Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2024 - Kunst

In der Ausstellung "Survival in the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen sollte es um die Frage gehen, wie Kunst mit aktuellen Krisen wie Klimakollaps, Flucht, Krieg oder kolonialhistorischer Verantwortung umgeht, nun steht eine andere Debatte im Vordergrund, ärgert sich Maxi Broecking im Tagesspiegel: Das US-amerikanische Indigenen-Kollektiv New Red Order garniert sein Werk, das sich mit den Folgen gewaltsamer Vertreibung der nordamerikanischen Urbevölkerung durch weiße Kolonialisten auseinandersetzt, mit einem propalästinensischen Manifest, in dem nicht nur Kulturinstitutionen aufgerufen werden, sich gegen Israel zu stellen, sondern auch eine Linie "vom Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern über den Völkermord an den Herero und Nama durch deutsche Kolonialtruppen, zum Holocaust, dann zur Vertreibung der arabischen Palästinenser 1948, der 'Nakba', und dem 'Völkermord' in Palästina heute" gezogen wird. Für Bröcking ist die Kunstfreiheit überschritten, der Direktor des Hauses, Dirk Luckow, setzt indes auf Dialog: "In einer daneben hängenden Wandtafel distanzieren sich die Deichtorhallen von Inhalt und Aussagen des Manifests, verweisen aber gleichzeitig auf die Kunstfreiheit."

Bereits vor eine Woche kommentierte Daniel Kaiser im NDR: "Die Deichtorhallen machen es sich ein bisschen leicht. Denn es ist nichts anderes als eine antisemitische Verschwörungserzählung, die da in der Ausstellung hängt. Der Massenmord an den Indigenen in den USA, die Shoa in Nazideutschland und die israelische Politik von heute seien strukturell alles dasselbe. Israel trage allein die Verantwortung für den Nahostkonflikt." Auch Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow äußert sich im NDR zu dem Papier (das man im Netz offenbar nirgends lesen kann). Man habe sich ja distanziert. Aber das Papier findet er halt doch irgendwie sehr wichtig: "Auf diesem Papier geht es vor allen Dingen um den Grunddiskurs des weißen Suprematismus - um das mal aus Künstlerperspektive anzusprechen -, dass der ganze Kolonialismus als Quelle die weiße Kolonialgeschichte im Hintergrund hat. Und diese Kolonialgeschichte sehen sie eins zu eins in einer Linie mit dem Holocaust - und das ist natürlich aus der deutschen Erinnerungskulturperspektive untragbar. Aus deutscher Perspektive ist das ein nicht vergleichbares, einzigartiges Verbrechen."
Martha Hoepffner: Selbstporträt im Spiegel.

Als "dringend notwendige Ergänzungen des Bekannten" nimmt Freddy Langer für die FAZ die Werke in der Schau "Stadt der Fotografinnen - Frankfurt 1844 bis 2024" im Frankfurter Historischen Museum wahr. Weniger um einen dezidiert weiblichen Blick gehe es als vielmehr um "eine Art alternative Fotogeschichtsschreibung, von den frühen Atelieraufnahmen der Kaiserzeit bis zu zeitgenössischen Installationen. Kaum ein Genre fehlt und kaum ein maßgeblicher Stil, der die Fotografie im Laufe der vergangenen 180 Jahre bestimmt hat. Dabei staunt man über die gleichbleibend hohe Qualität aller Aufnahmen, einerlei, ob klassisches Porträt oder experimentelle Arbeit, und gewinnt nirgendwo den Eindruck, dem Kuratorinnenteam um Dorothee Linnemann sei es vor allem um einen möglichst umfangreichen Bestandskatalog gegangen, den es mit enzyklopädischem Eifer füllte. Vielmehr wünschte man jeder der ausgewählten Positionen eine eigene Ausstellung. Immerhin lässt sich mit den mehr als dreißig in einer Handbibliothek zusammengetragenen Katalogen der Eindruck vertiefen." Die Arbeiten von vierzig verschiedenen Fotografinnen von Annegret Soltau bis Mara Eggert sind noch bis zum 22. September zu sehen.

Das Auktionshaus Christie's wird von Hackern unter Druck gesetzt, was der Öffentlichkeit aber bisher verschwiegen wurde. Erst nach den erfolgreich beendeten Mai-Auktionen hat das Klientel durch die Hacker davon erfahren, ärgert sich Philipp Bovermann in der SZ. Die Angreifer wollen persönliche Daten der meist mächtigen Kunden online stellen, Bovermann meint, das Auktionshaus habe sich dabei nicht korrekt verhalten: "Dass Unternehmen versuchen, Cyberattacken zu verheimlichen, ist nicht ungewöhnlich. Der potenzielle Schaden für die Reputation überwiegt oft den finanziellen, deshalb gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer in einem rasant wachsenden Feld der Onlinekriminalität aus. Die Datenschutzgrundverordnung der EU schreibt allerdings vor, dass Unternehmen innerhalb von 72 Stunden nach Bekanntwerden eines Hackerangriffs die zuständigen Datenschutzbehörden informieren müssen, wenn die Gefahr besteht, dass Kundendaten abgeflossen sind. Ansonsten drohen Geldstrafen von bis zu 20 Millionen Euro oder vier Prozent des Jahresumsatzes. Hat Christie's das getan, oder das Risiko einer Strafe eingepreist? Das Auktionshaus teilt auf Anfrage mit, es informiere 'gegenwärtig' Behörden und 'in Kürze' betroffene Kunden."

Weiteres: Der Deal zum Verkauf von Caspar David Friedrichs "Karlsruher Skizzenbuch" ist geplatzt, berichtet die Berliner Zeitung, das "sehr umstrittene Kulturgutschutzgesetz" kam zum Einsatz, das Skizzenbuch muss "unter allen Umständen im Land verbleiben", heißt es. Die Zeit interviewt die russische Exil-Künstlerin Anna Jermolaewa.

Besprochen werden: "Faszination Rom. Maarten van Heermskerck zeichnet die Stadt" im Berliner Kulturforum (Tagesspiegel) und "(Un)Seen Stories. Suchen, Sehen, Sichtbarmachen" im Berliner Kupferstichkabinett (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2024 - Kunst

Roger Hiorns Today, Installationsansicht, 2024, Courtesy the Artist, Foto: Volker Crone

"Schön" möchte Bettina Maria Brosowsky (taz) die Ausstellungen, die die Kestnergesellschaft in Hannover derzeit zeigt, nicht nennen: Unter dem Titel "Dolorem Ipsum" zeigt die in New York lebende georgische Künstlerin Anna K. E. zu verstörenden metallischen Klängen mit Marzipan überzogene lebensgroße Hundeplastiken, während der Brite Roger Hiorns in Fotos und Performances nackte junge Männer auf einem großen Flugzeugtriebwerk arrangiert: "Die Akteure sollen in ruhigen Posen antike Skulpturen oder den 'Denker' Auguste Rodins in Erinnerung rufen. Sie werden in der aktuellen politischen Großwetterlage aber wohl eher mit den 'Fleischangriffen' der russischen Armee in der Ukraine in Verbindung gebracht. Die Symbiose aus Kriegsgerät und ihm unterworfenen fügsamen und gelehrigen Jünglingskörpern hat vielfältige philosophische Ausdeutungen erfahren: 'Politische Anatomie' nannte sie der Franzose Michel Foucault. Hiorns spielt aber auch auf die erotische Aufladung an, die etwa der Faschismus in seinen Erlösungsfantasien pervertierte: der Opfertod im Kriegsgefecht als ultimativer Orgasmus. Dazu ergießen sich schaumige Ejakulationen aus kleinen Plastiktanks in den Ausstellungssaal. In einem weiteren Raum im Erdgeschoss hat Hiorns apokalyptische Malereien aufgefahren: jede Menge Penetrationen in und durch ausgemergelte Körper, grau, fast schon Skeletten gleich."

Donald Rodney, The House that Jack Built (1987). Installation view at Spike Island, Bristol. Work courtesy Sheffield Museums and The Donald Rodney Estate. Foto: Lisa Whiting.

Erschüttert kommt Guardian-Kritikerin Hettie Judah aus einer Ausstellung, die das Spike Island in Bristol dem 1998 im Alter von nur 36 Jahren an Sichelzellenanämie verstorbenen Künstler Donald Rodney ausrichtet. Rodney spießte in seinen Arbeiten den Rassismus der britischen Gesellschaft auf und nutzte für seine Werke nicht nur Röntgenbilder, sondern auch die eigene Haut: "Rodney ist vor allem für 'My Mother, My Father, My Sister, My Brother' in Erinnerung geblieben, eine winzige Skulptur eines Hauses aus dem Jahr 1997, die aus getrockneten Hautstücken besteht, die mit Schneidernadeln zusammengehalten werden. Die Details seiner Herstellung sind verblüffend: Er entfernte die Hautschicht aus einem kollabierten Abszess nach einer Hüftgelenkersatzoperation und trocknete sie dann zwischen den Seiten eines Buches. Hier nimmt das Haus selbst ein Miniaturregal in einem großen Rahmen ein und spiegelt die Abmessungen des Partnerfotos 'In the House of My Father' aus demselben Jahr wider, das Rodney zeigt, wie er das Haus in seiner Hand hält. Es ist ein Bild der Verletzlichkeit und der Grenzen des Schutzes - die Haut als Zuhause, die Familie als Zuhause."

Weitere Artikel: Im großen NZZ-Interview entschuldigen sich die Kuratorin Ann Demeester und Philipp Hildebrand, Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, vage für das inzwischen auf 4,5 Millionen Franken gewachsene Defizit des Zürcher Kunsthauses, sehen die Verantwortung aber vor allem bei ihren Vorgängern. Der Eintritt von aktuell 24 Franken (!) soll erhöht werden, aber die Preise sollen trotzdem "inklusiv" bleiben, verspricht Demeester: "Wenn wir die Preise erhöhen, würden wir das ohnehin gestaffelt tun. Als Direktorin ist es mir ein Anliegen, dass sich weiter jeder einen Eintritt ins Kunsthaus leisten kann. Ich sehe mich in dieser Diskussion als Schutzengel des Publikums. Aber der Entscheid wird im Vorstand gefällt. Ausschließen dürfen wir nichts." Für den Tagesspiegel besucht Hilka Dirks die Künstlerin Jorinde Voigt in ihrem Atelier. 

Besprochen werden die Ausstellungen "In der Einheit liegt die Kraft", bei der georgische Künstler im Berliner Atelierraum "Halfsister" mit Performances, Kunst und Lyrik ihre Solidarität mit den Protesten in Georgien ausdrückten (taz) und die "Die Ersten" mit Werken von Peter Wächtler in der Berliner Galerie Lars Friedrich (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2024 - Kunst

Constantin Brâncuși - The Endless Column. © Dalf, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Peter Kropmanns (FAZ) erfreut sich im Pariser Centre Pompidou, das bald für fünf Jahre seine Pforten schließt, an einer dem Bildhauer und Fotografen Constantin Brâncuși gewidmeten Schau. Brâncușis Arbeiten zeichnen sich insbesondere durch einen entscheidenen Drang zur Abstraktion aus: "Bei seinen porträthaften Darstellungen ist das Unverkennbare eines Modells nur noch am Profil festzumachen. Resultate sind Echos auf Persönlichkeiten, ähnlich vor dem geistigen Auge gebliebener, allmählich verblassender Bilder vertrauter oder momentweise intensiv erlebter Menschen, die erst vorhin oder schon vor einiger Zeit zur Tür hinaus sind. Analog gilt dies für seine Tierdarstellungen. 'Le coq' besteht im Wesentlichen aus einem Stiel, zu dem Beine und Krallen des Hahns zusammengefasst sind, und einem an der Bauchseite gezackten Rumpf, die aufgerichtet zum Himmel streben."

Außerdem: Der Maler Frank Nitsche wehrt sich gegen den Rauswurf aus einer Ateliergemeinschaft, wie Birgit Rieger im Tagesspiegel nachzeichnet. Besprochen wird eine Retrospektive des Fotokünstlers Gregory Crewdson in der Wiener Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2024 - Kunst

Installationsansicht "Gift" in der Berliner Contemporary Fine Arts.

Für den Tagesspiegel schaut sich Jens Müller die Ausstellung "Gift" in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts an, die Bilder der amerikanischen Konzeptkünstlerin Eliza Douglas zeigt - oder? Eben nicht, ruft Müller, Douglas bedient sich hier nämlich eines Tricks, mit dem damals schon Martin Kippenberger "um die Aufmerksamkeit der Kunstwelt buhlte". Douglas hat ihre Werke nämlich gar nicht selbst gemalt, verrät Müller, sondern von Auftragsmalerin in China anfertigen und ihre Motive von KI generieren lassen - eine Reflexion auf die Urheberschaft der Werke, das ist Müller klar. Und sonst? Vielleicht eine kritische Reflexion auf die Kommerzialisierung von Kunst? Müller weiß es nicht so ganz: "Das Neue, das Besondere, das Einzigartige an den ansonsten auf offenkundige Beliebigkeit mit nicht nur leichter Tendenz in Richtung Kitsch hin angelegten Bildern ist, dass sie alle mit einem ziemlich breiten und langen Geschenkband umwickelt sind, die Schleife meistens genau in der Bildmitte. Im Falle der Kuh, 'Never Enough', wurde es von der Luxusmarke Balenciaga zugeliefert, für die die Künstlerin gelegentlich als Model unterwegs ist. Wie gesagt, die Schau heißt 'Gift', Geschenk also, und mit dem Warencharakter und der Kommerzialisierung der Kunst ist es wirklich ein Kreuz, nicht wahr? Die Bilder von Eliza Douglas kosten bei CFA zwischen 24.000 und 36.000 Euro."

Außerdem: Besprochen wird die Ausstellung "Antoni Tàpies: Die Praxis der Kunst" im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid (Welt) und die Ausstellung "Schönheit und Verzückung - Jan Baegart und die Malerei des Mittelalters" im Museum Kurhaus Kleve (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2024 - Kunst

Yael Bartana, Mir Zaynen Do! (We Are Here!), 2024 (Filmstill)

Nach dem Besuch von Yael Bartanas Ausstellung "Utopia Now" im Weserburg Museum Bremen muss taz-Kritiker Benno Schirrmeister erstmal durchatmen, denn die Videoinstallationen der Künstlerin sind nichts für schwache Nerven. Besonders eindrücklich ist für ihn die Musikvideoinstallation "Mir Zaynen Do!", für die Bartana einen von jüdischen Immigranten aus Europa in São Paolo gegründeten Chor mit einem dort ansässigen Straßenmusikensemble zusammengebracht hat. Dessen Mitglieder sind Nachfahren der Maroons, erklärt Schirrmeister, die der Versklavung durch die Kolonialmächte durch aktiven Widerstand entkamen: "Vorsichtig wird, Schritt für Schritt, die Begegnung von Überlebenden der Schoah und der Kolonialverbrechen im Bild der mehr und mehr sich füllenden Bühne des Teatro de Arte Israelita Brasileiro in Szene gesetzt. Tastend, neugierig und ohne Preisgabe des je Eigenen, ein optisches und akustisches Crescendo über elfeinhalb Minuten, entsteht Gemeinschaft. Den Anfang dieser Erzählung im dunklen Raum markiert aber der einsame Auftritt der Chorleiterin Hugueta Sendacz. Die 97-Jährige, in Polen geboren, steht da, drahtig, ganz allein am Dirigierpult, und gibt nachsichtig lächelnd mit außerordentlich bestimmten Gesten Einsätze. Erst später wird klar werden: Sie dirigiert keinen Geisterchor. Die Melodien erklingen."

Außerdem: SZ und Tagesspiegel melden, dass der Komponist Manos Tsangaris zum neuen Präsidenten der Akademie der Künste gewählt wurde. Im FAZ-Gespräch mit Ursula Scheer erklärt die Chefin des Aktionshauses Grisebach Diandra Donecker, was es bedeutet, dass das "Karlsruher Skizzenbuch" von Caspar David Friedrich unter "Kulturgutschutz" gestellt wurde. Besprochen werden die Ausstellung "Ewa Partum. My touch is a touch of a woman" im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg (FAZ), die Ausstellung "Orhan Pamuk - Der Trost der Dinge" im Lenbachhaus in München (tsp), die Ausstellung "Dance with Daemons" in der Fondation Beyeler bei Basel (NZZ) und die Ausstellung "Läuft" zum Thema Menstruation im Museum Europäischer Kulturen in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2024 - Kunst

"Pino Pascali", Fondazione Prada, Milan. Ausstellungsansicht. Foto: Roberto Marossi


In der FAS freut sich Niklas Maak über die Pino-Pascali-Retrospektive in der Fondazione Prada in Mailand. Ganz unbekannt ist Pascali, ein wichtiger Vertreter der "Arte povera", nicht, aber er starb zu jung, um einen nachhaltigen Einfluss auf die Kunst zu haben, meint Maak. Was er sehr schade findet angesichts von Kunstfaser-Feudeln, aus denen Pascali "meterlange popbunte Acryl-Würmer [baute], die er auf Wiesen auslegte, als wären die Dinge der Konsummoderne zu den surrealen Bewohnern einer eigenartigen neuen Natur mutiert. ... Auf Fotos sieht man Pascali mit Tierhörnern und Strohgewändern posieren, als sei er ein heiterer römischer Antigott, der gerade den Kampf gegen die große germanische Filz-Fett-&-Farbschlamm-Schamanerie von Joseph Beuys' weniger begabten Jüngern aufnimmt. Hätte Pino Pascali länger gelebt, die ganze Tonlage der Gegenwartskunst hätte sich vielleicht ein wenig mehr zum Spielerischen und zum Mediterranen hin verschoben."

Weiteres: Bei monopol schreibt Sebastian Frenzel zum Tod des französisch-britischen Künstlers Marc Camille Chaimowicz. In der FAZ fragt sich Andreas Kilb, ob es wirklich so klug ist, die größten Publikumsrenner der Museumsinsel, das Ishtar-Tor und das Markttor von Milet, für 15-20 Jahre wegzusperren. Besprochen werden Elton Johns Fotosammlung im V&A (FAZ) und die Gucci-Modenschau in der Tate Modern (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2024 - Kunst

Francis Picabia: "La résistance". ca. 1943. Bild: Galerie Michael Werner

Johanna Adorjan kann sich in der SZ nur wundern: Nahezu unbemerkt findet in der Berliner Galerie Michael Werner gerade eine der vielfältigsten Francis-Picabia-Ausstellungen statt, die Deutschland je gesehen hat. "Picabias Frauen" heißt die Ausstellung und widmet sich, wir ahnen es, den Frauenporträts des Malers, der als Impressionist begann und vor allem für seine dadaistischen und kubistischen Werke berühmt wurde: "Es sind ausnahmslos starke Persönlichkeiten, die einem hier auf der Leinwand begegnen. Da ist 'La gitane', die kein bisschen freundlich dreinblickt, während sie ihr beeindruckendes Fransenkleid anhebt. Da ist eine Venus, die ihren Adonis so fest umklammert, dass die beiden beinahe aus dem Bild torkeln. Da ist ein Alien-gleiches Wesen mit weißem Turban ('Dimanche'). Und ein schielendes Grinse-Gesicht, neben dem ein einzelnes Ohr auf geblümtem Untergrund liegt, 'Masque'. Hier ist niemand seinem Schöpfer unterlegen. Es sind Heldinnen, Verführerinnen, Monster. Es soll Picabias erste Ehefrau gewesen sein, die Komponistin Gabriële Buffet-Picabia, die ihn dazu brachte, abstrakt zu malen."

Tumtum von Gil Yefman im Glashof des Jüdischen Museums Berlin. Foto: Jens Ziehe

Mehr als hundert Exponate von der Bronzezeit bis in die Gegenwart zeigt die Schau "Sex. Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin, staunt Andreas Kilb (FAZ), der viel über das "Spannungsverhältnis zwischen Bejahung und Zurichtung des Sexus" im Judentum lernt: "Die Pflicht des Ehemanns, seine Frau zu befriedigen, ist im Talmud festschrieben. Umgekehrt folgt aus der religiösen Einbettung des Trieblebens ein Katalog von Verboten. Sex außerhalb der Ehe ist ebenso tabu wie Homo- und Bisexualität. ... Orthodox erzogene Jugendliche wachsen in einer derart körperfeindlichen Umgebung auf, dass die Hochzeitsnacht für viele zur traumatischen Erfahrung wird.  (…) Unter den Kunstwerken im engeren Sinn ragt eine Arbeit von Gabriella Boros heraus, die die Begriffe, mit denen die Autoren des Talmuds die Vagina umschreiben - 'der Ort', 'das Grab', 'die Zähne', 'die andere Welt', 'ihr Starren', 'ihr Atem' -, in eine Serie von kleinformatigen, archaisch-wuchtigen Frauenfiguren übersetzt hat. Die Kälte, die von Boros' Statuetten ausstrahlt, verwandelt sich bei Jacques Lipchitz in erotische Wärme: Sein 'Hohelied' von 1946 lässt zwei hölzerne Gestalten zu einer Doppelskulptur verschmelzen, die den ekstatischen Ton und Gestus der biblischen Liebeshymnen in dreidimensionale Formen übersetzt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Passions of the North" im Kunstsilo im norwegischen Kristiansand (Tsp),  die Orhan-Pamuk-Ausstellung "Der Trost der Dinge" im Münchner Lenbachhaus (Tsp) und die Ausstellung "Stadtbad RELOADED" in Berlin Lichtenberg (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2024 - Kunst

Gregory Crewdsons unbetitelte Familienfotografie. Bild: Freud Museum / Crewdson

Werke von Jeff Wall, Louise Bourgeois oder Cindy Sherman hat das Wiener Sigmund-Freud-Museum zusammengetragen, um in einer kleinen, feinen Ausstellung zu zeigen, wie Freuds Theorie des Unheimlichen Niederschlag in der zeitgenössischen Kunst fand, staunt Stefan Weiss im Standard, etwa mit Blick auf eine Fotografie von Gregory Crewdson: "Es ist eine Familienaufstellung der unheimlichen Art: Vater und Sohn sitzen einander am Esstisch feindselig angespannt gegenüber, die jüngere Tochter blickt verstört ins Leere, die Mutter betritt nackt und derangiert durch einen Scherbenhaufen latschend das biedermeierlich austapezierte Zimmer. Im Hintergrund stapelt sich bedrückend der Abwasch. Unausgesprochene Konflikte, Spannung, Aggression und Frustration, all das liegt förmlich in der Luft. Jedes Detail in Gregory Crewdsons unbetitelter Fotografie einer schrecklich typischen Kleinfamilie öffnet Türen zur psychoanalytischen Interpretation."

Weitere Artikel: Der amerikanische Maler Kehinde Wiley, der 2018 das Porträt von Barack Obama malte, wird des sexuellen Übergriffs beschuldigt. In der Zeit fragt Hanno Rauterberg, ob sich Obama "nach einem anderen Künstler umschauen muss, nach einem, der für ihn nachträglich ein neues offizielles Präsidentenporträt malt, dann hoffentlich einwandfrei in jeglicher Hinsicht?" Im Tagesspiegel freut sich Bernhard Schulz, dass die Berliner Akademie der Künste die Schwejk-Zeichnungen von George Grosz erworben hat und bald austellen wird. Laut Guardian-Recherchen sollen mindestens tausend Werke aus Damien Hirsts "Currency"-Serie entgegen Hirsts Angaben später als 2016 entstanden sein: "Fünf mit der Entstehung der Werke vertraute Quellen, darunter einige der Maler, die die Punkte zu Papier brachten, teilten dem Guardian jedoch mit, dass viele von ihnen in den Jahren 2018 und 2019 in Massenproduktion hergestellt worden seien."

Besprochen werden die Ausstellung "Mehr als Gold - Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien" im Zürcher Museum Rietberg (Tsp) und die Ausstellung "Wand und Figur - Fritz Klemm, Barbara Klemm, Franz Bernhard" im Franz Bernhard Haus in Karlsruhe (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2024 - Kunst

Orhan Pamuk, Erzengel, 2024 © Orhan Pamuk

Das vor zwölf Jahren in Istanbul eröffnete "Museum der Unschuld" zeugt davon, dass Orhan Pamuk auch ein passionierter Sammler, Maler und Zeichner ist - das Münchner Lenbachhaus würdigt Pamuks Leidenschaft nun mit der Schau "Trost der Dinge", die Collagen, Readymades und Schaukästen zeigt, die FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier in Gegenwart des Literaturnobelpreisträgers bewundert. In den aus Werken der Sammlung inspirierten Arbeiten erkennt Hintermeier den "Dadaisten", wie Pamuk sich selbst bezeichnet: "Sieben Vitrinen sind für das Lenbachhaus herausgesprungen. Pamuk setzt sich darin mit Pauls Klees 'Erzengel' von 1938 auseinander, gerade weil sich die Kunsthistoriker nicht einig sind, was genau an dem Bild engelhaft sein soll. Für Pamuk setzt sich das Engelsgesicht aus arabischen Schriftzeichen zusammen, und das führt ihn zurück in seine Kindheit, in der ihm 'ein muslimischer Friedhof wie ein mit arabischen Buchstaben gemalter Wald erschien.' Im Falle Alfred Kubins scheint die Angelegenheit weniger vertrackt. Das Skelett der Zeichnung 'Epidemie' (1900/1901) geht in Pamuks Vitrine in Anspielung auf die Pandemie als Skulptur ihrem Werk als Schnitter nach."

Judy Chicago: "Wrestling with the Shadow for Her Life from Shadow Drawings" 1982. © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York; Photo © Donald Woodman/ARS, NY Courtesy of the artist

Guardian
-Kritiker Jonathan Jones ist geradezu entsetzt: Judy Chicago, die er für ihr wichtiges feministisches Werk "The Dinner Party" schätzt - und der das New Yorker New Museum gerade erst eine Retrospektive widmete, zerlegt sich mit der Ausstellung "Revelations" in der Londoner Serpentine North Gallery selbst, schimpft Jones. Ihre Inspiration habe sie von einer Göttin erhalten, behauptet sie da, aber von der angeblichen Erleuchtung bemerkt Jones wenig: "Chicago zeichnet am besten - und das ist ein bisschen paradox -, wenn sie Männer porträtiert. Sie idealisiert und vergeistigt die weibliche Gestalt so sehr, dass sie überhaupt keine echten Frauen darstellt. Weibliche Figuren geraten in eine glückselige Identifikation mit der einen oder anderen Göttin. Viel mehr Spaß macht ihr das Zeichnen von Männern, die sie als muskelbepackte, phallokratische Grotesken karikiert. Sie tummeln sich in Skizzen im Michelangelo-Stil, weinen Blut oder urinieren verächtlich auf die Erde."

Weitere Artikel: Trotz Chipperfield-Erweiterungsbau und Zugängen der Sammlungen Bührle, Merzbacher und Looser seit Herbst 2021 fährt das Kunsthaus Zürich Verluste ein, meldet Philipp Meier in der NZZ: Die Verschuldung beläuft sich auf 4,5 Millionen Franken, Hauptursachen sind Zunahme der Kosten und Besucherschwund.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2024 - Kunst

Julie Wolfthorn: "Rothaarige Frau". Foto: Privatsammlung

Eine große Wiederentdeckung macht Monopol-Kritikerin Ferial Nadja Karrasch im Verein der Berliner Künstlerinnen 1876, der derzeit der 1944 im Ghetto Theresienstadt umgekommenen Berliner Künstlerin Julie Wolfthorn zum 160. Geburtstag eine Ausstellung in Schöneberg widmet. Solche Porträts hat Karrasch lange nicht gesehen: Bei jedem ersten Blick auf ein Porträt gibt es einen "Moment der Überraschung, der einen überkommt, wenn man einer Person unerwartet begegnet. Er ist dem Erschrecken ähnlich. Die Dargestellten sind so präzise, so charakteristisch wiedergegeben, dass man meinen möchte, diese Menschen des letzten und vorletzten Jahrhunderts zu kennen, ihre Gesichtszüge schon hundertmal gesehen zu haben, ihre Bewegungen vorhersagen zu können. Ja, so lebendig sind Wolfthorns Porträts, ganz gleich, ob sie in Öl auf Leinwand, als Aquarell oder als Lithografie gearbeitet sind."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Accepting the job. Contant Dullaart" im Berliner Office Impart (Tsp).