Frank Stella's 'Harran II', 1967. Polymer and fluorescent polymer paint on canvas, 120 x 240 inches. Solomon R. Guggenheim Museum Die Kritiker trauern um den amerikanischen Bildhauer und Maler Frank Stella. Seine Laufbahn, erinnert Till Briegleb in der SZ, "startete er mit der Bildsuche vom kleinstmöglichen Ausgangspunkt, dem 'Schwarzen Quadrat' von Malewitsch, um später zur buntestmöglichen Explosion des Gemäldes im Raum zu gelangen, wo Malerei wie raumfüllendes Chaos aussah". Die geschichtlichen Bezüge, vor allem auf die NS-Zeit, die Stella in seine Arrangements einbaute, erhielten nicht nur Lob, aber "die erklärte Absicht der Popkultur, die Nähe zum Kommerz zu feiern, anstatt ihn zu verschmähen, sah sich in Stellas minimalistischem Werk auf einem hohen Niveau befriedigt", so Briegleb. Der "Gefahr der Beliebigkeit der reinen Form" begegnete Stella "durch deren Verankerung in der Geschichte", weiß auch Stefan Trinks in der FAZ: "Die seit den Achtzigerjahren bunt lackiert und anarchistisch wild in den Raum ausgreifenden Metallreliefs etwa der 'Moby Dick'-Serie sind herausragende Beispiele einer abstrakten Kunst, die sich vom Text Herman Melvilles inspirieren ließ, ohne auch nur an einer Stelle illustrativ zu wirken. Die sich wie Papier einrollenden Blechformationen spiegeln psychische Energien von Captain Ahabs Jagd auf den weißen Wal wider, die martialische Variante der Romantiker-Suche nach der blauen Blume." Weitere Nachrufe in FR, NZZ,Welt, Berliner Zeitung und Tagesspiegel.
Weitere Artikel: Konstantin Akinscha deckt in der FAZ auf, wie Russland durch die Ausstellung "Avantgarde in der Wüste" in der Universität Ca' Foscari auf Umwegen bei der Biennale mitmischt: Kuratorin Silvia Burini machte in der Vergangenheit durch ihre unerschütterliche Russlandtreue von sich reden, so Akinscha. In der tazunterhält sich Bettina Maria Brosowsky mit der iranischen Künstlerin Farzane Vaziritabar über deren neuestes politisches Werk - eine Skulptur aus Pferdeäpfeln.
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Julie Wolfthorn in der Galerie des vdkb1867 in Berlin (taz), die Ausstellung "Wer hat Macht? Körper im Streik" im Frankfurter Kunstverein mit Werken von Gintaré Sokelyté und Sonja Yakovleva (FR), die Ausstellungen "Paris 1874. Inventer l'impressionnisme" und "Ein Abend mit den Impressionisten, Paris 1874" im Musée d'Orsay in Paris (tsp).
Isabel Quintanilla konnte wirklich alles malen, schwärmt Niklas Maak in der FAS, die komplexesten Lichtbrechungen, das Knorpelige und knackend Trockene eines Schinkens, das Bröselige von rohem Blumenkohl, die Feuchtigkeit im Inneren eines Granatapfels.." Vor allem aber war sie eine der ersten, die die alltäglichen Dingen ihrer Lebensrealität für "bildwürdig" erklärte, wie Maak in einer Retrospektive im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid bewundern kann: "Es ist eine Malerei, die es schafft, nicht nur das Auge, sondern auch den Geschmacks- und den Tastsinn zu aktivieren. Es geht darum, zu sehen, wie eine Welt sich anfühlt. Der Stahlgriff eines Kühlschranks wird mit allen Reflexen so liebevoll gemalt wie früher nur das Gesicht eines Fürsten. Das Licht verzaubert die Alltagsdinge, ein lautloser Surrealismus kriecht aus ihnen heraus. Die Nähmaschine und der Stoffbeutel in einem Gemälde sehen plötzlich aus wie zwei Wesen, die sich scheu voreinander verneigen, die Tür des Küchenschranks, die halb offen steht, wirkt wie der Eingang in den Hades."
Weitere Artikel: Die FAZ trauert um den Karikaturisten Walter Hanel. Karen Krüger schildert dort den Besuch von Papst Franziskus im Frauengefängnis auf der Insel Giudecca, auf der sich der Vatikan-Pavillon der diesjährigen Biennale befindet. Marcus Woeller hat sich für WamS den von der venezianischen TBA21-Stiftung eingerichteten "Ocean Space" in der Renaissancekirche San Lorenzo angesehen, mit dem auf die Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam gemacht werden soll. In der FAZ meldet Benno Herz, dass das Haus der Kunsthändlerin Galka Scheyer in Los Angeles zum Verkauf steht.
Besprochen werden eine Rebecca Horn-Retrospektive im Haus der Kunst in München (Welt), die Ausstellung "Ohne Lippen sind die Zähne kalt" mit Werken von Cornelia Schleime in der Galerie Judin in Berlin (FR, tsp) die Ausstellung "Squares" mit Werken von Oskar Fischinger in der Berinson-Galerie in Berlin (Welt), die Ausstellung "J'accuse" von Kader Attia in der Berlinischen Galerie (BlZ), die Ausstellung "Social Geometry" mit zwei Videoinstallationen des Medienkünstlers Clemens von Wedemeyer in der Berliner Galerie KOW (tsp).
Im Berliner Georg Kolbe Museum und der Ausstellung "Noa Eshkol - No Time To Dance" lässt sich Dorothea Zwirner (Monopol) von der schmerzhaften Aktualität der israelischen Tänzerin, Choreografin und Künstlerin überzeugen. Bekannt ist sie neben dem Tanz vor allem für ihre Wandteppiche: "Der Titel 'No Time to Dance' beruht auf einem Zitat von Noa Eshkol von 1973, als einer ihrer Tänzer zum Jom-Kippur-Krieg eingezogen wurde. Damals, vor fünfzig Jahren, unterbrach sie ihre Bewegungs-Arbeit, um sich stattdessen mit ihrem Ensemble den großen Wandteppichen aus Stoffresten zu widmen. Offenbar bedürfen wir nach dem 7. Oktober 2023 mehr denn je solch universeller Sprachen der Verständigung und gemeinschaftlicher Arbeitsweisen, wie sie die Künstlerin Noa Eshkol entwickelt hat. Wie universell und aktuell ihr Ansatz ist, zeigt sich in der Ausstellung nicht zuletzt in den expliziten Bezugnahmen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler wie Sharon Lockhart, Omer Krieger oder Yael Bartana auf ihr Werk."
Katharina Deschka (FAZ) hat sich in die Opelvillen Rüsselsheim begeben, um dort die Ausstellung "Alice Springs - Retrospektive" zu sehen, die die Fotografien der unter Pseudonym auftretenden June Newton zeigt. Im Vergleich mit ihrem berühmten Ehemann Helmut Newton steht sie um nichts zurück, versichert Deschka: "Ob die Modeschöpfer Jean Paul Gaultier, Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld, ob die Modekolumnistin Diana Vreeland oder Filmgrößen wie Billy Wilder und Fellini - Alice Springs gelang es, sie authentisch festzuhalten. Mit einem Lächeln, ernst oder arrogant und mit verschränkten Armen blicken sie den Betrachter aufmerksam an. Dies hinterlässt den vielleicht stärksten Eindruck: dass durch diese Porträts ein Dialog entsteht, der über den Augenblick der Aufnahme hinaus bestehen bleibt. Menschen sehen uns an."
Außerdem: Die Fototriennale Ray hat begonnen, Freddy Langer ist in der FAZ nicht recht überzeugt von dem Gedanken, die verschiedenen Ausstellungen im Rhein-Main-Gebiet zeitversetzt beginnen zu lassen, das diene doch eher einer Ökonomie der Aufmerksamkeit als der Fotografie selbst, meint er. Und Monopolberichtet vom Vatikan-Pavillon auf der Biennale, der durch den Papst eröffnet wurde.
Weiteres: Stephanie Grimm besucht für die taz die Ausstellung "The Culture" in der Frankfurter Schirn, die den Zusammenhang zwischen Hip Hop und Kunst beleuchtet. In diesem Zusammenhang untersucht Julian Weber einen eventuellen Fall von Ideenklau: Hat Frankfurt einfach ein "Container-Soundsystem" des Konzeptkünstlers Nik Nowak übernommen? Besprochen wird eine Retrospektive von Rebecca Horn im Haus der Kunst in München (tsp) und eine Retrospektive des Fotografen Chris Killip in der Deutsche Börse Photography Foundation Eschborn (FR).
Hans Feurer: Painted by Kodak I (Gitta Saxx), Seychelles, 1988. Foto: Palazzo Franchetti. Fast in jeder Kirche in Venedig lässt sich das Bild einer stillenden Madonna finden, stellt FAZ-Kritiker Stefan Trinks fest. Weil es in der Renaissance kaum nackte, weibliche Modelle in den Ateliers gab, wirken die Darstellungen der Frauenkörper häufig etwas unbeholfen, so Trinks. Das wurde später natürlich anders, wie er in der Ausstellung "Breasts" im Palazzo Franchetti beobachten kann, die die Geschichte des "Brust-Bildes" in der Kunst auffächert. Eine moderne "gottgleiche Himmelskönigin" bewundert Trinks beispielsweise in Christopher Bucklows Fotogramm "Tetrarch (C.S.)": "Claudia Schiffer vor nachtschwarzem Hintergrund, deren auratisch glimmende Silhouette in der bearbeiteten Fotografie mit unzähligen pointillistisch gesetzten Lichtpunkten angefüllt ist - bei aller Verehrung ein ungemein subtiles Werk. Ausgehend von der Idee der alten Kulturen, von den Assyrern bis zu den Griechen, Sternenkonstellationen menschliche Form zu verleihen, intarsiert Bucklow der für ihn himmlischen Schiffer durch überlagernde Belichtung den Schattenriss mit insgesamt 25.000 Sternenpunkten auf lichtempfindlichem Fotopapier."
Weiteres: Der Tagesspiegelmeldet mit dpa, dass Papst Franziskus (als erster Papst in der Geschichte) die Biennale in Venedig besucht hat. Besprochen werden die Ausstellung "Modigliani. Moderne Blicke" im Museum Barberini in Potsdam (FR) und die Ausstellungreihe "The Dark Rooms", die an unterschiedlichen Orten in Berlin stattfindet (tsp).
Peter Richter empfiehlt am Rande des Berliner Gallery Weekends zwei Ausstellungen: Der amerikanische Medienkünstler Cory Arcangel hat den Laptop von Michel Majerus, der 2002 bei einem Flug ums Leben kam, repariert und präsentiert im Michel Majerus Estate nun digital dessen geplante Werke. Außerdem lohnt ein Besuch im Kunstverein Ost, der der DDR-Künstlergruppe "Auto-Perforations-Artisten" eine Retrospektive widmet. In der Berliner Zeitunggibt Ingeborg Ruthe weitere Tipps fürs Berliner Gallery Weekend. Für den Tagesspiegel macht Michaela Nolte einen Ausflug zur "Paper Positions" in die Telekom Hauptstadtrepräsentanz. Dietmar Dath gerät in der FAZ schließlich doch noch ins Plaudern bei seinem Besuch im Frankfurter Museum für Kommunikation, das dem Comiczeichner und Künstler Volker Reiche, der in der FAZ für die "Strizz"-Karikaturen verantwortlich zeichnet, eine Ausstellung widmet.
Kai Müller und Nicola Kuhn führen für den Tagesspiegel ein großes Interview mit Wolfgang Tillmans, in dem sich der Fotograf unter anderem an ein Erlebnis zu Beginn seiner Karriere erinnert: "Die London Review of Books hatte zwei meiner Bilder gebracht, von einem Mann und einer Frau, die mit großen Augen in die Kamera blickten, was suggerieren sollte, dass sie Ecstasy genommen hätten. Seither gebe ich grundsätzlich kein Bild zur Illustrationanderer Themen frei. Insofern schütze ich die Menschen, wie sich das Werk auch selbst schützt." Doch nicht nur die Kunst an sich ist Thema, auch der Nahostkonflikt und die Reaktionen darauf in der Kulturszene kommen zur Sprache: "Teil des Problems ist, dass alle autoritären Denkweisen, sei es von links oder rechts, dir sagen, wie es ist, und in ihren Worten kein bisschen Bewusstsein mitschwingt, dass sich alles eigentlich viel komplizierter darstellt. Zu verlangen, sich auf eine Seite zu stellen, erzeugt einen Shitstorm von der anderen Seite. Deshalb bin ich für die Stärkung der Mitte, für Differenzierung. Ich lasse mir die Errungenschaften der Demokratie nicht kaputtmachen."
Zwanzig Jahre gibt es das Berliner Gallery Weekend nun schon, seit November ist die Kunsthistorikerin Antonia Ruder Leiterin, die der Berliner Zeitung heute ein Interview gibt. Verändern will sie erstmal gar nicht viel, sondern die Besonderheiten des Standorts Berlin weiter herausstellen und fördern: "Der Markt selbst mag in anderen Metropolen größer sein, aber die Qualität der Kunst, der gezeigten Künstler:innen und Ausstellungen, die sind auf dem Top-Level von anderen Metropolen wie New York oder London. Trotz auch hier steigender Mieten bleibt Berlin ein spannender Produktionsstandort. Es leben unglaublich viele Künstler:innen hier, von denen man manchmal gar nicht weiß, bis man ihnen begegnet. Das ist extrem wichtig für die Stadt, auch weil dadurch Produktion und Distribution ganz nah beieinander liegen. Ich kann nur hoffen, dass es genauso bleibt." Die Berliner Zeitunggibt zudem Empfehlungen, welche Ausstellungen unbedingt anzuschauen sind. Der Tagesspiegelgibt ebenfalls Tipps.
Weiteres: Der Medienkünstler Cory Arcangel hat den Laptop und damit einen großen Teil des Lebenswerks von Michel Majerus wieder zum Laufen gebracht, berichtet der Tagesspiegel.
Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt mit verschlungenen Händen, 1917. Copyright: Pinacoteca Agnelli, Turin Der nun im Potsdamer Barberini Museum eröffneten Schau "Moderne Blicke" verdankt Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) ganz neue Perspektiven auf Amedeo Modigliani. Denn die Ausstellung weitet den Blick nicht nur über dessen Pariser Schaffen hinaus, sondern macht ihr zudem deutlich, dass es dem Künstler keineswegs nur um den Exzess, sondern um die "Schönheit des Körpers" und "selbstbewusste Weiblichkeit" ging, freut sich Ruthe: "Manche dieser liegenden oder sitzenden Evas mit den Sphinx-haftleerenAugen an den Barberini-Wänden scheinen sich unserem Blick zu entziehen. Der warme Ton der nackten kurvigen Körper wird durch den dunklen Hintergrund und das Rot und Weiß von Decke und Kissen fast plastisch hervorgehoben. Die ovalen Gesichter, die kindlich kleinen Münder, die Mandelaugen, die verschränkten Arme kontrastieren die modellierten Körper. Das ist nie lasziv, aber sinnlich. Es reichte dazu, Modiglianis Malerei zu skandalisieren."
Laure Winants: From a Tongue We Are Losing. Foto: Time Capsule #12 Nun findet auch noch eine Klima-Biennale statt, veranstaltet vom Kunsthaus Wien - Museum Hundertwasser. Ganz überzeugt ist Boris Pofalla in der Welt nicht, die Künstler glauben offenbar, die Welt retten zu müssen, dabei gerät das Werk oft zur bloßen Bebilderung einer These, seufzt er: "Die Kunst hier ist oft eine, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnis beruft, diese aber in etablierte Formen der contemporary art gießt und mit etwas besorgter Poesie überzieht. Im Foto Arsenal Vienna stellt Laure Winants Fotografien aus, die auf Papier entstanden sind, aber ohne Kamera, als Fotogramme. Winants war Teil einer viermonatigen wissenschaftlichen Arktis-Expedition und benutzte Proben aus dem gar nicht so ewigen Eis, um sie mit den Chemikalien im Fotopapier reagieren zu lassen. Auf ihren Bildern sieht man Kristallstrukturen, Farbverläufe wie an einem Morgenhimmel und, als Making-Of in einer Vitrine, die Künstlerin beim Entnehmen der Proben. Was genau aber verraten uns diese Werke über die Arktis? Ohne den Kontext zu kennen, würde man keine Verbindung zum Klimawandel herstellen."
Weitere Artikel: Gustav Klimts unvollendet gebliebenes Spätwerk "Bildnis Fräulein Lieser", das lange als verschollen galt, ist im Wiener Auktionshaus im Kinsky für 30 Millionen Euro - und damit zum unteren Schätzwert versteigert worden, meldet der Standard. Dabei war kurz zuvor noch ein neuer möglicher Erbberechtigter aufgetaucht, der bisher übersehen wurde, ergänzt Johanna Adorjan in der SZ. In der Berliner Zeitungschreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 55 Jahren verstorbenen Berliner Galeristen Daniel Marzona. In der FAZ berichtet Georg Imdahl von einem Urheberrechtsstreit zwischen der Stadt Paderborn und dem Künstler Wilfried Hagebölling. Im Tagesspiegel gibt Nicola Kuhn einen Überblick auf kommende Ausstellungen und Symposien zu 150 Jahren Impressionismus.
Besprochen werden die Ausstellung "Faszination Rom. Maarten van Heemskercks Zeichnungen" im Berliner Kupferstichkabinett (Zeit), die Ausstellung "Hannah Hallermann: Information" in der Berliner Galerie Hoto Art (taz) und die Ausstellung "Circles of Light" der amerikanischen Land-Art-Künstlerin Nancy Holt im Berliner Gropius Bau (FAZ).
Werbeplakat für Fahrräder der Marke Plasson Cycles, Lithographie von Manuel Robbe, Paris ca. 1897. Quelle: SDTB, Historisches Archiv, V.4. X 0008 Das Deutsche Technikmuseum in Berlin zeigt ab heute die Ausstellung "Freiheit auf zwei Rädern" mit vierzig französischen Werbeplakaten aus dem eigenen Bestand. Es ist aber nicht nur eine Schau über das Fahrrad, sondern vor allem über das Frauenbildder Belle Époque, stellen Sophie-Marie Schulz und Linnéa Grajetzki in der Berliner Zeitung fest: "Auf der einen Seiten werden Rollenbilder bewusst aufgebrochen, erhalten eine moderne Nuance. Andererseits wurde das Fahrradfahren in Verbindung mit dem weiblichen Körper zu einem Streitthema. Was, wenn eine Frau auf dem Fahrrad anfängt zu schwitzen? Wenn sie sich zu sehr vom männlichen Familienoberhaupt emanzipiert? Während sich einige Künstler mit mythologischen oder kriegerischen Darstellungen befassten, hielten sich andere an die gegebenen Schönheitsideale. Mit dem Abbild der sogenannten Parisienne - eine Frau mit Wespentaille, langen Kleidern und perfekt liegenden Haaren - sollte verdeutlichen, dass Fahrradfahren nicht auf Kosten der Weiblichkeit geht." Männer sorgten sich, dass "Frauen wegen der Form des Sattels Schaden nehmen könnten und permanent stimuliert werden. Die Industrie fackelte nicht lange und entwarf einen 'frauengerechten Sattel'."
Elfriede Mejchar: aus der Serie "Wienerberger Ziegelöfen", 1979-81, Wien Museum Gleich drei Häuser, nämlich die Landesgalerie Niederösterreich, das Wien-Museum und das Museum der Moderne Salzburg widmen der österreichischen Fotografin Elfriede Mejchar derzeit Ausstellungen zum hundertsten Geburtstag, freut sich im Standard Caroline Schluge, denn Mejchar, die "unbekannte Konstante" in der österreichischen Fotografie, machte neben Landschaftsfotografie, Porträts, Collagen und experimenteller Analogfotografie auch Aufnahmen von Lost Places, lange bevor es Trend wurde: "Immer wieder steigt sie aus ihrem Dienstwagen aus und nimmt alte Strommasten, Vogelscheuchen oder Autowracks auf. Die Bilder werden zu Zeitdokumenten der österreichischen Peripherie, in der die Uhren stillzustehen scheinen. Es ist immer wieder das vermeintlich Hässliche, in dem Mejchar das Schöne sieht: Die Stofffetzen an den heruntergekommenen Vogelscheuchen flattern im Wind, Pflanzen ranken sich um die verlassenen Autos und machen sie zu einem permanenten Teil der Landschaft."
Weitere Artikel: Ein Rembrandt von 2016? Kann man im Kurzpfälzischen Museum Heidelberg sehen, das in der Ausstellung "Kunst und Fälschung" nicht nur Werke aus LKAs präsentiert, sondern auch offenbart, wo Künstliche Intelligenz nach wie vor Schwächen zeigt, wie Katharina J. Cichosch (taz) feststellt.
Jonathan Guggenberger begibt sich für die taz auf der Biennale in Venedig mal etwas abseits der zentral liegenden Pavillons, weil er wissen will: Was ist eigentlich mit dem Iran? Statt der geplanten Ausstellung "Of One Essence is the Human Race" mit Malereien der "hier unbekannten iranischen Künstler Abdolhamid Ghadirian, Gholamali Taheri oder Mostafa Goudarzi, findet man dort nur eines: Protestplakate der italienischen Sektion von Women Life Freedom. Auf Farsi, Englisch und Italienisch ist zu lesen: 'Die Islamische Republik Iran entschuldigt sich bei der Biennale für die verspätete Eröffnung des Pavillons. Wir haben unseren Flieger verpasst, da Israel uns bombardiert und wir sehr beschäftigt sind damit, das iranische Volk zu verfolgen.'" Die Plakate stammen vom iranischen Kollektiv "Woman, Life, Freedom", das die Biennale auch zum Boykott der Islamischen Republik aufrief, weiß Guggenberger. Die Leitung der Biennale kam dem nicht nach. Überhaupt weiß niemand so richtig, was jetzt eigentlich mit dem Pavillon los ist, zur offiziellen Eröffnung findet der Kritiker nur verwirrte Gäste, aber keinen Pavillon: "Der Iran scheint in Venedig ein blinder Fleck zu sein. Während seit Tagen über den aus Protest geschlossenen Pavillon Israels berichtet wird, will von der dubiosen Präsenz und dann wieder Nicht-Präsenz des theokratischen Regimes auf der Kunstbiennale niemand Kenntnis nehmen. Die Aktivisten von ANGA rufen lautstark zur 'Intifada' gegen ihren Erzfeind Israel auf, zum Iran aber schwiegen sie."
Weiteres: In der Berliner Zeitungmacht sich Ingeborg Ruthe auf die Suche nach Jean Ipoustéguys Skulptur "Ekbatana", dem "eisernen Maschinen-Menschen" vor dem Berliner ICC. Ebenfalls dort schreibt Mathias Bertram einen Nachruf auf den Galeristen Norbert Bunge. Im Tagesspiegelgratuliert Christiane Meixner dem "Gallery Weekend" Berlin zum zwanzigjährigen Jubliäum. Besprochen wird die Ausstellung "Michael Wesely. Berlin 1860-2023" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Philipp Gassert: Die bipolare Nation Von der Gründung zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum chaotischen Faktor, von der…
Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren Neuausgabe. Mit einem Nachwort von Anja Kampmann. Roman einer großen Liebe in Zeiten der sexuellen Befreiung Silvester 1999 in Paris. Die siebziger und achtziger Jahre in…
Anne Weber: Jumping Mouse Seit über einem Vierteljahrhundert erfindet die "Skeptikerin der sprachlichen Konvention" Anne Weber sich und ihr Ausdrucksmittel mit jedem Buch neu. Sie lauscht der Muttersprache…
Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts Sozialismus oder Barbarei? Sozialismus in der Barbarei! In seinem neuen Buch zieht Kohei Saito eine ernüchternde Bilanz: Teile der Umwelt, die unseren Wohlstand zuverlässig…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier