Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2023 - Kunst

Vincent van Gogh: "Sternennacht". 1889

Noch eine Van-Gogh-Ausstellung, möchte man zunächst seufzen. Aber das New Yorker Metropolitan Museum of Art konzentriert sich auf einen in der Kunstgeschichte bisher kaum beachteten Aspekt in den Gemälden von Vincent van Gogh: Die symbolische Bedeutung der Zypressen. Vor allem in den Jahren vor seinem Selbstmord malte Van Gogh immer wieder Zypressen, schreibt auf Hyperallergic Daniel Larkin, der dem verdienstvollen Ausstellungskatalog entnimmt, wie intensiv sich Van Gogh in Literatur über die Morbidität der Zypresse vertiefte, etwa in Victor Hugos Gedicht "Les Derniers Bardes". "Weithin als Symbol des Todes verstanden und lange Zeit mit Friedhöfen und dem Makabren in Verbindung gebracht, boten diese Bäume ein künstlerisches Ventil, als van Goghs eigene Sorgen sich vertieften und seine Selbstmordgedanken sich verschlimmerten."

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit Bildern von Christian August in der Berliner Galerie Burster (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2023 - Kunst

Adolph Menzel, "Rabbi von Bagdad", ca. 1851


Begeistert berichtet Stefan Trinks in der FAZ von einer Adolph-Menzel-Ausstellung im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, die sich dem Shakespeare-Enthusiasmus des Künsters verschrieben hat. Zeitlebens hatte Menzel seine Theaterbesuche in Bildern reflektiert, führt Trinks aus, die entstandenen Bilder seien weitgehend unbekannt und jetzt quasi komplett in Schweinfurt zu besichtigen. Eine obskure Fußnote der Kunst- und Theatergeschichte? Keineswegs, denn die Ausstellung ermöglicht einmalige Begegnungen: "Einer der größten Schätze der Schweinfurter Sammlung, der 'Rabbi von Bagdad', das en face gegebene Brustbild eines jüdischen Priesters im Festornat von 1856/80, kommt dem Betrachter mit nach vorne geneigtem Kopf derart nahe, dass dieser die geröteten Liddeckel, das Gelb im Weiß der Augen und die winzigen Schweißpartikel auf der Halbglatze wahrnehmen und das Gefühl haben muss, dieser Nathan der Weise stehe ihm in einem Theatermonolog am Bühnenrand direkt gegenüber und fordere eine Positionierung im großen Ringen um Toleranz von ihm."

In der FR amüsiert sich Judith von Sternburg über das Verschwinden von gleich 100 Richard-Wagner-Statuen (siehe unter anderem hier), die bis vor Kurzem vor dem Bayreuther Festspielhaus aufgestellt waren: "Nun ist es so, dass Ottmar Hörls Richard-Wagner-Figuren einem auf die Nerven gehen können. Andererseits sind sie possierlich. Andererseits geht es immerhin um Richard Wagner. Andererseits muss ein bisschen Spaß schon sein. Andererseits ist es wegen des ganzen Personenkults ernsthaft gut, dass sie possierlich sind. Andererseits hat es eine beleidigende Seite, wenn man bedenkt, dass Wagner selbst 1,66 Meter groß war. Andererseits war Beethoven 1,62, Schubert 1,56."

Weitere Artikel: Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel das Berliner Atelier der Künstlerin Heike Kati Barath, deren Arbeiten gerade in der Gruppenausstellung "Ernsthaft?! Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst" in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind. Nadia von Maltzahn berichtet im Tagesspiegel vom Wiederaufbau des bei der Explosion im Hafen von Beirut schwer beschädigten Sursock-Museums in Beirut.

Besprochen werden die Ausstellungen "Magdalena Abakanowicz. Textile Territorien" im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne (Tsp), Wandmalereien von Bridget Riley in der Berliner Galerie Hetzler (Tsp), "Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule" im Kulturzentrum Rendsburg (taz) und die der Transzendenz gewidmete Ausstellung "Calling" im Düsseldorfer Kunstverein (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2023 - Kunst

Installationsansicht von "Eye to Eye", Chiharu Shiota. Foto: Haus Konstruktiv, Zürich.

Unheimlich schweben Chiharu Shiotas spinnennetzartige Kunstwerke im Raum, sodass NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "Eye to Eye" im Haus Konstruktiv in Zürich kaum die Augen abwenden kann. Die "Fadeninstallationen" der japanischen Künstlerin sind weltberühmt, in ihrer Mitte "halten sie die verschiedensten Objets trouvées gefangen", so der Kritiker, meistens Alltagsgegenstände: "Dass bei Chiharu Shiota dem Auge eine besondere Bedeutung zukommt, zeigt sich gerade an dieser faszinierenden Rauminstallation mit dem Titel 'Eye to Eye' von 2023. An der überwältigenden Menge von blutroten Fäden, eigentlich sind es dünnere Seile, hängen Tausende von Brillen. Es sind getragene Sonnen- und Korrekturbrillen, welche die Künstlerin über die Jahre gesammelt hat. Einige von ihnen weisen zerbrochene Gläser auf, andere Beispiele wirken durch die stumpf gewordene Tönung der Sonnenbrillengläser wie erblindet. Wir aber blicken gebannt auf dieses Augenmeer von unzähligen Sinnfäden und Assoziationen, die uns mit einem grösseren Geflecht von Bedeutungen verknüpfen."

Weitere Artikel: Sophie Jung spricht für die taz mit dem Juristen Michael Mai, der die Kuratorinnen Elke Gruhn und Yama Rahimi bei der Konzipierung der virtuellen Ausstellung "Hidden Statement" des Kunstvereins Wiesbaden unterstützt, die afghanische Künstlerinnen zu Wort kommen lässt, die im Land festsitzen. Die Künstlerinnen auszustellen und sie gleichzeitig vor dem Regime zu schützen, ist nicht einfach, so Mai: "Der einzige gangbare Weg für die Ausstellung war also die komplette Anonymisierung der Künstler:innen. Bei 'Hidden Statement' werden nur Pseudonyme verwendet und die biografischen Angaben sind so reduziert, dass eine Rückverfolgung ins Leere führen würde."

Besprochen werden die Ausstellung "Fake, Figuren und Fiktion - Die bewegte Welt des Franz Winzentsen" im Kunsthaus Stade (taz) und die Ausstellung "Anna Boch. Eine impressionistische Reise" im Mu.ZEE in Ostende (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2023 - Kunst

Hito Steyerl, 2019. Foto: Dominik Butzmann / re:publica unter CC-Lizenz
In einem ausführlichen Interview mit Jörg Häntzschel spricht Hito Steyerl in der SZ unter anderem über "art washing", die Förderung von Kunstprojekten durch große Konzerne, die lediglich der eigenen "Reputationspflege" dient: "Wir haben es gerade erst erlebt mit Palantir bei der Leipziger Ausstellung 'Dimensions'. Die haben das genutzt, um aggressiv ihre neuen Produkte, ihre militärische KI anzupreisen. Es gibt in Deutschland viele große Konzerne, die teils in der Nazizeit gegründet worden sind oder damals große Teile ihres Vermögens erwirtschaftet haben, und jetzt über ihre Stiftungen in Kunst- und Wissenschaftsförderung involviert sind." Außerdem blickt sie zurück auf den Skandal bei der Documenta: "Ich habe unterschätzt, wie erbittert dieser Kulturkampf um den BDS ausgefochten wird. Da geht es nur vordergründig um Israel oder Palästina. Das sind Vorwände für Machtkämpfe zwischen Fraktionen der deutschen Kultur-Bürokratie, auch um den Bundestagsbeschluss. Wenn man Rassismus gegen Antisemitismus ausspielt, kann nichts Gutes rauskommen, zumal in Deutschland."

Der Münchner Kunstverein wird zweihundert Jahre alt: in der taz unterhält sich Tal Sterngast mit der Direktorin Maurin Dietrich und dem ehemaligen Leiter Bart van der Heide.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2023 - Kunst

Ulla von Brandenburg, It Has A Golden Sun and An Elderly Grey Moon, 2016, Super-16-mm, Farbe, Sound, 22:25 min., Photos © Martin Argyroglo, Courtesy the Artist


Film, Bühne, Design - manchmal weiß man nicht wo man ist in der Ausstellung von Ulla von Brandenburg, "It Has a Golden Sun and an Elderly Grey Moon", die die Städtische Galerie Karlsruhe gerade zeigt, schreibt Katinka Fischer in der FAZ. Farben und Stoffbahnen spielen jedenfalls eine Hauptrolle, auch in ihrer Filmtrilogie: "Darin geht es um den Ausbruch einer bunt gewandeten Gruppe aus einer streng geregelten und durch geheime Riten bestimmten Parallelwelt in die Natur, wo weder Alters- noch andere Grenzen gelten. Eine erlösende Balance aus Regeln und Freiheit verheißt am Ende der gemeinsame Tanz. Eine schöne Utopie. Zu einem surrealen Liedtext montierte Fragmente aus Goethes Farbenlehre steigern die Theatralik dieser Vorgänge, die an die Künstlerkolonie des Monte Verità ebenso wie an Rudolf Steiners Eurythmie denken lassen, und geben von Brandenburgs Interesse an der Farbe zugleich weiteren Ausdruck. Indes erzählen die Filme, in denen sie ihre Mittel sparsamer einsetzt, überzeugendere Geschichten. Wenn zum Beispiel Röcke zu Theatervorhängen werden, von denen einer nach dem anderen aufgeht, ohne dass je offenbar wird, was und ob sich überhaupt etwas dahinter verbirgt."

Boris Pofalla besucht für die Welt das Haus der Kulturen der Welt und die Eröffnungsausstellung "O Quilombismo!" der neuen Intendanz von Bonaventure Ndikung. Mit dem Geist des Hauses hat sie nicht viel zu tun, findet er: "Es ist sehr viel von Wurzeln, von Affirmation und Bewahrung die Rede", seufzt er. "In der Rhetorik der Schau ist ein Künstler jemand, der eine Kultur, eine Tradition, ein Volk in seinem Werk zu Wort kommen lässt, die Geister und Erfahrungen der Vorfahren belebt und sich ihnen gegenüber respektvoll verhält. Der westliche Kunstbegriff dagegen verlangt radikale Individualität, Zertrümmerung der Vorgänger und Kritik an der eigenen Gesellschaft. Nur einmal taucht in der über das ganze Haus und die Gärten verteilten Ausstellung die eigentlich naheliegende Idee auf, dass Wurzeln, Traditionen und Überliefertes auch mal hinter einem gelassen werden müssen - in dem Video 'We Are Not Your Monkeys' von 1996, das sich gegen die Verachtung der Kaste der Dalit, der 'Unberührbaren' richtet."

L'Annunziata di Antonello da Messina, 1475. Foto: The Yorck Project / Wikipedia unter cc-Lizenz


Für Bilder und Zeiten (FAZ) betrachtet Eberhard Rathgeb in der Villa Abatellis in Palermo lange Antonello da Messinas Gemälde "Maria der Verkündigung": "Ihr Gesicht und ihre Körperhaltung, in denen sich weder heilige Ergebenheit noch heilige Furcht zeigen, verraten sofort, dass sie nicht versteht, wie es möglich ist, dass sie, ohne mit einem leibhaftigen Mann ins Bett gegangen zu sein, hat schwanger werden können. Die Engel an ihrer Seite, die etwas bedrückt aussehen, als wüssten sie sich und ihr in diesem Dilemma nicht zu helfen, können diesen Einbruch des Profanen und Alltäglichen in die von ihrem Dienstherrn im Himmel angezettelte Geschichte nicht mildern. ... Sie sieht nachdenklich und trotzig aus, als würde sie damit hadern, dass sie schwanger wurde, obwohl sie nur masturbiert hat. Eine menschliche Regung, Trotz, Empörung, stellt den göttlichen Anspruch auf Kniefall und gläubigen Gehorsam infrage und lässt aus einer Madonna wieder eine Frau aus dem Volk werden, die sich nicht gerne von jemandem etwas vormachen lässt."

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe besucht für die FR die Sommerausstellung "Rohkunstbau" im Schloss Altdöbern im Spreewald. Rewert Hoffer unterhält sich für die NZZ mit der Fotografin Herlinde Koelbl über Imagepflege in der Politik. Henning Kober stellt in der FAZ die Künstlerin Hani Hape vor, die Helmut-Newton-Fotos kopiert, die fotografierten Frauen aber mit Männern ersetzt. Stefan Trinks schreibt in der FAZ zum Tod des Malers Brice Marden.

Besprochen werden die Ron-Mueck-Ausstellung in der Fondation Cartier in Paris (Welt) und eine Kabinettausstellung zum Schreiben mit der Hand im Deutschen Romantik-Museum (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2023 - Kunst

Sarah Haffner: Christopher Isherwood in Berlin, 2007. Bild: Galerie Poll.

Nur einen einzigen Tag (heute) werden die Gemälde Sarah Haffners in der Berlinischen Galerie ausgestellt, bedauert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Sie werden "werden vorerst wissenschaftlich bearbeitet und für spätere Ausstellungen vorbereitet", heißt es dazu. Schade, denn die überwiegend blauen Kunstwerke Haffners, die in Cambridge geboren wurde und als Jugendliche nach Deutschland kam, um dann an der HdK zu studieren, findet die Kritikerin faszinierend: "Die radikale Verknappung der Formen war schon früh ihr Markenzeichen. Was man sieht, ist nur scheinbar real. Stimmungen, Erscheinungen, Gedanken gerinnen zu dichten, strengen Formen für Gestalten und den Stadtraum Berlins, wo helle Farben zu dunklen, warme zu kalten komponiert sind. Auf suggestive Effekte verzichtete sie. Nicht aber auf Plastizität. Bis ins Alterswerk hinein malte sie scharfkonturige, fensterlose Häusergebirge. Brandmauern, Brücken, Treppen und Wände, die einen zurückstoßen, aber faszinierend charaktervoll sind: das steinerne Berlin."

Wie gehts weiter mit der Documenta? Im SZ-Interview versichert Sven Schoeller, neuer grüner Bürgermeister und Kulturdezernenten von Kassel, einen Antisemitismusskandal wie beim letzten Mal dürfe es nicht wieder geben. Daher habe man eine "Beratungsgesellschaft" mit einer "Organisationsanalyse" beauftragt. Die Rolle des Bundes, der derzeit viel Geld an die Documenta gibt, aber nicht mitreden darf, möchte er aber nicht ändern: "Die Documenta fifteen hat meiner Meinung nach nicht wegen der Gesellschafterstruktur ihres Trägers polarisiert - dies scheint vor allem an mangelnder Kommunikation zwischen der gGmbH, deren Organen und den Kuratoren gelegen zu haben", meint er. Alles weitere dann nach den Befunden der "Beratungsgesellschaft".

Weitere Artikel: Kerstin Holm widmet sich in der FAZ den verschiedenen Ausstellungen afrikanischer Kunst in Russland und der völlig ausbleibenden Reflektion des russischen Imperialismus und Kolonialismus in diesen Zusammenhängen. Das Museum of Popular Culture Seattle stellt zwar immer noch Artefakte aus dem Harry-Potter-Universum aus, hat aber alle Hinweise auf J.K. Rowling getilgt, weil der "ursprüngliche Autor schrecklich ist", wie es in einem Blog des Museums heißt, meldet die Berliner Zeitung. Anlass scheinen Rowlings Ansichten zu Transpersonen zu sein: Ihrer Meinung nach ist eine Frau eine Frau und eine Transfrau eine Transfrau.

Besprochen werden die Ausstellung "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius-Forum (NZZ) und die Werkschau Ron Muecks in der Fondation Cartier in Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2023 - Kunst

Matthias Sander hat für die NZZ eine Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien im chinesischen Shenzhen besucht. Dort gibt es einen Raum, der nur ausgewählten Personen zugänglich ist. Die Kunst dort soll besonders kritisch sein, erfährt Sander, der ziemlich enttäuscht ist, als er in der verbotenen Kammer steht: "Eine große Leinwand zeigte ein Video von Manhattan am 11. September 2001, über der Skyline waberten dunkelgraue Rauchschwaden. Eine Installation bestand aus übereinandergestapelten Käfigen, in denen jeweils eine Schale Plastik-Hundefutter und ein großer Fernsehbildschirm standen. Ein drittes Werk schien so harmlos, dass wir Neugierigen rasch daran vorbeiliefen und es gleich vergaßen. ... Wir fragten den Museumsführer, warum diese Werke separat ausgestellt wurden. Er sagte, das Museum wolle den Besuchern keine 'furchteinflößenden' Werke zumuten, zumal auch Kinder kämen. Die Besucher sollten eine gute Zeit haben, die Kunst solle 'meihao' sein - das lässt sich übersetzen mit 'schön', 'gut' oder 'glücklich'. Der Nebenraum werde deshalb nur Experten gezeigt." Nicht "meihao" ist übrigens auch alles Nackte, erfahren wir.

Weiteres: In München wurde wegen der "wirtschaftlichen Lage" die geplante Kunst am Bau des erweiterten Flughafenterminals 1 gestrichen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Im Tagesspiegel ist Bernhard Schulz ganz zufrieden mit dem Urteil zum Bild "Paris-Bar" (unser Resümee), das der Plakatmaler Götz Valien im Auftrag von Martin Kippenberger malte: "Kopf und Hand, im Münchner Gerichtsurteil finden sie endlich wieder zusammen." Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel den Konzeptkünstler Nasan Tur, der gerade in der Berlinischen Galerie ausstellt, in seinem Atelier in Hohenschönhausen. Besprochen werden außerdem die Gruppenausstellung "Words don't go there" im Kunstverein Braunschweig (taz), die Bisky-Ausstellung "Im Freien" im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst in Zwickau (BlZ) und die Ausstellung der Fotografien Lee Millers im Bucerius-Forum in Hamburg (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2023 - Kunst

Studio von Rosa Bonheur. Foto: Chateau de Rosa Bonheur

Wie konnte man diese Malerin vergessen? FAZ-Kritiker Marc Zitzmann flaniert durch das Atelier der Künstlerin Rosa Bonheur, das wirkt, als hätte die "renommiertesten Tiermalerin" des 19. Jahrhunderts gerade noch eine Zigarette auf ihrem Fauteuil geraucht: "In einem Eck mutet das kleine Fotolabor - eines der drei ältesten weltweit erhaltenen - gebrauchsbereit an; auf einer Palette liegen noch halb ausgedrückte Farbtuben; ein Blick in den puppenhaften Nebensalon offenbart gar liegen gelassene Zigarettenstummel! Das Interessanteste am Atelier sind indes die Werke - und die Tiere. Pferde und Hunde, Rinder und Ziegen, aber auch Bisons und Löwen...Dass sie statt Menschen lieber Tiere malte und diese gern mit einem seelenvollen Blick versah, bildete im anthropozentrischen neunzehnten Jahrhundert eine sanfte Provokation. Doch blieb diese ob der virtuos-lebensechten Faktur der oft monumentalen Gemälde weitgehend unbemerkt."

Weitere Artikel: Kathleen Hildebrandt stellt in der SZ die Künstlerin Hanna Hape vor, die berühmte weibliche Aktfotos von Helmut Newton mit Männern und queeren Personen als Modellen nachstellt: "Was ist absurder - dass da ein Mann mit geöffnetem Hemd und ohne Hose auf einem Bett kniet, mit einem Sattel auf dem Rücken, und verklärt in die Kamera blickt? Oder die Tatsache, dass das Bild einer Frau in derselben Pose eine Ikone der modernen Fotografie ist?" Die Berlinische Galerie plant das Wohn- und Arbeitsanwesen aus dem Nachlass des Künstlerpaares Martin und Brigitte Matschinsky-Denninghoff zu verkaufen, meldet Michaela Nolte im Tagesspiegel. Ehemalige Künstlerkollegen sind entsetzt und sehen deren "Erbe mit Füßen getreten", so Nolte.

Besprochen werden die Ausstellungen "Vergissmeinnicht - Museum der (un)entdeckten Erinnerungen" auf Schloss Hubertusburg (FAZ), "Hunted" mit Werken von Nasan Turs in der Berlinischen Galerie (tsp) und "Im Freien" mit Werken des Künstlers Norbert Bisky im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst in Zwickau (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2023 - Kunst

Ausstellungsansicht "For Real" im Kunsthaus Zürich. Foto:Kunsthaust Zürich.

Wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt, kann Welt-Kritiker Andreas Rosenfelder in der Ausstellung "For Real" in der Kunsthalle Zürich nicht mehr sagen. Wie nach einer "kleinen Gehirnwäsche" fühlt er sich, nachdem er die Videoinstallationen von Christopher Kulendran Thomas gesehen hat. Das ist aber Absicht, denn was der Londoner Künstler ergründen möchte, sind die "kollektiven Halluzinationen" der heutigen Gesellschaft, so der Kritiker: 'In seinen Videoarbeiten erkundet Kulendran Thomas diesen psychedelischen Albtraum mit den hyperrealistischen Mitteln der digitalen Bilderzeugung. So hat er einen Avatar von Kim Kardashian erzeugt, der mittels Text-zu-Sprache-Algorithmus in echter Kardashian-Stimme medienphilosophische Theoreme ausführt und etwa erläutert, wie Social Media durch die Ausschüttung von Dopamin unser neuronales Netzwerk, ja den Menschen als Spezies dauerhaft verändert. Und das ist kein Gag auf Kosten der Reality-TV-Heldin, die Kulendran Thomas ernsthaft bewundert: 'Ihr Vater war Anwalt und hat O.J. Simpson vor Gericht vertreten', sagt er. Schon als Kind habe Kim Kardashian so durch die Beobachtung des Prozesses gesehen, wie Wahrheit 'geformt und verdreht' werden könne: 'Die Institutionen der Demokratie', das wisse sie seither, 'können durch Storytelling manipuliert werden.'

In der SZ skizziert Peter Richter die Folgen des Urteils des Münchner Landgerichts, das dem Maler Götz Valien Co-Autoren-Rechte an Werken von Martin Kippenberger zugesprochen hat (Unsere Resümees). "Im Kern ging es dabei um die Frage, ob ein Künstler, der bei einem anderen mit genauen Anweisungen die Anfertigung eines Gemäldes in Auftrag gibt, als Schöpfer des Kunstwerks zu betrachten ist, weil von ihm schließlich Idee und Konzept stammen - oder der, der es umsetzt und ausführt." Aber Ideen kann man nicht schützen, "predigt dagegen wieder und wieder der Anwalt Peter Raue, der in dieser Sache Valien vertritt: Das werde leider offensichtlich von Juristen besser verstanden als im Kunstbetrieb. Tatsächlich ist damit nämlich gewissermaßen das Konzept der Konzeptkunst berührt. In der Fachöffentlichkeit hatten sich jedenfalls viele eher für die Position der Kippenberger-Seite ausgesprochen."

Besprochen werden die Ausstellungen "Abe Frajndlich. Chameleon" im Fotografie Forum Frankfurt (FAZ) und "Les derniers Soulages 2010-2022" im Musée Soulages in Rodez (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2023 - Kunst

Kohei Nawa, PixCell-Reedbuck (Aurora), 2020. Courtesy the artist and Scai the Bathhouse / Tokyo Gendai art fair


In der NZZ unterhält sich Philipp Meier auf der Kunstmesse in Tokio mit dem japanischen Künstler Kohei Nawa über die Lehren des Shintoismus und die neuen Götter der Postmoderne, KI und Big Data: "Wir glauben uns heute von Göttern befreit zu haben, aber wir folgen diesen neuen Autoritäten oft blind wie die Menschen im Mittelalter ihren Königen...Die japanischen Inseln sind das Zuhause von rund acht Millionen Göttern. Alles kann ein Gott sein: Wasser, Steine, ein Berg, ein Baum. Daher kann sich niemand eine klare Vorstellung von einem Gott machen. Aus diesem Grund ist das Innere eines Shinto-Schreins leer. Das passt zu unserer diversen Zeit. Wir können uns Religionen und Überzeugungen aussuchen und unter ganz verschiedenen Ideen und Vorstellungen auswählen. Da können überall Götter sein. Das ist die große Herausforderung unserer Zeit."

Besprochen werden die Ausstellungen "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Bucerius Kunstforum in Hamburg (taz), "Judit Reigl. Kraftfelder." in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (FR) und "Himmlischer Barock - Jürgen Ovens" im Schleswiger Dom (FAZ).