07.01.2026. Nicht dass Sophie von der Tann, die ARD-Korrespondentin in Israel, keine Kritik verdiente. Aber die Debatte, die aus Anlass des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises über ihre Arbeit entbrannte, war zu personalisiert: Ihre Verteidiger konnten sich dahinter verstecken und behaupten, sie gegen eine Kampagne in Schutz zu nehmen. Dabei ist von der Tann kein Einzelfall. Sie verkörpert die antiisraelische Tendenz der öffentlich-rechtlichen und leider auch vieler privater Medien: Man framed, leugnet und schweigt und verzichtet auf die Korrektur von Fehlinformationen. Eine Bestandsaufnahme mit vielen Belegen.
Wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem? Im Fall der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung über den Gaza-Krieg ist dies eine naheliegende Einschätzung. Vor allem in der Jüdischen Allgemeinen erschienen in den letzten zwei Jahren immer wieder (etwa hier) Texte zu einer ideologischen Schlagseite in den Redaktionen des ÖRR, aber auch anderer Medienorgane. Diese wurden von der weiteren Presselandschaft allerdings ignoriert. Erst auf die Entscheidung, den Hanns-Joachim Friedrichs-Preis an die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann zu vergeben, und der scharfen Kritik daran durch Esther Schapira (hier) und Lorenz S. Beckhardt (hier), zwei langjährigen ÖRR-Journalisten, folgte ein breites Medienecho.
In ihren Texten sprechen die beiden bereits viele der zu kritisierenden Punkte an. Dennoch scheint es lohnenswert, den Blick auf das Problem zu weiten: Einmal, um abseits einzelner Akteure die systemische Natur des Problems zu verdeutlichen. So schreibt René Martens in den Übermedien noch im Nachgang zur Debatte unter dem Titel "Alles andere als substanzielle Journalismuskritik", dass die "Angriffe" (unter diesem Begriff subsumiert Martens jegliche Kritik) auf von der Tann und die Berichterstattung in der ARD "unter einem erheblichen Mangel an belastbaren Belegen" litten.
Da dies eine häufiger vorgebrachte Kritik ist, sollen hier Belege für eine Voreingenommenheit im öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) und anderen Medien aufgezeigt werden. Auch eine Analyse der Reaktionen auf die Kritik an von der Tann in SZ, Spiegel, FAZ, und anderen Medien erscheint lohnenswert. Schließlich sollen die Auswirkungen dieser Reaktionen auf das Verhältnis zwischen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und den Vertretern der großen Medien benannt werden. Wie zu zeigen sein wird, ist hier Vertrauen in zentrale Institutionen in einem hohen Maße verloren gegangen. Es wird auf die nächsten Jahrzehnte nicht wiederkehren. Hanns-Joachim Friedrichs wird der Satz zugeschrieben, dass man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich mit keiner Sache gemein mache: Diese Maxime wird von einigen der bekanntesten Vertreter der Branche längst nicht mehr beherzigt.
Eines sollte vorweg genommen werden: Sophie von der Tann ist nicht das Problem. Sie ist lediglich die hierzulande sichtbare Spitze des Eisbergs einer ideologischen Verzerrung in der internationalen Presselandschaft. Es ist weder ihr noch dem Thema gegenüber angemessen, die Debatte derart zu personalisieren, wie dies durch die Debatte um den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis geschehen ist. Es finden sich ausreichend weitere Beispiele von Framing und Desinformation im ÖRR aus der Zeit des Gaza-Krieges an, aus denen die systemische Natur des Problems hervorgeht:
Eine ZDF-"Heute"-Sendung, gedacht für junge Zuschauer, wird von der Moderatorin und Reporterin Alicia Jung begonnen mit den Worten: "Hey, schön, dass ihr dabei seid. ZDF 'heute live'. 28 Staaten fordern, dass der Krieg gegen die Menschen in Gaza, Israels Krieg, das Töten der Menschen aufhört."
Bei #ZDFheute-Live ist vom "Krieg gegen die Menschen in Gaza, Israels Krieg" die Rede. Die von der Moderatorin dabei genannte Erklärung formuliert dies nicht so, es ist ganz offenbar das Wording von @ZDFheute. Als gäbe es keine Hamas-Terroristen und keine Geiseln im Gazastreifen. pic.twitter.com/IaFaIDmqTJ
Dieser rhetorische Dreisprung in "einfacher Sprache" ist ein beredtes Beispiel dafür, wie der Krieg in den betreffenden Redaktionsräumen gesehen wird: Ein Krieg nicht gegen die Hamas, die seit dem 8. Oktober in der Berichterstattung praktisch nicht mehr als Akteur auftaucht, sondern allein gegen "die Menschen in Gaza", einer, der nur von einer Seite ausgeht, und im Grunde auch kein Krieg ist, sondern ein barbarisches "Tötender Menschen" darstellt.
Die Redakteurin Stephanie Rhode beginnt im Deutschlandfunk eine Moderation mit den Worten: "In Gaza treibt die israelische Armee ihren Genozid weiter voran." Sie bezieht sich dabei vor allem auf eine Resolution (hier als pdf-Dokument) von angeblich "400 Genozid-Forschenden" der "International Association of Genocide Scholars" (IAGS). Diese Vereinigung wird auch von Radioeins des RBB und der Süddeutschen Zeitung zitiert. Dass bei der zitierten "IAGS" jeder Mitglied werden kann, unter anderem auch ein "Adolf Hitler", wie sich später in den sozialen Medien herausstellt (mehr hier), wird von diesen Medien nicht mehr berichtet. In den "Tagesthemen" verurteiltARD-Korrespondentin Vera Rudolph arabische Staaten dafür, dass sie Frieden mit Israel geschlossen haben ("Die arabischen Staaten müssen sich auch selbst an die Nase fassen, denn Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate haben ja selbst ein Friedensabkommen mit Israel und führen auch wirtschaftliche Beziehungen"). "Monitor"-Moderator Georg Restle begründet derweil den Mord an zwei israelischen Botschaftsmitarbeitern in Washington mit der "wachsenden Wut auf Israels Regierung". Auch der Deutschlandfunkkommentiert zu jenen Morden eines propalästinensischen Aktivisten in demselben Sinne: "Wieder einmal müssen Menschen für Taten der israelischen Regierung sterben".
Mitglieder von in der EU als Terrororganisationen gelisteten Gruppen wie der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) werden in der "Tagesschau" als "politische Aktivisten" bezeichnet, ohne die offizielle Einstufung der Gruppe zu erwähnen - so geschehen bei der hohen PFLP-Funktionärein Khalida Jarrar, die zu den von Israel freigelassenen palästinenischen Häftlingen gehörte. ÖRR-Redakteure teilen unkommentiert Inhalte von Mitgliedern jener Terrororganisation auf ihren privaten Social-Media-Accounts. Kristin Helberg, eine vom ÖRR häufig eingeladene Nahost-Expertin, bezeichnet die erwähnte "Aktivistin" Jarrar nur als "Politikerin". Helberg können auch im ÖRR geäußerte antiisraelische Verschwörungstheorien und Falschaussagen zu Kindern als Todesopfern nachgewiesen werden. Weitere Aktivisten, die im ÖRR zum Thema Gaza das gewünschte Narrativ verbreiten dürfen, sind Jules el-Khatib, Abed Hassan oder Enissa Amani.
Markus Lanz wiederholt in seiner Talkshow die Legende: "Gaza war vorher schon im Grunde, wenn man ehrlich ist, eine Art riesiges Freiluftgefängnis." Dies stellt nicht nur eine propagandistisch gerne genutzte Lüge dar. Auch, dass die Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten (dass der Gazastreifen auch eine Grenze zu diesem Staat hat, bleibt stets unerwähnt) nach der Machtergreifung der Hamas vor einem Szenario schützen sollte, welches am 7. Oktober trotzdem eingetreten ist, verschweigt er.
Eine weitere schwerwiegende, durch UN-Organe und fast allen deutschen Medien verbreitete Verschwörungs-Lüge ist der angebliche Anteil von 70 oder mehr Prozent von Frauen und Kindern an den palästinensischen Opfern des Krieges (hier in einer Meldung des Dlf). Es wäre die Aufgabe von Journalisten gewesen, die Basis dieser Zahlen zu prüfen, jedoch wurde dies hier wie im Falle anderer Zahlen, die auf die UN und im Nachgang auf das Gesundheitsministerium der Hamas zurückgingen, unterlassen. Es wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass die in der Studie angewandte Verifizierungsmethode dazu führte, dass vor allem Opfer in zerstörten Wohngebäuden gezählt wurden, aber praktisch keine aus anderen Situationen, wie vor allem in Kampfhandlungen. (mehr hier). Bereits Mitte 2024 musste die UN ihre Zahlen zu Frauen und Kindern unter den Opfern halbieren (mehr hier), was so gut wie kein mediales Echo fand. Gleichzeitig wurde aus den korrigierten Zahlen deutlich, dass 50 Prozent der Todesopfer Männer über 18 Jahren und damit als einzige Bevölkerungsgruppe deutlich überrepräsentiert waren. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Hamas Jugendliche unter 18 Jahren als Kämpfer einsetzt, die in den Statistiken als "Kinder" auftauchen (die Hamas veranstaltet regelmäßig militärische Trainingscamps für Jugendliche ab 14 Jahren, mit circa 100.000 Teilnehmern im Jahr 2023). Frauen und Kinder waren dagegen hinsichtlich ihres Anteils an der Bevölkerung in den Opferzahlen deutlich unterrepräsentiert.
Auf Twitter versuchte Jan-Christoph Kitzler, von der Tanns Kollege in der ARD-Tel-Aviv-Redaktion, das Schweigen der "Tagesschau" zu dieser Meldung zu rechtfertigen: Er konstruierte hierzu ein Strohmann-Argument, das sich auf die Gesamtzahl der Kriegstoten und nicht auf den Anteil an Frauen und Kindern bezieht. Die von der Hamas genannten Zahlen seien in der Regel verlässlich, so Kitzler. So heißt es auch in praktisch jedem "Tagesschau"-Beitrag zu diesem Thema. Dass Kitzler das Verhältnis von Frauen und Kindern, generell von Nicht-Kombattanten zu Kombattanten, ausblendet, hat seinen Grund: So lässt sich nachweisen, dass die Hamas die Zahlen in bisher jedem einzelnen Konflikt mit Israel massiv fälschte, dieses Verhältnis praktisch immer auf den Kopf stellte (mehr dazu von Salo Aizenberg, der die Totenzahlen auf Twitter regelmäßig analysiert). Im Nachgang gab die Hamas diese Fälschungen sogar meist zu, da sie sicher sein konnte, dass die weitergezogene Medienkarawane sich für diese Richtigstellungen nicht im geringsten interessierte. Auch Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier brachte dieselbe Schein-Argumentation wie Kitzler vor, jedoch folgte auf die Konfrontation mit Gegenargumenten ebenfalls nur das gewohnte Schweigen.
Anstatt diese irreführenden Narrative transparent zu machen, verstärkten Teile des ÖRR die Falschmeldungen noch. So schrieb Sarah Judith Hoffmann, ironischerweise als "Head of History" bei der Deutschen Welle angestellt, einige Monate nach Korrektur der Zahlen, "eine unabhängige Studie" komme zu "noch höheren" Opferzahlen. Sie zitiert dazu einmal eine Studie, die in The Lancet veröffentlicht wurde und die weder unabhängig ist noch wissenschaftlichen Standards entspricht (mehr dazu von U.M.). Zum anderen zitiert sie eine Studie des PCPSR, ohne zu erwähnen, dass Daten dieses Umfrageinstituts bereits zuvor von der Hamas manipuliert werden konnten (mehr in der Times of Israel).
Gleichzeitig wurde nicht nur, aber auch von dieser Redaktion die maximalistische Sprache der UN und anderer Organisationen übernommen: So sei die Zerstörung in Gaza "unbeschreiblich" und "ohne Beispiel". Es wird dem Publikum immer wieder suggeriert, dass es hier einem Menschheitsverbrechen beiwohne, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Das andere sich hier zeigende, in der Berichterstattung durchgängig präsente Element ist die ausschließliche Fokussierung auf Israel als aktive Partei, bei völliger Abwesenheit der Hamas als Kriegspartei: "Alles wurde von Israel angegriffen"(…) "Israel hat mit Absicht große Teile der Infrastruktur, von Wohngebäuden, und Bildungseinrichtungen zerstört". Der hier berichtende Kollege von der Tanns in der Tel-Aviv Redaktion der ARD, Jan-Christoph Kitzler, arbeitet häufig mit Auslassungen und Fehlinformationen (hier einige Nachweise).
Was weder hier noch irgendwo sonst im ÖRR und anderen Medien erwähnt wird: Die Aufhebung der Unterscheidung von ziviler und militärischer Infrastruktur ist das Werk der Hamas. Raketenbasen und Stellungen von Scharfschützen wurden in Krankenhäusern (mehr hier) und Schulen lokalisiert, Tunneleingänge sogar unter Kinderschlafzimmern. Dass solche Informationen über die Zerstörung von ziviler Infrastruktur fehlen, zeigt den Erfolg der Medienstrategie der Hamas in deutschen Medien, ob beabsichtigt oder nicht. Das Vorgehen der israelischen Armee gegen zivile Infrastruktur konnte der deutschen Öffentlichkeit so als purer Vernichtungswille präsentiert werden. Dadurch verschwand auch die Frage, welche Bedeutung die militärische Nutzung dieser Gebäude für die juristische Bewertung israelischer Angriffe hat. So führen Mitarbeiter des ÖRR gerne das Völkerrecht ins Feld, allerdings in keinem Fall gegen die Hamas, und ihr Selbstbewusstsein in diesem Fach deckt sich meist nicht mit ihren tatsächlichen völkerrechtlichen Fachkenntnissen (mehr hier zu einem Tweet der prominenten ARD-Reporterin Isabel Schayani). Eine ausführliche realistische Einordnung des Genozid-Vorwurfs unter Berücksichtigung der Hamas-Stategie nahm das Begin-Sadat-Center der Bar-Ilan Universität vor.
Screenshot aus einem Facebook-Post von Amnesty übr die Zahl der getöteten Journalisten.
Die Tendenz, jeden Aspekt des israelischen Vorgehens maximalistisch als Menschheitsverbrechen zu brandmarken, dient auch dazu, Geschichte umzuschreiben. So verlautbarte Amnesty International nach der Tötung des Journalisten und mutmaßlichen Hamas-Terroristen Anas al-Sharif: "In keinem Konflikt der neueren Geschichte sind so viele Journalisten getötet worden wie in Israels Genozid gegen die Palästinenser in Gaza". In einer Grafik weist Amnesty die Zahl getöteter Journalisten im Zweiten Weltkrieg mit 69 aus. Eine Zahl, die bei insgesamt mehr als 60 Millionen Toten äußerst unwahrscheinlich klingt. Tatsächlich übernahm Amnesty Zahlen, die ein antiisraelischer Journalist und Forscher auf der Website der Brown University publizierte, der sich wiederum auf Zahlen des "Freedom Forum" bezog. Allerdings hatte dieses nie einen Anspruch auf Vollständigkeit angemeldet - es handelte sich um die Namen von im Zweiten Weltkrieg getöteten Journalisten, die auf einem Mahnmal des Forums verzeichnet waren. Eine einfache Suchanfrage von Avi Izenberg in der Datenbank von Yad Vashem ergab die Zahl von 1.425 im Holocaust ermordeten Journalisten. Die Gesamtzahl für den Zweiten Weltkrieg dürfte noch erheblich höher liegen.
Nichtsdestotrotz wiederholte die prominente ARD-Journalistin Natalie Amiri in ihrem Bericht in den "Tagesthemen" vom 11. August 2025 diese absurde Legende: "In keinem bewaffneten Konflikt der Neuzeit war die Zahl der getöteten Medienschaffenden je so groß"(hier, Minute 14.42'). Dieses Ineinandergreifen von Fehlinformationen ist ein Musterbeispiel für die Verquickung von NGOs, dem akademischen Betrieb und der medialen Verwertung antiisraelischer und letztlich geschichtsrevisionistischer Narrative.
Eine ausführliche Studie des Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center, die eine große Zahl der im Gazastreifen ums Leben gekommenen Journalisten der Hamas zuordnen kann (hebräischer Link, die Times of Israel berichtete), wird in keinem deutschen Medium thematisiert.
In dieser Auflistung noch nicht berücksichtigt wurde das sich am längsten haltende Narrativ dieses Krieges, das einer Hungersnot, welches bereits seit Dezember 2023 regelmäßig wiederholt wurde. Zynischerweise druckten oder sendeten praktisch sämtliche Medien die Bilder ausgemergelter, vorerkrankter Kinder, die Zeit retuschierte ein Bild sogar noch für einen größeren Effekt (Resümees im Perlentaucher). Keiner der Journalisten stellten jedoch die Frage, weshalb die Fotografen der türkischen Regierungspropaganda-Agentur Anadolu Ajansi, die das Material geliefert hatten, nur Bilder von Kindern mit schweren Vorerkrankungen, aber keinerlei Bilder von unter Hunger leidenden Kindern oder Erwachsenen ohne Vorerkrankungen produzieren konnten. Das bedeutet nicht, dass es keinen Hunger in Gaza gab. Es bedeutet, dass keine von Israel orchestrierte Hungersnot existierte, und dass die Hilfsgüter die schwächsten Glieder der Gesellschaft Gazas nicht erreichte. "Obwohl Hunger nach wie vor weit verbreitet war, zeigen neue Zahlen zur Unterernährung, dass die Hungersnot nicht die von der 'Integrated Food Security Phase Classification' (IPC) selbst festgelegten Kriterien für die Ausrufung einer Hungersnot erfüllte", titelte die Times of Israel am 20. November letzten Jahres, mehr hier und hier.
Am 9. Dezember posteteAhmed Fouad Alkhatib, einer der wenigen prominenten palästinensischen Aktivisten aus Gaza, die sich von der Hamas abgrenzen, ein Video auf seinem X-Account. Es soll Tonnen von Kindernahrung zeigen, die von der Hamas der palästinensischen Bevölkerung vorenthalten worden waren. Diese Meldung einer Quelle, die seriöser ist als viele der vom ÖRR zitierten, wurde außerhalb Israels nur vom britischen Telegraph und in Deutschland nur von der Bild-Zeitung aufgegriffen, obwohl auch bekannte deutsche Blogger darüber berichteten. Eine solche Nachricht schafft es empirisch belegt nicht an den Redakteuren des ÖRR, Spiegel, SZ und so weiter vorbei.
Dies ist nur eine äußerst kleine Auswahl an Fällen von Framing und Desinformation im ÖRR. Man muss Menschen wie Jörg Gehrke, Tobias Huch, Marie van der Benken, dem Blogger U.M. (bürgerlich Joey Hoffmann) sowie dem Team von ÖRR-Antisemitismus-Watch dafür danken, solche und andere Fälle zu dokumentieren. (Gehrke hatte aufgund der erwähnten Anmoderation von Alicia Jung eine Programmbeschwerde beim ZDF eingereicht, die von jüdischen Gemeinden unterstützt und mit einem Strohmann-Argument vom ZDF-Fernsehrat abgewiesen wurde.)
Screenshot der Maischberger-Sendung zum zweiten Jahrestag des 7. Oktobers am 7. Oktober 2025.
Diese Aufstellung zeigt auch, dass Sophie von der Tann lediglich ein kleiner Teil eines Systems ist, in dem die Hamas seit dem 8. Oktober 2023 als Akteur praktisch nicht mehr vorkommt. Ein System, in dem Falschmeldungen (etwa israelische Angriffe auf ein "Lager", das nicht existiert, mehr bei U.M.) nicht korrigiert werden und immer zulasten Israels (mehr hier) ausfallen, und in dem das Hamas-Pogrom genutzt wird für eine kontinuierliche Abrechnung mit der Regierungspolitik Israels. Ein besonders verachtungswürdiges Beispiel lieferte dann doch von der Tann selbst in der Sendung ihrer späteren Chefjurorin für den Friedrichs-Preis Sandra Maischberger. Die Aussage von der Tanns "In Gaza gibt es keine Lebensgrundlage mehr", die ein unmittelbar bevorstehendes Massensterben suggeriert, dient auf YouTube als Aufmacher für das Video der Maischberger-Sendung. Sie ist ein Beispiel für die Mischung einer in dieser Form faktisch unzutreffenden Aussage (um die 99 Prozent der Einwohner Gazas leben auch ein Jahr nach diesem Satz noch dort), um das gewünschte Narrativ eines Genozids zu befeuern, und einer impliziten einseitigen Schuldzuweisung (hier das Video der ganzen Sendung).
Diese Sendung war besonders quälend. Nachdem die ehemalige Geisel Aviva Siegel in der "Maischberger"-Takshow ihre Leiden schildern durfte, nutzte von der Tann dies als Vorlage um zu erklären, dass allein Benjamin Netanjahu Schuld daran trage, dass noch immer Geiseln festgehalten würden. Sandra Maischberger war diese Interpretation keine Nachfrage wert, etwa nach der Verantwortung der Hamas, während die immer noch zugeschaltete ehemalige Geisel stumm zuhören musste.
Hier der Ausschnitt:
Der Auftritt von Sophie von der Tann bei Maischberger zum Jahrestag des Massakers am 7.10.23. Die ehemalige Geisel der #Hamas, Aviva Siegel, erzählt von dem Leid, welches sie und andere erfuhren. Die Reaktion? Von der Tann gibt der israelischen Regierung die Schuld, sie seien der… pic.twitter.com/Bms9NQ95ij
Die in den Medien weit verbreitete Einstellung, dass Israel in dem Konflikt der allein handelnde und damit schuldige Part ist dürfte erklären, warum Zeitungen wie die Süddeutsche von der Tann nach dem Erscheinen von Schapiras Artikel sofort zur Seite sprangen. Veröffentlichte die SZ doch selbst noch am 7.Oktober 2023 einen Kommentar ihres Nahost-Korrespondenten Peter Münch zum gerade ablaufenden Massenmord der Hamas, der mit diesen Worten bei Twitter angekündigt wurde: "Die Hamas hat mit diesem Angriff Israel kalt erwischt. Doch die Netanjahu-Regierung wird auch das für sich auszunutzen wissen. Den Preis dafür zahlen andere."
Diese Form des Victim-Blaming unter dem Deckmantel der Netanjahu-Kritik, und alle weiteren Merkmale der aufgezeigten antiisraelischen Bias prägte auch die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung. Gleich zwei Texte behandelten hier die Kritik an von der Tann. Kristiana Ludwig vermeidet es in ihrem Beitrag dabei jedoch, auf irgendeinen der Kritikpunkte einzugehen. Sie verschiebt die Problematik vielmehr darauf, dass die Kritik angeblich nur von Seiten israelischer Regierungsvertreter komme (sie bezieht sich ausschließlich auf Arye Shalicar und den Botschafter Ron Prosor), sowie die schwierige Situation von Journalisten im Gaza-Krieg.
Dies ist nicht nur die klassische Anwendung des Strohmann-Arguments, das von dem kritisierten Phänomen ablenken soll. Sie verschweigt zudem wissentlich die Kritik von deutsch-jüdischen, nicht-israelischen Stimmen wie Esther Shapira, Lorenz S. Beckhardt oder der in anderen Kontexten immer gerne von der SZ zitierten Charlotte Knobloch. Dadurch schafft sie das Framing, dass es sich bei der Kritik um eine rein ideologisch geleitete Kampagne der rechtsgerichteten israelischen Regierung handele. Dieses Narrativ bediente die "Tagesschau" schließlich auch selbst.
Die SZ-Redakteurin Sonja Zekri versuchte in demselben Sinne, praktisch rein durch Verweis auf die schwierige Lage der Presse in Israel, die Debatte pro von der Tann zu entscheiden. Konkrete Belege für antiisraelische Aussagen würden laut Zekri angeblich fehlen - als hätte Esther Schapira keine Beispiele für Halbwahrheiten und Framing geliefert. Zekri führte zur Verteidigung von der Tanns auch einen von zahlreichen Medienschaffenden unterschriebenen Unterstützungs-Brief an. Dieses Dokument stellt jedoch eher einen weiteren Beleg für die systemische Voreingenommenheit der deutschen Medienlandschaft dar. Die meisten dieser solidarischen Kollegen berichten in ihren eigenen Medien mit der gleichen hier benannten "propalästinensischen" Tendenz. Dazu zählen Namen wie Daniel Bax, Stephan Detjen, Inge Günther, Kristin Helberg, Vera Rudolph, Peter Münch, Sophia Maier, Muriel Kalisch, Nicola Albrecht, Dunja Ramadan, Leonard Scharfenberg, Juliane von Mittelstaedt oder Charlotte Wiedemann.
Auch, dass sich auf dieser Liste zahlreiche Mitarbeiter des Spiegelwiederfinden, fügt sich nahtlos ins Bild. Mathieu von Rohr, Auslandschef und einer der zahlreichen Journalisten beim Spiegel, die einen klaren Vorbehalt gegen Israel zeigen, erklärte den Krieg gegen die Hamas zum "Hungerkrieg" gegen die Bevölkerung von Gaza. Die Bilder der vorerkrankten Kinder nahm er als Beweis für seine These, dass allein von Israel "ungeheuerliche Kriegsverbrechen" verübt würden. Die Hamas sparte er in seiner Anklageschrift jedenfalls aus. Für seine These, die "Kriegsverbrechen" seien "systematisch", legte er keinerlei Beweise vor. Umso konsequenter gleitet sein Text in eine geradezu altertümlich-antijudaistische Beschreibung Israels als "Herrscher über Tod und Chaos" ab. Beweise benötigte auch seine Kollegin und von der Tanns Unterstützerin Juliane von Mittelstaedt nicht für die Feststellung, das "Aushungern" Gazas sei nicht nur eine Tatsache, sondern auch Kern der israelischen Strategie. In derselben Ausgabe wie von Rohrs Leitartikel erschien Mittelstaedts große Reportage als zentraler Text eines programmatisch aufgemachten Heftes mit einer eindeutigen Anklage als Titel: "Gaza - Ein Verbrechen". Ebenso eindeutig wie der Titel fallen auch Mittelstaeds Urteile aus: In einem Text lässt sie einige Kronzeugen zu Wort kommen um ihre Sicht der Dinge zu verdeutlichen, nämlich "Die Völkermordabsicht als 'einzige vernünftige Schlussfolgerung'". Zu diesem Schluss seien die von Mittelstaedt präsentierten Experten gekommen, schwer mit ihrem Gewissen und den Beweisen ringend.
Leider wird keiner dieser Beweise selbst präsentiert, abgesehen von den widerlegten Zahlen der Hamas zu zivilen Opfern. Aber selbst wenn der internationale Strafgerichtshof urteilte, dass Israel keinen Völkermord beginge, so wäre dieses Urteil "fatal und falsch", sind sich Mittelstaedt und ihre Experten einig. Denn die (von ihr nie belegten) Kriegsverbrechen seien ja in jedem Fall geschehen, deshalb sei weniger das Urteil wichtig, sondern dass Journalistinnen wie sie selbst diese Debatte anstießen. Diese zirkuläre Logik lässt Israel nicht vom Haken der Anklägerin, ungeachtet der Tatsachen. Und so ist auch ihre große Reportage eine Mischung aus Hypothesen, gefälschten Zahlen, Aussagen von Anti-Israel-Aktivisten bei internationalen Organisationen, die suggerieren, dass Israel alleine an einer apokalyptischen Szenerie schuld ist ("Gaza, das ist eine Hölle, aus der es keinen Ausweg gibt"). Da selbst ihre Zahlen keine Basis für eine Hungersnot hergeben (und diese Hungersnot ist in der Tat nie eingetreten, mehr bei Salo Aizenberg auf Twitter), muss sie auf die emotionale Ausschlachtung von Einzelschicksalen ausweichen, ein in diesem Krieg häufig verwendetes "journalistisches" Stilmittel. Auch an diesem Text kann das systematische Totschweigen der Hamas beispielhaft nachvollzogen werden. Und wo die Schäden am Gesundheitssystem Gazas der Bösartigkeit Israels zugeschrieben werden, bleibt wie in allen anderen deutschen Medien kein Platz für die unangenehme Tatsache, dass selbst Ärzte und Klinikpersonal am Mord und sexuellem Missbrauch von israelischen Geiseln beteiligt waren (mehr in der Jerusalem Post). Dieser Raum wird bei ihr von einem "anonymen UNO-Diplomaten" mit den Worten ausgefüllt "Es wird der Tag kommen, an dem wir uns alle fragen müssen, welche Verantwortung wir dafür tragen", und unweigerlich drängt sich der Gedanke auf, ob sich deutsche Medienschaffende eines Tages auch Gedanken zu ihrer Verantwortung machen werden. Die Chancen dafür stehen allerdings nicht gut. (Hier und hier die Links zu den beiden Mittelstaedt-Artikeln.)
Dies lässt sich an dem Text von Christoph Reuter ebenfalls im Spiegel ablesen. Er war Jurymitglied des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises und kann sich für die Wahl angesichts der "wutschäumenden" Angriffe nur nochmal beglückwünschen. Er raunt von einer "koordiniert wirkenden Kampagne", "maßgeblich befeuert von Vertretern des israelischen Staates und proisraelischen deutschen Aktivisten", nicht nur um "eine der profiliertesten Nahostkorrespondentinnen mundtot zu machen", sondern um generell in Deutschland die "Berichterstattung systematisch einzuschränken". Charlotte Knobloch muss als Kritikerin von der Tanns demnach Teil einer sich im dunklen organisierenden Kabale verstanden werden, mit dem Ziel, die Pressefreiheit in Deutschland auszuhebeln. Darunter macht man es beim Spiegel nicht.
Es scheint, als würde sich die FAZals das letzte große Presseorgan in der deutschen Medienlandschaft halten, in dem keine eindeutige Schlagseite gegenüber Israel herrscht und das von beiden Seiten des politischen Spektrums rezipiert wird. Nur hier konnte der Artikel von Esther Schapira erscheinen. Der FAZ-Israelkorrespondent Christian Meier verteidigte daraufhin von der Tann gegen diese Kritik. Eine seiner Kronzeuginnen ist dabei die bereits erwähnte Natalie Amiri. Diese schrieb ein Buch in dem gar eine proisraelische Schlagseite deutscher Medien behauptet wird. Zu diesem Vorwurf ist ein weiterer Text in der FAZ erhellend, erschienen im Rahmen der Kolumne von Meron Mendel und Saba-Nur Cheema. Auch sie legen dar, dass sowohl das proisraelische als auch das propalästinensische Lager die Berichterstattung als gegen sich verzerrt wahrnehmen. So sei für Menschen, die es mit Israel hielten, schon die Äußerung des Völkermordvorwurfs antisemitisch. Allein, weder in den Einlassungen von Schapira, noch von Beckhardt, Annetta Kahane oder Charlotte Knobloch taucht dieser Vorwurf auf, so auch hier nicht. Auf der propalästinensischen Seite würden ARD und ZDF dagegen als "Propagandakanal Netanjahus" erlebt, weil "der Genozid in Gaza" verschwiegen werde, so das Kolumnistenpaar.
Das ist falsche Äquidistanz: Der Genozidvorwurf gegen Israel ist von den öffentlich-rechtlichen Medien keineswegs verschwiegen worden, sollte daraus nun folgen, dass ARD und ZDF ihn sich mechanisch zueigen machen? Was dagen in den Sendern weitgehend fehlte, waren die Argumente gegen den den Genozidvorwurf, die etwa von der Forschergrupee am Begin-Sadat-Center (siehe oben) vorgebracht werden.
FAZ-Korrespondent Meier verweist wie die zuvor genannten Autoren auch auf das Verbot für ausländische Journalisten, im Gazastreifen zu arbeiten - so will er erklären, dass die Medien nur von der Hamas autorisierte Bilder aus dem Gazastreifen zeigen können. Dem ist erstens zu entgegnen, dass sich auch westliche Journalisten seit der Machtergreifung durch die Hamas dem Diktat unterworfen haben, nur der Terrororganisation genehme Bilder und Nachrichten aus Gaza zu senden - meist ohne dies zu erwähnen. Der ehemalige Jerusalem-Büro-Chef der AP, der größten Nachrichtenagentur der Welt, beschreibt diesen Mechanismus aus Erpressung und Nachgiebigkeit durch westliche Journalisten gegenüber der Hamas aus erster Hand. Abgesehen von der Unmöglichkeit, aus Gaza heraus Hamas-kritisch zu berichten, ist die Forderung an Israel, ausländischen Journalisten in Gaza Bewegungsfreiheit zu erlauben, Augenwischerei. Empört sich auch die liberal denkende Hirnhälfte über das Einreiseverbot der Israelis, weiß die pragmatische Seite, dass es wegen der Aufhebung der Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Bereichen durch die Hamas keinen sicheren Bereich für Journalisten gäbe. Die Reaktion der internationalen Medien auf getötete westliche Journalisten kann man sich leicht ausmalen.
Auch Meier ist nicht immun gegen die scheinbare Berufskrankheit der (westlichen) Nahost-Berichterstatter, Israel in jeder Einlassung in einem möglichst schlechten Licht dastehen zu lassen. So dokumentieren seine Berichte über Siedlergewalt im Westjordanland zwar unentschuldbare Übergriffe und Vertreibungen durch einen Teil der israelischen Siedlerbewegung. Andererseits veröffentlicht er einen Artikel über die Geschichte des Konflikts unter dem beredten Titel "Umsiedlung und Vertreibung - Ein Traum für Zionisten" (FAZ vom 26. Mai 2025), in dem der Zionismus als eine im Kern rassistische Bewegung gezeichnet wird. Die Gewalt im Mandatsgebiet Palästina wird ausschließlich dieser Seite zugeschrieben. Revisionistische Zionisten wie Richard Lichtheim oder Israel Zangwill kommen zu Wort, um Ausgleich mit der arabischen Bevölkerung bemühte Zionisten wie Martin Buber oder Chaim Weizmann nicht. Die arabischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung fallen in seiner Geschichte des Mandatsgebiets völlig unter den Tisch. Und auch ein besonders schändliches Beispiel von alternativer Geschichtsschreibung findet sich hier:
"1947 beschlossen die Vereinten Nationen die Teilung Palästinas. Da die Palästinenser und die arabischen Länder dies ablehnten, konnten die Zionisten ihre Staatsgründung nur mit Gewalt durchsetzen - im ersten Nahostkrieg von 1948 bis 1949."
Dies ist ein recht klares Beispiel für eine Geschichtsfälschung durch Auslassung. Indem er die Kriegserklärung der arabischen Länder und palästinensischer Verbände an Israel nur als "Ablehnung" verschleiert und den anschließenden Angriff der arabischen Front gar nicht erwähnt, kann Meier Krieg und Gewalt als von Israel ausgehend framen. Die Frage stellt sich an dieser Stelle, wie qualifiziert Meier angesichts solcher öfter auftauchenden Passagen für die Position ist, von der Tann gegen Framing-Vorwürfe zu verteidigen.
Schließlich verurteilen sowohl SZ als auch Spiegel, taz, Zeit und Übermedien den israelischen Botschafter Ron Prosor für seine scharfe Kritik an von der Tann dafür, dass diese auf ihrem Instagram-Account den mit "Never Again!" überschriebenen New-York-Times-Artikel des Holocaust-Forschers Omer Bartov teilte. In diesem wirft er Israel einen Genozid vor. Als vorrangige Gewährsfrau für seine These benennt Bartov in diesem Artikel Francesca Albanese, die es als Teil ihrer Arbeit als UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete ansieht, auf Social Media Fotocollagen mit Netanjahu neben Adolf Hitler zu posten, Gaza als "Konzentrationslager des 21. Jahrunderts" zu bezeichnen und die ermordeten und vergewaltigten israelischen Soldatinnen zu verhöhnen. Sie erklärt, dass Menschen beim Wort Hamas nicht an eine gewalttätige Gruppierung von "Kämpfern" denken sollten (die Verwendung der Bezeichnung "Terrorist" verurteilt sie) sondern vielmehr an eine legitime politische Kraft, die für den Bau von Krankenhäusern, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen verantwortlich ist. Es ist aus ihrer Sicht dagegen Israel, das eine Rassenpolitik im Sinne der Nazis betreibe (mehr hier).
Diese Ansichten haben ihr nicht nur Anhänger wie Bartov oder die New-York-Times-Kolumnistin Masha Gessen eingebracht, sondern auch deutsche Freunde wie zahlreiche deutsche Akademiker, etwa unter den Juristen und Soziologen an der FU Berlin. Die zweite Gewährsperson für Bartov ist Dirk Moses, dessen bekanntestes Werk als Historiker die Verspottung des Holocaustgedenkens als "Katechismus der Deutschen" darstellt, eine deckungsgleiche Entsprechung zum Diskurs über das Schoa-Gedenken bei Björn Höcke. Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandfunks im Hauptstadtstudio, lud Moses daher umgehend in den Sender ein, um über den Begriff des "Genozids" zu philosophieren, mit erwartbarem Ergebnis. Bartovs Völkermordvorwurf an Israel wurde im Übrigen, wohl von beiden Seiten nicht unbeabsichtigt, nochmal im Spiegel zum Holocaust-Gedenktag wiederholt.
Alle von-der-Tann-Verteidiger behaupten in ihren Repliken, dass die Arbeit von Nahost-Korrespondenten durch die Kritik wesentlich unsicherer geworden sei. Das ist eine ernstzunehmende Sorge, auch wenn die Sicherheit von Journalisten in der Regel nicht davon abhängt, dass man ihren Positionen rückhaltlos zustimmt... Worum sich die Zunft scheinbar keine Sorgen macht, ist die Auswirkung von un- oder halbwahren und geframeten Berichten aus Israel auf die Sicherheit von Juden in Deutschland.
Am Ende äußerte sich auch von der Tann selbst im Rahmen ihrer Preisverleihung zu den "israelischen Vorwürfen" wie tagesschau.deberichtet. "Solche Unterstellungen entbehren jeder Grundlage" wird sie zitiert. "Sachliche Kritik nehme sie sehr ernst. 'Diffamierungskampagnen und vollkommen haltlosen Unterstellungen' indes müsse man selbstbewusst entgegentreten, sagte von der Tann".
Wenn etwas abgesprochen erscheint, dann nicht die Kritik, sondern das wie ein Textbaustein zuverlässig auftauchende Wording, man nehme Kritik ernst, verwahre sich aber gegen Diffamierungen. Um daraufhin, wie von der Tann selbst, sowie sämtliche ihrer Unterstützer, auf keinen einzigen Kritikpunkt einzugehen, da diese zuverlässig als Diffamierung eingeordnet werden.
Dass Claus Kleber, Cordt Schnibben, Christian Nitsche, Christoph Reuter (alle bis auf Nitsche Mitglieder der Jury) und andere wie aus einem Mund reden, hat seinen Grund. Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis wurde nicht für von der Tanns angeblich außergewöhnliche Leistung vergeben, er wurde vielmehr von prominenten Medienschaffenden an sich selbst verliehen (mehr dazu von U.M.), als Signal nach innen und nach außen: Kritik an der Art und Weise, wie wir die deutsche Nahost-Berichterstattung gesinnungsethisch gestalten, verbitten wir uns. Wie angefasst Branchenvertreter bei Kritik auftreten können, hat der Blogger U.M. mit Miriam Hollstein, der Politikchefin des Stern, erlebt. U.M. erzählt, wie geradezu unflätig sie ihn auf Twitter für Kritik an Sophie von der Tann und den Tendenzen in deutschen Medien angegriffen hat.
Gerade auch von deutsch-jüdischer Seite wird die Botschaft deutlich vernommen: Ihre Stimmen sind genehm, so lange sie sich in Sonntagsreden einbauen oder zur Eröffnung eines neuen Mahnmals ("Nie Wieder!") verwenden lassen. Die Grenze ist jedoch überschritten, wenn diese Stimmen der vom Palästina-Narrativ bedienten, unter linksliberalen Medienschaffenden immer noch beliebten Befreiungsromantik und simplistischer Underdog-Sympathie im Wege steht.
Es wurde unmissverständlich klar gemacht, dass konträre jüdische Stimmen ohne Skrupel einer "rechten Hetzkampagne" oder noch dunkleren Verschwörungsgebilden zugeordnet werden, die ihren Platz im Hinterkopf des wiedergutgewordenen, bürgerlich-haltungsbewussten Menschenfreundes wohl nie verloren haben.
Es hilft hier auch nicht viel, wenn mit zynischer Regelmäßigkeit ein jüdischer Kronzeuge wie Meron Mendel aus dem Hut gezogen wird, um von der Tann und dem ÖRR einen Koscher-Stempel auszustellen. Mendel hat sich offensichtlich weder eingehend mit der Berichterstattung des ÖRR und anderer Medien beschäftigt, noch vertritt er mit seiner Meinung mehr als zehn Prozent der deutschen Juden. Aus gutem Grund sind es immer dieselben fünf bis zehn Figuren, die dem Publikum als "jüdische Stimmen" präsentiert werden. Warum diese an jenem so offensichtlichen Ausspielen der Juden gegeneinander so eifrig teilnehmen, müsste man die Beteiligten bei Gelegenheit einmal fragen.
Und die Methode hat mit dem Ende des Krieges keineswegs ihren Abschluss gefunden: So wurde dieser Tage mit Empörung berichtet, dass 37 Hilfsorganisationen die Lizenz für Gaza entzogen wurde, aufgrund ihrer Weigerung, ihre Mitarbeiter zu benennen. Nicht erwähnt wird, dass ein hochrangiges Mitglied der Kassam-Brigaden etwa für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitete (mehr hier), sowie ein anderes Mitglied dieser Terrororganisation für die ebenfalls betroffene "Medical Aid for Palestinians" (mehr hier).
Um mit einer persönlichen Note zu enden: Juden aus meinem Bekanntenkreis schauen sich die Nahost-Berichterstattung des ÖRR und manch anderer Medien schon seit längerem nur noch zu dem Zweck an, um daran den derzeitigen Grad der Anti-Israel-Stimmung im Land abzulesen. Sie hegen zum großen Teil keine Sympathien für die Netanjahu-Regierung, aber fühlen sich durch die selbstgefällig in Schwarzweiß argumentierenden Institutionen der deutschen Presse in eine Verteidigungshaltung gedrängt. Nun haben diese Institutionen ihre geballte Diskursmacht aufgefahren, um der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden unmissverständlich ihren Platz zu weisen. Wir werden uns als solche die nächsten Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte daran erinnern, wenn ihre Vertreter beim nächsten Gedenktag Krokodilstränen vergießen.
Daniel Rotstein
PS: Der Text wurde am Freitag, den 9.Januar an einer Stelle ergänzt (D.Red.).
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