Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2024 - Kunst

Archie Moore, neuseeländischer Pavillon auf der Biennale von Venedig 2024. Courtesy of Archie Moore and TheCommercial | photography by Andrea Rossetti


Der Goldene Löwe der diesjährigen Biennale geht an den australischen Künstler Archie Moore, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. Moore, der von den Kamilaroi und Bigambul abstammt, hat "seinen Stammbaum mit Kreide an die Wände gezeichnet. Er umfasst 3.500 Personen und reicht Hunderte Jahre zurück. Immer wieder sind darin Lücken zu sehen, weil die Genealogie der First Nations oft undokumentiert blieb. Moore erklärte, er wolle mit seiner Arbeit an die Unterdrückung der Aborigines durch die europäischen Siedler erinnern. 'Wir sind alle eins und tragen gemeinsam die Verantwortung für alle Lebewesen, jetzt und in der Zukunft', sagte er." Damit gewinnt "die strengste, stillste und konzeptuell stringenteste unter den Länderbeiträgen der Biennale. Sie kommt ohne Bilder und ohne Farbe aus und stellt damit nicht nur ein radikales Gegenprogramm zu den meisten Pavillons dar, sondern hebt sich auch von der Ästhetik vieler anderer indigener Künstler auf der Biennale ab." Der Preis für die besten Künstler ging an das neuseeländische Mataaho Collective, so Häntzschel.

Fingerring mit byzantinischer Goldmünze als Platte. Foto: Peter Gaul.

Viele wertvolle und seltene Exponate bekommt FAZ-Kritiker Tilmann Spreckelsen in einer Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz zu sehen: "Welterbe des Mittelalters: 1.300 Jahre Klosterinsel Reichenau" hat nicht weniger als "fünf der zum UNESCO-Welterbe zählenden Reichenauer Prachthandschriften" zu bieten, staunt Spreckelsen, und das ist nicht alles: "Gezeigt werden etwa ein kostbarer Schrein mit Reliquien des Klostergründers Pirmin und ein Armreliquiar der heiligen Verena, ebenfalls im Bodenseeraum tätig und berühmt dafür, Schlangen und anderes Gewürm vertrieben zu haben. Pirmin leistete dasselbe auf der Reichenau, und angeblich soll die umliegende Seeoberfläche drei Tage lang von davonziehenden Reptilien gewimmelt haben." Auch Johann Schloemann jubelt in der SZ über diese "prächtige" Ausstellung.

Besprochen werden die Ausstellung "War Requiem" mit Werken des israelischen Filmemachers Amos Gitai in der Salzburger Villa Kast (Welt) und die Ausstellung "Nova" von Li Zhi in der Galerie Bernet Bertram in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2024 - Kunst

Jörg Häntzschel scheint in der SZ ganz angetan von der 60. Venedig-Biennale, anders als manche seiner Kollegen (Unsere Resümees) und teilt Eindrücke aus den verschiedenen Pavillons. Nicht alles ist spannend, räumt der Kritiker ein, dafür geht manches so richtig unter die Haut: "Das ukrainische Kollektiv Open Group gibt dort unter dem Titel 'Repeat After Me' Videounterricht in der Sprache des Kriegs. Die Abfolge der Videos immer dieselbe: Kriegsflüchtlinge schauen emotionslos in die Kamera, sagen ihren Namen und ihren Herkunftsort. Dann ahmt jede und jeder von ihnen das Geräusch einer russischen Waffe nach: den T-80-Panzer, den Kampfbomber Su 34, die AK 47. Sie machen 'Wuuuhuuu-Buhh', 'SHHhhhhh-s-s-shhh-sh' oder 'TDDDDZDZHZZZHHHZZZHHH'. Zweimal heulen, rattern, zischen sie die Geräusche in die Kamera, dann sind die Schüler dran, das Gelernte mithilfe der phonetischen Umschreibung und der stummen Lippenbewegungen zu wiederholen. Niemand wagt es, nach vorn zu treten. Die Ukrainer bleiben allein mit den grotesken Tonfolgen."

Sophie Jung ist in der taz nicht so ganz glücklich damit, wie hier Kunst aus dem "Globalen Süden" präsentiert wird. Das Motto "Foreigners everywhere" findet sie toll, "doch das gewitzte Sprachspiel von Claire Fontaine, das eigentlich alle zu Fremden macht, wird von Pedrosa in dieser Ausstellung wieder zurückgedreht. Adriano Pedrosa... will den Fokus auf diejenigen legen, die über Dekaden von der westlichen Kunstwelt nicht beachtet wurden. Das ist ein gutes Anliegen. Doch Pedrosa muss die von der Kunstgeschichte Marginalisierten erst einmal identifizieren, sie vielleicht mehr zu Fremden machen, als sie es sind... Dabei scheint Pedrosa sich mit der Identität als künstlerischer Kategorie keinen Gefallen getan zu haben, visuell schön angeordnet, hängt die Kunst hier häufig in einem luftleeren Raum. Hätte Pedrosa die Übersehenen der jüngeren Kunstgeschichte nicht ganz selbstverständlich als Teil einer globalen Kunst positionieren können, ohne diese soziogeografische Trennlinien ziehen zu müssen?"

Auch Boris Pofalla und Marcus Woeller machen in der Welt einen Rundgang durch die Pavillons. Im Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger.

Für die taz besuchen Waltraud Schwab und Jens Gyarmati die Fotografin Gundula Schulze Eldowy, die mit ihren Fotos aus dem Ost-Berlin der Siebziger und Achtziger Jahre berühmt wurde "die die Menschen mit schonungsloser Offenheit zeigen. Sie waren den DDR-Oberen nicht genehm. Direktheit strahlen die Leute auf den Schwarz-Weiß-Fotos aus. Und in der Direktheit liegt Unangepasstheit. Da ist keine sozialistische Propaganda, sind keine Potemkinschen Dörfer, stattdessen das unsanierte Berlin von damals, mit Einschusslöchern noch in den Häuserwänden. Heute ist ihre Wohnung vor allem Archiv, denn Schulze Eldowy lebt, wenn sie nicht in Berlin ist und sich um ihr Œuvre kümmert, oft länger in Peru, am Fuße des Cerro Bianco, des Weißen Berges.

Perlentaucher Peter Truschner, der einige Verdienste für die Wiederentdeckung Schulze Eldowys hat, weist im "Fotolot" im übrigen noch auf eine Berliner Ausstellung mit ihren Aktbildern hin - Bilder, die so noch nie gezeigt oder veröffentlicht worden sind - die Bilder werden nächstes Wochenende nur für drei Tage gezeigt.

Ebenfalls in der taz schreibt Benno Schirrmeister über den Raub von kostbarer chinesischer Keramik aus gleich drei deutschen Museen. Der Handel mit gestohlener Kunst boomt, weiß Schirrmeister: "Allein in Europa sind 2020 laut Interpol 567.465 gestohlene Kunstobjekte durch die Polizei eingezogen worden. In Deutschland liegt die Aufklärungsquote bei Kunstdiebstahl bei rund 30 Prozent. Die Zahlen machen die Einschätzung des Deutschen Museumsbundes plausibel, laut der 'das finanzielle Volumen des illegalen Kunsthandels international an dritter Stelle hinter dem Drogen- und dem illegalen Waffenhandel' rangiert. Das Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für Kriminalität und Rechtspflege (Unicri) geht davon aus, dass er vor allem die diffuse Bedrohung finanziert, die Sicherheitsfachleute 'internationalen Terrorismus' nennen."

Weiteres: Der Tagesspiegel meldet mit dpa eine besonders eindeutige Kunstaktion der Aktivistinnen-Gruppe Pussy Riot: Bei einer Performance in der Pinakothek der Moderne in München urinierten die Frauen auf ein Bild von Wladimir Putin. Anne Diekhoff trauert in der taz um die Alte Börse in Kopenhagen - ein kleiner Trost sind ihr die Videos, die Passanten dabei zeigen, wie sie Kunstwerke aus dem Innenraum retten, bevor das Gebäude endgültig in Flammen aufging. die  Die FAS stellt ihre "Vier Fragen" dieses Mal der Direktorin des Gropius-Bau, Jenny Schlenzka. Max Florian Kühlem war für die SZ in drei Ausstellungen, in denen man Kunst nicht nur anschauen, sondern auch anfassen darf: "SHAPE! Körper + Form" im Lehmbruckmuseum Duisburg, "Tony Cragg. Please touch!" im Kunstpalast Düsseldorf und "Kopfüber in die Kunst" im Dortmunder U. Besprochen wird ansonsten die Ausstellung "Poetics of Encryption" im HKW Berlin (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2024 - Kunst

Anders als Hanno Rauterberg gestern in der Zeit (unser Resümee) ist Stefan Trinks heute in der FAZ eigentlich recht zufrieden mit Adriano Pedrosas Biennale di Venezia, die vor allem unbekannte Künstler aus dem "Globalen Süden" versammelt, und das ganz "ohne Schaum vorm Mund": "Will man hier in der Vielsprachigkeit der Positionen ein verbindendes Oberthema finden, wäre es wohl das in den vergangenen Jahren ohnehin virulente textile Verweben und Verknüpfen von Menschen und Ideen mittels Kunst, ganz konkret auch im Sinne der in zahlreichen Ländern, die in Venedig nun in den Fokus rücken, viel unmittelbareren und lebensnäheren Web-, Knoten- und Textilkünste. Der Knoten als Ur- und Mikroform aller schützenden Bekleidung, von Zelten - und von Leinwänden. Wie überlebenswichtig das Knüpfen von Netzen in Kriegszeiten von Künstlerseite aus sein kann, stellt ein Künstlerkollektiv im Ukraine-Pavillon im Arsenale aus: unter dem Titel 'Net-Making' zeigen sie, wie nicht nur das Verknüpfen untereinander, sondern ganz konkret das gemeinsame Schaffen von Camouflage-Netzen und kunstvoller Tarnung schon seit dem russischen Angriff 2014 zahlreiche Leben schützte."

Peter Richter erscheint in der SZ die Biennale genau wie Rauterberg zu "konventionell und museumsartig". Zudem man "gerade von Besuchern mit sogenanntem Migrationshintergrund hinter vorgehaltener Hand immer wieder auch Unmut hören konnte über die unterkuratierte Überfülle an Ähnlichem. Über eine Reduktion auf Herkünfte wurde geklagt. Der Vergleich mit den Menschenzoos auf kolonialzeitlichen Völkerschauen wurde gezogen. Wahrscheinlich muss man diese Ausstellung aber ohnehin als die letzte Blüte eines Trends und eines Sounds begreifen, die die vergangenen zehn Jahre geprägt haben, bevor das schon sehr bald in etwas ganz anderes umschlagen könnte. Sind demnächst also deutsche Beiträge zu erwarten, die das geheime Wissen des Teutoburger Walds beschwören, sich am Limes reiben und überhaupt am Kolonialismus der Römer, denen wir das Wort schließlich verdanken? Möglich scheint alles."

Der Biennale geht's ja wie eigentlich jeder Kunstveranstaltung heutzutage um den "globalen Süden". Dazu gehört für die Biennale-Kuratoren aber offenbar indirekt auch Russland, das zwar selbst nicht teilnimmt, seinen Pavillon aber Bolivien überlassen hat, erzählt  Yelizaveta Landenberger in der taz: "Bolivien selbst soll sich gemäß Pressesprecher des Pavillons an Russland gewandt haben, um angesichts der anstehenden 200-Jahr-Feier seiner Staatsgründung im nächsten Jahr sich bereits vorab auf der internationalen Kunstschau präsentieren zu können. Im Gegenzug zeigt sich Bolivien bereit, sein großes Lithiumvorkommen nach Russland zu exportieren. Man braucht es etwa für die Herstellung von Batterien. Durch den Verleih des Pavillons an das südamerikanische Land ergibt sich für Russland eine Win-win-Situation: Der Putinstaat macht sich nicht nur bei Bolivien beliebt, sondern inszeniert sich zugleich als Vorreiter im dekolonialen und antiimperialistischen Kampf." Kurzum: Für den "globalen Süden" werden sogar Sanktionen des Westens unterlaufen! Im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger zur Biennale.

Weiteres: Ingeborg Ruthe schaut sich für die FR in der neu eröffneten Kleihues-Halle im Hamburger Bahnhof in Berlin um, in der die Beuys-Werke neu präsentiert werden. Auf einer Feuilleton-Seite in der SZ geht Johanna Adorjan der Identitätssuche von "Fräulein Lieser" nach, dem wiederentdecktem Frauenporträt von Gustav Klimt, das In Wien nächste Woche versteigert wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Oliviero Toscani: Fotografie und Provokation" im Museum für Gestaltung in Zürich (NZZ) und die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung, die jetzt nach Berlin wandert (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2024 - Kunst

Am Samstag eröffnet die Kunstbiennale in Venedig, die sich, kuratiert von Adriano Pedrosa, unter dem Titel "Foreigners Everywhere" auf queere und indigene Volkskünstler aus dem Globalen Süden konzentriert. Die KunstkritikerInnen waren schon da und sind ernüchtert. "Selten sah man eine Biennale, die so wohlsortiert und museal aufbereitet war. Selten wurde so eifrig gemalt und gezeichnet, gewebt, gestrickt, gehäkelt", seufzt in der Zeit Hanno Rauterberg, der auf dieser "Biennale des guten Gewissens" lauter hochbetagte, teils tote Künstler aus dem Globalen Süden sieht und feststellt: Hier zählt offenbar vor allem Herkunft. "Fast könnte man meinen, Pedrosa habe seine Ausstellung vor der Erfindung des Internets konzipiert. (...) Das zirkuläre Denken, wie Pedrosa es favorisiert, scheint eine gewisse Gediegenheit zu begünstigen, und nicht immer ist sie frei von Kitsch und Klischee. (...) Noch die schlimmste Ethnofolklore gilt als gerechtfertigt und gut, solange sie von indigener Hand gefertigt wurde. Und egal wie altbacken ein Stillleben mit Blumenstrauß auch sein mag, solange es von einem schwulen Maler stammt, hat es seine Berechtigung und wird auf der Biennale präsentiert."

Was ist sie denn nun, die Kunst des "Globalen Südens", fragt sich auch Marcus Woeller (Welt), der statt der Einordnung in Kategorien wie "fremd", "migrantisch" oder "queer" gern einen Austausch mit europäischen oder amerikanischen Werken gesehen hätte. Denn Überschneidungspunkte gibt es durchaus: "So gab es Varianten der geometrischen Abstraktion und Hard-Edge-Malerei auch etwa im Irak mit Mahmoud Sabri, Mohamed Melehi in Marokko oder Judith Lauand in Brasilien." Ohne Kontext bleiben sie aber "seltsam fremd", meint er: "Mit einem derart kuratorisch verengten Blickwinkel stellt man Werke in einen Kontext, der andere Zusammenhänge überlagert bis negiert. Gleichzeitig fehlt die Sensibilität für aktuelle weltpolitische Themen, die den 'Globalen Süden' und den 'Globalen Norden' eher stärker polarisieren."

Unpolitisch geht es auf der Biennale allerdings keineswegs zu: Vor dem israelischen Pavillon verteilten ein paar Dutzend Personen Flugblätter mit der Aufschrift "no death in Venice, no genocide pavillon"  und schrien später vor dem deutschen Pavillon "Shame on Germany", wie Niklas Maak in der FAZ berichtet. Der Krieg in der Ukraine wiederum ist im vom ukrainischen Kollektiv Open Group bespielten polnischen Pavillon zu hören, wo der Klang der Angriffe nachgeahmt wird, berichtet Tobias Timm in der Zeit. Und im österreichischen Pavillon lässt die in Russland geborene Konzeptkünstlerin Anna Jermolaewa die ukrainische Balletttänzerin Oksana Serheieva dreimal täglich zu Schwanensee tanzen, wie Stefan Weiss im Standard mitteilt: "Jermolaewa will daran erinnern, dass in der Sowjetunion im Staatsfernsehen immer dann Schwanensee in Endlosschleife gesendet wurde, wenn es gerade einen Regimewechsel oder politische Unruhe im Land gab. Aus der Propaganda-Beruhigungspille wurde so über die Jahrzehnte ein Signal der politischen Bewegtheit, das Jermolaewa nun freilich in Richtung Putin umdeuten will. Der Diktator muss weg, sagt die Künstlerin ganz offen."

Ersan Mondtag: "Monument eines unbekannten Menschen". Foto: Andrea Rossetti

Kein Pavillon ist so überwältigend wie der deutsche, jubelt Jörg Häntzschel derweil in der SZ. Bespielt wird er von Yael Bartana (Unsere Resümees) und dem Theaterregisseur Ersan Mondtag, der ein dreistöckiges Gebäude geschaffen hat, in dem er das Leben seines Großvaters, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam, mit fünf SchauspielerInnen als "klaustrophobische begehbare Biografie" inszeniert: "Mondtag hat hier nicht nur den türkischen Gastarbeitern ein Denkmal gesetzt, sondern auch den Deutschen, die in der DDR geboren wurden, und deren Erfahrung, so sagt er am Eröffnungstag, denen der BRD-Einwanderer viel näher sei, als beide Seiten wahrhaben wollen. 'Auch sie haben ihre Heimat verloren, auch sie wurden schlecht behandelt.'" In der Welt ist Boris Pofalla nicht ganz so enthusiastisch, meint aber: "Den Vergleich mit der Konkurrenz muss der deutsche Beitrag dieses Jahr nicht scheuen."

Besprochen werden die Caspar David Friedrich-Ausstellung "Unendliche Landschaften" in der Alten Nationalgalerie, die das Werk des Malers "über seine Rezeption durch die Nachwelt erschließt" und auch die Kriegsverluste der Berliner Sammlung mit Fotografien und Kopien dokumentiert, wie Andreas Kilb in der FAZ schreibt, die Ausstellung "Mind the Memory Gap" im Kindl - Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin, in der der Künstler Franz Wanner den Zusammenhang von Plexiglas und Zwangsarbeit untersucht (taz) und die Ausstellung "Michael Wesely. Berlin 1860-2023" im Museum für Fotografie (Blz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2024 - Kunst

Ruth Patir, Keening, 2024, courtesy of the Artist and Braverman Gallery, Tel Aviv

Auf der diesjährigen Biennale in Venedig wird der israelische Pavillon aller Voraussicht nach nicht für das Publikum geöffnet werden. Ein Plakat am Fenster verkündet: "Die Künstlerin und die Kuratoren des Israelischen Pavillons werden die Ausstellung erst öffnen, wenn eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand und eine Freilassung der Geiseln erreicht ist." Ist das ein Erfolg der "Art Not Genocide Alliance" die, vermittels eines vielfach unterzeichneten offenen Briefs, gefordert hatte (unser Resümee), Israel von der Schau auszuschließen? Nein, glaubt Marcus Woeller in der Welt: "Auf der Website der Künstlerin Ruth Patir, die hier ausstellen sollte, erfährt man, dass die Entscheidung nicht als Cancel Culture gegen sich selbst zu verstehen sei. Sie wolle sich aber solidarisch erklären mit den Geiseln und ihren Angehörigen."

Sebastian Frenzel analysiert in Monopol: "Ruth Patir und das kuratorische Team waren damit in einer aussichtslosen Lage: Im aufgeheizten Klima hätten sie vermutlich sogar einen Hamas-Propagandafilm zeigen können und wären niedergebrüllt worden. Auf den ersten Blick wirkt es nun, als hätte der Boykottaufruf indirekt Wirkung gezeigt. Doch mit der Schließung des Pavillons vermeidet das israelische Team gleichzeitig, den Aktivisten ein Podium zu bieten, denen ein bisschen medienwirksamer Radau gerade recht gekommen wäre. Zugleich sendet ihre Entscheidung eine Botschaft, die die aktuelle politische Situation zu den Möglichkeiten der Kunst in Beziehung setzt."

Und Ruth Patir selbst? Ulrike Knöfel trifft sie für Spiegel Online. Auch hier macht die Künstlerin deutlich, dass sie es ablehnt, als Israelin boykottiert zu werden. Dass Israel "von links und rechts gecancelt" wird, gefällt ihr keineswegs. Enttäuscht ist sie aber vor allem, dass nun ihre Arbeit mitsamt ihrem eigentlichen Anliegen unter den Tisch fällt: "Als Künstlerin", so Knöfel, "gelingt ihr etwas Außergewöhnliches, sie schafft Filme, die persönlich und dokumentarisch sind, aber surreal wirken. Von ihr selbst ausgehend, ihr Innerstes offenbarend, nähert sie sich großen gesellschaftlichen Themen, in diesem Fall der in Israel so selbstverständlichen, geradezu populären Reproduktionsmedizin. Venedig war ihre Chance, ein entsprechendes Projekt zu realisieren, an dem sie seit Jahren arbeitet. Und jetzt das: 'Ich wollte meine Arbeit zeigen, aber nicht um jeden Preis.'" Peter Richter fragt sich wiederum in der SZ: Wird jetzt statt gegen den israelischen gegen den deutschen Pavillon protestiert werden?

Eben diesen deutschen Pavillon nimmt Daniel Völzke für Monopol unter die Lupe. Unter anderem ist hier Yael Bartanas Videoarbeit "Light to the Nations" zu sehen, ein "Pre-enactment" (Bartana) einer kommenden kosmischen Migrationsbewegung: "Das nach einer Bibelstelle aus dem Buch Jesaja benannte Generationenschiff für Juden startet ins Ungewisse, weil die Erde durch eine ökologische Katastrophe zerstört ist, es basiert auf jüdischen mystischen Lehren und soll den Samen legen für neue Gesellschaftsformen jenseits territorialer, ethnischer, religiöser und staatlicher Festlegungen. Es soll die Menschheit zu 'Tikkun Olam' (wörtlich: 'die Reparatur der Welt') führen. Das Schiff sei so konzipiert, dass es eine große Gemeinschaft für Jahrtausende beherbergen und weit über unser Sonnensystem hinaus reisen kann." Laut Völzke liegt es nahe, die Arbeit auch auf die Gegenwart des Gazakriegs und des grassierenden Antisemitismus zu beziehen.

Besprochen werden die Ausstellung "Rodin. Eine moderne Renaissance" im BAM Mons (FAZ), die der Malerin Tamuna Sirbiladze gewidmete Schau "Not Cool but Compelling" im Wiener Belvedere (Standard), die Schau "Alfred Ehrhardt & Rolf Tietgens: Hamburger Hafen und Norddeutsche Küste" in der Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin (Tagesspiegel) und die Doppelausstellung "Naturstreit - Erzählungen im Antropozän" / "Zeit Falten" in der Berliner Galerie Tammen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2024 - Kunst

Portrait of an Image (with Isabelle Huppert) (Detail), 2005-2006 Aufgezogene und gerahmte, 50-teilig, Foto: Genevieve Hanson, Courtesy the artist and Hauser & Wirth., © Roni Horn

Eine "collageartige Wunderkammer" betritt SZ-Kritiker Alexander Menden im Museum Ludwig in Köln: Die Ausstellung "Roni Horn - Give Me Paradox or Give Me Death" zeigt eine große Retrospektive der amerikanischen Künstlerin. Menden weiß bei den vielfältigen Motiven gar nicht so richtig, wo er zuerst hinschauen soll. Doch "anders als bei vielen zeitgenössischen Künstlern, bei denen die oft wilde Heterogenität von Materialien und Ausdrucksformen oft Ausdruck von Beliebigkeit, ja Ratlosigkeit zu sein scheint, ist sie bei Horn Programm". Der permanenten Wandelbarkeit und Fluidität ihres Werkes entspricht ihre Vorliebe für das Element Wasser - Menden bestaunt ihre Bilder der Themse in London, die fast wie ein Porträtserie erscheinen: "Ruhiges Wasser (Der Fluss Themse, zum Beispiel)", ist eine Serie von 15 großformatigen Fotolithografien von 1999 von der Wasseroberfläche der Themse in London. Ihre Textur und Farbgebung variiert in erstaunlichem Maße: Manchmal ist sie bleigrau, manchmal grünlich oder blau, manchmal schwarz. Bisweilen wirkt das Wasser bewegt, in anderen Bildern ruhig und kaum gekräuselt. Auf allen Bildern sind Zahlen verteilt wie auf einem Adventskalender, die mit Fußnoten am unteren Rand korrespondieren. Diese enthalten Überlegungen, Fakten und Zitate über die Themse. Dasselbe in seiner unendlichen Variabilität zu zeigen, gelingt hier besonders eindrücklich."

Die Kunst am Bosporus boomt, dank des Oberbürgermeisters von Istanbul, freut sich Ingo Arend in der taz. Der Kunstliebhaber Ekrem İmamoğlu eröffnete unter anderem das erste öffentliche Kunstmuseum in der Hauptstadt, das "İstanbul Sanat Müzesi": "Mit den neu eröffneten Häusern sichert die Stadt Istanbul das kulturelle Erbe der Stadt, das oft einer obsessiven Bauwut zum Opfer fiel. Sie funktionieren nicht nur als Sehenswürdigkeiten und White Cubes, sondern auch als soziokulturelle Zentren für die Nachbarschaft. Vielleicht mögen sie die in Istanbul ohnehin rasante Gentrifizierung noch mehr beschleunigen, aber gerade sind vielmehr alle begeistert von den hochmodernen, stilvoll ausgestatteten Bibliotheken, in die jedermann/frau unangemeldet spazieren, den Laptop auspacken und arbeiten kann."

Weiteres: Antonia Herrscher entdeckt für die taz das Pflanz-Projekt "Gertraudenhain" des Künstlers Christof Zwiener am Berliner Spittelmarkt. Ida Luise Krenzlin erzählt in der Berliner Zeitung, wie Firmen und Hauseigentümer Geld mit Street-Art verdienen. Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der portugiesischen Fotografin Maria Lamas im Gulbenkian-Museum in Lissabon (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2024 - Kunst

Käthe Kollwitz, "Frau und Tod". Städel-Museum, Frankfurt.

Im Frankfurter Städel-Museum sind im Moment die Skulpturen und Grafiken der großen Käthe Kollwitz zu sehen: Es wird auch Zeit, ruft Kia Vahland in der SZ. Es sind besonders die Nuancen in Kollwitz' sozialkritischen Werken, die die Kritikerin hervorhebt. Oft, so Vahland, geht es hier erstmal nicht um einzelne Individuen, sondern um die kollektive Darstellung von, vor allem weiblicher, Armut und Prekarität. Nicht so bei der "Schwarzen Anna" aus Kollwitz' druckgrafischem Zyklus zu den Bauernkriegen: "Sie ist auf dem Blatt von 1905 beim Dengeln zu sehen, beim Schärfen ihrer Sense. Im Entstehungsprozess verdichtete die Grafikerin dieses Motiv immer weiter, bis Anna schließlich die Sense an ihr Gesicht drückt. Das kalte Metall streift ihre große Nase, die Augen sind fast geschlossen. Die kräftige Hand der Bäuerin presst das Schleifwerkzeug an die Sense, und sie scheint sich dabei auf einen Kampf vorzubereiten, als wäre sie David und die Sense ihre Steinschleuder. Uns beachtet sie nicht, obwohl der Bildausschnitt suggeriert, man könne ihren Atem riechen, so nah kommt sie den Betrachtenden. Die Sensenfrau Anna, so viel ist klar, möchte man nicht zur Feindin haben."

Der israelische Filmemacher Amos Gitai ist auch Künstler, erfahren wir von Marcus Woeller in der Welt. In der Villa Kast in Salzburg sind nun einige seiner Werke zu sehen, zum Beispiel vom Herbst 1973, unter dem "unmittelbaren Eindruck des Jom-Kippur-Kriegs", berichtet Woeller: "Abstrakte Zeichnungen hängen da an den Wänden, kraftvolle Striche mit dem Grafitstift, bunte Knäuel aus Pastellkreide auf angegilbtem Papier oder ausgerissenen Zeitungsseiten. Erst langsam, nach und nach, scheinen Gesichter aus dem Gekritzel auf. Erschreckte, leidende, traumatisierte Gesichter ..."

Weiteres: Die FAZ trauert um die afroamerikansiche Künstlerin Faith Ringold. Im Tagesspiegel denken Nicola Kuhn, Krist Gruijthuijsen und Birgit Rieger darüber nach, ob es dieses Jahr in Venedig zu einer "Boycott-Biennale" kommen wird. Peter Kropmanns freut sich in der FAZ über die Wiedereröffnung der Kunstsammlung Bemberg in Toulouse.

Besprochen werden die Ausstellung "Rewilding" im Kunsthaus Baselland (NZZ) und die Ausstellung "Auguste Herbin" im Musée Montmartre in Paris (FAZ), die Ausstellung "Günter Haese zum 100. Geburtstag" im Sprengel Museum in Hannover (taz) und die Ausstellung "Michael Wesely. Berlin 1860 - 2023" im Museum für Fotografie in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht: Anri Sala, Noli Me Tangere. Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/ Paris/ Seoul. Photo: Andrea Rossetti


Stefan Trinks stellt in "Bilder und Zeiten" (FAZ) den albanischen Künstler Anri Sala vor. Video und Musik sind meist die Mittel seiner Wahl, sein Thema die Pause oder die "Lücke zwischen A und B", wie Trinks schreibt. "Umso mehr überrascht aktuell in Seoul eine Galerieausstellung mit einer auf den ersten Blick für den Künstler völlig neuen, aber hochinteressanten Werkgruppe, die das Thema Zeit erneut in eigenwilliger Weise thematisiert: Fresken. Für die menschheitsalte Technik schießt er auf dem Zeitstrahl in seine eigene Vergangenheit zurück, zu seinem Kunststudium an der Albanischen Kunstakademie in den Jahren 1992 bis 1996, in dem er - Abstraktion war böse, solides Handwerk war alles - auch in der Technik des Freskierens ausgebildet wurde. Die Ausstellung steht unter dem Obertitel 'Noli me tangere'", wie auch ein Fresco von Fra Angelico heißt. Und wie bei Fra Angelico schweben Hände in einem Garten. Die Farben führen aber wieder in eine andere Zeit - "sie schillern in grünen und dunkelblauen Tönen, weil Sala den Teint der Haut eines Farbnegativs invertiert hat." Damit, so Trinks, bringt Sala "ein anderes, jüngeres Medium ins Spiel - die analoge Fotografie, die selbst schon wieder anachronistisch ist."

In der Welt staunt Hans-Joachim Müller über den gewaltigen Erfolg der Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Hamburg, der sich in Berlin wohl wiederholen wird. Woran mag es liegen? Weil jeder alles in die Bilder interpretieren kann? Weil sie immer "zu symbolischer Fantasiearbeit angeregt" haben? Oder liegt es an dieser "Übereinstimmung von gesehener, erlebter und erträumter Welt, die Ununterscheidbarkeit von Innen- und Außenbildern. Dass Sehen und Séance nur zwei Worte für dieselbe Sache sind, das haben wir vor diesem Werk gelernt. Und nur davon handeln Caspar David Friedrichs Bilder, vom stummen Dastehen, vom Geschehenlassen, von der Sprachlosigkeit, die das kampflose Beteiligtsein begleitet. Immer herrscht diese feierliche Ausnahmestimmung, Andacht, Gelassenheit. Und keiner tut etwas, keinem sieht man an, dass er sich die Aufklärungs-Emphase zu eigen gemacht hätte und sich mit großer Gebärde aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreien würde. So geht es in diesen Bildern weder um Frust und Enttäuschung noch um demütig fromme Bescheidung. Ihr Motiv ist überlegene Vernunft, die die Dinge sein lässt, wie sie sind."

Weitere Artikel: Die FAZ stellt mit vielen Fotos den Fotografen Francis Kokoroko vor, der die Auswirkungen des Klimawandels und der illegalen Goldgräberei auf den Kakaoanbau in Ghana und der Elfenbeinküste dokumentiert hat. In der FR schreibt Monika Gemmer zu 150 Jahren Impressionismus, die das Musée d'Orsay mit einer großen Jubiläumsausstellung feiert, die Franz Zelger in der NZZ bespricht. Hannes Hintermeier besichtigt für die FAZ die neu eröffnete Albertina Klosterneuburg.

Besprochen werden außerdem eine Installation von Isabel Tueumuna Katjavivi im Museum Neukölln, die an den Kolonialismus im damaligen Deutsch-Südwestafrika erinnert (BlZ) und die Klima Biennale in Wien (die Sophie Jung in der taz zu einigen kritischen Gedanken anregt: "Man kann sagen, die freie Kunst wird hier instrumentalisiert, auch für das Stadtmarketing von Wien. Der Weg zur Auftragskunst ist nicht sehr weit. Derzeit wird viel über politische Einflussnahme auf die Kunst debattiert. Am Donnerstag noch übergab die Initiative #standwithdocumenta eine Petition an den Aufsichtsrat der documenta gGmbH, um sich gegen die Einführung von Verhaltensregeln für die zukünftigen künstlerischen Leiter:innen der documenta zu stellen. Es heißt, 'Codes of Conduct' würden die Kunstfreiheit einschränken. Vielleicht sollte man mit Kritik woanders ansetzen, nämlich an einem derzeitigen Verständnis von freier Kunst, die einer politischen Agenda dienen solle.")

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2024 - Kunst

Galka Scheyer: Porträt, ca. 1930. Bildrechte: The Blue Four Galka Scheyer Collection, Norton Simon Museum.

"Frau, deutsche Jüdin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Provinz: diese drei Kriterien scheinen verlässliche Garanten für das vollständige Vergessen einer Persönlichkeit zu sein", überlegt Bettina Brosowsky in der taz, und ist froh, dass diesem Vergessen im Städtischen Museum Braunschweig mit der Ausstellung "Galka Scheyer und die Blaue Vier" nun endlich etwas entgegen gesetzt wird. Zunächst selbst Malerin, wird sie später als Kunstvermittlerin in den USA bekannt und vertritt Alexej Jawlenski, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger, die "blauen Vier": Sie "erhoffte sich eine kunstaffine und finanziell liquide Klientel aus der Filmbranche. Ein manischer Sammler wie der Regisseur Josef von Sternberg kaufte dann zwar bei ihr, aber das reichte nicht. Scheyer musste erst einmal den Einfluss der Frauen in den USA auf den Kunstmarkt entdecken. Denn sie waren es, die auch bei bescheidenen Mitteln selber sammelten oder über familiäre wie institutionelle Kunstkäufe entschieden." Zusätzlich zur Braunschweiger Ausstellung gibt es nun auch eine Biografie, die Gilbert Holzgang verfasst hat, weiß Jens Hinrichsen im monopol und resümiert: "Wer ihn noch nicht gehört hat, sollte sich den Namen merken. Ihre Künstlerinnenkarriere verfolgte sie nicht so intensiv, dass sie dort Herausragendes leistete. Aber als Unterstützerin großer Persönlichkeiten der klassischen Moderne hat sie Kunstgeschichte geschrieben. Man könnte Galka Scheyer einen 'stillen Star' der Moderne nennen - wenn ihr Rufname 'Galka' (russisch: Dohle) nicht auf ihre Stimme, die durchdringend gewesen sein soll, gemünzt wäre."

Im großen FR-Gespräch laviert der neue hessische Kulturminister Timon Gremmels um die Zukunft der Documenta herum. Verhindern, dass es wieder zum Eklat kommt (unsere Resümees), möchte er "durch eine deutlich sensiblere Documenta GmbH und eine deutlich sensiblere künstlerische Leitung. Wobei man natürlich darauf aufpassen muss, dass die künstlerische Freiheit gewahrt bleibt. Die Sorgen, dass diese eingeschränkt werden könnte, nehme ich ernst. Wichtig ist, dass alle Beteiligten eine klare Haltung haben und wir wissen, wie eine künstlerische Leitung sich zu diesen Themen positioniert." Wie genau diese klare Haltung aussehen soll, wird aber auch in seiner Antwort auf die Frage, wieso der israelbezogene Antisemitismus gerade in der Kulturszene erstarkt, nicht so ganz klar: "Dieser Konflikt wird im Bereich der Kunst und auch der Wissenschaft stellvertretend für die ganze Gesellschaft ausgetragen. Sie werden auch mit den besten Regelungen nicht verhindern können, dass etwas passiert."

Der Hamburger Bahnhof hat die Dauerausstellung mit Werken von Joseph Beuys in der Kleihueshalle dank einer Schenkung der Familie des Sammlers Erich Marx deutlich erweitern können, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die Frage "Was würde er für eine Kunst zur krisengeschüttelten Welt von heute machen?" beantwortet eine korrespondierende Ausstellung der Klangkünstlerin Naama Tsabar: "An den Hallenwänden hat Tsabar ausladende, in den Raum gebogene, klangschluckende, teils mit Kohlefasern behandelte Filzmatten befestigt, eine Art monumentales Tonstudio - oder ein Konzertsaal. Sie und ihre Kuratorin Ingrid Buschmann bringen uns die Rauminstallation als 'Soziale Skulptur' im Sinne von Beuys nahe. Als Einbeziehung des Publikums in den Resonanzraum und als musische Performance."

Weiteres: Fatima Hellberg wird neue Direktorin des Wiener Mumok, melden Standard und monopol. Polen fährt aus politischen Gründen mit zwei Ausstellungen zur Biennale, lässt sich der SZ entnehmen.

Besprochen werden: Der Fund eines neuen Wandgemäldes in Pompeji (FAZ) und die anstehende "Affordable Art Fair" in Berlin (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2024 - Kunst

Die israelische Künstlerin Yael Bartana wird bei der Biennale in Venedig ihr "Generationenschiff" im deutschen Pavillon zeigen. Ein der jüdischen Mystik entlehntes Raumschiff, das das "Aufbrechen ins All" als "ultimative Diaspora" versteht, wie sie im Zeit-Gespräch erläutert. Sie kommt auch auf den Wunsch vieler in Berlin lebender Israelis zu sprechen, vor allem nach dem 7. Oktober wieder nach Israel zurückzugehen, "trotz des Eindrucks, dass fast die gesamte Welt Israel ausradieren möchte. Es ist unsere Heimat, wir teilen eine Sprache. Wir sind dort mit dem Gedanken aufgewachsen, dass wir die verfolgten Juden sind und Israel der einzige Staat ist, der uns rettet. Diese Erzählung ist selbstverständlich problematisch, denn Israel ist für sehr viele Menschen kein sicheres Land. Ich kann mir nur vorstellen, dort zu leben, wenn alle Bürger Israels die gleichen Rechte haben und die Besatzung beendet wird. Viele Menschen wurden getötet, damit dieses Land so existieren kann, wie es heute existiert. Es ist fatal, wohin uns die rechte, messianische Politik in Israel in den vergangenen Jahren geführt hat. Aber es gibt diese messianische Verrücktheit auch auf der anderen Seite." Die UN müsse übernehmen, um den Krieg in Nahost zu beenden, ergänzt sie, aber: "Ich muss aufpassen - wenn ich hier zu offen die israelische Regierung kritisiere, dann kann es passieren, dass ich ausgerechnet von Deutschen antisemitisch genannt werde."

Bild: Lubaina Himid RA: "Naming the Money". 2004. National Museums Liverpool, International Slavery Museum, Gift of Lubaina Himid, 2013. Courtesy the artist, Hollybush Gardens, London and National Museums, Liverpool © Spike Island, Bristol. Photo: Stuart Whipps

Sicher, in der musealen Aufarbeitung der Kolonialzeit gibt es einiges zurechtzurücken, meint Gina Thomas in der FAZ. Aber das, was britische Museen derzeit veranstalten, scheint Thomas doch so, "als wäre eine vom Sockel gestürzte Elite durch eine andere ersetzt worden, die für sich jedoch eine höhere Moral in Anspruch nimmt", wie sie etwa mit Blick auf die Ausstellung "Entangled Pasts, 1768-Now" in der Londoner Royal Academy schreibt, die Arbeiten von britischen Künstlern der afrikanischen, karibischen und südasiatischen Diaspora Werken etwa von Joshua Reynolds oder J.M.W. Turner gegenüberstellt und mit einer Triggerwarnung am Eingang eröffnet: "In der Royal Academy wird der Besucher darauf hingewiesen, dass hier Fragen von Sklaverei und Rassismus behandelt werden und dass einige Werke 'historisch rassistische Begriffe' sowie gewaltsame Bilderwelten enthielten. Der Hinweis geht mit der Empfehlung einher, sich an einen Mitarbeiter zu wenden, um Näheres zu erfahren. Im Katalog beschreibt eine der Kuratorinnen in postkolonialem Jargon das Dilemma, eine Ausstellung über die Mitwirkung von Kunst und Künstlern 'in diesen miteinander verschränkten Geschichten und gelebten Vermächtnissen' zu machen, ohne neue Orte des Traumas zu schaffen oder die Schrecken von Kolonialismus, Rassismus, Versklavung und Vertragsknechtschaft zu beschönigen."

Auch dieses Jahr hat sich Philipp Meier für die NZZ auf der Art Basel Hong Kong umgesehen, die, erstmals wieder so groß wie vor Covid, sogar politische Kunst zeigt - natürlich nur, so lang es nicht gegen China geht. Aber durch das verschärfte, zugleich vage gehaltene "Sicherheitsgesetz" setzen die Teilnehmenden lieber auf Selbstzensur, denn "wo die rote Linie verläuft bezüglich Meinungsfreiheit - und für den Kunstmarkt insbesondere bezüglich Kunstfreiheit -, das müssen jetzt die internationalen Galeristen, die westlichen Messebetreiber und lokalen Kuratoren der Kunstinstitutionen in der Stadt selber herausfinden." Und so "dominierte dekorative Wohnzimmer-Kunst."

Weitere Artikel: Warum soll Eike Schmidt, der als Direktor schaffte den Uffizien frische Luft, saubere Klos, kalte Cola und Besucherrekorde zu bescheren, nicht auch der nächste Bürgermeister in Florenz werden, fragt Hanno Rauterberg in der Zeit.

Besprochen werden die Ausstellung "In Nobody's Service" in der Galerie Wedding, organisiert vom Kollektiv un.thai.tled, das auf Ausbeutung und kulturelle Klischees in Pflege, Sexarbeit und anderen Dienstleistungen aufmerksam machen will (taz) und die Herta-Günther-Ausstellung in der Berliner Galerie Sandau & Leo (BlZ).