Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2023 - Kunst

Der Sargkünstler Paa Joe mit Sandalettensarg. Foto: Regula Tschumi.

Extravagante Särge bestaunt FAZ-Kritiker Florian Siebeck in der ghanaischen Haupstadt Accra. Die Angehörigen der Volksgruppe Gha, die im Süden Ghanas, in Togo und Benin lebt, hält nichts davon, ihre Toten in einfachen Holzkisten unter die Erde zu bringen. Stattdessen geben die Angehörigen bei Spezialisten Särge in Auftrag, die das Familienemblem oder den sozialen Stand des Verstorbenen verkörpern, zum Beispiel in Form einer Kobra oder eines Löwen, erfährt der Kritiker. Oft sollen die Motive aber auch einen Bezug zum Leben oder zu bestimmten Vorlieben haben: "Bis zu einem Monat dauert die Arbeit an so einer kunstvollen Hülle. Die Sargkünstler lassen sich einiges einfallen, damit die Verstorbenen ihren Weg so fortsetzen können, wie sie gelebt haben oder gern gelebt hätten. Ein Viehhändler kann in einem Rind bestattet werden, eine kinderreiche Frau in einer Henne, ein Fischer in einer Languste. Aber auch Linienbusse, Ölfässer, Bulldozer, Tomaten, Zahnpastatuben und Schnapsflaschen wurden schon gefertigt." Die ghanaische Sargkunst hat schon länger die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt erregt, so der Kritiker, Künstler wie Daniel Mensah oder Joseph Ashong alias Paa Joe zeigen ihre Särge in Museen und Ausstellung weltweit. Weitere ungewöhnliche Sargmodelle kann man hier bewundern.

Besprochen werden die Ausstellung "Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik" im Kunstmuseum Winterthur (SZ) und die Ausstellung "Der große Schwof. Feste feiern im Osten" der Kunstsammlungen Städtische Museen in Jena (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2023 - Kunst

Durch ein Wechselbad der Gefühle geht FAZ-Kritiker Cornelius Pollmer in der Ausstellung "Kapital/Famed" im Museum Gunzenhauser in Chemnitz. "Kapitalismuskritik in snackbaren Häppchen", wie sie die Kuratoren Sebastian M. Kretzschmar und Jan Thomaneck hier auftischen, findet er ja schon etwas befremdlich. Bevor er aber zu schlechte Laune bekommt, "weil die global allgemeine Geldschneiderei auch nach Beendigung dieser Schau weitergehen wird", tobt er sich lieber in dem, für ihn unbestrittenen, Highlight der Ausstellung, aus: "Die Hüpfburg im großen Oberlichtsaal des Museums, tituliert mit der schönen Wendung 'Seele und Dekor', ist das unbestritten zentrale Objekt von 'Kapital', und als Idee ein Ereignis für sich. Denn PVC und Polyester wachsen hier getrieben von einem ohne Unterlass ballernden Gebläse zu einer hybriden Edition von Marx' 'Das Kapital' empor, aufgeklappt und umgedreht steht es da wie ein vielleicht sogar schützendes Dach und lädt jedenfalls offensiv ein, darin zu springen oder sich mit ein paar vergeblichen Fausthieben kurz emotional zu erleichtern."

Besprochen werden die Jubiläumsausstellung der Salzburger Residenzgalerie "Von 0 auf 100. 100 Jahre Residenzgalerie, 100 Gründe zum Feiern"(FAZ) und Lucy Beechs Ausstellung "Working with no waste" im Edith Russ Haus in Oldenburg (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2023 - Kunst

Olga Mezenceva, O.T., 2021, Ölkreide, Fineliner, Buntstift, Filzstift auf Papier. Foto: Galerie Art Cru


In der Berliner Zeitung stellt Irmgard Berner die Künstlerin Olga Mezenceva vor. "Outsider-Kunst" nennt man, was sie macht, weil Mezenceva seit ihrer Geburt geistig behindert ist. Wie man es auch nennt, für Berner ist es vor allem Kunst, wie man derzeit in der Galerie Art Cru in Berlin sehen kann: "Ihre Schöpfungen: farbstarke Arbeiten mit sich biegenden, quetschenden und sich selbst behauptenden Formationen. In konzentrierter, ausdauernder Arbeit vollzieht sie eine Art kreisenden Gebärvorgang, einem Kreißen gleich und aus dem Unbewussten hervorgeholt. Mit Ölpastellkreiden, Edding, Filz- und manchmal Bleistift. Denn während des Zeichnens und Malens dreht Mezenceva das Blatt, nimmt es quer, hochkant, stellt es auf den Kopf. Ihr Malen ist ein Denken und Handeln in räumlich-haptischen Vorgängen, die unmittelbar eine visuelle Welt erschaffen. Der Stimulus der Farbe, die Griffigkeit der Ölkreide auf dem Papier. Kunst ist ihre Sprache."

Weiteres: In der FAZ freut sich Christoph Schmälzl, dass eine verschwundene Alexander-Büste des Winckelmann-Museums wiederaufgetaucht ist und an Griechenland restituiert wurde. Andreas Platthaus ärgert sich über eine großplakatierte Frauenbüste im Kunsthistorischen Museum Wien, die Petrarcas geliebte Laura darstellen soll, was Platthaus für Unfug hält. Besprochen wird eine Ausstellung des Künstlerpaars Etel Adnan und Simone Fattal im Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2023 - Kunst

André Brouillet, Une leçon clinique à la Salpêtrière, 1887. Foto aus einem Flur der Universität Paris V, Domaine public


Seltsame Idee. Das Museum der Moderne in Salzburg widmet der Rückenbeuge eine Ausstellung: Als Kunstmotiv stand die Rückenbeuge ursprünglich für die "hysterisch verkrampften Frau", wie laut FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier das Gemälde "Une leçon clinique à la Salpêtrière" (1887) von André Brouillet deutlich macht, "das bei Freud als Lithographie im Arbeitszimmer hing. Es ist in Salzburg in stattlicher Originalgröße als Kopie zu sehen. In seiner Mitte der Nervenarzt Jean-Martin Charcot, der den 'Arc de cercle' wissenschaftlich untersuchte. In einem Hörsaal lauschen gut zwei Dutzend schwarz gekleidete Männer und zwei Krankenschwestern dem Professor, ihre Blicke richten sich auf eine hypnotisierte, nach hinten gebogene Patientin mit weißem Dekolleté, die Charcots Kollege Joseph Babinski stützt." Doch es geht nicht nur um Klinisches: Laut Kuratorin Kerstin Stremmel soll die Ausstellung vielmehr eine "Wundertüte mit heiteren Momenten" bieten: "Alexandra Bircken hat sich einer Männerdomäne angenommen und ein schweres Motorrad in eine tänzerische Pose gezwungen, das Vorderrad himmelwärts gereckt."

In der FAZ ist Andreas Kilb froh, dass wenigstens der Bundespräsident sich mit einer Veranstaltung zum geplanten, aber bei der Realisierung stockenden Exilmuseum in Berlin bekannt hat: "Ob Claudia Roth die Botschaft verstanden hat? Oder grübelt sie immer noch darüber nach, wie sie die Schlosskuppel auf dem Humboldt-Forum dekolonialisiert?"

Weiteres: Die Berliner konnten sich mit einer Lesung im Pergamonmuseum vom Ischtar-Tor verabschieden, dass wegen Renovierung des Museums bis 2037 nicht mehr zu sehen sein wird, meldet der Tagesspiegel. Imke Staats stellt in der taz das Künstlerhaus Sootbörn in Hamburg vor. Besprochen werden die Ausstellungen "Ocular Witness: Schweinebewusstsein" im Sprengel Museum Hannover (taz) und "Shift. KI und eine zukünftige Gesellschaft" im Marta Herford (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2023 - Kunst

Bild: Anton Hofreiter, Tulpen in Südtirol, 2021, Courtesy Anton Hofreiter/ Galerie pavlov's dog

Naive Tulpenporträts von Anton Hofreiter, Installationen von Meret Becker, Papierarbeiten von Michael Stich, Gemälde des Rappers Cro oder von Peter Doherty - all das versammelt die Ausstellung "Beyond Fame" im Düsseldorfer NRW Forum, die Hanno Rauterberg in der Zeit ganz spielerisch vorführt, "wie abgekapselt und scheinheilig es ansonsten in der Museumsszene zugeht. Obwohl es die Kuratoren ungern zugeben, sie stehen vor einer gewaltigen Begründungslücke, ja einem Begründungabgrund. Denn warum werden manche Künstler hoch gehandelt und andere in ihre Hobbykeller verbannt? So gut wie nie wird offen diskutiert, was Museen heute noch unter Qualität verstehen. Wenn formale Aspekte bei der Bewertung keine Rolle mehr spielen, worum geht es dann? Was spricht noch dagegen, auch die sogenannten Laien und Amateure auszustellen, solange sie innig und ernsthaft an ihrer Kunst arbeiten? Das jedenfalls wäre für ein Kunstsystem, das stärker denn je ums Soziale kreist, um Emanzipation und Egalität, ein naheliegender Schritt." Hm, sollte es nicht eher mehr ums Künstlerische kreisen?

Für Monopol hat sich Maja Goetz mit Annie Sprinkle und Beth Stephens auf einen "ökosexuellen Spaziergang" begeben, zu dem die beiden Künstlerinnen auf der Mannheimer Bundesgartenschau geladen haben. Zunächst muss Goetz lernen, wie "man Liebe mit der Erde machen" oder "dirty mit ihren Pflanzen sprechen" kann. Aber Vorsicht, vielleicht sagt ein Baum ja auch mal nein: "An diesem Tag scheinbar nicht. Später sagt eine der Künstlerinnen: 'Mein Baum war erst etwas schüchtern, aber dann hat er gefragt, ob ich ihn noch mehr lecken kann. Er war ein guter Küsser!' Sie bedanken sich bei den Bäumen, mit denen sie eben noch Zärtlichkeiten ausgetauscht haben. Ob die Besucherinnen befremdlich finden, was sie eben gesehen haben?"

Außerdem: Auf den "Glauben und Zweifeln"-Seiten schreibt die Künstlerin Julia Krahn über ihr Projekt "St. Javelin", für das sie geflüchtete ukrainische Frauen als Sinnbilder des Friedens inszenierte. Im Standard porträtiert Katharina Rustler die estnische Künstlerin Kris Lemsalu, deren Skulptur "Chará" , ein Mix aus Herz, Portal und Vagina, derzeit auf dem Kunstplatz auf dem Wiener Graben zu sehen ist, und die von der Kunstwelt gefeiert und von der FPÖ kritisiert wird. Besprochen wird die Online-Ausstellung "De-Zentralbild", die das Leben von MigrantInnen in der DDR zeigt (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2023 - Kunst

Paul Delvaux, Das Viaduct. © Foundation Paul Delvaux, Koksijde, Belgium / VEGAP - SABAM. Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemysza.


FAZ-Kritiker Paul Ingendaay taucht im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid ab ins "Reich der Schatten, der Ängste, des Aberglaubens und geheimen Wissens". Das Museum hat seine Sammlung auf "Spuren des Okkulten" untersucht und fördert so einige Kuriositäten zu Tage, so der angenehm gegruselte Kritiker. So erscheint Edvard Munchs Ölgemälde "Abend" von 1888 noch viel unheimlicher, wenn man per Röntgenverfahren die zweite Frauenfigur entdeckt, die vom Künstler später wieder übermalt wurde, erfahren wir. Sensationell ist vor allem eine Entdeckung, die man in José de Riberas berühmter Pietà von 1633 machen kann. Man sieht sie aber nur, wenn man ganz nah an das Bild herangeht, verrät der Kritiker, dann blickt es nämlich zurück: "Tatsächlich, ein Auge, gleich unterhalb des linken Oberarms Christi; eher kein wohlwollendes, sondern ein kritisches, vielleicht sogar wütendes Auge. Kunstvoll simulieren die Falten des Leichentuchs den Ausschnitt eines Gesichts. Sollen wir darin das Auge des Malers sehen? Oder das Auge Gottes, das aus dem Leichentuch heraus auf das Leiden seines Sohnes schaut? Und was, wenn es sich um den Blick des Bösen handelte - welches nach alter christlicher Auffassung niemals schläft, sondern stets wachsam die Augen offen hält? Wie es sich für eine Ausstellung über das Okkulte und Geheime gehört, werden unsere Fragen an die Kunst nicht weniger, sondern mehr."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Plastic World" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (SZ) (unser Resümee).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2023 - Kunst

Sun Mu, "Lied des Friedens", 2018


Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel den aus Nordkorea stammenden Maler Sun Mu, der gerade im Berliner Kunstraum Meinblau ausstellt. Der Künstler, der in seinem Heimat längst Persona non grata ist, war ursprünglich regimetreuer Propagandamaler, floh in den 1990er Jahren nach Südkorea und träumt in seinen Werken von einem vereinten Korea: "Sun Mu ist ein lockerer, angstfreier Typ. Ein Mann der direkten Botschaften und kräftigen Farben, subtil ist nichts in seiner Kunst, satirisch subversiv aber schon. Dass sich Sun Mu auch als Menschenrechts- und Friedensaktivist sieht, wie Bernhard Draz anmerkt, lässt sich eins zu eins draußen an der Hauswand ablesen, wo die Flaggen von Nordkorea und den USA vom Dach herunterbaumeln. Unten verschlungen zu einem Knoten, der das spannungsreiche Verhältnis der Staaten symbolisiert. Wie die Arbeit heißt? 'Knot', Knoten, grinst Sun Mu. Doofe Frage, wie auch sonst."

Zanele Muholi, Brave Beauties, Durban 2020


Beeindruckt steht Philipp Meier (NZZ) im Kunstmuseum Luzern, wo die südafrikanische Fotografin Zanele Muholi ihre Porträtfotos ausstellt. Muholi will mit ihren Arbeiten gegen die Verfolgung Homosexueller in ihrer Heimat protestieren, die immer öfter durch "korrigierende Vergewaltigungen" geheilt werden sollen. "Hunderten von lesbischen und bisexuellen Frauen sowie Transpersonen hat Zanele Muholi mit ihrer Fotokunst ein Gesicht verliehen. Sie ist eine Vorkämpferin der queeren Lebenswelt Südafrikas. Und diese erhält in der Ausstellung im Luzerner Kunstmuseum ein eindrücklich schillerndes Antlitz. Was darin zu lesen steht: Wut, Trotz, aber auch Wunsch nach Selbstbestimmung und Suche nach einer eigenständigen Identität. ... 'Wir 'queeren' den Raum, um ihn einzunehmen und um sicherzustellen, dass Schwarze Trans-Körper ebenfalls Teil des öffentlichen Raums sind', sagt Muholi. Damit sind ihre Bilder auch ein hochpolitisches Statement."

Ursula Scheer schreibt in der FAZ über einen komplexen Fall möglicher Beutekunst: Ein Zuschauer der BR-Sendung "Kunst + Krempel" identifizierte 2008 ein dort vorgestelltes Objekt als ein Tafelbild des Belgischen Malers Frans Francken des Jüngeren. Bis 1945 hing das Bild im Hitler'schen Führerbau. Jedoch: "Kurz nach Hitlers Selbstmord in Berlin schon wurde das Münchner Depot geplündert. Es ist immer noch einer der größten ungeklärten Kunstdiebstähle des vorigen Jahrhunderts. Die meisten gestohlenen Objekte sind nie wieder aufgetaucht - Frans Franckens 'Bergpredigt' allerdings schon." Am 21. September soll das Werk nun versteigert werden, doch noch sind zahlreiche Fragen offen: "Denn wem das Gemälde einst gehörte, ob es womöglich aus jüdischem Vorbesitz stammt, ist immer noch unklar. Weiter zurück als bis 1943 reicht die Provenienzgeschichte nicht, trotz aller vom Auktionshaus und der Einlieferin unterstützter Recherchen Klingens mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte."

Weitere Artikel: Jana Talke unterhält sich im Monopol-Magazin mit dem ukrainisch-russischen Künstler Nikolau Estis. Jana Ballweber berichtet in der FR über Sicherheitslücken im IT-System des Auktionshauses Christie's.

Besprochen werden die Anton-Kokl-Schau im Museum Wiesbaden (FR), die online-Ausstellung "De-Zentralbild" über Migrant:innen in der DDR (Tagesspiegel) sowie die Ausstellungen "Das Leben des BODI" im LVR-Landesmuseum Bonn (FAZ), "Farbe Bild Raum. Bart van der Leck im Dialog" auf der Insel Hombroich (taz), "Oscar Tuazon. Was wir brauchen" in der Kunsthalle Bielefeld (taz), "Paul McCartney Photographs 1963-64" in der National Portrait Gallery London (NZZ) und "Diva" im Victoria & Albert Museum London (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2023 - Kunst

Der neue Mensch, der Ansager, der Konstrukteur. El Lissitzky: Das Selbstbildnis als Kestner Gesellschaft, Installationsansicht, Foto: Volker Crone, 2023 

"Tiefe Spuren" hinterließ der russische Avantgardist El Lissitzky bei seinem ersten Besuch in der Kestnergesellschaft in Hannover im Jahr 1923, weiß FAZ-Kritiker Georg Imdahl. Dort, wo er seine allererste Einzelausstellung hatte, kann man in einer Gruppenschau nun eine Auswahl von Arbeiten des Konstruktivisten betrachten, so Imdahl: Lissitzky war "ein Multitalent, das Kunst und Ästhetik als sozialutopischen Transmissionsriemen auffasste und die schneidige Form als Ausdruck von Fortschritt und Zukunft begriff". Ergänzt werden seine Arbeiten durch eine Auswahl von Werken seiner künstlerischen Nachfolger: "Einen alten Drahtzaun, einen roten Anorak und rohe Holzplatten kombiniert Martin Boyce, Jahrgang 1967, zu einem Mobile. Der schottische Bildhauer triggert damit Insignien der Moderne: das Raster, die Abstraktion, das Objet trouvé - prosaisch, aber völlig illusionslos. Gute Wahl auch dies: Marysia Lewandowska lässt Lissitzkys spätere Frau, Sophie Küppers, in einer fiktiven Rede als ebenso fiktive Leiterin der Kestnergesellschaft anno 1923 zu Wort kommen. Geschickt lässt die 1955 geborene Polin sie nicht nur informativ über die damalige Kunstszene sprechen, sondern auch über ihre Rolle als Frau und Mutter."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Thomas Thiel über eine Frankfurter Tagung, die sich mit der Frage auseinandersetzte, ob Kunst noch autonom ist. Die türkische Kunstszene ist in Aufruhr, berichtet Susanne Güsten im tagesspiegel: Die Istanbuler Stiftung für Kultur und Kunst (IKSV) benannte überraschend die britische Kunsthistorikerin Iwona Blazwick als Kuratorin für die 18. Biennale Istanbul, und nicht die vom Expertenbeirat einhellig empfohlene türkische Kuratorin Defne Ayas.

Besprochen wird die Augmented-Reality-Ausstellung "Apis Gropius" der serbischen Performance- und Installationskünstlerin Ana Prvački im Gropius Bau Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2023 - Kunst

Mona Hatoum: "Remains of the day". Foto: Kunsthaus Zürich. 

NZZ-Kritiker Philip Meier sieht in der Ausstellung "Stellung beziehen" im Kunsthaus Zürich zwei Künstlerinnen aus unterschiedlichen Epochen in einen kraftvollen Dialog über erlebtes Leid treten. Wie "ein Schlag ins Gesicht" wirken Käthe Kollwitz' schwarz-weiße Druckgrafiken, in denen sie Krieg und Tod verarbeitet und sind dabei, das sollte man ob der Eindringlichkeit der Bilder nicht vergessen, von hoher technischer Qualität, so Meier. Auf eher "poetisch-symbolische" Weise intervenieren die Kunstwerke der in Beirut geborenen Künstlerin Mona Hartoum: "Ein überdimensionierter Rosenkranz aus schwarzen Kanonenkugeln liegt da ausgebreitet auf dem Boden ('Worry Beads'). Assoziationen zu Religion und Gewalt kommen auf. In schwarzen Stahlkäfigen leuchten blutrot amorphe Glasobjekte, die an Brüste, Blasen, Mägen oder an andere Organe erinnern ('Cellules'). Da berührt sich schön-schreckliche Ästhetik mit Kritik an Machtstrukturen, Kontrollmechanismen und Formen der Körperstrafe."

Weitere Artikel: In der FAS findet der französische Kunsthistoriker Jean Pierre de Rycke heraus, wer die historische Person hinter Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" war. Modell für die nachdenkliche Rückansicht stand aller Wahrscheinlichkeit zu Folge der Forstbeamte Karl Albrecht Holte von den Brincken.

Besprochen werden die Ausstellung "Action, Geste, Peinture. Femmes dans l'abstraction, une histoire mondiale (1940-1970)" in der Fondation Vincent van Gogh in Arles (FAS), die Ausstellung "Im Freien" mit Werken des Künstlers Norbert Bisky im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst in Zwickau (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2023 - Kunst

Michael Armitage: Tea Picker, 2023. Foto: Markus Tretter. Bildrechte: Michael Armitage und David Zwirner Forman Family Collection.

"Seine Kunst lebt von dieser nagelspitzen Mehrdeutigkeit, der Umkehr der Perspektive und von den beunruhigenden historischen Narben, die das Lachen im Hals stecken lassen", schreibt eine beeindruckte Alexandra Wach in der FAZ zu dem britisch-kenianischen Maler Michael Armitage und seiner Ausstellung "Pathos and the Twilight of the Isle" im Kunsthaus Bregenz. Die Einflüsse, die sich in den Gemälden zeigen, sind vielfältig, leben aber "vor allem vom überbordenden Gestus des Malerischen. Es ist aber auch die Mischung aus Mythen, Erinnerung und surrealen Phantasien: Armitage verknüpft sie mit ostafrikanischen Kunsttraditionen und postkolonialen Realitäten. Zugleich gelingt es ihm, an europäische Maler wie Manet oder Cézanne anzuknüpfen und Landschaften, die nur wenige dieser Titanen bereisten, gegen jede Exotik politisch aufzuladen", lobt Wach, während sie auf eine an Gaugin erinnernde Frauengruppe blickt, die Armitage auf löchrigem Lubugo gemalt hat, einem Stoff, der aus Feigen gewonnen wird: "Während man die hochgesteckten Haare der Frauen in rosa Kleidern betrachtet, die sich dem erotisch aufgeladenen tansanischen Tanz Baikoko hingeben, kommt man nicht umhin, die Falten und geflickten Risse ins Visier zu nehmen, die der Leinwand bei aller Entrücktheit des Motivs den Charme eines Schlachtfelds verleihen.

Tolle Künstlerin, aber besonders viel Mühe scheint sich Direktor Klaus Biesenbach mit der Ausstellung "75/75" von Isa Genzken in der Neuen Nationalgalerie nicht gegeben zu haben, bedauert Hans-Jürgen Hafner in der taz und wendet sich den grundlegenden Problemen zu, die er darin sieht: Die Preußenstiftung, zu der die Nationalgalerie gehört, "ist fehlkonstruiert, überverwaltet und unterfinanziert. Vom Tisch ist die Empfehlung der einst von Grütters eingesetzten Wissenschaftsrat-Experten, den Museums-, Bibliotheks- und Archivgiganten in Fachabteilungen aufzuspalten." Die angestrebte Reform kommt auch nicht so richtig in die Gänge: "Dass sich nach einer Stiftungsratssitzung im Juli 'sämtliche Bundesländer weiterhin an der Finanzierung der Stiftung beteiligen wollen', klingt gut, aber nicht neu. So wirkt es zu gleichen Teilen heroisch und verloren, wenn Klaus Biesenbach jetzt den Ball bei den einzelnen Museen sieht: 'Wir müssen mit den Innovationen anfangen.'"

Besprochen wird Ika Hubers Ausstellung "À la Recherche" in der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin (FAZ).