Essay
Uneinsehbare black box
Von Daniel Rotstein
01.10.2026. Rachel Szors und Yuval Abrahams Dokumentarfilm "Naza", der in Venedig mit Applaus überschüttet und mit einem Preis bedacht wurde, ist allein in Berlin in zehn Kinos angelaufen. In diesem Film wird unter anderem behauptet, Israel sei bereit, 500 tote Zivilisten als "Kollateralschäden" zu akzeptieren, wenn es gelinge, bestimmte Hamas-Führer zu töten. Nur ist kein einziges Ereignis überliefert, wo eine solche Anzahl von Toten von den Israelis in Kauf genommen wurde. Abrahams Berufung auf den Guardian als ein Institut, das seine Aussagen überprüfe, ist nicht stichhaltig."Hast du von diesem Film gehört? Schlimm. Dort sagen israelische Militärangehörige, sie töten 500 Menschen in Gaza, nur um an ein einziges Mitglied der Hamas zu kommen".
Mit diesen Worten passte mich ein Kollege vor einigen Tagen vor unserem Büro ab.
Nach einigen Sekunden der Informationsverarbeitung formulierte mein Hirn eine erste Reaktion: Wann und wo ist das passiert? Das israelische Militär tötet bei einem Schlag gegen die Hamas nicht 500 oder auch hundert Menschen, ohne dass dies weltweit in den Schlagzeilen nachzulesen wäre.
Als inzwischen berühmt-berüchtigtes Beispiel sei die Explosion am Al-Ahli Krankenhaus am 17. Oktober 2023 genannt. Nur Minuten nach einem Raketentreffer überschlugen sich die Agenturmeldungen, nach etwa einer halben Stunde wurde in allen großen Medien von circa 500 Toten bei einem israelischen Angriff spekuliert. Heute ist längst klar, dass es weit weniger Tote gab, und dass es sich um "friendly fire" gehandelt hatte, eine fehlgegangene Rakete des Islamischen Dschihad. Klar ist auch, dass sich ein tatsächliches oder auch nur mutmaßliches Ereignis dieser Größenordnung nicht hätte verheimlichen lassen. Jene Behauptung der 500 kollateralen Opfer müsste demnach, falls es sich nicht nur um ein rein theoretisches Szenario handelt, einem bestimmten Ereignis zuzuordnen sein.
Im Film hört es sich dann etwas differenzierter an: Eine der Quellen behauptet, es gebe eine Freigabe des Militärs, bis zu 500 zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Er wisse nicht, wie viele Menschen bei dieser Operation tatsächlich starben, da dies nie untersucht worden sei. Es bleibt trotzdem eine Tatsache, dass falls es ein solches Ereignis mit einer stark unverhältnismäßigen Anzahl an Todesopfern gegeben hat, es sich mit einem konkreten Ereignis verknüpfen lassen müsste. Dies unterlässt der Film jedoch offensichtlich, es ist auch nach der viel diskutierten Premiere kein einzelnes Ereignis bekannt, auf das sich der Film in dieser viel zitierten Passage beziehen würde. Daher konnte die IDF auch glaubhaft bestreiten, dass jene Order bezüglich der 500 oder auch von deutlich weniger kollateralen Opfer je existiert habe.
Der Film stützt sich allein auf die Aussagen von 24 angeblich im Gaza Krieg zum Einsatz gekommenen israelischen Soldaten. Angeblich, da durch die Anonymisierung aller Primärquellen selbst diese Information nicht unabhängig verifiziert werden kann. Anders als etwa im Film "The Gatekeepers" (mehr hier und Video), in dem sich ehemalige Geheimdienstoffiziere kritisch über die israelische Besatzung des Westjordanlandes und die Überwachung von Gaza äußern.
Die Filmemacher Rachel Szor und Yuval Abraham gaben im Interview mit "Titel, Thesen, Temperamente" an, dass die Richtigkeit der Informationen durch Überschneidungen von Aussagen der einzelnen Quellen kontrolliert wurde. Diese Überprüfung bleibt also innerhalb einer für den Beobachter von außen uneinsehbaren black box.
Sie merkten außerdem an, dass sie bei der Recherche mit der Zeitung The Guardian zusammenarbeiteten. Nun half der Guardian nicht nur bei der Recherche, er fungierte bei diesem Film zugleich als Produzent.
Dies ist nicht die erste Zusammenarbeit zwischen Yuval Abraham und dem Guardian. Letztes Jahr publizierte die Zeitung eine Titelgeschichte, hervorgegangen aus Recherchen des Guardian und der "israelisch-palästinensischen Publikation +972" für die Abraham arbeitet und die unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wird. Der investigative Artikel war vom Guardian betitelt mit den Worten: "Enthüllt: Daten des Israelischen Militärs zeigen, dass der Anteil der Zivilisten unter den Getöteten in Gaza bei 83 Prozent liegt".
Im Artikel wird darauf abgehoben, dass das israelische Militär bisher 8.900 getötete Hamas Mitglieder namentlich identifiziert habe. Diese Zahl wird anschließend einer Gesamtzahl von 53.000 Opfern im Gazastreifen gegenübergestellt und festgestellt, dass sie einen Anteil von 17 Prozent ausmacht. Der Schluss der Autoren besteht darin, aus diesen Angaben zu folgern, dass es sich bei 83 Prozent der Toten von Gaza um Zivilisten handeln müsse. Dies war bereits das gesamte Ausmaß der "investigativen Recherche".
In der Version des Guardian fehlt auch ein Hinweis, der sich in der Version des +927 Magazins noch wiederfand. Nämlich die nicht unerhebliche Kleinigkeit, dass es sich bei den dem IDF namentlich bekannten Anteil der toten Hamas-Kämpfer in keiner Weise um die Gesamtzahl handeln muss.
Man könnte auch etwas schärfer formulieren, dass diese Zahl der namentlich bekannten Toten absolut nichts über die Gesamtzahl oder das Verhältnis von zivilen und militärischen Opfern aussagt. Es handelte sich lediglich um eine offensichtlich unvollständige Namensliste. Zurückgehalten wurden dagegen Informationen über die auffallend hohe Rate junger Männer unter der Gesamtzahl der Toten. Stattdessen wurde die praktisch aus der Luft gegriffene Zahl von 83 Prozent Zahlen aus Srebrenica oder Ruanda gegenübergestellt, um den Vorwurf des Völkermordes zu untermauern.
Weder Oscar- und Biennale-Gewinner Abraham noch die Co-Autorin des Artikels, die Chefkorrespondentin des Guardian für den Nahen Osten Emma Graham-Harrison, sind dumme Menschen. Beide wussten, dass ihre Zahlen die von ihnen gewünschte Geschichte nicht hergaben. Dennoch publizierten sie diese Story als Aufmacher in ihrer gedruckten Ausgabe sowie auf ihrer Webseite. Weil sie außerdem wussten, dass sie sich gut verkaufen würde, und sie zudem sicher sein konnten, dass ihnen daraus niemand einen Strick drehen würde. Es sind Dutzende Beispiele dieser Art von Halbwahrheiten und Verdrehungen der Tatsachen für den Guardian aus den letzten Jahren nachweisbar. Daher ist es wenig überraschend, dass sie sich der Kunstform des Dokumentarfilms bedienen.
Dieser kann einen journalistischen Anspruch haben, aber das muss er nicht zwangsläufig. Er kann auch eine komplett subjektive, künstlerische Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Macher darstellen. Sie sind nicht wie in einer rein journalistischen Form dazu gezwungen, Belege für den Zusammenhang mit der intersubjektiven Realität zu liefern.
Auch als Publikum kann man einem Dokumentarfilm 25 Minuten stehende Ovationen widmen, ohne sich die Frage stellen zu müssen, wieviel von dem gerade gesehenen der Wahrheit entspricht.
Aus diesen Gründen kann der Dokumentarfilm als ideales Medium für politische Propaganda dienen. Die Mittel der Montage, der Suggestion, sind spätestens seit dem Werk von Sergei Eisenstein und Leni Riefenstahl bekannt, entfalten aber immer noch ihre unwiderstehliche Wirkung auf die Zuschauer. In dieser Hinsicht ist es nur logisch, dass sich der Guardian als Dokumentarfilmproduzent in Sachen Israel geriert.
Der Guardian liefert seit dem 7. Oktober 2023 das erschütterndste Beispiel einer Form von Anti-Journalismus im angelsächsischen Raum, die beim Thema Israel auch andere renommierte Medienhäuser wie die New York Times, die Washington Post oder CNN erfasst hat. Wer nur den Guardian oder in nur leicht geringerem Maße jene anderen Medien konsumiert, muss im Grunde davon überzeugt sein, dass die Hamas seit dem 8. Oktober nicht mehr aktiv ins Kriegsgeschehen eingegriffen hat und Israel einen Rachefeldzug allein gegen die Zivilbevölkerung Gazas führt.
Omer Bartov durfte in der New York Times hierzu passend bereits im letzten Jahr verkünden, dass die Hamas als Organisation nicht mehr bestehe (in der Welt wiederholte er die Behauptung). Die Weiterexistenz der Hamas und ihre Strategie der zivilen Schutzschilde wird in all diesen Medien praktisch totgeschwiegen.
Ob die Quellen aus diesem Film glaubwürdig sind, oder, wie Vertreter des IDF behaupten, teilweise nicht einmal in die Kommandostrukturen eingebunden waren, über die sie Zeugnis ablegen, ist schwer von außen zu beurteilen. Eine Beurteilung durch ein Medium wie den Guardian, das sich in jener Art und Weise in den letzten drei Jahren journalistisch selbst diskreditiert hat, stellt in jedem Fall keine unabhängige Verifizierung dar.
Als Abschluss eine in demselben Maße verifizierte oder auch unverifizierte Aussage wie die der 24 Militärangehörigen, die in "Naza" interviewt wurden: Eine Freundin von mir hatte vor einiger Zeit einen Gast zum Abendessen eingeladen, der in einer Einheit der israelischen Armee dient. Diese Einheit ist für die Bergung von getöteten oder verwundeten Soldaten in Gaza zuständig. Er erzählte, dass er eines Tages einen getöteten Soldaten bergen musste, der aus einem Scharfschützennest der Hamas heraus erschossen wurde. Das IDF entschied sich kurz zuvor, dieses Nest nicht zu bombardieren, da es sich in der Nähe von Zivilisten befinde. Der Gast sagte noch, dass er lange in Gaza stationiert war und nicht ein einziges Wohngebäude betrat oder vorfand, welches nicht über einen Hamas-Tunnel verfügte, als Waffendepot oder gleich als Basis für Hamas-Kämpfer verwendet wurde.
Diese Quelle würde sich, selbst wenn sie unabhängig verifiziert wäre, niemals im Guardian oder dem +972 Magazin wiederfinden. Und hierin besteht die eigentliche Tragik der Produzenten. Denn auch standfeste Unterstützer Israels würden angesichts einer solchen Dokumentation innehalten und ihre Position überdenken, wenn ihre Macher als integre, sich der Wahrheitsfindung verschriebene Journalisten bekannt wären. Yuval Abraham sagte, er wolle vor allem, dass die Menschen in Israel den Film sähen. Doch dort ist die völlige Einseitigkeit seiner Sichtweise bekannt. Es ist bekannt, dass er seit langem mit Aktivisten wie dem Vizepräsidenten des "Euro-Med Human Rights Monitor" zusammenarbeitet, der die Hamas glorifiziert. Es werden somit nur diejenigen den Film sehen, die bereits dieselbe Sichtweise vertreten wie er, ein Phänomen, das eine weltweite Tendenz im Medienkonsum abbildet.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Films hat der Journalismus als Ganzes durch die Methoden des Framing, der Halbwahrheiten oder Tatsachenverdrehungen von Medien wie dem Guardian und Medienschaffenden wie Yuval Abraham in Gaza schweren Schaden genommen. Es ist zu hoffen, dass der von ihm produzierte Film in Deutschland auf ein kritischeres Publikum trifft als in Venedig.
Daniel Rotstein
Mit diesen Worten passte mich ein Kollege vor einigen Tagen vor unserem Büro ab.
Nach einigen Sekunden der Informationsverarbeitung formulierte mein Hirn eine erste Reaktion: Wann und wo ist das passiert? Das israelische Militär tötet bei einem Schlag gegen die Hamas nicht 500 oder auch hundert Menschen, ohne dass dies weltweit in den Schlagzeilen nachzulesen wäre.
Als inzwischen berühmt-berüchtigtes Beispiel sei die Explosion am Al-Ahli Krankenhaus am 17. Oktober 2023 genannt. Nur Minuten nach einem Raketentreffer überschlugen sich die Agenturmeldungen, nach etwa einer halben Stunde wurde in allen großen Medien von circa 500 Toten bei einem israelischen Angriff spekuliert. Heute ist längst klar, dass es weit weniger Tote gab, und dass es sich um "friendly fire" gehandelt hatte, eine fehlgegangene Rakete des Islamischen Dschihad. Klar ist auch, dass sich ein tatsächliches oder auch nur mutmaßliches Ereignis dieser Größenordnung nicht hätte verheimlichen lassen. Jene Behauptung der 500 kollateralen Opfer müsste demnach, falls es sich nicht nur um ein rein theoretisches Szenario handelt, einem bestimmten Ereignis zuzuordnen sein.
Im Film hört es sich dann etwas differenzierter an: Eine der Quellen behauptet, es gebe eine Freigabe des Militärs, bis zu 500 zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Er wisse nicht, wie viele Menschen bei dieser Operation tatsächlich starben, da dies nie untersucht worden sei. Es bleibt trotzdem eine Tatsache, dass falls es ein solches Ereignis mit einer stark unverhältnismäßigen Anzahl an Todesopfern gegeben hat, es sich mit einem konkreten Ereignis verknüpfen lassen müsste. Dies unterlässt der Film jedoch offensichtlich, es ist auch nach der viel diskutierten Premiere kein einzelnes Ereignis bekannt, auf das sich der Film in dieser viel zitierten Passage beziehen würde. Daher konnte die IDF auch glaubhaft bestreiten, dass jene Order bezüglich der 500 oder auch von deutlich weniger kollateralen Opfer je existiert habe.
Der Film stützt sich allein auf die Aussagen von 24 angeblich im Gaza Krieg zum Einsatz gekommenen israelischen Soldaten. Angeblich, da durch die Anonymisierung aller Primärquellen selbst diese Information nicht unabhängig verifiziert werden kann. Anders als etwa im Film "The Gatekeepers" (mehr hier und Video), in dem sich ehemalige Geheimdienstoffiziere kritisch über die israelische Besatzung des Westjordanlandes und die Überwachung von Gaza äußern.
Die Filmemacher Rachel Szor und Yuval Abraham gaben im Interview mit "Titel, Thesen, Temperamente" an, dass die Richtigkeit der Informationen durch Überschneidungen von Aussagen der einzelnen Quellen kontrolliert wurde. Diese Überprüfung bleibt also innerhalb einer für den Beobachter von außen uneinsehbaren black box.
Sie merkten außerdem an, dass sie bei der Recherche mit der Zeitung The Guardian zusammenarbeiteten. Nun half der Guardian nicht nur bei der Recherche, er fungierte bei diesem Film zugleich als Produzent.
Dies ist nicht die erste Zusammenarbeit zwischen Yuval Abraham und dem Guardian. Letztes Jahr publizierte die Zeitung eine Titelgeschichte, hervorgegangen aus Recherchen des Guardian und der "israelisch-palästinensischen Publikation +972" für die Abraham arbeitet und die unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wird. Der investigative Artikel war vom Guardian betitelt mit den Worten: "Enthüllt: Daten des Israelischen Militärs zeigen, dass der Anteil der Zivilisten unter den Getöteten in Gaza bei 83 Prozent liegt".
Im Artikel wird darauf abgehoben, dass das israelische Militär bisher 8.900 getötete Hamas Mitglieder namentlich identifiziert habe. Diese Zahl wird anschließend einer Gesamtzahl von 53.000 Opfern im Gazastreifen gegenübergestellt und festgestellt, dass sie einen Anteil von 17 Prozent ausmacht. Der Schluss der Autoren besteht darin, aus diesen Angaben zu folgern, dass es sich bei 83 Prozent der Toten von Gaza um Zivilisten handeln müsse. Dies war bereits das gesamte Ausmaß der "investigativen Recherche".
In der Version des Guardian fehlt auch ein Hinweis, der sich in der Version des +927 Magazins noch wiederfand. Nämlich die nicht unerhebliche Kleinigkeit, dass es sich bei den dem IDF namentlich bekannten Anteil der toten Hamas-Kämpfer in keiner Weise um die Gesamtzahl handeln muss.
Man könnte auch etwas schärfer formulieren, dass diese Zahl der namentlich bekannten Toten absolut nichts über die Gesamtzahl oder das Verhältnis von zivilen und militärischen Opfern aussagt. Es handelte sich lediglich um eine offensichtlich unvollständige Namensliste. Zurückgehalten wurden dagegen Informationen über die auffallend hohe Rate junger Männer unter der Gesamtzahl der Toten. Stattdessen wurde die praktisch aus der Luft gegriffene Zahl von 83 Prozent Zahlen aus Srebrenica oder Ruanda gegenübergestellt, um den Vorwurf des Völkermordes zu untermauern.
Weder Oscar- und Biennale-Gewinner Abraham noch die Co-Autorin des Artikels, die Chefkorrespondentin des Guardian für den Nahen Osten Emma Graham-Harrison, sind dumme Menschen. Beide wussten, dass ihre Zahlen die von ihnen gewünschte Geschichte nicht hergaben. Dennoch publizierten sie diese Story als Aufmacher in ihrer gedruckten Ausgabe sowie auf ihrer Webseite. Weil sie außerdem wussten, dass sie sich gut verkaufen würde, und sie zudem sicher sein konnten, dass ihnen daraus niemand einen Strick drehen würde. Es sind Dutzende Beispiele dieser Art von Halbwahrheiten und Verdrehungen der Tatsachen für den Guardian aus den letzten Jahren nachweisbar. Daher ist es wenig überraschend, dass sie sich der Kunstform des Dokumentarfilms bedienen.
Dieser kann einen journalistischen Anspruch haben, aber das muss er nicht zwangsläufig. Er kann auch eine komplett subjektive, künstlerische Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Macher darstellen. Sie sind nicht wie in einer rein journalistischen Form dazu gezwungen, Belege für den Zusammenhang mit der intersubjektiven Realität zu liefern.
Auch als Publikum kann man einem Dokumentarfilm 25 Minuten stehende Ovationen widmen, ohne sich die Frage stellen zu müssen, wieviel von dem gerade gesehenen der Wahrheit entspricht.
Aus diesen Gründen kann der Dokumentarfilm als ideales Medium für politische Propaganda dienen. Die Mittel der Montage, der Suggestion, sind spätestens seit dem Werk von Sergei Eisenstein und Leni Riefenstahl bekannt, entfalten aber immer noch ihre unwiderstehliche Wirkung auf die Zuschauer. In dieser Hinsicht ist es nur logisch, dass sich der Guardian als Dokumentarfilmproduzent in Sachen Israel geriert.
Der Guardian liefert seit dem 7. Oktober 2023 das erschütterndste Beispiel einer Form von Anti-Journalismus im angelsächsischen Raum, die beim Thema Israel auch andere renommierte Medienhäuser wie die New York Times, die Washington Post oder CNN erfasst hat. Wer nur den Guardian oder in nur leicht geringerem Maße jene anderen Medien konsumiert, muss im Grunde davon überzeugt sein, dass die Hamas seit dem 8. Oktober nicht mehr aktiv ins Kriegsgeschehen eingegriffen hat und Israel einen Rachefeldzug allein gegen die Zivilbevölkerung Gazas führt.
Omer Bartov durfte in der New York Times hierzu passend bereits im letzten Jahr verkünden, dass die Hamas als Organisation nicht mehr bestehe (in der Welt wiederholte er die Behauptung). Die Weiterexistenz der Hamas und ihre Strategie der zivilen Schutzschilde wird in all diesen Medien praktisch totgeschwiegen.
Ob die Quellen aus diesem Film glaubwürdig sind, oder, wie Vertreter des IDF behaupten, teilweise nicht einmal in die Kommandostrukturen eingebunden waren, über die sie Zeugnis ablegen, ist schwer von außen zu beurteilen. Eine Beurteilung durch ein Medium wie den Guardian, das sich in jener Art und Weise in den letzten drei Jahren journalistisch selbst diskreditiert hat, stellt in jedem Fall keine unabhängige Verifizierung dar.
Als Abschluss eine in demselben Maße verifizierte oder auch unverifizierte Aussage wie die der 24 Militärangehörigen, die in "Naza" interviewt wurden: Eine Freundin von mir hatte vor einiger Zeit einen Gast zum Abendessen eingeladen, der in einer Einheit der israelischen Armee dient. Diese Einheit ist für die Bergung von getöteten oder verwundeten Soldaten in Gaza zuständig. Er erzählte, dass er eines Tages einen getöteten Soldaten bergen musste, der aus einem Scharfschützennest der Hamas heraus erschossen wurde. Das IDF entschied sich kurz zuvor, dieses Nest nicht zu bombardieren, da es sich in der Nähe von Zivilisten befinde. Der Gast sagte noch, dass er lange in Gaza stationiert war und nicht ein einziges Wohngebäude betrat oder vorfand, welches nicht über einen Hamas-Tunnel verfügte, als Waffendepot oder gleich als Basis für Hamas-Kämpfer verwendet wurde.
Diese Quelle würde sich, selbst wenn sie unabhängig verifiziert wäre, niemals im Guardian oder dem +972 Magazin wiederfinden. Und hierin besteht die eigentliche Tragik der Produzenten. Denn auch standfeste Unterstützer Israels würden angesichts einer solchen Dokumentation innehalten und ihre Position überdenken, wenn ihre Macher als integre, sich der Wahrheitsfindung verschriebene Journalisten bekannt wären. Yuval Abraham sagte, er wolle vor allem, dass die Menschen in Israel den Film sähen. Doch dort ist die völlige Einseitigkeit seiner Sichtweise bekannt. Es ist bekannt, dass er seit langem mit Aktivisten wie dem Vizepräsidenten des "Euro-Med Human Rights Monitor" zusammenarbeitet, der die Hamas glorifiziert. Es werden somit nur diejenigen den Film sehen, die bereits dieselbe Sichtweise vertreten wie er, ein Phänomen, das eine weltweite Tendenz im Medienkonsum abbildet.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Films hat der Journalismus als Ganzes durch die Methoden des Framing, der Halbwahrheiten oder Tatsachenverdrehungen von Medien wie dem Guardian und Medienschaffenden wie Yuval Abraham in Gaza schweren Schaden genommen. Es ist zu hoffen, dass der von ihm produzierte Film in Deutschland auf ein kritischeres Publikum trifft als in Venedig.
Daniel Rotstein
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