Magazinrundschau

Verwirrung unseres Begehrens

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.09.2018. Die NYRB vollführt den Sturz des Mannes. Im New York Magazine beobachtet Andrew Sullivan, wie die USA in Stämme zerfallen. Dass russische Trolle dies mit 126 Millionen Facebook-Account befördert haben, erfährt der New Yorker.  Für La vie des idées gilt auch in Flüchtlingsfragen: Nicht jede schlagkräftige Metapher trifft. Elet es Irodalom fürchtet um Ungarns säkulare Erinnerungskultur.  Und auf Pitchfork erzählt Simon Reynolds die Geschichte des Autotunes.

New York Magazine (USA), 17.09.2018

In einem aktuellen Beitrag des Magazins untersucht Andrew Sullivan das aggressive polarisierende Klima in den USA, seine Ursachen, Begleiterscheinungen und Folgen: "Diese reflexartige, tückische Einteilung in In-Gruppen und Out-Gruppen, angefeuert von den sozialen Medien, von Trumps abscheulicher Identitätspolitik, von der Campus- und Unternehmenskultur. Es scheint nur noch zwei Kategorien zu geben: Unterdrücker und Unterdrückte, die Globalisierungselite und die Normalos. Du gehörst entweder dem einen oder dem anderen Lager an, oder du bist im öffentlichen Diskurs irrelevant … Es handelt sich um eine kulturelle Revolution, legitimiert von oben, durchgesetzt von unten. Jeder ist aufgefordert, Freunde, Kollegen, Chefs für ihr Tun zu verurteilen. Kollegen konkurrieren darin zu signalisieren, dass sie nicht zu den Unterdrückern gehören. Stillschweigen ist nicht genug, es ist sogar verdächtig. Man muss die Revoution bejahen, feiern, bestärken und seine Position beweisen. Drückeberger werden angeprangert, um die Angst aufrechtzuerhalten … Wir leben in einem Paradox. Unsere Gesellschaft ist mit weniger Kriminalität und Gefahren konfrontiert als je zuvor, und doch sehen wir überall die Bedrohung. Sie ist ethnisch und kulturell vielfältiger als jede andere Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit, aber sie wird geplagt von 'Suprematisten' und 'Horden von Illegalen'. Hinterfragen darf man diese Gefühle nicht, denn Subjektivität ist wichtiger als Objektivität, und Empfindlichkeit geht vor Wirklichkeit. Schwule, Lesben, Transgender leben in einer für den größeren Teil der Menschheit und noch für unsere Vorfahren von vor fünf Jahren unvorstellbaren Welt, und doch wollen uns unsere Anführer weismachen, wir befänden uns 'in einem Zustand der Belagerung' . Während Frauen wirtschaftlich und kulturell vorankommen wie in keiner Generation zuvor, ist die Reaktion die blanke Wut … Solches Stammesdenken ist emotional so befriedigend wie toxisch. Niemand ist frei davon. Es ist der Grund dafür, dass wir einen Stammespräsidenten haben, der das Stammesdenken seinerseits intensiviert - bei seinen Gegnern wie bei seinen Unterstützern. Es ist der Grund dafür, dass in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten unserer Hochschulen nur noch Linke zu finden sind, dafür, dass Fox News regimekritische Konservative feuert und die Herausgeber unserer Zeitungen und Magazine langsam dazu gedrängt werden, die Meinungsvielfalt einzuschränken."

Guardian (UK), 21.09.2018

Im Guardian stellt Andy Beckett fest, dass sich New Labours Traum von einem Konsens in der Politik nicht erfüllt hat. Im Gegenteil, der politische Alltag ist rauer denn je: "Bei fast jedem Grundsatzthema zeigt sich das Land noch mehr gespalten als in den turbulenten 70ern und 80ern. Es gibt wilde Schlachten über Redefreiheit, Minderheitenrechte, die Größe des Staates, den Zustand der Wirtschaft, soziale und kulturelle Werte und sogar über die Wahrheit und die Auswahl relevanter politischer Fakten. In vielen anderen Demokratien, von den USA über Italien bis Australien, ist die Politik ebenso tribal, fragmentiert und außer Kontrolle geraten. Oppositionelle Fraktionen scheinen auf einmal nicht mehr in der Lage, miteinander zu reden oder sich auch nur auf ein Gesprächsthema einigen zu können. Für viele Wähler, die nicht auf Konfrontation stehen und meinen, in einer Demokratie sollte es um Dialog und Kompromisse gehen, ist das beängstigend. … Die Rückkehr von Wut und Ideologie in eine politische Kultur, die davon befreit schien, wird mit vielem in Verbindug gebracht: mit der Finanzkrise von 2008, dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum, mit Twitter und dem Skandal um die Spesen von Abgeordneten. Weniger beachtet wurde, inwiefern das Versprechen einer konfliktlosen Politik zu seinem Gegenteil beitrug." Beckett empfiehlt dazu die Lektüre von Chantal Mouffes Buch "Über das Politische", das gerade eine starke Polarisierung für demokratiefestigend hält.

In einem weiteren Beitrag kündigt Linda Geddes das Zeitalter der personalisierten Medizin an, mit der auch sehr seltene Erkrankungen diagnostiziert werden können. Neue Techniken in der Genetik machen's möglich. Und im Interview verrät John Densmore, wie er und Jim Morrison "Hello, I Love You" schrieben.
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 21.09.2018

Der Schriftsteller János Térey denkt in der HVG über Inspiration und der Förderung von Kunst in "kulturkämpferischen Zeiten" nach: "Es ist gut, wenn Kunst anerkannt wird, ein Segen wenn dafür gezahlt wird und zwar viel. Und trotzdem halte ich es nicht für eine gesunde Situation - eigentlich halte ich es sogar für unverantwortlich - wenn unser Überleben ausschließlich vom schriftstellerischen Funktionieren abhängt, denn jenes Funktionieren wird von einer besonderen Stimmung - nennen wir es Inspiration oder Flow - ermöglicht, einer begnadeten Lage, in der alles mit allem zusammenhängt, ein prickelndes Getöne, wenn 'die PCs zuvor grüßen' wie bei Esterházy. Ich muss darauf warten. Und wenn die Inspiration da ist, kann sie auch schnell wieder gehen. Ich kann abstürzen. Ich schätze die tägliche Bereitschaft der Journalisten, doch als Schriftsteller kann ich nicht jeden gesegneten Tag talentiert sein. (…) Gegenwärtig denke ich viel darüber nach, ob ich wieder einen bürgerlichen Beruf ausüben sollte. Sicherlich werde ich kein Gärtner und auch kein Schiffskapitän mehr, doch es wäre gut die Literatur als Leidenschaft beizubehalten, wie es als Teenager begann."
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Archiv: HVG

New York Review of Books (USA), 11.10.2018

Jetzt schon legendär und ein performatives Gesamtkunstwerk ist die Ausgabe "The Fall of Men" über Männer, die von der Öffentlichkeit verurteilt wurden. Chefredakteur Ian Buruma musste bereits gehen, nachdem er sich noch in Interviews auf Slate.com und im Vrij Niderland hinter einen Text des geächteten kanadischen Radiomoderator Jian Ghomeshi gestellt hatte. Zahlreiche Kritikerinnen waren empört, dass Ghomeshi, dem über zwanzig Frauen vorgeworfen hatten, beim Sex gewalttätig geworden zu sein, ungeprüft seine Sicht der Dinge darstellen durfte. Ghomeshi, der bisher vor Gericht frei gesprochen wurde, bekennt eine gewisse Unsensibilität gegenüber Frauen, aber ein gewalttätiges Sexmonster sei er nicht. Und er attackiert die Medien, auf seine Kosten Clickbaiting betrieben haben und absurden Mechanismen zu folgen: "Wenn ein Mann heute öffentlich des sexuellen Übergriffs angeklagt wird, ist das erste, was er tut, sich zu entschuldigen. Meine eigene Erfahrung lässt mich daran zweifeln, dass eine solche Reuebekundung ernst gemeint ist. In einem Malstrom aus Verwirrung, Demütigung, Widerstand und den widersprüchlichen Reaktionen um einen herum - wie sehr kann man hinter einem 'I'm Sorry' stehen? Man will das Gefühl echter Reue in sich entfachen, denn alle Welt sagt einem, dass dies der erste Schritt zur Erlösung sei. Und man malt sich aus, wie ein großes Mea Culpa das Schicksal noch wenden könnte, unabhängig von der Richtigkeit der Vorwürfe. Aber was man in den ersten Tagen nach der öffentlichen Anklage wirklich fühlt, sind Angst und Wut. In der Reihenfolge."

Außerdem: Arlie Russell Hochschild liest Bücher zur Krise der Männlichkeit, die Delinquenz, Gewalt und Hass bei Jungen und jungen Männern in erster Linie mit dem Fehlen der Väter erklären. Hochschild findet das nicht ganz falsch, hätte es aber noch richtiger gefunden, wenn Kimmel auch dazu gesagt hätte, dass es da eine soziale Komponente gibt. Und dass die Abwesenheit der Väter auch der Masseninhaftierung junger schwarzer Männer geschuldet sei.

Lidove noviny (Tschechien), 24.09.2018

Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký, dessen Roman "Troll" soeben auf Deutsch erschienen ist, erzählt im Gespräch mit Radim Kopáč von seinen virtuellen und realen Begegnungen mit Internet-Trollen. Die absurde Welt der Fake News sei im Grunde zum Lachen, wenn nicht so viele Menschen sie ernst nehmen würden, und er habe sie ursprünglich als schöpferischen literarischen Raum nutzen wollen: "Als ich 2015 mit dem Manuskript begann, glaubte ich einen fantastischen Roman zu schreiben. Aber inzwischen hat mich die Realität überholt." Als Beispiel für die bedenklichen Troll-Einflüsse nennt Hvorecký etwa die ständigen Ausfälle gegen George Soros und andere Internetpropaganda mit folgender Auswirkung: "Auf die Frage, ob sie eine jüdische Familie als Nachbarn annehmbar fänden, antworteten 2008 elf Prozent der Slowaken mit Nein, im Jahr 2017 waren es bereits dreimal so viel!" Mit einer "Alternative" habe das nichts zu tun. Deswegen engagiere er sich in der Gruppe Konspiratori, die Werbekunden darauf aufmerksam macht, nicht auf Seiten mit Falschmeldungen zu inserieren. Eine weitere Absurdität der Trollwelt: Der Betreiber der erfolgreichen slowakischen Pro-Putin-Webseite 'Hlavné zpravy' habe Zehntausende Euro aus dem Europäischen Sozialfonds erhalten, obwohl er systematisch die Europäische Union angreife und den Ausstieg der Slowakei aus der EU fordere.

New Yorker (USA), 01.10.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Jane Mayer dem Verdacht nach, Russland habe die Präsidentschaftswahlen 2016 mit Cyberattacken entscheidend beeinflusst. In Kathleen Hall Jamiesons Buch "Cyberwar" findet sie schlagende Beweise: "Jamieson argumentiert, dass Russlands Cyberkrieg durch die Übereinstimmung mit Botschaften aus Trumps Kampagne und der strategischen Angleichung an die geografischen und demografischen Ziele der Kampagne befeuert wurde. Hätte der Kreml die Wähler einfach beeinflussen wollen, er wäre wohl gescheitert. Doch die russischen Saboteure verstärkten Trumps polarisierende Rhetorik gegen Immigranten, Minderheiten und Muslime und schossen sich auf die Wählerschichten ein, die er benötigte. Jamieson entdeckte, dass russische Trolls Beiträge in sozialen Medien verfassten, die klar darauf ausgerichtet waren, Trumps Wählerschaft unter Kirchgängern und Soldatenfamilien zu vergößern, republikanische Wähler, die überzeugt werden mussten, jemanden zu wählen, der dreimal verheiratet war, damit prahlte, Frauen begrapscht zu haben, sich über Kriegsgefangene lustig machte und Geschlechtskrankheiten als sein persönliches Äquivalent für den Vietcong bezeichnete. Russische Trolls gaben die gleiche religiöse Überzeugung vor wie die von ihnen anvisierten User und verbreiteten Abbildungen mit biblischen Motiven, etwa eines, auf dem sich Hillary Clinton als Satan mit Jesus beim Armdrücken misst und unter dem stand: 'Wenn du willst, dass Jesus gewinnt, like!' … Jetzt wird deutlich, dass Russlands Einfluss viel größer war, als die sozialen Medien zunächst zugegeben haben. Facebook sprach zuerst davon, dass russische Desinformation während der Kampagne nur 10 Millionen Facebook-User erreicht habe, musste die Zahl aber inzwischen auf 126 Millionen korrigieren. Twitter gab kürzlich zu, es mit mehr als 50.000 Betrüger-Accounts zu tun gehabt zu haben."
Archiv: New Yorker

La vie des idees (Frankreich), 18.09.2018

Sehr scharf widerspricht der Migrationsforscher François Héran dem Buch "La ruée vers l'Europe" ("Ansturm auf Europa") des ehemaligen Libération-Journalisten Stephen Smith. Das Buch vertritt die These, dass Europa vor einer massiven Einwanderungswelle aus dem subsaharischen Afrika steht. Emmanuel Macron hat sich bereits positiv auf das Buch bezogen. Héran wirft Smith vor, so gut wie keine wissenschaftlichen Quellen zu benutzen und demografische Daten misszuverstehen. Zwar leugnet Héran die explosive demografische Entwicklung in Afrika nicht. Aber er insistiert, dass Immigration zum größten Teil aus aufsteigenden, nicht aus den ärmsten Ländern komme, also eher aus der Türkei als aus dem Niger. "Man bildet sich oft ein, dass die jüngsten Länder dazu bestimmt sein, ihre Jugend in die ältesten Länder zu schütten, dass die fruchtbaren zu denen mit Geburtenmangel gehen, die Armen zu den Reichen, die aus den bevölkerungsreichsten Ländern in die dünn besiedelten, die tropischen in die gemäßigten… Wie oft habe ich gelesen, dass der 'demografische Überdruck' sich notwendigerweise in die Gebiete mit Unterdruck entladen müsse und damit einen 'demografischen Selbstmord Europas' noch anheize! Aber dass eine Metapher schlagkräftig ist heißt nicht, dass sie trifft."

Wired (USA), 18.09.2018

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, lautet David Karpfs Fazit nach einer ausgiebigen Archivlektüre aller Wired-Ausgaben, die er zum 25-jährigen Jubiläum des Blattes unternommen hat: Früher umarmte das Blatt alles, was nach "disruption" klang, blickte mit Enthusiasmus auf alles, was irgendwie nach digitaler und damit besserer Zukunft aussah. Heute ist das alles oft schon Geschichte: "William Gibson wird der Ausspruch zugeschrieben, dass 'die Zukunft bereits da ist - sie ist nur ungleichmäßig verteilt.' Blättert man sich durch 25 Jahre Wired sticht am auffälligsten ins Auge, dass die Zukunft niemals gleichmäßig verteilt wird. Sicher, jeder nutzt Facebook und Google. Aber die Dinosaurierer sterben nie mit einem Mal aus und das neue Zeitalter des Überflüsses kommt nie wirklich stabil in Schwung. ... Der Blick auf die Bilanz der digitalen Revolution legt nahe, dass ihr Verlauf nicht immer in Richtung Überfluss weist - oder überhaupt auch nur geradlinig verläuft. Sie huscht herum, folgt den Gravitationskräften von Hype-Blasen und Monopolmacht, wird von der Widerstandskraft alter Institutionen gescheucht und von der Fragilität der neuen. So, wie sich Wired heute präsentiert, wurde diese Lektion gelernt. Wohl auch wegen der angehäuften Geschichte gestatten die digitalen Ambitionen der Gegenwart weniger stümischen Optimismus, der einem offenen Ausgang der Geschehnisse gelassen entgegen sieht."

Außerdem: Edward Snowden erklärt in einem kurzen Stück, wie sich Aktivisten gegen Überwachung schützen können. Und  Virginia Heffernan erklärt, warum es eine gute Sache ist, dass auch das Internet Sachen vergisst.
Archiv: Wired
Stichwörter: Zukunft, Wired

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.09.2018

Der Oberlandesrabbiner Róbert Frölich, der Philosoph György Gábor und die Erziehungswissenschaftlerin Kata Vörös legen in einem gemeinsam gezeichneten Artikel dar, warum das Betreiben einer Holocaust-Gedenkstätte durch eine jüdische Gemeinde - wie dies im Falle des umstrittenen "Haus der Schicksale" in Budapest durch den ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad-Bewegung EMIH geplant ist - für eine gemeinsame, nationale Erinnerungskultur kontraproduktiv ist: "Der ungarische Staat muss als Träger der Institution durch Zielsetzung, Bestimmung und Betreiben derselben die unabweisbare Verantwortung übernehmen. Die inhaltliche Zusammenstellung und Präsentation des dort gezeigten Materials, die Organisation und Durchführung der verschiedenen Programmpunkte, die Sicherung der Präsenz beim internationalen Diskurs, die Zurverfügungstellung und die Anwendung von zeitgemäßen pädagogischen Mitteln, müssen durch hiesige und internationale Experten, die in ihren Berufen anerkannt sind, durch Historiker, Soziologen, Philosophen, Theologen, Museologen, Fachpädagogen, Psychologen, Ästheten, Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen erarbeitet werden. Durch ihre Kooperation demonstrieren sie, dass es sich hierbei um eine gemeinsame nationale Angelegenheit handelt."

Pitchfork (USA), 17.09.2018

Seit Cher 1998 die Frage stellte, ob wir an ein Leben nach der Liebe glauben, ist Autotune aus der Popmusik nicht mehr wegzudenken: Der Stimmeffekt war ursprünglich gar nicht als ausgestelltes Gimmick konzipiert, erklärt der Pophistoriker Simon Reynolds in einem großen Überblick über die Geschichte dieser spezifischen Stimm-Modulation. Vielmehr ging es ursprünglich darum, Unebenheiten in der Stimmlage auszugleichen, um ein homogeneres Klangbild zu erzielen. "Die Vorliebe für diese Effekte und die Vorbehalte dagegen sind Teil desselben Syndroms. Hierin zeigt sich eine zutiefst in Konflikte verstrickte Verwirrung unseres Begehrens: Wir sehnen uns nach dem Echten und Wahren, während uns die Perfektion des Digitalen und die damit einhergehenden Möglichkeiten und Flexibilitäten fortlaufend verführen. Deswegen kaufen junge Hipster überteuertes Vinyl - wegen der Aura des Authentischen und der analogen Wärme, während sie im Alltagsgebrauch dann doch den Komfort der Downloadcodes in Anspruch nehmen. Doch hat es jemals so etwas wie 'natürlichen' Gesang gegeben? Zumindest seit der Erfindung von Aufnahmetechniken, Mikrofonen und Live-Verstärkern? An den Wurzeln des Rock'n'Roll steht Elvis Presleys von einem Rückwandecho ummantelte Stimme. Mit großer Begeisterung haben die Beatles künstliches Double-Tracking eingesetzt, ein von Ken Townsend, dem Studiotechniker der Abbey Roads, erfundenes Verfahren, das den Gesang stärker betont, indem eine zweite Gesangsspur leicht asynchon an das identische Original angelegt wurde. John Lennon veränderte das natürliche Timbre seiner Stimme, indem er sie auf variabel rotierende Leslie-Lautsprecher legte und die Bandgeschwindigkeit seiner Aufnahmen verlangsamte. Hall-, EQ- und Phasing-Effekte, aufgeschichtete Gesangsspuren und die Technik, die besten Takes zu montieren, um auf diese Weise ein übermenschliches Pseudo-Event hervorzubringen, das als Echtzeit-Performance nie stattgefunden hat - all diese sich immer mehr als Standard etablierenden Studiotechniken spielen an der Integrität dessen herum, was das Ohr des Hörers erreicht. Und all dies geschah noch vor der digitalen Ära mit ihrer großflächig erweiterten Palette an Modifikationsmöglichkeiten."
Archiv: Pitchfork