Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2024 - Bühne

Die Stückauswahl auf den Münchner Opernfestspielen findet Marco Frei in der NZZ gewagt: Statt auf eine sichere Bank zu setzen, mutet Intendant Serge Dorny dem Publikum der bayerischen Staatsoper mit György Ligetis "Le Grand Macabre" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" zu. Was an diesen beiden Stücken so gewagt sein soll, wird nicht recht klar. Doch spiegeln sich Auswahl auch die Besetzungsquerelen zwischen Dorny und dem Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski wider, so Frei: "Da ist ein Intendant, der bei den Neuproduktionen den Fokus mehrheitlich abseits des Kernrepertoires verlegt. Warum jetzt überdies ausgerechnet Debussys Oper eine Neuinszenierung erfahren hat, erschließt sich nicht wirklich. Die letzte Neuproduktion dieses Fünfakters von 1902 wurde erst vor neun Jahren realisiert. An der Bayerischen Staatsoper gibt es Werke, überdies aus dem Hauptrepertoire, die seit Jahrzehnten einer Neubefragung harren. Dass zudem der Staatsopern-GMD Jurowski weder die Ligeti-Eröffnung noch die jetzige Debussy-Premiere dirigierte, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack; zumindest eine Opernpremiere im Rahmen der Festspiele sollte Chefsache sein. Mit seiner Vorliebe für die Moderne wäre das Werk Ligetis für Jurowski perfekt gewesen."

Dass bei Ligeti der Tod zu betrunken ist, um die Apokalypse zu verantworten, wird in dieser Absurdität in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski leider nicht sinnstiftend deutlich, so Christian Gohlke in der FAZ: Ihr fehlt es, "je länger, desto deutlicher, an einer konkreten, anschaulichen Ausgestaltung der Handlung. Dabei bedürfte gerade das Absurde einer möglichst genauen Realisation. Die 'Landschaft in Breughelland mit Resten eines verfallenen Friedhofs' ist in der Lesart der Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak halb Turnhalle mit blauen Matten, Pferd und Tauchbecken, halb amtlicher Warteraum mit langen Sitzreihen. Es bleibt völlig unklar, was der Regisseur in diesem beliebigen Unort eigentlich erzählen will." Für Debussy passt dem Kritiker zufolge das Unschärfe-Prinzip aber ganz gut: "Auch Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys 'Pelléas et Mélisande' bleibt oft rätselhaft. Aber diese Unschärfe entspricht auf wundersame Weise Maurice Maeterlincks poetischem Drama und einer Musik, die Hannu Lintu mit dem Staatsorchester dynamisch fein schattiert zum Leuchten bringt."

Weiteres: Florian Lutz, der Intendant des Staatstheaters Kassel, hat mit Ainars Rubikis einen neuen Generalmusikdirektor eingestellt, den das Orchester überhaupt nicht wollte und damit den Graben zwischen den beiden Parteien wohl noch weiter vertieft, die FAZ berichtet. Besprochen wird das "Oktoberfestmusical" am Berliner Renaissance Theater von Harold Faltermeyer (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2024 - Bühne

Vor einigen Tagen hatte ein wutentbrannter Oliver Frljić, Regisseur am Gorki-Theater und Teammitglied der Künstlerischen Leitung dort, im Interview mit der Berliner Zeitung "die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen" an deutschen Theatern gegeißelt (unser Resümee). Konkret wurde er dabei nicht. Ist das jetzt linksradikal oder schon wieder rechts, fragt sich Peter Laudenbach nach Lektüre des Interviews in der SZ und zuckt dann die Achseln. Das mit staatlichen Beihilfen abgepolsterte Revoluzzertum an deutschen Bühnen - von Volker Lösch bis Milo Rau - findet er in erster Linie nervtötend: "Es ist symptomatisch für ein Milieu des Radical Chic, wie in Frljićs verbalem Amoklauf ein diffuser (um nicht zu sagen: konfuser) Linksradikalismus immer wieder wie eine rechte Wutbürgerrede klingt. Beschimpfen Rechtspopulisten unabhängige Medien als 'Systempresse', weitet Frljić diese Polemik auf die Theater aus, wenn er ihnen attestiert, 'eigentlich nur den herrschenden Staatsdiskurs' zu reproduzieren. Was dieser ominöse 'Staatsdiskurs' sein soll, erfährt man nicht. ...  Frljics Polemik ignoriert die Kleinigkeit, dass Theater als Ort der symbolischen Handlung per se immer nur Simulation, also Spiel sein kann. Ihm das vorzuwerfen, bedeutet, der Kunst vorzuwerfen, dass sie Kunst - und nicht zum Beispiel ein Molotowcocktail - ist."

Heute hofft im Interview mit der Berliner Zeitung Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne, auf einen Systemwandel. Die Linke in Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, schlägt er vor: "In Deutschland könnte eine vereinigte Linke aus SPD, den Grünen, den Linken und dem Bündnis Sahra Wagenknecht gegen die Gefahr von rechts auftreten und sich mit diesem antifaschistischen Auftreten auch eine starke Botschaft geben. Es gibt dafür historische Beispiele: In Frankreich hat der Front populaire in der dreißiger Jahren das Aufkommen der Faschisten verhindert. Aber in Deutschland wollten die Kommunisten nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, um eine Volksfront gegen die NSDAP zu bilden. Damals hat die Linke in Deutschland versagt. ...  Solange wir den Kapitalismus haben, gibt es immer die Gefahr, dass die Ungerechtigkeit, die er hervorbringt, mit völkischem Denken beantwortet wird. Das ist bei Trump so, das ist in Europa teilweise so, Bolsonaro hat es gemacht. Wie meinte Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"

Weitere Artikel: Hanno Fleckenstein stellt in der taz die Neue Bühne Senftenberg vor, die sich unter ihrem Leverkusener Intendanten Daniel Ris "klar gegen Rechtsextremismus" stellen will. Joachim Lange (nmz) hört neue Musik beim Festival in Aix-en-Provence. Ebenfalls in der taz annonciert Katharina Granzin das kostenlose Event "Staatsoper für alle" auf dem Berliner Bebelplatz: mit einer Live-Übertragung von Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstands" am Freitag und am Samstag dirigiert Christian Thielemann die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Regenschirm mitbringen! Matthias Schulz, sieben Jahre Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, erklärt im Interview mit der FAZ, warum er nach Zürich wechselt: An Daniel Barenboim lag's nicht, versichert er, "wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass man in Berlin auch kulturpolitisch bewusst die Zukunft dieses Hauses gestalten will, hätte sich die Frage nach einem Wechsel für mich vermutlich nicht gestellt". Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die Trans-Tänzerin Leroy Mokgatle vom Staatsballett Berlin. In der Welt denkt Manuel Brug über die Zukunft der Oper nach, denn sowohl im im hoch subventionierten deutschen Kulturbetrieb wie in den privat finanzierten amerikanischen Musiktheatern bleibt das Publikum weg: "Wenn der internationale Vergleich also etwas zeigt, ist es vor allem eine gewisse Orientierungslosigkeit, unabhängig von der jeweiligen Finanzierung. Eine solche Standortbestimmung kann nur der Ausgangspunkt für eine Neuerfindung der Oper sein."

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" in Aix (Ermonela Jaho als Butterfly ist ein Phänomen", schwärmt in der FAZ Anja-Rosa Thöming, die auch Breths Inszenierung ganz ausgezeichnet fand) und Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Münchner Opernfestspielen (nmz, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2024 - Bühne

Sören Kittel besucht für die Berliner Zeitung die Kreuzberger Theatertruppe Thikwa, die sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzt. Die Schauspielerin Deniz Dogan erläutert Kittel das Konzept: "'Leute, die das Wort behindert benutzen, denken oft, dass sie besser sind als ich.' Dabei könne sie Dinge tun, die andere nicht können, zum Beispiel eben das auf der Bühne. Sie sagt, sie sei zufrieden mit sich. 'Ich schäme mich nicht' und: 'Ich finde, wir sind alle hier perfekt, so wie wir sind.' In der Tat stehen alle Tänzerinnen und Tänzer in der Aufführung stolz auf der Bühne, zeigen sich und ihre Körper in unterschiedlichen Positionen und Situationen. Inspiriert ist es von den grafischen Arbeiten von MC Escher, einem niederländischen Künstler, der vor allem durch hypnotisch-paradoxe Bilder bekannt wurde: Treppen, die ins Nirgendwo führen, Fische, die zu Vögeln werden und umgekehrt. In den Bildern, die auf der Bühne durch die Tänzer entstehen, ist fast nie die einzelne Person im Zentrum, sondern immer das Bild, was mehrere Tänzer gemeinsam erschaffen."

Frederik Hansen verabschiedet im Tagesspiegel Matthias Schulz, der die Intendanz der Berliner Staatsoper abgibt. Joachim Lange berichtet auf nmz vom Festival in Aix-en-Provence, wo unter anderem avantgardistisches Musiktheater auf dem Programm steht. Esther Slevogt fragt sich auf nachtkritik, wo im Theater die Romantik abgeblieben ist.

Besprochen werden eine Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" bei den Festspielen Reichenau (SZ), Leonardo Leos "La Morte di Abele" bei den Festspielen Retz (Standard) und eine Moby-Dick-Aufführung im Lübecker Domhof (taz Nord).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2024 - Bühne

Reinhard J. Brembeck berichtet für die SZ vom Opernfestival Aix-en-Provence, dessen Inszenierungen dieses Jahr erstaunlich unpolitisch sind, wie er findet. nachtkritikerin Gabi Hift besucht die Festspiele Reichenau. Alisa Geffert annonciert in der taz das CommUnity-Kulturfestival Festiwalla: "Keine Angst! Klassenk*mpf?!" an der Volksbühne Berlin. Besprochen werden Guntbert Warns Inszenierung von Harold Faltermeyers Musical "Oktoberfest. Beinah wahr..." am Renaissance-Theater Berlin (nachtkritik, tsp) und Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Der Ring des Nibelungen" bei den Tiroler Festspielen in Erl (FAZ) und Marc-André Dalbavies Inszenierung von "Melancholie des Widerstands" nach dem Roman von László Krasznahorkai (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2024 - Bühne

Szene aus "Die Zauberflöte - Impempe Yominglo" am Staatstheater Hannover. Foto: Angela Kase.

"South Africa meets Mozart!", jubelt Ralf-Thomas Lindner in der nmz. In Mark Dornford-Mays Inszenierung von "Impempe Yomlingo" am Staatstheater Hannover wird "Die Zauberflöte" von der südafrikanischen Theater Company "Isango Ensemble" aufgeführt - und wer hätte gedacht, dass es so viele Verwandtschaften gibt: "Vieles haben die beiden Kulturen gemeinsam: eine Vorliebe zur Zahl '3' - bei Mozart sind die Prüfungen, die Papageno und Tamino bestehen müssen, Mündigkeit, Verschwiegenheit und Standhaftigkeit (man ahnt im Hintergrund die deutsche Seele), bei Impempe Yomlingo, viel naturverbundener und bodenständigerer, Liebe, Feuer und Wasser. Beide haben eine Affinität zu geheimen Männerbünden - die einen zu etwas freimaurerisch Geprägtem, die anderen zu einer Bruderschaft mit Priester. Der Kampf um eine Frau, Gut und Böse - alles Geheimnisse und Herausforderungen aus der Ur-Seele der Welt."

Katja Kollmann berichtet in der taz über eine Schülerinszenierung der "Weißen Rose" im sächsischen Stollberg, die auf Druck von Rechts Veränderungen vornehmen musste. Die Kulturbetriebsleiterin Susanne Schmidt verbot nach Protesten der AfD Elemente am Stück, die auf das Heute anspielen: "Der Parteiname AfD durfte in der Aufführung nicht mehr genannt werden. Bei einer Büroszene wechselte ursprünglich das Hitler-Bild im Hintergrund mit Fotos heutiger Faschisten und Diktatoren, die auch so genannt werden dürfen: unter anderem Björn Höcke, Wladimir Putin oder Xi Jinping. Jetzt wird dort acht Minuten lang großformatig Adolf Hitler gezeigt, unkommentiert."

Weiteres: Egberth Tholl war für die SZ beim 100-Jährigen Jubiläum vom "Welttheater Einsiedeln" in der Schweiz. Besprochen werden Daniel Karaseks Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" am Theater Kiel (nachtkritik), Malte C. Lachmanns Adaption von Herman Melvilles "Moby Dick" am Theater Lübeck (nachtkritik), Dmitri Tschernjakows Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Opern ""Iphigénie en Aulide" und "Iphigénie en Tauride" im Grand Théâtre de Provence (FAZ), Raphaël Pichons und Claus Guths von Jean-Phillipe Rameaus "Samson" (FAZ), Andreas Merz' Inszenierung des Stücks "DONEZK.UA" am TD Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2024 - Bühne

Im Jahr gehen mehr Leute in ein deutsches Theater oder eine Oper als ins Stadion zur Fußball-Bundesliga, entnimmt Manuel Brug in der Welt der Bühnenverein-Statistik. Investionen lohnen also, nur geht das Geld, das dem "Theaterweltmeister Deutschland" durch Subventionen zur Verfügung steht, in Sanierungen und Neubauten, so Brug: "Viele nach den Kriegszerstörungen in den 50er- und 60er-Jahren wiederaufgebauten Theatergebäude sind in schlechtem Zustand. Mehrere Bauvorhaben überschreiten inzwischen die Milliardengrenze. Die Kalkulationen für Renovierungen und Neubauten der Staatstheater Stuttgart und der Städtischen Bühnen Frankfurt sind bereits in der Planungsphase auf mehr als eine Milliarde Euro gewachsen - bevor überhaupt ein Spatenstich getätigt wurde. In Köln musste die Eröffnung von Oper und Schauspiel - seit zwölf Jahren ein Milliardengrab - gerade wieder einmal verschoben werden."

"Die gegenwärtige gesellschaftliche Atmosphäre in Berlin erscheint mir viel schlimmer als die im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren", wütet im Gespräch mit der Berliner Zeitung der Hausregisseur des Gorki-Theaters, Oliver Frljić: "Hier wird die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen ersetzt." Frljic redet sich in seiner Wut auf Staat und Medien immer mehr in Rage: "Die Geschwindigkeit und der Grad der Stigmatisierung in diesem Land und die viel größere und aggressivere Medienmaschinerie sowie die allgemeine Verwirrung über die Begriffe Schuld und Verantwortung töten jeden, der es wagt, die Zone der politischen Tabus zu betreten, von vornherein. Apropos Schuld und Verantwortung: Ich glaube, dass niemand Hannah Arendt weniger verstanden hat als Deutschland, was auch der ganze Zirkus um den letzten Preis, der ihren Namen trägt und an Masha Gessen verliehen wurde, zeigt. Interessant ist, dass immer noch niemand über die strukturelle Frauenfeindlichkeit der deutschen Medien spricht, die auf ihren Scheiterhaufen am Beispiel des letzten Krieges vor allem ideologisch 'ungehorsame' Frauen verbrennen."

Weitere Artikel: Dmitri Tscherniakov hat den "Kraftakt" auf sich genommen, die beiden Gluck-Opern "Iphigènie en Aulide" und "Iphigénie en Tauride" beim Festival D'Aix en Provence gemeinsam zu inszenieren, aber wirklich glücklich wird Eleonore Bühning im Tagesspiegel mit der Inszenierung trotz "Musikwonnen" nicht. Beide Iphigenien werden "vorgeführt als Varianten einer systemischen Familienaufstellung, wie auf dem Reißbrett. Die Artridenclan haust ist einer Art Tomatenhaus aus Metallstangen und Plastikfolien, durch die man durchgucken, aber, zumindest zum Leidwesen der Sänger, nicht allemal durchsingen kann." Die Nürnberger Kongresshalle ist einer der größten erhaltenen Monumentalbauten der Nazis, bald sollen hier Opern gegeben werden, in der taz berichtet Dominik Baur von den Plänen und den Protesten dagegen. Im Tagesspiegel zeichnet Eberhard Spreng nach, was der Kultur in Frankreich nach einem Wahlsieg des Rassemblement National blühen könnte.

Besprochen wird außerdem Andreas Merz' Inszenierung "Donezk.UA - eine dokumentarische Reise in den Donbas" am TD Berlin (Tsp, nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2024 - Bühne

"Dämon. El funeral de Bergman." Foto: Christophe Raynaud de Lage.
Marc Zitzmann reist für die FAZ zum Festival d'Avignon, das dieses Jahr mit besonders vielen spanischen Inszenierungen aufwartet, allerdings stechen davon nicht alle positiv hervor, für "Dämon. El funeral de Bergman" von und mit Angélica Liddell findet er kein Lob: "Ein grotesk misslungener Auftakt, der den Ungeist der Zeit bedient. Schon in den ersten Minuten liest die Schauspielerin, deren Markenzeichen ein Dauerzustand maschinengewehrhaft ratternder Raserei ist, aus einem Halbdutzend in Frankreich erschienener negativer Rezensionen eigener Produktionen vor, nennt deren Autoren mit Namen und pickt mit kindischer Häme auf ihnen herum. Das nährt denselben dumpfen Antiintellektualismus, wie ihn die rechte Bewegung pflegt, die bevorzugt Journalisten ins Visier nimmt." Ganz anders sieht es Reinhard Brembeck in der SZ, für ihn ist Liddell "die radikalste Vertreterin der Kunstfreiheit": "Sie zeigt sich in einem einstündigen Monolog als verletzbare Künstlerfrau, sie klagt vehement Kunstfreiheit und das Recht auf Neues ein, zelebriert einen sehr spanisch-herben Todeskult, beschreibt drastisch das Sterben ihrer Eltern, evoziert die Schrecken menschlichen Verfalls im Alter, flucht auf Erektion und Sexualität. Doch diese Schimpftirade ist unterlegt mit einer ungeheuren Lebenslust, die Liddell schutzlos zu immer neuen theatralen Erkundigungen antreibt." In der nachtkritik schreibt Joseph Hanimann darüber.

Aufruhr in der Tanzwelt: Gegen Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker werden Vorwürfe wegen ihres Führungsstils laut, Xenia Wiest hat ihren Posten als Ballettdirektorin in Schwerin verloren, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Es fehlen Präventionskonzepte, um psychischer Gewalt und ausbeutenden Hierarchien zuvorzukommen, meint die Kritikerin: "Im Blick auf alle bis dato ruchbar gewordenen Fälle von Machtmissbrauch - und es sind allein im Tanz ein Dutzend - lässt sich feststellen: Nirgendwo gab es ein derartiges Präventionskonzept, nirgendwo eine auf mehrere Schultern verteilte Leitung. Die Alleinherrschaft ohne gleichberechtigtes Korrektiv begünstigt autoritäre Eskapaden. Umgekehrt müssen Tänzer und Tänzerinnen allerdings lernen, trotz Konkurrenz- und Karrieredruck ihr häufig mangelhaft präpariertes Selbstbewusstsein zu stärken und beim ersten Anzeichen eines Übergriffs das Stoppschild zu zücken. Wenn Verfehlungen erst Jahre später ans Tageslicht kommen, gestaltet sich die Aufarbeitung extrem schwierig: Die Fronten sind dann verhärtet, Kommunikation ist oft nicht mehr möglich." Und sie fügt an: "Systemisch gesehen sind Generalintendanten klassische Alleinherrscher. Kulturpolitiker lieben diese Konstruktion, weil sie sich dann nur mit einem einzigen Theatermenschen herumschlagen müssen. Aber ist der pyramidale Zuschnitt noch zeitgemäß? Darüber muss gestritten werden, mit offenem Visier."

"Es gibt keinen Moment, in dem hier irgendetwas in Ordnung ist. Es gibt keinen Moment, in dem nicht alles sitzt", hält die begeisterte Judith von Sternburg in der FR angesichts der Uraufführung der von Cecilia Arditto Delsoglio und Annette Müller komponierten Oper "Der Fremde" am Nationaltheater Mannheim, basierend auf dem Roman von Camus, fest. Eine aufregende, neue Variante der Geschichte: "Alles bleibt immer dicht am Text, alle bleiben auch dicht beieinander. Pierre-Alain Monot dirigiert eine klassische Kammerauswahl des Nationaltheaterorchesters, so dass man wieder bewundern muss, wie professionell und cool (und aufgeschlossen!) Opernorchester sich inzwischen allen Belangen neuer Musik stellen können. Es gilt mitzusummen, zu murmeln und zu sprechen - viele analoge Effekte, viele davon finden an der Grenze des Hörbaren statt, manchmal bloß wie kleine Irritationen, Störgeräusche. Eine ständige subkutane Aktion auch unterhalb des offensichtlichen Geschehens vermittelt eine Unheimlichkeit, aber auch eine tiefe Lebendigkeit."

Besprochen werden: "Carol. Shakespeare in Jena" von Lizzy Timmers am Theaterhaus Jena (Nachtkritik), "Donezk. UA" von Andreas Merz am Theaterdiscounter Berlin (Nachtkritik), "Schaf sehen" von Christof Seeger-Zurmühlen auf dem Asphalt Festival in Düsseldorf (Nachtkritik) und "Dirty Dancing" an der Alten Oper Frankfurt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2024 - Bühne

"Mittlerweile ist das Verhältnis völlig zerrüttet", resümiert Martin Kusej, scheidender Direktor des Wiener Burgtheaters, im großen Zeit-Abschiedsgespräch mit Peter Kümmel seine Zeit in Österreich: Jede Berichterstattung sei "gehässig" gewesen: "Das Burgtheater steht umgeben vom Bundeskanzleramt, der Präsidentenkanzlei, der Hofburg, dem Parlament und dem Rathaus, also mitten in der Macht. Ich habe versucht, die Kunst gegen die Machtspiele und Intrigen, die sich da abspielen, hochzuhalten. Das hat seinen Preis. Entweder man spielt mit, oder man ist rasch draußen. 'Mitspielen' heißt: tagsüber kritisch sein, abends in den In-Lokalen und Zirkeln Schulterklopfen. (…) Ich bin es gewohnt, gerade und ohne Berechnung meinen Weg zu gehen. Das ist hier nicht möglich. Die Messer kommen sorgfältig gewählt aus unerwarteten Richtungen." Eine plausible Erklärung habe er von der zuständigen Staatssekretärin bis heute für seine Nichtverlängerung nicht bekommen.

Szene aus "Epilog". Foto: Kiran West

Mit dem Stück "Epilog" verabschiedet sich John Neumeier nach 51 Jahren als Leiter des Hamburger Balletts, ihm folgt der Argentinier Demis Volpi. In der Welt verneigt sich Manuel Brug vor dem Choreografen, der ein ganzes Tanzimperium hinterlässt - und sich mit dem "Epilog" ein autobiografisches Denkmal setzt: "Viele Neumeier-Versatzstücke, -Reminiszenzen, -Requisiten, -Manieren wie -Manierismen tauchen nun auf. Da sitzt eine Familie am Tisch, steif, spießig, und ein Junge (Louis Musin), der dort ausbrechen will, windet sich darunter. Der wiederum hat einen Doppelgänger, die nunmehr letzte Neumeier-Jünglingsentdeckung, den zartgliedrigen Aspiranten Caspar Sasse. Er läuft ebenfalls als Neumeiers Alter Ergo durch das Werk, am Ende mit Zylinder, Zauberlehrling wie Meister, der dies alles erlebt wie eben auch geschaffen hat. Und der doch selbst in einem Zwiespalt zwischen männlichem Begehren mit vielen halbnackten Leibern, Duos, Gruppen und der balletttraditionellen Anbetung der Frau als Muse und Ballerina, Star und Göttin auf Spitzenschuhe steckt, wie sie jetzt die feinherbe Anna Laudere als eine Art Mutterfigur und die strahlende Ida Praetorius als Solistin verkörpern."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Hannes Hintermeier von den Querelen um die Leitung der Passionsspiele 2030 in Oberammergau. In der taz porträtiert Simone Schlindwein die aus Waisen- und Straßenkindern bestehende ugandische Tanzgruppe Hyperskids Africa, die über die sozialen Medien so viel Bekanntheit erreichte, dass sie sich ihre Schulgebühren verdienten und nun auf Welttournee gehen. Der Tagesspiegel berichtet über einen möglichen Baustopp bei den Sanierungsarbeiten der Komischen Oper, das Leitungsduo Susanne Moser und Philip Bröking äußerte sein Entsetzen.

Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung "Le Grand Macabre" bei den Münchner Opernfestspielen (Zeit) und Laurenz Lüttekens Buch "Die Zauberflöte. Mozart und der Abschied von der Aufklärung" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2024 - Bühne

Michael Wurmitzer blickt im Standard auf den österreichischen Theatersommer. Ebenfalls im Standard berichtet Stefanie Ruep über die Pläne des Regisseurs Robert Carsen für seine "Jedermann"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen. Janis El-Bira besucht für nachtkritik das Gefangenentheater aufBruch, das derzeit mit einer von Peter Atanassow inszenierten "Dreigroschenoper" für Aufsehen sorgt (mehr hier). Gleichfalls in der nachtkritik findet sich ein Text Joseph Hanimanns über das diesjährige Festival d'Avignon.

Besprochen werden zwei Aufführungen am Staatsheater Mainz: "Rosenkavalier" (FR) und "Ich, Antigone" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2024 - Bühne

Szene aus "Melancholie des Widerstands" an der Staatsoper Berlin. Foto: William Minke.

"Schreiend aktuell" ist  David Martons Inszenierung der Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Staatsoper Berlin, findet Clemens Haustein in der FAZ. Marc-André Dalbavie hat das Stück, in dem eine Kleinstadt nach und nach im Chaos versinkt, nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai als "filmische Oper" konzipiert - und Haustein findet hier alle Symptome der gegenwärtigen Krisenhaftigkeit: Machtbesessenheit, Umweltzerstörung, Faschismus. Das macht nun nicht gerade froh, allerdings leuchtet dem Kritiker aus dem Dunkel der Countertenor Philippe Jaroussky entgegen, "ein Glücksfall für die Inszenierung. Seine satt leuchtende Stimme, die kein Falsch und Böse kennt, verleiht dem Valouchka eine Strahlkraft von himmlischer Naivität." Ein "Opernrätsel" entfaltet sich indes für SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber: "Die Figuren mäandern auf verschlungenen Pfaden durch geisterhafte Filmschnitte oder durch die Bühnenrealität. Sie verschwinden und tauchen wieder auf als apokalyptische Träumer. Im Roman ist das bezwingend erzählt, die Oper jedoch ist narrativ überfrachtet davon, dass Musiktheater hier Filmtheater werden soll." In der nachtkritik schreibt Georg Kasch zum Stück. Im Tagesspiegel Georg Dotzauer.

Besprochen wird Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethovens Oper "Fidelio" an der Oper Amsterdam (Welt), John Neumeiers Choreografie "Epilog" an der Staatsoper Hamburg (FR, SZ).