Reife Gespräche über heikle Themen: "Oslo Stories: Träume" Mit dem diesjährigen Berlinale-Gewinner "Träume" kommt ein weiterer Film aus DagJohanHaugeruds "Oslo Stories"-Trilogie in die Kinos (unser Resümee zum ersten Kinostart vor wenigen Wochen). "Manchmal ein bisschen zu vernünftig" wird darin durchgespielt, dass sich eine Siebzehnjährige in ihre Lehrerin verliebt, erzählt Alice Fischer im Perlentaucher - zumal dann, wenn die Aufzeichnungen der Schülerin dazu mit Mutter und Großmutter gelesen und besprochen werden. Die Figuren "sind allesamt sehr reflektiert, reif, tolerant, ein bisschen bewandert in Psychologie, offen - einerseits würde man sich wirklich wünschen, jeder wäre so (die Welt wäre eine bessere). Andererseits wird man das Gefühl nicht los, dass uns der Regisseur eine Lektion in Sachen 'achtsamer Umgang mit herausfordernden Situationen' erteilen will. So interessant und richtig und weitsichtig die Gespräche zwischen den weiblichen Figuren sind, so vermisst man doch hin und wieder ein kleines bisschen Spontanität, eine wilde Emotion, ein Herausfahren aus der Haut, etwasUnerwartetes, Irrationales."
Es "ist ein Film über die Liebe und über die Literatur", erklärt Ekkehard Knörer auf critic.de. Kein Wunder: Haugerud hat vor seiner Zeit als Filmemacher Romane geschrieben. Vom Erlebnis zum Schreiben zum Weiterreichen des Textes an Mutter und Großmutter: "So kommt es zum Lesen als Deuten. Hat die Lehrerin womöglich die Tochter, Enkelin, Schülerin Johanne missbraucht? Ist der siebzehnjährigen Erzählerin ihrer eigenen Geschichte die Souveränität, die sie in ihrem Text demonstriert, wirklich zuzutrauen?" Für Mutter und Großmutter ist es "ein Schock: Die Tochter, die Enkelin, ist jetzt, als wäre es plötzlich, klug, fast erwachsen. Sie können sich in ihr wiedererkennen, aber es wird ihnen auch, bis zur Eifersucht fast, mehr als deutlich: Die Jüngere hat noch so viel von dem vor sich, was die beiden schon mehr oder weniger hinter sich haben." Weitere Besprechungen in FR und online nachgereicht von der FAS. Kenda Hmeidan als Rashida, eine weibliche Variante von Richard III. Nachdem er Döblins "Berlin Alexanderplatz" in die Gegenwart versetzt hat (unsere Kritik), verlegt Burhan Qurbani mit "Kein Tier. So wild" nun Shakespeares "Richard III" in einen BerlinerClankrieg. Dem Theatersetting bleibt er dabei aber ästhetisch verbunden: "Real oder authentisch ist es nie", warnt Jenni Zylka im Freitag. "Die Schauspieler präsentieren in konstruierten Settings (Gerichtssaal, Restaurant, Schrottplatz, Kapelle, Wüstenzelt) eine artifizielle Sprache, die die Shakespeare'sche Herkunft umarmt und dennoch die Modernität des Geschehens einbezieht. ... Vor allem Kenda Hmeidan und Mona Zarreh Hoshyari Khah meistern die Sprachstrudel fantastisch - Hmeidans unheilvolle Spannung ist jederzeit fühlbar, gleich Geschossen schleudert sie die Sätze heraus. ... Schon der Klang der Worte, verstärkt durch den des hypnotischen, teilweise auf Stimme, teilweise auf Elektronik setzenden Soundtracks, vermag es, einen in den Bann zu ziehen."
Einer von Qurbanis Clous besteht darin, dass sein Richard eine (von Kenda Hmeidan gespielte) Rashida ist. Dies fügt dem Film eine Facette hinzu, schreibt Florian Kaindl in der SZ, nämlich "wie eine weibliche Protagonistin sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft behauptet. Spoiler: indem sie selbst wie einer wird. ... Burhani inszeniert das in stylischenBildern" und erzielt so "einen eigenen Drive". Doch "die Geschichte der blutigen Emanzipation ist auch eine Geschichte der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Am Anfang ist Rashida als junges Mädchen zu sehen, das im Schutt mit einer selbstgebastelten Krone spielt. Ihre ursprüngliche Herkunft klingt an, als sie Mishal zu verstehen gibt, dass sie nicht mehr in ihr einstiges Heimatdorf zurückkehren können, weil es vollkommenzerbombt ist."
Weitere Artikel: In der Zeit erzählt Ulrich Ladurner die Erfolgsgeschichte des CinemaTroisiin Rom, dessen Räumlichkeiten vor knapp über zehn Jahren von Jugendlichen auf der Suche nach eigenen Räumen besetzt wurde und das nun als rund um die Uhr geöffnetes Zentrum mit avanciertem Programm und weiteren Angeboten ein lebendiger Kulturort ist. Dirk Peitz spricht in der Zeit mit StevenSoderbergh über dessen Spionagethriller "Black Bag". Als einen zentralen Einfluss dafür bezeichnet er übrigens den britischen Klassiker "The Ipcress File" mit MichaelCaine, aktuell in der Arte-Mediathek zu sehen.
Besprochen werden AlexParkinsons "Last Breath" (Perlentaucher), MiguelGomes' auf Mubi gezeigter "Grand Tour" (FD, mehr dazu hier), RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (FR), Jan-OleGersters Psychothriller "Islands" (SZ) und die lettische, von Arteonline gestellte Serie "Sowjet Jeans" (FAZ). Außerdem blicken der Tagesspiegel und der Filmdienst auf die wichtigsten Filmstarts der Woche.
Sehr beeindruckend findet Andreas Kilb (FAZ) den Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit", den WimWenders für das Auswärtige Amt zu achtzig Jahre Kriegsende in jener Schule in Reims gedreht hat, wo am 7. Mai aus deutscher Sicht formal der Zweite Weltkrieg endete (der Akt in Berlin-Karlshorst am 8. Mai war lediglich eine Wiederholung auf Drängen Stalins). In den vier Minuten Spielzeit "passiert etwas, was bei offiziellen Gedenkfeierlichkeiten selten geschieht: Die Geschichte holt uns ein. Der Ort, an dem sie stattfand, ist immer noch da, und der Blick, den Wenders mit der Kamera darauf wirft, bringt sie zum Sprechen. 'Von meiner Kindheit an habe ich achtzig Jahre in dem Frieden gelebt, den die Nacht in dieser Schule uns allen gebracht hat', sagt Wenders am Ende seines Films. 'Heute herrscht im vierten Jahr wieder Krieg in Europa. Es ist auch ein Krieg gegen Europa. ... Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.' Das dürfte die kürzeste unter den vielen Ansprachen sein, die in diesem Jahr zum 8. Mai gehalten werden. Aber es ist womöglich eine der wichtigsten, denn sie schließt die Türen zur Vergangenheit nicht feierlich zu, sondern reißt sie weit auf."
Außerdem: Sehr beglückt kommt Bert Rebhandl (FAZ) von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen nach Hause: "Jeder der gezeigten Filme enthält eine Spur durch die Geopolitik."
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (tazlerin Barbara Schweizerhof erlebt vergnügt, aber ohne Schadenfreude mit, "wie Sprechen, Handeln und Empfinden immer drei verschiedene Dinge sind"), NoémieMerlants "Balconettes" (Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah "einen erotischen, furiosen und kunterbunten Genremix, der optisch nicht zufällig an Filme von Pedro Almodóvar erinnert"), BurhanQurbanis "Richard III"-Variante "Kein Tier. So Wild" (Maximilian Steinborn von critic.dekann sich der "Sogkraft dieses Films" nicht entziehen), die Netflix-Serie "Eternauta" nach dem gleichnamigen Comicklassiker von HéctorGermánOesterheld aus den Fünfzigern (Tsp, Presse), TerezaKotyks in Deutschland vorerst noch nicht startender Film "Nebelkind" (Standard) und das Buch "Eine Familie in Brüssel" der belgischen Filmemacherin ChantalAkerman (FAZ).
Trumps Ankündigung, im Ausland produzierte Filme mit bis zu 100 Prozent Zollaufschlag zu belegen, sorgt nicht nur in Hollywood, sondern auch im Feuilleton für graue Haare und viel Ratlosigkeit. "Der Effekt seiner zollkriegerischen Blendgranate wird genauso verheerend sein wie der aller anderen politischen Projektile aus dem Oval Office", glaubt Andreas Kilb in der FAZ. Denn die Filmbranche ist komplett international aufgestellt, aber "anders als bei Autos, hat Amerika noch immer die Nase vorn. Wahr ist allerdings auch, dass Filmedrehen in den Vereinigten Staaten wegen hoher Studio- und Personalkosten teuer geworden ist, weshalb immer mehr Produktionen ins benachbarte Ausland oder nach Osteuropa ausweichen. Doch die Filme, die so entstehen, sind deshalb keinen Deut weniger amerikanisch; das Geld, das ihre Hersteller im Ausland ausgeben, fließt in Form von Rechteverkäufen und Kasseneinnahmen zu ihnen zurück. Indem Trump diesen Kreislauf unterbricht, zerstört er die Industrie, die er zu fördern vorgibt."
"Ärgern dürfte die amerikanischen Filmemacher zusätzlich, dass Steuerflucht allein natürlich nicht der einzige Grund ist, warum im Ausland gedreht wird", hält David Steinitz in der SZ fest. Denn "Hollywood geht auch dorthin, wo es die spektakulärstenDrehorte gibt. Man kann 'James Bond' und 'Mission: Impossible' nicht nur daheim drehen. Außerdem stimmt es nicht, dass die US-Branche schon halb auf dem Totenbett liegt, wie Trump es darstellt. Ganz so fantastisch wie 2019, im letzten großen Kinojahr vor der Pandemie, läuft es zwar nicht. Aber die meisten Covid-Nachwirkungen sind ausgestanden, auch die Folgen des Streiks der Schauspiel- und Drehbuchgewerkschaft, der Hollywood 2023 lahmlegte. Die Einnahmen an den US-Kinokassen sind im Vergleich zu 2024 schon wieder um knapp 16 Prozent gestiegen."
Weitere Artikel: Fabian Tietke (taz) und Leo Geisler (Filmdienst) resümieren die Internationalen Kurzfilmtagein Oberhausen, die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Madeleine Bernstorff und Susanna Pollheim stattfanden. In vier von Lydia Kayß und André Malberg (der gelegentlich auch für den Perlentaucherschreibt) kuratierten Programmen wurden dort auch die nur noch in Einzelstücken auf Analogkopie vorliegenden Filme von Dietrich und Katharina Schubert in Erinnerung gerufen, berichtet Hannes Wesselkämper auf critic.de. Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem norwegischen Regisseur DagHaugerud über dessen "Oslo Stories"-Trilogie, die gerade Teil für Teil im Kino ausgewertet wird. Besprochen wird Waadal-Kateabs in Deutschland noch nicht gezeigter Dokumentarfilm "We Dare to Dream" über syrische Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2020 (NZZ).
Philipp Stadelmaier berichtet im Filmdienst den Kongress Zukunft Deutscher Film in Frankfurt. Valerie Dirk spricht für den Standard mit August Diehl, der aktuell in MichaelLockshins russischem Arthouse-Blockbusterfilm "Der Meister und Margarita" den Woland spielt (hier und dort unsere Resümees). Florian Bayer resümiert in der taz das Linzer FilmfestivalCrossingEurope. Besprochen werden der Netflix-Dreiteiler "Vom Rockstar zum Killer: Der Fall BertrandCantat" (Presse), PaulFeigs Krimikomödie "Nur noch ein kleiner Gefallen" (SZ), der ARD-Vierteiler "Die Augenzeugen" (FAZ) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (FAZ).
Das private Filmarchiv des 2011 im Alter von 48 Jahren viel zu jung gestorbenen FilmkritikersMichaelAlthen ist Legende: TausendevonVHS-Aufnahmen hatte er dem Fernsehprogramm abgeluchst, später kamen ebenfalls tausende DVDs und BluRays hinzu. Nachdem sein Sohn, der Regisseur und Produzent ArturAlthen, die Kassetten bereits letztes Jahr beim Filmfest München zugänglich machte, gibt es morgen auch an der Berliner Volksbühne dazu eine Performance. "Es ist eine Sammlung aus einer anderen Zeit", sagt Artur Althen im SZ-Gespräch mit Johanna Adorján. "Denn was machte ein Filmkritiker früher, wenn er zum Beispiel aus dem Stand auf irgendjemanden einen Nachruf schreiben musste? Für solche Fälle wollte mein Vater gewappnet sein. Er musste dann ja vielleicht etwas nachsehen. Es ging um Beruhigung. Darum, ruhig schlafen zu können, weil er im Fall der Fälle den erforderlichen Film da hätte. ... Es galt auch, die Aufnahme zu überprüfen. Wurde der Film gut erwischt, waren Anfang und Ende drauf? Anschließend musste die Neuheit etikettiert, nummeriert und katalogisiert werden. ... Erst rückblickend wird mir klar, dass das auch etwas von Wahnsinn hatte."
Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland gibt auf Artechock dem designierten Kulturstaatsminister WolframWeimer in Sachen Filmpolitik ein paar Tipps und schreibt dem stramm Konservativen ins Stammbuch: "Kulturpolitik darf nicht parteipolitisch aufgefasst werden." Weimer selbst wehrt sich übrigens im Stern-Interview gegen Vorwürfe des Rechtskonservatismus. Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel eine Berliner Reihe mit Filmen von VittorioDeSica.
Besprochen werden AlbertSerrasStierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (Perlentaucher, Artechock, Freitag, mehr zum Film bereits hier), Denis Pavlovics Dokumentarfilm "Mañana Sol" (Perlentaucher), Michail Lockshins "Der Meister und Margarita" (Artechock, mehr zum Film bereits hier), JoelSouzas Western "Rust" (FAZ, Standard), Isaiah Saxons "Die Legende von Ochi" (Artechock), Jonás Truebas "Volveréis" (Artechock), Alex Scharfmans Horrorkomödie "Death of a Unicorn" (Welt, SZ), MichelFesslers mit echten Tieren gestaltete Neuverfilmung von "Bambi" (Welt), CharlèneFaviers in Deutschland erst Ende Juli startendes Biopic "Oxana" über die Femen-Mitbegründerin OxanaSchatschko (NZZ), die zweite Staffel der Zombie-Serie "The Last of Us" (Freitag), die Netflix-Serie "Four Seasons" (taz) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (NZZ, Standard).
Terry Gilliams in den Achtzigern entstandener Klassiker "Brazil" war seinerzeit eine spitz überzeichnete Satire in Gewand eines Science-Fiction-Films, doch heute beschreibt der Film "allzu deutlich die nun herrschende Realität in Donald TrumpsAmerika", meint Ibrahim Quraishi in der taz. "Was diesen Vergleich so beunruhigend macht, ist nicht nur der Zusammenbruch juristischer Verfahren, sondern die Erosion der Realität selbst."
Weiteres: Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Regisseur Jan-OleGerster über seinen neuen Thriller "Islands". Im Musikfeuilleton des Dlf Kulturwidmet sich Georg Beck der Entstehung von HannsEislers Filmmusik zu AlainResnais' "Nacht und Nebel".
Besprochen werden AlbertSerras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (taz, unsere Kritik), JanHenrikStahlbergs "Muxmäuschenstill X" (Zeit Online, SZ), die von Arteonline gestellte, britische Serie "Unschuldig - Mr. Bates gegen die Post" mit TobyJones (FD), der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (Tsp) und eine Arte-Doku über den Einfluss von StevenSpielbergs "Der weiße Hai" auf die Filmgeschichte (taz).
Halb Blockbuster, halb Avantgarde: "Der Meister und Margarita" Die Feuilletons stürzen sich auf MichaelLockshins Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" - die Stalinismus-Satire wurde noch vor dem endgültigen Einmarsch Russlands in die Ukraine von den russischen Behörden erst gefördert, dann wegen ihrer Spitzen auch gegen Putin verfemt, vom Publikum aber zum Kassenhit erkoren (unser erstes Resümee zum Film hier). "In seiner Machart vollkommen verwegen, halbBlockbuster, halbAvantgarde, strahlt er eine Unbekümmertheit aus, die es im russischen Kino doch schon lange nicht mehr geben dürfte", staunt Daniel Kothenschulte in der FR. "Ein lustvollesChaos verbreitet dieser erstaunliche Film von Anfang bis Ende. ... Träte dieser Film als Autorenfilm auf, als kunstvolle filmische Farce über den Stalinismus, wie es sie etwa von Alexander Sokurow gibt, hätte er es kaum durch die Zensur geschafft. Als eher kommerzielles Produkt jedoch, als Fantasy-Epos, scheint die staatlich geförderte Produktion Narrenfreiheit genossen zu haben. ... Glücklich und völlig überrumpelt verlässt man nach zweieinhalb Stunden einen Film voll ungelöster Rätsel, wie ihn vielleicht auch SalvadorDalí hätte drehen können."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Fabian Tietke widerspricht in der taz vehement: Dieser Film "ist kein besonders gutes Werk. Es ist als Phänomen interessanter denn als Film". Der Regisseur "versteht keine Sekunde, dass es mehr bräuchte als gute Ausstattung und schöne Kulissen, um der Komplexität des Romans auch nur halbwegs gerecht zu werden." Entstanden ist so "ein generischer, mittelguter Blockbuster ohne jede Relevanz für die Gegenwart". Andreas Kilb von der FAZsieht den Film mit voranschreitender Laufzeit "ins Straucheln" kommen, da "Lockshins Inszenierung die historischen und die fantastischen Anteile von Bulgakows Roman - hier die Love Story zwischen dem Dichter und seiner Angebeteten (Julia Snigir), dort die Späße des Teufels mit den sozialistischen Spießern - nicht wirklich zusammenbringt. ... Mit dem Körper steckt der Film tief in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, während sein Kopf in den digitalenWolkendesMarvel-Universums hängt." Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur.
Weiteres: David Steinitz (SZ), Berit Dießelkämper (Zeit) und Marie-Luise Goldmann (Welt) erzählen, wie Alec Baldwin nach einer Verkettung fahrlässigen Handelns 2021 bei den Dreharbeiten zum Western "Rust", der jetzt in die Kinos kommt, die Kamerafrau HalynaHutchins erschoss und wie dieser Unfall juristisch aufgearbeitet wurde. Alexander Riedel meldet in der Jüdischen Allgemeinen, dass das Jüdische Museum Berlin ClaudeLanzmanns mehr als 200 Stunden Material umfassendes Audioarchiv mit den für seinen Film "Shoah" geführten Interviews zugänglich machen und aufbereiten will. Für November ist außerdem die Ausstellung "Claude Lanzmann - Die Aufzeichnungen" geplant.
Besprochen werden AlbertSerras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (critic.de, FR, mehr dazu bereits hier), die auf HectorGermanOesterhelds gleichnamigen argentinischen Kultcomic basierende Netflix-Science-Fiction-Serie "Eternauta" (taz), SaulėBliuvaitės "Toxic" (Jungle World, unsere Kritik), AlainChabatsNetflix-Animationsserie "Asterix & Obelix: Der Kampf der Häuptlinge" (FAZ) und der neue Marvel-Blockbuster "Thunderbolts" (Presse).
Bringt das Blut zum Vorschein: "Nachmittage der Einsamkeit" von Albert Serra Albert Serras Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" porträtiert den StierkämpferAndrésRocaRey, entzieht sich selbst jeder Wertung und nimmt SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier durch seine visuellen Qualitäten ziemlich gefangen: "Die Bilder stehen für sich und dokumentieren ein Ritual, ohne es in seiner kulturellen Logik oder traditionellen Abfolge zu sezieren. ... Die plastische Kraft des Films speist sich aus den verschiedenen Blickwinkeln, aus denen Torero und Stier gefilmt werden. Sie verleihen den Bildern eine verzerrte, fastgroteskeGestalt. In ihnen bleibt der - im Kino nie direkt darstellbare - Übergang vom Leben zum Tod fließend."
Weiteres: Andreas Busche verabschiedet im TagesspiegelRainerRother, den langjährigen Leiter der DeutschenKinemathek in Berlin, in den Ruhestand. Dlf Kultur hat ein großes Gespräch mit Rother geführt. Valerie Dirk wirft für den Standard einen Blick ins Progamm des Linzer FestivalsCrossingEurope. Besprochen werden Jan Henrik Stahlbergs Moralisten-Satire "Muxmäuschenstill X" (Tsp) und Frédéric Hambaleks "Was Marielle weiß" (Presse, unsere Kritik).
Stefan Trinks gratuliert in der FAZ dem Animationsfilmkünstler WilliamKentridge zum Siebzigsten. Besprochen werden der Apple-Neunteiler "Your Friends & Neighbors" mit dem aus "Mad Men" bekannten JonHamm (NZZ) und die in einer kanadischen Inuitgemeinde spielende Netflixserie "North of North" (taz).
August Diehl in "Der Meister und Margarita" von Michael Lokshin Anna Narinskaya spricht für die FAZ mit dem russischen Regisseur MichaelLokshin, dessen Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" nun auch in Deutschland in die Kinos kommt. In Russland war der Film trotz erkennbarer Spitzen gegen Putin einer der erfolgreichsten Filme des Jahres - sehr zur Sorge der Obrigkeit, die etwa verfügte, dass Lokshins Name bei einer Preisverleihung nicht genannt werden durfte, und deren Vasallen in der Presse unisono Gift und Galle spuckten. "Deputierte der russischen Staatsduma ... bezeichneten mich als Terroristen und Extremisten und den Film als antirussisch", sagt der inzwischen in Los Angeles lebende Regisseur, der sich auch "gegen die Großinvasion in die Ukraine ausgesprochen" hat und eigener Aussage nach "ukrainische Stiftungen" unterstützt. 2021, als er den Film drehte, "war Russland anders, es war ein mild autoritäres Regime. ... Es gab den 'neuenStalinismus' noch nicht. Wir waren schockiert, wie schnell wir in der Postproduktionsphase in ihn hineinrutschten. Als wir die Szenen montierten, waren wir frappiert, wie sehr manche, etwa die 'öffentliche Verurteilung' des in Ungnade Gefallenen oder die allgegenwärtigen Denunziationen, sich mit der Realität deckten."
"Die Ironie ist beißend", schreibt Jan Küveler in der Welt. "Der lebenslang verfolgte Bulgakow ist längst zum nationalen Kulturschatz avanciert, und so gab es für die Verfilmung Millionen an Zuschuss vom Kulturministerium. Dann kamen Krieg und Gleichschaltung der öffentlichen Meinung. Plötzlich schien nicht mehr Stalins, sondern Putins Russland das Ziel der Totalitarismus-Satire."
Außerdem: Quirin Hacker gibt in der FR Tipps zum GoEast-Festivalin Wiesbaden. In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem Schauspieler WinfriedGlatzeder zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die zweite Staffel von KidaKhodrRamadansARD-Serie "Testo" (FAZ), die auf Paramount+ gezeigte, deutsche Science-Fiction-Serie "Parallel Me" (Zeit Online) und die auf Amazon gezeigte Ballett-Serie "Étoile" mit CharlotteGainsbourg (WamS).
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