiegel Georg Dotzauer.
Besprochen wird Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethovens Oper "Fidelio" an der Oper Amsterdam (Welt), John Neumeiers Choreografie "Epilog" an der Staatsoper Hamburg (FR, SZ).
In der FAZ unterhält sich der Dirigent René Jacobs mit Gerald Felber über die Entdeckungen, die er in der Ur-Fassung von George Bizets "Carmen" machte. Die berühmte "Habanera" zum Beispiel, gab es ursprünglich so gar nicht, erzählt Jacobs. Überhaupt wurden viele Änderungen im Nachhinein, auf Druck von Bizets Zeitgenossen, vorgenommen: "Zum Beispiel drohten die Choristen der Opéra-Comique sogar mit Streik, weil sie manche Passagen zu kompliziert fanden - die hat er dann eben zähneknirschend ausgelassen. Diese Musik sei 'exécrable' (ekelhaft), schimpfte der Chor … mit Ausnahme der Habanera! Das hat Bizet erbittert. Er wusste, dass seine ursprüngliche Auftrittsarie dem Text des Librettisten genau entsprach, während die Melodie der Habanera einfach nicht zu Halévys Versen passt. Zweifellos kommt auch der Sinn des Textes in der ursprünglichen Arie besser heraus: Stolz proklamiert Carmen ihr Ideal der freien Liebe." Eine konzertante Aufführung der Ur-Carmen gibt es hier.
Weitere Artikel: In der tazberichtet Jens Fischer, wie das rechte Online-Portal "Nius" mit unsinnigen Vorwürfen Stimmung gegen das Dokumentartheaterstück "Unsere Elf" von Tuğsal Moğul und Maren Zimmermann macht. Mitglieder von Anne Teresa De Keersmaekers Tanz-Company "Rosas" werfen der Choreografin einen toxischen Führungsstil vor, meldet Wiebke Hüster in der FAZ. Das Theaterfestival in Avignon startete mit einem Aufruf zum Boykott des Rassemblement National, meldet der Tagesspiegel mit dpa.
Besprochen werden Peter Carps Adaption von Margaret Atwoods "The Handmaid's Tale" am Theater Freiburg (nachtkritik, SZ), Boris Nikitins und Sebastian Nüblings Inszenierung ihres Stücks "Dämonen (Berlin)" am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" bei den Münchner Opernfestspielen (SZ, nmz), Hofesh Shechters Choreographie "Theatre of Dreams" zur Situation in Nahost am Theatre de la Ville in Paris (SZ), Jana Vettens Inszenierung von Sivan Ben Yishai und Gerhild Steinbuch und Ivna Žics Version von Henkrik Ibsens Stück "Nora" am Theater Heidelberg (nachtkritik), Sarah Kohms Adaption von Jovana Reisingers autofiktionalen Roman "Enjoy Schatz" an der Schaubühne in Berlin (taz) und Leo Kees Adaption von Sten Nadolnys Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" am Frankfurter Theaterhaus (FR).
In der Welt blickt Jakob Hayner zurück auf die Theatersaison und wütet gegen einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Was nicht passt, wird passend gemacht, ärgert sich der Kritiker: Klassiker bekommen einen anti-rassistischen oder feministischen Anstrich, manchmal bleibt vom Original nicht viel übrig, der ursprünglich Autor "steht nur noch als Abgekanzelter auf dem Spielplan". Dabei dient die moralisierende Kunst oft nur dem eigenen Ego: "Wer in der Kunst, wohin man auch blickt, immer nur sein eigenes Antlitz sehen will, leidet an einem ästhetischen Narzissmus. Die einzige Sorge gilt dem Selbstbild, jegliche Werthaltigkeitgeht verloren. Selbstermächtigung kippt in Selbstentmächtigung, wo der Kitsch über Widersprüchliches triumphiert. Wem das gefällt? Einem Publikum, das das hypermoralische Selbstbild zum Politik- und Religionsersatz erhoben hat und sich an widerspruchsfreier Selbstbestätigung durch plumpe Meinungssoße erfreut."
Es gibt in Deutschland kaum irgendwo ein Klassikpublikum, das so anspruchsvoll und "kundig" ist, wie in München. Um so trauriger, findet Reinhard J. Brembeck in der SZ, dass es sich nun doch mit einer sehr abgespeckten Variante eines neuen Konzerthauses begnügen muss (Unser Resümee). Da guckt man vielleicht doch etwas neidisch auf die Pläne für ein neues Konzerthaus in Düsseldorf, wo möglich scheint, was in München niemand finanzieren will:"Bisher sollte, so der Plan, das alte Haus am Hofgarten abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, weder ein billiges noch ein unumstrittenes Projekt. Jetzt aber ist den Stadtvätern der in finanzielle Schieflage geratene Investor René Benko unfreiwillig zum Helfer in der Planungsnot geworden. Dessen insolvente Firma Signa besaß ein 9000-Quadratmeter-Grundstück in bester Düsseldorfer Lage ... das neue, Stand heute, 700 Millionen Euro teure Opernhaus soll spätestens in zehn Jahren stehen, auch die Musikhochschule und womöglich das Lager für den Opernfundus sollen dort unterkommen. "
Besprochen werden Sarah Kohms Inszenierung von Jovana Reisingers Stück "Enjoy Schatz" an der Schaubühne Berlin (nachtkritik), Simone Sterrs Inszenierung des Stücks "Fifty Degrees of Now" nach Kim Stanley Robinson Roman "Das Ministerium für die Zukunft" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Knut Webers Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Theater Ingolstadt (nachtkritik).
Die Intendanz von Uwe Laufenberg am Staatstheater Wiesbaden ist nach zehn turbulenten Jahren zu Ende, Eva-Maria Magel und Guido Holze blicken in der FAZ zurück auf Skandale, Streits und so manche künstlerische Differenz: "Nicht nur das letzte Laufenberg-Jahr war mit 'einigen Turbulenzen' behaftet, wie es nun die interimistische Theaterleitung anlässlich einer letzten Erfolgsbilanz der Spielzeit und der Maifestspiele mit einem 'tollen Gesamtabschluss' nannte. Turbulenzen sind Programm gewesen in den knapp zehn Wiesbadener Jahren in der Intendanz Laufenberg, weit mehr als in der Landeshauptstadt ohnehin üblich. Das hatte schon vor dem eigentlichen Spielzeitbeginn im Herbst 2014 angehoben - als 1500 Wiesbadener statt einer Neuinszenierung von Puccinis 'La Bohème' durch den damals angesagten Isländer Thorleifur Örn Arnarsson mit einer Petition lieber die 27 Jahre alte Fassung des Repertoires behalten wollten."
Weiteres: Nach Jahrzehnten der intransparenten Besetzung soll der Posten des Spielleiters der Oberammergauer Passionsspiele nun offener vergeben werden, hat der Gemeinderat des Ortes beschlossen, der bisherige Leiter Christian Stückl ärgert sich (FR). Die Initiative "Critical Classics" setzt sich für diskriminierungsarme Opern ein (taz).
Maryna Makarenko bei Wolfen Festival. Foto: Falk Wenzel Vor der Wende lebten in der ehemaligen Industrievorzeigestadt Wolfen bei Bitterfeld 36.000 Menschen, heute sind es noch 5000, dort wo einst die Film- und Chemiefaserproduktion florierte, wuchern heute Pflanzen und Giftmühl, erzählt der Dramaturg Carl Hegemann, der sich in der Zeit umso mehr freut, dass hier seit drei Jahren das von verschiedensten Künstlern bespielte Osten Festival stattfindet. Die Arbeiten setzen sich mit Aufstieg und dem Niedergang der Region auseinander, Kunst sieht hier nicht immer aus wie Kunst, Theater nicht wie Theater: "Im 'Hörsaal', der Spielstätte im Rathaus, wird beispielsweise unter dem Titel Ödipus in der Giftfabrik von Les Dramaturx der Zusammenhang von Artensterben und Ungeziefervernichtungsmitteln wie DDT untersucht und illustriert, inklusive meditativer Einfühlung in die Welt einer Raupe vor ihrer Verpuppung zum Schmetterling. Eine Künstlergruppe aus New York (Oscar Olivo, Amy Trompetter und Elsa Saadi) berichtete über industriebedingte Verheerungen in Rochester, dem Standort der amerikanischen Kodak-Filmproduktion, und über die zahlreichen Analogien zu Wolfen. Die ukrainische Tänzerin Maryna Makarenko widmete sich den schleichenden Vergiftungsprozessen bei der Filmherstellung in der ehemaligen Sowjetunion."
Jacquelyn Wagner (Leonore) and Eric Cutler (Florestan). Foto: Monika Rittershaus So viel ist sicher: Mit Beethovens "Fidelio" kann Manuel Brug nichts anfangen, ein "grottenschlechtes, abstruses Machwerk" nennt er die Oper in der Welt - daran ändert auch Andriy Zoldaks Inszenierung an der Dutch National Opera nichts. Doch immerhin kann Zoldak, der als "Castorf der Ukraine" gilt, Brug mit "Gummischlangen, Engelsflügeln, Robotern, Wolfsfiguren... und pyrotechnischen Effekten" bestens unterhalten: "Zholdak, der auch für Bühne, Kostüme, Licht und Text verantwortlich zeichnet, will … einen Kampf zwischen Dunkel und Licht austragen, will Harmonie und Schönheit wiederherstellen, durchaus Themen Beethovens. Er macht das auf sehr eigene, ja eigenwillige Weise. Die Musik wird manchmal umgestellt, manches, etwa das freudenmartialische, ins Finale überleitende 'Heil sei dem Tag' ist gestrichen, ebenso vieles des nicht eben gut beleumundeten Dialogtextes. Stattdessen gibt es Zholdak-Einlassungen, auch die von Gustav Mahler als utopische Musikbrücke vor dem Finale eingefügte, inzwischen nur noch selten gespielte Dritte Leonoren-Ouvertüre erklingt hier, denn so ist noch mehr Zeit für pantomimische Kommentare."
Weitere Artikel: In der tazwürdigt Harff-Peter Schönherr die Osnabrücker Bühne 11, auf der Jung und Alt gemeinsam Theater machen. Besprochen werden Franziska Kronfoths und Julia Lwowskis Inszenierung von John Adams Oper "Nixon in China" an der Deutschen Oper Berlin (Zeit).
Foto: Jean-Louis Fernandez Weniger grell als ihre bisherigen Arbeiten, dafür umso feiner und klüger erscheint Egbert Tholl in der SZPınar KarabulutsInszenierung von Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi" an der Opera National de Lorraine in Nancy: "Karabulut macht aus der Geschichte einen Western. Das passt gut für ein Genre voller Familienfehden. Anfangs, noch zur Ouvertüre, stehen sich die Capuleti und die Montecchi stumm und feindlich gegenüber, die einen tragen leuchtendes Blau, die anderen Rot - die Kostüme von Teresa Vergho wirken durchaus vertraut, wenn man schon einige Arbeiten Karabuluts gesehen hat. Der Chor trägt Hut und Augenbinde wie Zorro, Capellio einen Zylinder und ein ausuferndes Plusterkostüm, die Liebenden Blumen auf Weiß. Und die Liebe, die ist ein Kunstwerk, zu Beginn schon voller Zärtlichkeit; Karabulut drapiert das Paar auf einem kreisrunden Podest, lange bevor Romeo auftritt. Im Westernstil geht es voran, der Chor wiegt sich in herrlichen Gesten der Männlichkeit, nie zu viel, sondern ironisch fein. Liebevoll gebaute Pferde gibt es auch, fünf davon."
Besprochen werden Florent Siauds Inszenierung von Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" am Théâtre du Capitole in Toilouse (FAZ), Dorothee Oberlingers Inszenierung von Carl Heinrich Grauns "Adriano in Siria" bei den Musikfestspielen Potsdam (FAZ) und Barrie Koskys Inszenierung der "Così fan tutte" in der Wiener Staatsoper (FR).
Szene aus "Dreigroschenoper". Foto: Thomas Aurin "Großartig, geradezu überwältigend", schwärmt Jakob Hayner in der Welt von der "Dreigroschenoper", die der Verein AufBruch unter der Regie von Peter Atanassow mit Häftlingen der JVA Tegel auf die Bühne gebracht hat. In ihrer "rauen Schönheit" besticht die Inszenierung noch mehr als jüngste Varianten von Wilson, Kosky oder Ostermeier, lobt der Kritiker: "Das Bühnenbild von Holger Syrbe bietet mit seinen zahlreichen Türen und Treppen viele Möglichkeiten für spektakuläre Auftritte, die für Operettenatmosphäre sorgen. Die aufgemalten Fassaden mit ihren unvergitterten Fenstern und Feuertreppen schaffen einen deutlichen Kontrast zur baulichen Umgebung. Für das Hurenhaus, in dem Mackie Messer regelmäßig absteigt, werfen sich die harten Jungs aus dem Knast in feine Frauenkleider - Kostüme: Anne Schartmann -, kräftige Männerarme mit Tätowierungen ragen unter Rüschen hervor. Das Publikum jubelt. Plötzlich ist man in der unglaublichsten Travestieshow Berlins gelandet, Röcke werden gehoben, Beine geschwungen. Die entfesselte Spielfreude der Darsteller ist kaum zu bremsen."
Weitere Artikel: Im Standardporträtiert Stefanie Ruep die Schauspieler Philipp Hochmair und Deleila Piasko, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen den Jedermann und die Buhlschaft in der Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen geben werden. Auf Zeit Online versucht Tobi Müller dem Erfolg der Blue Man Group auf die Spur zu kommen. Nachtkritiker Michael Wolf plädiert dafür, alte Inszenierungen wiederzubeleben.
Besprochen werden die Ausstellung "Imaginarium. Eine Ausstellung des Theaters der Brüder Forman und ihrer Freunde" in der Grimmwelt Kassel, ein Tanzabend an der Staatsoperette Dresden, bei dem Jörn-Felix Alt das Brecht & Weill-Stück "Todsünden" und Sebastian Weber das Stück "100 Leidenschaften" aufführten (FAZ) und Corinna von Rads Inszenierung "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach Joseph Roth am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).
Szene aus "Nixon in China" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Thomas Aurin. SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber weiß bei der Oper "Nixon in China", die das Regie-Kollektiv "Hauen und Stechen" an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hat, gar nicht wo er zuerst hinschauen soll. Das Werk von John Adams über Richard Nixons Besuch bei Mao Zedong im Jahr 1972 - ein Ereignis, das weltweit enorme Medienaufmerksamkeit bekam - wird ihm hier als "knallbunt satirisch-utopisches Spektakel" dargeboten. Ein bisschen viel ist das schon, es lohnt aber die Anstrengung, findet Schreiber: "Die Bühne ist beängstigend vollgefüllt - mit stählerner Showtreppe für die stets Auf- und Absteigenden, mit einem Glaskubus für die Lachnummer der dort jäh nass Geduschten, mit echtem Traktor und Luxusdienstwagen, mit einer enorm farbenprächtigen und lustigen Personendichte. Die einzige Botschaft zielt auf die utopisch prekäre Zeitgeschichte als Trash- und Medienspektakel und politische Mythenbildung. Nixons und Maos Arien, Pat Nixons lyrische Auflehnung und Chou En-lays Vision vom weltumspannenden Frieden, perfekte Chorensembles, es sind die gesetzten Höhepunkte."
Clemens Haustein ist in der FAZ enttäuscht: Durch die visuelle Reizüberflutung wird "John Adams' Musik zum bloßen Soundtrack degradiert." Im Tagesspiegel wirkt Eleonore Büning hingegen entzückt. Eine moderne "Grand-Opéra" kann sie hier sehen und hören: "Und die rhythmisch vorwärts treibenden Minimal-Muster, saftig romantisch instrumentiert, wirken geradezu evergreenartig: Nicht mehr provozierend naiv, vielmehr direkt ins Sonnengeflecht greifend, was vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Daniel Carter herrlich dynamisch realisiert wird."
In Backstage Classicalerklärt der Architekt Stephan Braunfels, dass es schon längst ein neues Konzerthaus in München geben könnte, wenn die Realisierung nicht durch politische Fehlentscheidungen und Vetternwirtschaft verhindert worden wäre. Er selbst lieferte einen frühen Entwurf für den Standort "Marstall", den er immer noch favorisiert: "Kurt Faltlhauser fand damals schon die von mir veranschlagten 100 Millionen für den Saal am Marstall viel zu teuer. Das Grundstück gehört im Gegensatz zum Pfanni-Gelände dem Staat, hätte also gar nichts gekostet. Der Saal mit 1.800 Plätzen hätte 2010, spätestens 2015 stehen können, Mariss Jansons hätte ihn eröffnen können. Der wunderbare Saal der königlichen Hofreitschule könnte ein würdiges Festfoyer sein und der akustisch vielleicht beste Saal überhaupt - das KKL in Luzern, hätte 1:1 dahinter nachgebaut werden können."
Auch in der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Thema und erklärt, was sogenannte "Totalunternehmen" sind. An ein solches wurde das Konzerthaus-Projekt nun übergeben: Sie übernehmen bei der Realisierung eines Gebäudes alle Schritte, von der Planung bis zum Bau. Eine gute Idee oder Ikea? Matzig ist zwiegespalten: "Ein Problem: Der TU kontrolliert sich selbst. Architekten als gesetzlich legitimierte Kontrollinstanz entfallen, da die Architekten zum TU gehören und somit weisungsgebunden nicht das Anliegen des Bauherren, sondern im Zweifel des Unternehmens vertreten. Die Architektur befindet sich aber auch sonst in der Defensive: Wenn der TU die Architektur zum Festpreis anbietet, ist alles, was er beim Planen und Bauen einspart, sein Gewinn. Häuser so vorhersehbar und ökonomisch wie Billy-Regale zu produzieren: Das könnte eine Folge sein."
Weiteres: nachtkritikerin Esther Slevogt besucht die Ausstellung "Prinzip Held*" in Berlin-Gatow, ein Forschungsprojekt zum "Heroismus", deren Ergebnisse von der deutschen Künstlergruppe Rimini Protokoll inszeniert wurden. Besprochen werden Corinna von Rads Inszenierung der Operette "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach der Romanvorlage von Joseph Roth am Schauspiel (nachtkritik, SZ), Hofesh Shechters Choreographie "Anthology" Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus (FR), Michael Schachermaier von Brechts "Dreigroschenoper" bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR), Tony Rizzis Tanz-Solo "Shows You (Maybe) Missed" im Gallustheater Frankfurt (FR), Lukasz Twarkowskis Inszenierung des Stücks "Rohtko" bei den Wiener Festwochen (taz), Maya Arad Yasur und Sapir Hellers Performance "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin (taz).
Szene aus "Als die Götter Menschen waren", inszeniert von FX Mayr am Deutschen Theater Berlin. Foto: Maximilian Borchardt
In der tazunterhält sich Andreas Fanizadeh mit dem österreichisch-iranischen Autor Amir Gudarzi über dessen Stück "Als die Götter Menschen waren", das gerade bei den Autorentagen am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt wurde. Er greift darin "einen alten mesopotamischen Mythos auf, in welchem die Götter zunächst noch arbeiten mussten und sich deswegen die Menschen erschufen. Diese ließen sie dann für sich arbeiten. Es ist ein bisschen ein Spiel damit. ... Mich hat interessiert, was vor den antiken und religiösen Mythen schon an Erzählungen vorhanden war. Das Gilgamensch-Epos hat sich in manchem an das Atraḫasis-Epos angelehnt, das Alte Testament wiederum an die beiden. Es gab in dieser Weltregion im Nahen Osten viel mehr Austausch mit Europa, als man lange annahm. Nationale Grenzen existierten nicht, die Menschheitsgeschichte wurde stark als ein Ganzes wahrgenommen." Außerdem geht es im Interview um das Leben in Österreich, in dass Gudarzi 2009 floh, die Sexualmoral der Islamisten und das Theater im Iran, das heute "so gut wie tot" sei.
Gabi Hift resümiert in der nachtkritik die Wiener Festwochen, die 2024 den ganz großen Aufstand probten. Man konnte an Milo Raus Konzept viel kritisieren, findet sie. Und doch: "Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt. Die fast unerträgliche Unzufriedenheit mit der eigenen Hilflosigkeit, mit der alle zurückbleiben - in gewisser Weise GEMEINSAM zurückbleiben -, war auf jeden Fall alles Geld und alle Mühe wert und das Experiment der Wiener Republik ein Erfolg."
Weitere Artikel: In der FRstellt Peter Iden Aristophanes' Komödie "Vögel" vor. Michael Laages berichtet in der nachtkritik von der "Langen Nacht" der Autorentage 2024 am Deutschen Theater Berlin.
Besprochen werden Caroline Peters Solo in Maja Zades "Spinne" (ein "Ereignis der effektiven Schauspielkunst", schwärmt Ulrich Seidler in der BlZ, und auch nachtkritiker Christian Rakow meint: "Man darf das nicht verpassen!" obwohl ihm das Stück eine Spur zu selbstgefällig links ist. Aber "eine Erzählerin wie Peters mit ihrem offenen Visier und ihrem feinen Sinn für die Absonderlichkeiten des Alltags ist wahrlich selten, selbst in Berlin"), Penelope Wehrlis performative Installation "Anatomorphosen" im Garten des Dock 11 Eden in Berlin-Pankow (Tsp) und Ronny Jakubaschks Puppentheater "Gulliver im Land der Riesen" im Neuen Theater Halle (nachtkritik).
Im Schauspielhaus Hamburg lässt sich Jens Fischer für die taz vom Vulgärfeminismus zum Lachen, aber nicht unbedingt zu einer tieferen Analyse bringen. "Die Schattenpräsidentinnen oder: Hinter jedem großen Idioten gibt es sieben Frauen, die versuchen, ihn am Leben zu halten" von Selina Fillinger handelt von den Frauen im Leben des amerikanischen Präsidenten und ihr (bereitwilligen) Unterdrückung, er selbst tritt nie in Erscheinung: "Der Einstieg mit vollem Karacho macht gleich Glanz und Problem der Umsetzung deutlich. Wer in rasendem Sprechtempo mit bissig-bösem Pointen, vulgären Ausrastern, rüder Zickigkeit, puffärmeliger Comicpuppenlustigkeit, betonierten Turmfrisuren und schrillschraubig hochgetunten Klischees einsteigt, hat sofort die Sitcom-Lacher auf seiner Seite. Steigerungsmöglichkeiten fehlen jedoch. So versucht Regisseurin Claudia Bauer mit gutem Timing das Energie-Level hochzuhalten. Dazu werden noch Gags addiert. Die einzelnen Szenen werden wie Runden beim Boxen angekündigt: Statt in feministischer Solidarität miteinander, wird gegeneinander agiert, zumindest verbal. Die Auseinandersetzungen kommen als rein äußerliche Virtuosennummern daher, was den Abend trubelig bewegt, aber nicht lebendig macht."
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