Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2024 - Kunst

Diana Copperwhite - Neural © Diana Copperwhite,
Courtesy of Flowers Gallery

Jonathan Jones besucht für den Guardian die Sommerausstellung der Londoner Royal Academy. Glaubt man ihm, hat die Academy abgewirtschaftet wie sonst nur ihre konservativen Brüder im Geiste, die Tories: "Hier hängen genügend matte Landschaften, um ein echtes Feld zu füllen: bauschige Wolken, gepflegte Gärten. Baumstümpfe bis hinauf zum Pavillon. Es ist, als ob die Auswahlkommission in jeder südlichen Pendlerstadt und jedem Dorf an die Türen geklopft hätte, um Einsendungen zu erbitten. Ach, und vergessen wir nicht die Haustiere. Überall verwöhnte Hunde und Katzen. Einige ansehnliche Werke tauchen wie zufällig auf. Anselm Kiefers kolossaler Holzschnitt von Sonnenblumen mit schwarzen Zentren, Albtraumblüten, die tief ins Papier geritzt sind, durchdringen die Vorstellungskraft wie Geister auf einem Schlachtfeld, die aus den Knochen toter Soldaten sprießen. Lächerlich allerdings, wie das Werk gehängt ist - neben einer Reihe kleiner Stillleben-Blumenarrangements. Diese deutsche Brillanz, umgeben von britischer Leere im 'Fawlty Tower' der Ausstellungswelt. Man fragt sich: Wie haben wir überhaupt den Krieg gewonnen?"

Außerdem: Bernhard Schulz berichtet in monopol über einen Restitutionsstreit um eines der "Sonnenblumen"-Bilder van Goghs.

Besprochen werden die Hanns Schimansky gewidmete Ausstellung "gehen wir mal zu Schimansky rüber" in der Berliner Galerie Inga Kondeyne (Tagesspiegel), die Schau "Note - Mechanismen der Soundvisualisierung" in der Berliner Galerie Schau Fenster (taz), die Gewinnerausstellung des Preises der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof (FAZ), die Sex-Ausstellung "Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2024 - Kunst

Installationsansicht, Lucas Cranach d. Ä., Venus, um 1530. Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Foto: Claus Cordes; Benedikte Bjerre, Lisa's Chicken (Farm Life / German Version) (Ausschnitt), 2016/2021. Kunstmuseum Wolfsburg. © Benedikte Bjerre, Foto: Marek Kruszewski

Das Kunstmuseum Wolfsburg feiert dreißigjähriges Bestehen und dem Haus geht es dank der Volkswagen-Connection prächtig: Dank finanziell üppiger Ausstattung umfasst die Sammlung inzwischen rund 900 Werke, von denen eine Auswahl in der Ausstellung "Welten in Bewegung" neu arrangiert wird, freut sich Alexander Menden in der SZ: "Sein niederländischer Gründungsdirektor Gijs van Tuyl, der das Museum von 1994 bis 2005 leitete, kaufte als allererstes Werk den 'Tisch der Fruchtbarkeit' (1976) von Mario Merz. Dieses Werk, eine Art Füllhorn im Querschnitt, das auf einem spiralförmigen Tisch Obst und Gemüse in zunehmender Menge zeigt, ist bei 'Welten in Bewegung' die zentrale Arbeit des Saals mit dem Themenschwerpunkt 'Formen der Natur'. Dieser abstrakte Zugang zur Natur steht in einem interessanten Gegensatz zur 'Italienischen Flusslandschaft' des Flamen Guilliam van Nieulandt. Merz' Abstrahierung, basierend auf dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenreihe, trifft auf ein idealisiertes Barock-Capriccio. Beide Darstellungen haben weit weniger mit Natur an sich als mit dem menschlichen Blick auf sie zu tun."

Einen "luftig-leichten" Parcours unternimmt Uta Appel Tallone (NZZ) im MASI in Lugano, das dem amerikanischen Bildhauer Alexander Calder, der das Mobile in die Kunst holte, eine Retrospektive widmet. Zahlreiche Werke aus Museen in New York und Dänemark sind hier zu sehen, freut sich Tallone: Mit seinen "Objekten aus Gestänge, Drähten und ausbalancierenden Elementen hat Calder in den 1930er und 1940er Jahren die Kunstwelt revolutioniert. Er brachte die Bewegung - buchstäblich - mit ins Spiel und verblüffte mit seinen dynamischen Konstruktionen. Von seinen Zeitgenossen wurde Calder nicht selten als 'großes Kind' wahrgenommen. Im Internet kann man Kurzvideos anklicken, welche Originalaufnahmen zeigen: Alexander Calder, ein Koloss von Mann, auf dem Boden kauernd, inszeniert mit der Ernsthaftigkeit eines Buchhalters eine Miniatur-Zirkusshow vor Publikum. Er lässt seine aus Draht und rezykliertem Material gefertigten Puppen zu beschwingter Musik halsbrecherische Kunststücke vorführen, geleitet von seiner Hand. Jongleure und Akrobaten tanzen auf Seilen, vollführen Sprünge in die Luft und stecken den Kopf in den Rachen eines Löwen."



Durch Industriegebiete, über Mietshaustreppen und Parkplätze führt die Biennale Glasgow International die Guardian-Kritikerin Hettie Judah, die dennoch glücklich ist, dass die diesjährige Ausgabe weniger überfordernd ist als ihre Vorgänger. Politisch geht es dennoch zu, vor allem das Grauen in Gaza spielt eine Rolle, etwa im Werk von Cathy Wilkes: "Wilkes stellt die Frage, was es bedeutet, eher zu den Verletzten als zu den Toten zu gehören, anhand des Falles von Emma Groves, einer Frau aus Belfast, die erblindet ist, nachdem sie in ihrem Haus von einem Gummigeschoss ins Gesicht getroffen wurde. Wilkes schleudert ein Gummigeschoss - dick und stämmig - durch die Galeriewand, das in der Luft vor einer zurückweichenden weiblichen Gestalt hängen bleibt, die von einer verschnörkelten Haushaltslampe beleuchtet wird."

Weitere Artikel: Ab dem kommenden Jahr werden deutsche Galerien und Kunstkäufer wieder steuerlich entlastet, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Nach zehn Jahren dringlicher Forderung, den 2014 von der EU drastisch erhöhten Mehrwert-Steuersatz für Kunst-Verkauf von 19 Prozent wieder zurückzusetzen auf sieben Prozent, stimmte das Bundeskabinett der Rückkehr zum Moderaten zu."

Besprochen werden die die 40. Ausgabe des Kurzfilmfestivals Hamburg, die den künstlerischen Dokumentationen der sudanesischen Revolution unter dem Titel "Fragile Spuren: Archive im Konflikt" eine eigene Ausstellung widmet (taz), die Sommerausstellung "Frischer Wind. Impressionismus im Norden" im Museum der Westküste auf der Insel Föhr (Tsp) und Marianna Simnetts Videoinstallation "Winner" im Hamburger Bahnhof, die sich mit Gewalt im Fußball auseinandersetzt (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2024 - Kunst

Die NZZ bringt einen Kunst-Schwerpunkt zur Art Basel: Susanna Koeberle bewundert Simone Fattals Keramikkunst, die bei der Biennale in Venedig im Frauengefängnis auf der Giudecca zu sehen ist: "Ihre Keramikskulpturen sehen wie natürlich gewachsen aus. Wenn Fattal auf Darstellungen von architektonischen Strukturen zurückgreift, dann haben diese meist etwas von Tempeln oder Ruinen. Doch egal wie versehrt diese erscheinen mögen: Die Künstlerin nennt diese Architekturen stets 'maisons'; sie bleiben für sie Häuser, mit anderen Worten Schutzstätten. Sogar ihre menschlichen Figuren haben etwas von Architekturen: Die Beine haben Ähnlichkeiten mit Säulen. In den stehenden Keramikskulpturen kommen der mineralische Ursprung von Bauwerken, die Erde als Urmaterie sowie die Figur des Menschen zusammen." Außerdem in der NZZ: Daghild Bartels ergründet die Geschichte des Berliner "Gallery Weekend". Roman Hollenstein schreibt zur boomenden Kunstszene Abu Dhabis. Madeleine Schuppli besucht vier aufstrebende Galerien in Rom, Annegret Erhard schreibt über das Museum der Sammlerin Helene Kröller-Müller in den Niederlanden.

Weiteres: Rüdiger Schaper taucht für den Tagesspiegel ein in eine Welt aus gläserner Kunst in der Fondazione Berengo in Murano. Besprochen werden die Ausstellung "Frischer Wind. Impressionismus im Norden" im Museum Kunst der Westküste im Alkersum/Föhr (tsp), Die Andy Warhol-Austellungen "Velvet Rage and Beauty" in der Neuen Nationalgalerie und "After the party" im Fotografiska Berlin (tsp), die Installation "Bunker - Realer Raum der Geschichte" von Andreas Mühe im Berliner Kunsthaus Dahlem (Welt), die Retrospektive "Die Auto-Perforations-Artisten (F.A.Q.)" im Kunstverein Ost in Dresden (taz) und die Ausstellung "Painting as Prop" mit Werken von  Wilhelm Sasnal im Amsterdamer Stedelijk (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2024 - Kunst

Eine derart explizite Warhol-Schau gab es selten zu sehen - und besser noch: Die Ausstellung "Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty" in der Berliner Neuen Nationalgalerie zeigt einen unbekannten Warhol, jenseits der Pop Art, freut sich Boris Pofalla in der Welt. Stattdessen zeigt die Schau, wie die Sexualität des schwulen Künstlers, der sich nie outete, sein Werk prägte. Mitunter äußerst offenkundig, wie in der Serie "Sex Parts", die fast die Grenze zur Pornografie überschreitet: Die Serie "zeigt Geschlechtsteile, Hintern, gefesselte Handgelenke und verschiedenste Formen der Penetration, was die Neue Nationalgalerie für die nächsten Monate zu einem herausfordernden Ort für den sonntäglichen Familienbesuch macht. (…) Die 'Sex Parts' sind aber dennoch Kunst. Der leichthändige Strich, mit dem Warhol einst anfing, war Ende der 1970er immer noch da, als habe es die glatten Kommerzarbeiten nie gegeben. Zu Lebzeiten ausgestellt wurden die 'Sex Parts' zwar, dann aber in den früheren Warhol-Retrospektiven unter den Teppich gekehrt." Eine "enorm erhellende Ausstellung, die viel über die Wechselbeziehung von Begehren und Kreativität aussagt, vor allem über den Umgang mit Homosexualität im 20. Jahrhundert", sieht Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Ob man den Kuratoren der Ausstellung, Direktor Klaus Biesenbach und Lisa Botti, darin folgen muss, dass sich durch das Wissen um Warhols Sexualität etwas an der Wahrnehmung der Kunst ändert, bezweifelt FAZ-Kritiker Stefan Trinks allerdings. Nicht alles muss auf "anhaltende Sublimation" zurückgeführt werden, meint Trinks. In einigen Phasen erscheinen Warhols Werke subtiler, bei aller Obsession mit Männern taucht "schwule Nacktheit" insgesamt eher selten offensichtlich auf. Seit den Sechzigerjahren etwa wendet Warhol die Methode an, "Momente sexueller Lust im Gewande alter Hochkunst zu camouflieren": "1964 zeigt er in einem Video 35 Minuten lang ausschließlich das orgastisch entrückte Gesicht des idealschönen DeVeren Bookwalter, der innerhalb dieser Zeitspanne, für den Betrachter unsichtbar, einen 'Blowjob' erhält - was der Arbeit auch ganz unverblümt den Namen leiht. Der schräg gelegte, zusätzlich stark beleuchtete Kopf wirkt im harten Schwarz-Weiß des Videobildes wie ein Marmorhaupt. Die Assoziation mit dem ebenfalls ekstatisch verzückten Gesicht der marmornen Teresa von Avila von Bernini, deren Körper unter der Gewandfülle verschwindet, sodass ihr Gesicht die Szene beherrscht, ist mehr als plausibel." In der FAS empfiehlt Niklas Maak parallel zu Warhol die Ausstellung "Picabias Frauen" in der Berliner Galerie Werner.

Bild: Atul Dodiya, Volunteers at the Congress House - August 1931, 2014. Courtesy of the artist and Chemould Prescott Road. © Anil Rane

Nach fünf Monaten Schließzeit eröffnet das Wiener Mumok mit der Ausstellung "Avant-Garde and Liberation" - und Standard-Kritiker Stefan Weiss ackert sich durch viele arg theoretische Kunst und Texte aus und über den Globalen Süden. Aber er lernt hier auch, "wie sehr die Theorien des französischen Dekolonisierungsvordenkers Frantz Fanon noch heute Kunst aus Nordafrika (Mohamed Bourouissa) beeinflussen, welchen Stellenwert Mahatma Gandhi nach wie vor in Indien hat (Atul Dodiya) oder wie stark das schriftstellerische Werk des US-Bürgerrechtlers James Baldwin nachwirkt: Die amerikanische Künstlerin Zoe Leonard hat 53 Exemplare von Baldwins Buch The Fire Next Time von 1963 zu einem als Tipping Point betitelten Stoß aufgestapelt - Symbol für die ewige Wiederkehr der immer gleichen Kämpfe, wenn man etwa an die Polizeigewalt gegen Schwarze denkt, die an mehreren Stellen Thema ist."

Weitere Artikel: Mark Siemons resümiert für die FAS die Tagung des Kulturausschusses des Bundes zur Documenta (Unser Resümee). Im Tagesspiegel spricht Nobert Bisky, der ein Plakat zur Europawahl gestaltet hat, über politische Kunst, den Erfolg der AfD im Osten und das Männerbild von Rechtsextremen: "Die Gewalt in Ostdeutschland hat bis 1989 nie eine Unterbrechung gefunden. (...) Die DDR basierte auf der Unterdrückung von Abweichlern, schrägen Vögeln, Schwulen, Spinnern, Künstler:innen." In der SZ weiß Kathleen Hildebrand nun, wie es sich anfühlt, morgens im Louvre Sport zu machen. Der in Lagos aufgewachsene und in Berlin lebende Fotograf Akinbode Akinbiyi erhält den Hannah-Höch-Preis für sein Lebenswerk, die Berlinische Galerie richtet ihm ab heute unter dem Titel "Seeing. Seeing. Wandering" eine große Retrospektive aus. Für den Tagesspiegel porträtiert Elke Linda Buchholz Akinbiyi. Die NZZ lässt ihre heutige Ausgabe von der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz gestalten. Philipp Meier porträtiert die Künstlerin, die die Schweiz im Jahr 2015 auf der Biennale in Venedig vertrat. Benedict Neff spricht mit Rosenkranz über Louise Bourgeois, Bücher und politische Kunst.

Besprochen werden die Ausstellung "spring show" mit Arbeiten von Ann Veronica Janssens in der Berliner Galerie Esther Schipper (Tsp), die Ausstellung "Expressionists: Kandinsky, Münter and The Blue Rider" in der Londoner Tate Modern (SZ) und die große Martha-Jungwirth-Retrospektive im Guggenheim Museum in Bilbao (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2024 - Kunst

Lisa Berins ist für die FR zum Kulturausschuss des Bundes nach Berlin gereist, der mal wieder die Documenta zum Thema hatte. Der hessische Kunst- und Wissenschaftsminister Timon Gremmels, der Kasseler Bürgermeister Sven Schoeller und Claudia Roth haben sich jetzt darauf geeinigt, dass offene Kommunikation und Möglichkeiten zur "Kontextualisierung" die bisherigen Probleme schon lösen werden: "Was tun, wenn antisemitische Bildsprache trotz der Bekenntnisse auf der nächsten Documenta auftaucht? Gremmels: 'Unser Ziel ist es, dass wir 2027 im Sommer eine Documenta haben, auf der zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt der Diskussion steht. Wohlwissend, dass es bei allen Beschlüssen, die wir treffen, nie auszuschließen ist, dass am Ende des Tages diese Ausstellung nicht für andere Zwecke missbraucht werden kann.' Man sei jetzt aber so aufgestellt, dass es 'im Fall der Fälle' die richtigen 'Instrumentarien' gebe. Vor allem bestehe die Möglichkeit zur Kontextualisierung, wie Schoeller ausführt."

Vincent van Gogh: Sternennacht, 1888. Musée d'Orsay/Fondation Vincent van Gogh.


Endlich kehrt Vincent Van Goghs 'Sternennacht' an ihren Entstehungsort zurück, freut sich Marc Zitzmann in der FAZ. Für drei Monate wird das Gemälde in der Fondation Vincent van Gogh in Arles gezeigt und in einen Dialog mit zahlreichen anderen Künstlern gebracht: "'Van Gogh et les étoiles' ist eine Ausstellung, die Epochen und Medien übergreift. Derlei Schauen sind auch in Frankreich seit geraumer Zeit beliebt; allzu häufig zeitigt Assoziationswut darin sterile Beliebigkeit", was man von der Direktorin der Fondation Vincent van Gogh Arle Bice Curiger nicht sagen könne: "Sie hat dem Haus ein ureigenes Profil verliehen."

Weitere Artikel: Till Briegleb greift in der SZ noch einmal die Debatte um die Schau "Survival of the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen auf (unsere Resümees): Für ihn ist das "Machtspiel" des Kollektivs "New Red Order" zwar ärgerlich, begräbt aber nicht die ganze Ausstellung unter sich. Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten machen mit einer Plakataktion auf die anstehende Europawahl aufmerksam (FR). Das Kasseler Documenta-Archiv erhält mit Boris Nieslonys "Schwarzer Lade" eine wichtige Schenkung im Bereich der Performance-Kunst (FR).

Besprochen wird: "Ich bin ich/I am me", die erste Paula Modersohn-Becker-Retrospektive in den USA, in der New Yorker Neuen Galerie (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht. Dan Lie in Zusammenarbeit mit jenen, die nicht Menschen sind: The Reek, 2024. Hamburger Bahnhof. Courtesy Dan Lie

Mit James Richards, Hanne Lippard, Dan Lie und Pan Daijing teilen sich alle vier Nominierten den diesjährigen Preis der Nationalgalerie, die gemeinsame Ausstellung findet ab morgen im Hamburger Bahnhof statt. Im Tagesspiegel erkennt Birgit Rieger im Fokus auf den "Körper als Schnittstelle zur Welt" den roten Faden im Werk der KünstlerInnen: "Alle arbeiten multimedial, sprechen viele Sinne an, oft spielt Sound eine Rolle. So nutzt die schon lange in Berlin lebende Britin Hanne Lippard ihre Stimme, die Performance- und Klangkünstlerin Pan Daijing kreiert eine besondere Beziehung zum Raum. Videokünstler James Richards setzt in seinen Video- und Bildercollagen auf die Zusammenarbeit mit anderen. Bei Dan Lie geht es um die Kooperation mit nicht-menschlichen Organismen, mit Pflanzen, Pilzen, Bakterien, die schon viel länger den Planeten bevölkern als der Mensch."

In der Berliner Zeitung bewundert Ingeborg Ruthe vor allem Dan Lies Rauminstallation: "Diese 'Liebesgeschichte' ist ein ziemlich radikales Statement zum Rätsel des Lebens: Ein betäubender Geruch von Leben und Tod, von Vergangenheit und Zukunft, dieser süßlich faulende Gestank verwelkender Blumen, von Erde und Feuchtigkeit lässt an Friedhof denken. Oder an Urwald, wo sich immer alles erneuert, ohne den Eingriff der Menschen. Man sieht ein riesiges Vanitas-Bild, eine lebende und sterbende Installation aus tentakelartigen 'Ästen' von Bäumen, darauf keimenden Pflänzchen, Pilzen, Bakterien, kriechenden Insekten und in großen Girlanden, Gebinden oder auf unter Jutefetzen verborgenen Amphoren verwelkende Blumen. Das alles verwest, vertrocknet, verfällt im Laufe der Schau. Der ewige Kreislauf von Leben und Tod, von Werden und Vergehen und neuem Werden. Der Hoffnung."

Zum heutigen 80. Jahrestag des D-Day eröffnet im Berliner Kunsthaus Dahlem die Ausstellung "Bunker - Realer Raum der Geschichte", für die der Fotograf Andreas Mühe erstmals nicht Fotografien, sondern eine Installation ins Zentrum stellt. Birgit Rieger (Tsp) war bereits bei den Vorbereitungen zur Ausstellung dabei: "Für die Ausstellung hat er 6000 Bunker-Miniaturmodelle aus weichem Stoff anfertigen lassen, elf unterschiedlichen Formen - Bananenbunker, Kommandeursbunker, Offiziersbunker - drei verschiedene Grautöne, alle wurden sie von der Kösener Spielzeug-Manufaktur bei Naumburg von Hand genäht. Diese riesige Menge an 'Kuschel-Bunkern' soll in ein Becken im Kunsthaus Dahlem geschüttet werden. Wie im Bällebad im Einkaufsmarkt werden Besucher dann darin herumwaten können. (…) Mühe sagt, er blende bei seiner Kunst, die sich über Jahre hinweg entwickelt, die aktuelle Politik aus. Bei weich gewordenen Bunkern denkt man natürlich trotzdem an die aktuellen Kriege, in der Ukraine, in Gaza, an die zwiespältige Frage nach der Wehrhaftigkeit Deutschlands und Europas, an neu gebaute Bunker, an Kinder, die nicht darauf hoffen können, dass ein Bunker sie noch vor Kriegen schützt."

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch vor einer Woche hatten Kuratorin Ann Demeester und Philipp Hildebrand, Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, die Schuld für das inzwischen auf 4,5 Millionen Franken angewachsene Defizit des Zürcher Kunsthauses vor allen bei den Vorgängern gesehen. (Unser Resümee) Einer der Vorgänger, Walter Kielholz, früherer Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, will sich dazu nicht öffentlich äußern, weiß Thomas Ribi in der NZZ: "Nur so viel sagt er: 'Niemand wurde getäuscht.' Man habe die Kosten sorgfältig berechnet. So gut man es konnte, aufgrund der Zahlen und der Annahmen, die man vor der Abstimmung 2012 gehabt habe. Aber die Welt, sagt Kielholz, habe sich verändert." Im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger den Nachruf auf den im Alter von 88 Jahren gestorbenen französischen Fluxus-Künstler Ben Vautier.

Besprochen wird die Ausstellung "Changing States. Ireland in the 21st Century. Zeitgenössische Fotografie aus Irland" im Berliner Haus am Kleistpark (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2024 - Kunst

In der FAZ kommt Alexandra Wach auf die Schau "Survival in the 21st Century" in den Deichtorhallen Hamburg zurück, die angelegt als "Introspektion einer Zivilisation am Abgrund", auch eine Arbeit des amerikanischen "New Red Order"-Kollektivs enthält: Das Kollektiv zieht in einem Manifest eine direkte Linie vom Völkermord an den nordamerikanischen Ureinwohnern zum Vorgehen Israels in Palästina, wobei andere Akteure wie die Hamas und der Iran selbstverständlich ausgeblendet werden. (Unser Resümee). Auch Wach ärgert sich über die windelweiche Halbdistanzierung des Museums von dem Exponat, das sich auf einer Wandtafel auf die Kunstfreiheit beruft: "Argumentativ längst ein Totschlagargument, mit dem jeder aktionistischen Entgleisung die Tür in staatliche Räume geöffnet werden kann. Nach dieser Logik der angeblich hoch gehaltenen Vielstimmigkeit müssten gerade in einer Ausstellung, die zum Eingreifen und Zuhören der anderen Seite aufruft, Kunstwerke jeder politischen Couleur zur Diskussion gestellt werden, von der Leugnung des Klimawandels bis zur Kreml-Propaganda. Das gilt auch für künstlerische Reaktionen auf das Massaker vom 7. Oktober, nach denen man offenbar gar nicht erst gesucht hat."

Michelangelo Buonarroti (1475-1564), the punishment of Tityus. Black chalk on paper, 1532. Royal Collection Trust / © His Majesty King Charles III 2024

Viel Freude hat Alexander Menden in der SZ an der Ausstellung "Michelangelo - the last decade" im Londoner British Museum. Großartige Vorstudien zu Michelangelos berühmtester Arbeit, dem Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle, gibt es hier zu bewundern. Außerdem wird die Beziehung des Künstlers zu seinem Zeichenschüler Tommaso de' Cavalieri beleuchtet. "Es ist ziemlich klar, dass der Künstler sich in den jungen Cavalieri verliebt hatte. Michelangelo schickte schwärmerische Briefe und Sonette mit den Zeichnungen, die sein Schützling kopierte und kommentierte. Die Darstellung des Riesen Tityos, dem zur Strafe für einen Vergewaltigungsversuch ein Adler die Leber herausreißt, ist eine weitere grandiose Körper- und Bewegungsstudie. Zugleich ist der animalisch auf dem daliegenden Körper hockende Adler unverkennbar erotisch aufgeladen. Der heidnische Mythos gibt dem Künstler Gelegenheit zu einer solch transgressiv erscheinenden Bildsprache."

Außerdem:Saskia Trebing berichtet in monopol über Neuerungen beim Preis der Nationalgalerie, der dieses Jahr gleich an vier künstlerische Positionen vergeben wird. Ebenfalls für monopol unterhält sich Philipp Hindahl mit der Künstlerin Haley Mellin.

Besprochen werden die Schau "Sex. Jüdische Positionen." im Jüdischen Museum Berlin (Berliner Zeitung), "Glanz und Elend. Neue Sachlichkeit in Deutschland" im Wiener Leopold Museum (NZZ), Pınar Öğrencis Schau "Glück auf in Deutschland" in der Galerie Tanja Wagner (taz Berlin), die Ausstellung "Andreas Mühe. Bunker - Realer Raum der Geschichte" im Berliner Kunsthaus Dahlem (Tagesspiegel) sowie Bridget Rileys Ausstellung "Circles and Discs" im Kurt Tucholsky Literaturmuseum Rheinsberg (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2024 - Kunst

In einem Interview mit der FAZ drückte Diandra Donecker, Geschäftsführerin und Partner des Auktionshauses Grisebach, ihr Bedauern darüber aus, dass das Karlsruher Skizzenbuch Caspar David Friedrichs unter Kulturgutschutz gestellt und damit dem internationalen Leihverkehr entzogen wird. Darauf antwortet nun Charlotte Klonk, Professorin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte ebenfalls in der FAZ. Dass Donecker nun auf eine Klage des Privateigentümers hofft, findet sie befremdlich - vor allem, weil das Kulturgutschutzgesetz seit 2016 "privateigentümerfreundlicher ist denn je", wie sie schreibt: "Am Zweck der Eigentumsbeschränkung hat sich im Gesetz von 2016 nichts verändert. Im Gegenteil, der neue Tatbestand, der den Nachweis einer besonderen identitätsstiftenden Bedeutung für das kulturelle Erbe der Nation verlangt, hat den Kreis der eintragungsfähigen Objekte zu Ungunsten der Interessen der Museen enorm eingeengt. Das ihnen vor 2016 von einigen Bundesländern förmlich zuerkannte Recht auf Antragstellung insbesondere für Dauerleihgaben wurde ausdrücklich wieder entzogen."

Weiteres: Ingo Arend besucht für die taz die sechste Ausgabe einer "klitzekleinen" Kunstbiennale in südostanatolischen Stadt Mardin. Leider, so stellt er fest, hat diese Biennale ihren gesellschaftskritischen Impetus hinter sich gelassen: "Die Biennale in Mardin ist seit ihrem Beginn vor 14 Jahren ein markantes Beispiel zivilgesellschaftlicher Selbstbehauptung an der türkischen Peripherie gegen einen Staat, der das kritische Potenzial der Kunst mit äußerstem Misstrauen beäugt. Ihre jetzige Entwicklung steht exemplarisch für viele, aus kritischen Anfängen geborene Biennalen. Irgendwann überdecken Tourismus und der Mythos des Ortes alles. Unter dem Slogan 'die Magie Mardins' mutiert die Biennale zu einem exotischen Spektakel in einem Gebiet des permanenten Ausnahmezustands."

Besprochen wird die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Lebenslinien" im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald (FAZ) und die "Ray Echoes Identity" im Fotografie Forum Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2024 - Kunst

Hilma af Klint, No. 131, 9 December 1916, The Hilma af Klint Foundation and Wassily Kandinsky, No. 24, 1916, Franz Marc Museum, Stiftung Etta und Otto Stangl

"Frische, überraschende Sichtweisen auf den Expressionismus" werden FAZ-Kritikerin Britta Sachs in einer Schau im Franz-Marc-Museum in Kochel am See geboten. Zu ihrem Abschied lud die Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy drei Kuratorinnen ein, so Sachs, die einen eigenen Fokus auf Marcs Werk und das seiner Zeitgenossen entwickeln: "In einem kleinen Kabinett geht es um die Seele; hier bekommt Marcs Bruder im Geiste, Wassily Kandinsky, seinen Auftritt. Wie er hegte auch Hilma af Klint die Überzeugung, dass ungegenständliche Malerei die Möglichkeit birgt, die Seele in Bewegung zu setzen. Eine Aquarellserie der esoterischen Schwedin, auf der, fast biologistisch erscheinend, eine Winzform wie befruchtend in eine größere eindringt, stellt die Kunsthistorikerin und af-Klint-Biographin Julia Voss neben 'Improvisationen' Kandinskys, wo rundliche Farbformen mit Linien in unbestimmtem Raum schweben. Verstärkung bekommen die beiden durch ihre Zeitgenossin Wilhelmine Assmann. Das ehemalige Dienstmädchen, das seinen kleinen Sohn verloren hatte, zeichnete in Trance wuchernde Gebilde, überzeugt, dass das Kind ihr dabei die Hand führte."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Herkunft, Familienleben" im Museum für Photographie Braunschweig (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2024 - Kunst

Ganz sicher ist sich Eva Biringer in der Welt nicht, was sie von der bizarren Sammlung des Privatsammlers David Walsh im tasmanischen Hobart halten soll. Das Mona Museum selbst ist fast doppelt so groß wie das New Yorker Guggenheim Museum, das Haus ist nicht nur Wohnstätte des exzentrischen Sammlers, sondern hält auch schon ein Krematorium bereit, wie Biringer bei ihrem Rundgang feststellt: "Vorbei an einem Datenwasserfall des Nürnberger Medienkünstlers Julian Popp, einer Porzellan-Vulven-Wand von Greg Taylor mit dem drastischen Titel 'Conversation with Cunts', hin zu Erwin Wurms tomatenrotem 'Fat Car', Anselm Kiefers 'Sternenfall' und zwei in einem Suppenteller schwimmenden, von einem Messer bedrohten Goldfische der Arte-Povera-Ikone Jannis Kounellis. Für einige der Werke muss man Zeit-Slots buchen, für Alfredo Jaars 'Göttliche Komödie' beispielsweise oder eine schummrige Grabkammer mit antiken Exponaten und einem mehrere Meter tiefen Wasserbecken. Es sollen schon Leute hineingefallen sein. Besuchermagnet ist Wim Delvoyes 'Cloaca Professional', ein wissenschaftlich anmutender, die menschliche Verdauung nachahmender Apparat, der normalerweise einmal am Tag ein Häufchen Kot produziert."

Matt Mullican: New Edinburgh Encyclopedia. Ausstellungsansicht. Foto: Stefan Haehnel. Galerie Thomas Schulte

Überwältigt kommt Dorothea Zwirner (Tagesspiegel) aus der Berliner Galerie Thomas Schulte, die dem für seine Piktogramme bekannten amerikanischen Künstler Matt Mullican derzeit eine Ausstellung widmet. Wie durch ein "offenes Buch" wandert Zwirner zwischen Mullicans Frottagen der "New Edinburgh Encyclopedia" umher: "Historische Illustrationen, Schemata, Diagramme, Konstruktionszeichnungen und Schautafeln von Anatomie bis Zoologie: Auf 449 Blättern entfaltet sich in den Fensterräumen eine von oben nach unten alphabetisch geordnete Wissenswelt, die einer britischen Enzyklopädie von 1825 durch die älteste Reproduktionstechnik des Abriebs entnommen sind. (…) Die ewige Sehnsucht des Menschen, das gesamte Weltwissen systematisch zu erfassen und darzustellen, wird hier greifbar. Aber auch, wie zeit- und kontextabhängig unser Wissen ist: In dem historischen Nachschlagewerk liegt ein klarer Schwerpunkt auf Technik, Natur- und Ingenieurswissenschaften. Ganze fünf Seiten sind der bildenden Kunst gewidmet."

Weitere Artikel: In der Welt porträtiert Boris Pofalla die österreichische Bildhauerin Angelika Lodere. Im Standard stellt Margarete Appenzeller fest: Begleittexte und Audioguides, insbesondere in historischen Museen, sind sexistisch. Im Tagesspiegel-Gespräch erzählt NordArt-Kuratorin Inga Aru, wie sie etwa 100.000 Besucher ins kleine Büdelsdorf bekommt. Auf den Bücher und Themen-Seiten der FAZ denkt Gerald Felber über die mediale Spiegelung von Bildern nach.

Besprochen werden das Tom of Finland Art & Culture Festival in der Halle am Berghain (BlZ) und eine Ausstellungen der brasilianischen Künstlerin Renata Lucas in der Berliner Galerie Neugerriemschneider (FR).