Magazinrundschau - Archiv

Bookforum

14 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Bookforum

Der japanische Regisseur Yasuzo Masumura hat mit seinen zwischen Filmkunst, Autorenfilm und grellen Bahnhofskino-Spekulationen changierenden Filmen schon in den 60ern Kino gemacht, wie man es erst in den 70ern vermuten würde, schwärmt James Hannaham. Noch dazu hat Masumura in Italien Film studiert, Fellini und Antonioni waren Kommilitonen, erfahren wir. "Die japanische Neue Welle der Sechziger zeigt eine Vitalität und Kühnheit, die Hollywood überhaupt erst mal begreifen, geschweige denn sich stellen müsste. Und selbst innerhalb dieses Zusammenhangs war Masumura wahrlich eine Anomalie: Von allen war er der perfekte Insider mit der formvollendeten Sensibilität eines Außenseiters. Da er innerhalb des Studiosystems arbeitete, begriff man ihn nie als Regisseur der Neuen Welle, und doch sind seine Filme ungeheuerlicher als die meisten seiner Arhouse-Kollegen. Blutiger und verrückter, sicher. Aber auch eleganter und wagemutiger, was die Politik des Persönlichen betrifft. ... Ich möchte Masumuras Sensibilität als queer bezeichnen, ohne diese Behauptung tatsächlich handfest belegen zu können - abgesehen von seiner üppigen Kinematografie, seinem Wunsch, Genre zu subvertieren und Konformität zu trotzen und seiner Obsession für starke Frauen. Sein gegenkulturelles Herz scheint mir nicht nur für das Japan dieser Zeit einzigartig, sondern auch außerhalb der Begrenzungen des westlichen Kinos, sogar heute noch. Man nannte ihn den europäischsten Regisseur Japans, aber mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass er sogar europäischer als Europa war und eine ganze Kohorte von Rebellen inspirierte, die ihm folgten. Darunter sicher Oshima, der als junger Kritiker in einer Besprechung von 'Kisses' schrieb: 'Ich spüre nun, dass die Welle eines neuen Zeitalters von niemandem mehr ignoriert werden kann und dass eine energiegeladene, unwiderstehliche Kraft im japanischen Kino angekommen ist.'" 1970 haben sich die Cahiers Du Cinéma mit Masumura unterhalten, ein Blogger hat das Gespräch ins Englische übersetzt.

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - Bookforum

In der aktuellen Ausgabe des Magazins denkt Emily Cooke über das Verhältnis von Schriftstellern zu ihrem Bankkonto nach und darüber, wie sich Geld und Status auf die literarische Karriere auswirken: "Bücher wie der von Manjula Martin herausgegebene Band 'Scratch: Writers, Money, and the Art of Making a Living' zerstören sinnvollerweise die Vorstellung, die Herstellung eines literarischen Werkes hätte mit den Lebensumständen des Autors nichts zu tun. Wie ich anhand jahrelanger Recherche feststelle, ist Reichtum allerdings kein Garant für ein gutes Buch. Nehmen wir die Gesetze, die unter den wenigen Erfolgreichen herrschen: Viel Geld zu haben, verleiht Status, aber wenig Geld zu haben, verleiht Authentizität, die wiederum eine andere Art Status verleiht. Zu viel zu haben, gehört sich nicht, zu wenig zu haben, auch nicht. Die Reichen und die Armen eint der Gedanke, dass das Geld, das du erbst oder verdienst etwas über deine moralische Beschaffenheit und die Qualität deiner Kunst aussagt. Was, wenn wir herausfinden, dass es nicht so ist?"

Außerdem im Heft: Sarah Jaffe erkundet die Geschichte und die Zukunft der Protestkundgebung. Ece Temelkuran findet gemeinsam mit dem Philosophen Gianni Vattimo heraus, dass die Wahrheit nicht immer hinreichend ist und was es mit der wahren Lüge auf sich hat. Eric Banks bespricht Pankaj Mishras Globalgeschichte des politischen Zorns. Und Atossa Araxia Abrahamian folgt dem Journalisten Patrick Kingsley auf eine Odyssee mit syrischen Flüchtlingen.

Magazinrundschau vom 06.09.2016 - Bookforum

In der aktuellen Ausgabe von Bookforum macht sich Gene Seymour Gedanken darüber, wie ein gutes Buch über das derzeitige Rennen ums Weiße Haus wohl aussehen müsste. Da sich das Leben in den USA im Moment wie ein dystopischer Roman anfühlt und Trump in seinem eigenen, undurchschaubaren Universum lebt, meint Seymour, wären vielleicht Borges oder Cortázar die passenden Autoren für so ein Buch: "Mein Buch würde nicht die Erschaffung eines Präsidenten nachvollziehen, sondern die Erschaffung einer Wählerschaft, eines Konsensus, einer wachsenden demokratischen Bewegung, die vielleicht nicht jetzt aber in der Zukunft eine Rolle spielen werden. Es wäre ein Buch über ein aufkeimendes Gefühl, das in der Kakophonie der Schlauberger und selbsternannten Weisen auf allen Seiten des politischen Spektrums nicht vorkommt: die Hoffnung auf eine Zukunft und ferne Signale von jungen Menschen, die nicht länger unter Bedingungen wie den gegenwärtigen leben wollen. Wenn der Leser solche Möglichkeiten nicht erkennen kann, wenn er sich von dem Gedröhn der Empörung und von der behaupteten Anwartschaft hat verführen lassen, um auf das Schlimmste in diesem November und darüber hinaus vorbereitet zu sein, dann ist der Leser nicht jenseits des Shitstorms, den sein Zynismus behauptet zu verachten, sondern mittendrin. Und mein Buch, wer immer es schreiben und wie immer es aussehen wird, wird gar nichts mit dem Leser zu tun haben wollen."

Außerdem: Benjamin Anastas findet Javier Marias' neuen Roman über Spionage in post-Franco-Spanien ("Thus Bad begins") allzu geschwätzig und was die Konstruktionsmittel angeht gar abgedroschen, als wäre der Autor mit seinem 13. Roman in seine Jeff-Koons-Periode eingetreten. Jabari Asim bespricht zwei Essay-Sammlungen über ethnische Beziehungen in den USA. Und Lidija Haas befasst sich mit einem Buch von Emily Witt, das Alternativen zur traditionellen Paarbeziehung erkundet und feststellt: Lieber die eigenen kleinen, konkreten Wünsche erkennen und an ihrer Erfülllung arbeiten, als auf das sexuelle Utopia warten.
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Magazinrundschau vom 20.10.2014 - Bookforum

Walter Isaacson legt nach seiner Biografie über Steve Jobs einen Band über jene "Innovatoren" vor, die die Entwicklung des Computers und des Internets vorantrieben. Ein höchst lesenswertes Buch, findet Jacob Silverman im Bookforum, aber mit Einschränkungen, zum Beispiel in der nur untergründig mitschwingenden Frage des militärischen Anteils in dieser Geschichte: "Der Gedanke, dass einige der bedeutendsten Technologien nicht nur am Rande mit der stets mahlenden amerikanischen Kriegsmaschine zu tun haben, sondern aktiv von ihr finanziert und designt wurden, mag unbequem sein. Ihn zu akzeptieren - wie es etwa Steve Blank getan hat, der Tech-Veteran und Autor der populären Online-Vorlesung über "Die geheime Geschichte des Silicon Valley" - würde auch die üblichen Hosiannas auf die digitalen Bahnbrecher ein wenig dämpfen und den Raum für ein paar härtere Fragen öffnen."

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - Bookforum

In der Herbstausgabe von Bookforum stellt Hussein Ibish Jean-Pierre Filius Buch "Gaza: A History" vor. Auch wenn Filiu mitunter etwas zu detailversessen und strikt chronologisch vorgeht, findet der Autor hier alles, was er braucht (laut Ibish wie in keinem anderen Buch derzeit), um den Konflikt zwischen Israel und der Hamas und seine aktuellen Entwicklungen zu verstehen: "Hintergrund ist der ökonomische Kollaps der Hamas, die dringend nach einem Weg sucht, Gaza zur West Bank hin zu öffnen. Filiu schreibt: "Nur eine Aussöhnung innerhalb Palästinas würde die Abwärtsspirale in Gaza beenden." Allerdings bleibt die Versöhnung bedeutungslos, solange es keine Wahlen gibt und die Truppen sich verbünden. Wenn Hamas weiter unabhängige Truppen unterhält, wäre das wie die Hisbollah in Libanon, keine wirkliche Einheit. Doch eine echte Herausforderung. Filiu hat Recht: Das politische Schicksal der Menschen in Gaza bleibt trügerisch, "bis die nationalistischen und islamistischen Komponenten des palästinensischen Widerstands miteinander Frieden schließen." Was Filiu nicht berücksichtigt, ist, dass eine solche Hegelianische oder besser Maoistische Synthese der Oppositionen den Triumph einer Gruppierung über die andere voraussetzt. Eine militante Gruppierung, die den bewaffneten Kampf propagiert, kann zu einer diplomatischen, auf Verhandlungen bauenden Organisation der internationalen Gemeinschaft kaum eine ordentliche Beziehung haben. Bis nicht eine Partei der anderen überlegen ist, wird die Spaltung es den Palästinensern weiter schwer machen und den Hardlinern in Israel in die Hände spielen."

Außerdem: Scott Beauchamp unterzieht mit einem Buch von Michael MacDonald die Begründungen für den Irak-Krieg einer Revision und erkennt die ganze Selbstgefälligkeit neoliberaler Ideologie. Und Emily Gould outet sich als parfümverrückt und nimmt uns mit in die obskure Welt der Liebhaber von Vintage-Düften.

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - Bookforum

In der Sommerausgabe des Bookforum vergleicht der Schriftsteller William T. Vollmann ("Europe Central") zwei fiktionale Bücher über den Irakkrieg, Phil Klays "Redeployment" und Hassan Blasims "The Corpse Exibition". Vollmanns Fazit: Blasims Blick auf den Krieg, der eines Irakers nämlich, ist noch finsterer, als derjenige hartgesottener Marines bei Klay, die immerhin Familie und Kameradschaft haben, und fantastischer dazu: "Er ist ein magischer Realist wie Borges, der mit der Magie des Todes hantiert. Seine Figuren sind Zivilisten, ruiniert vom Krieg und den Folgen. Seine Fantasie treibt schaurige Blüten. Die Toten reden und kannibalisieren einander ... Manche haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Als ein Iraker im Buch von Terroristen entführt und gefoltert wird, weil er Pornos verkauft, lässt er ihre Messer und Säbel verschwinden, sodass sie ihm nicht die Arme abhacken können. Also schießen sie ihm die Arme ab… Außerdem hat Blasim Humor. So wird ein Entführter von einer militanten Gruppe zur nächsten durchgereicht, um diese alptraumhaften Beichtvideos zu drehen. Erst ist er ein irakischer Offizier, der im Auftrag der Amerikaner tötet und vergewaltigt und vor einem Haufen abgeschlagener Köpfe posiert. Dann ist er ein vom Iran verdingter Mörder, dann ein sunnitischer Terrorist usw. Zum Schluss soll er einen blutrünstigen Al Qaida Anführer spielen, der zuschaut, wie man ihm Menschenopfer darbringt, während er die Schöpfung verflucht. Blasim ist ein Meister des außerordentlichen Grauens." Wichtig findet Vollmann übrigens beide Bücher, da sie uns von einem Ort berichten, wo Alpträume wahr werden.

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - Bookforum

Doug Henwood geht anhand von Thomas Pikettys voluminöser und, wie Henwood findet, enorm wichtiger Studie "Capital in the Twenty-First Century" der Frage nach, wo sich innerhalb der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten bevorzugt Kapital gebildet und vermehrt hat. Henwood gefällt, dass der Autor die 400 Forbes-Kandidaten in seine Darstellung mit aufnimmt, die meist durch alle Statistiken rutschen, weil sie so VIP sind. Ansonsten beschränkt Piketty sich allerdings im Wesentlichen auf die USA, England, Frankreich, Deutschland und Japan, wenn er Konstanten, wie die Kapitalakkumulation beim berühmten einen Prozent der Bevölkerung, und Veränderungen festhält wie diese hier: "Gehörten zu dem einen Prozent früher vor allem Rentiers, wird es heute von den großen CEOs dominiert, die so selbstgefällig sind anzunehmen, sie würden für ihre außerordentlichen Talente entlohnt … Das alte Kapital ist allerdings ausdauernd. Zwar gibt es die neuen Reichen. Bill Gates und Mark Zuckerberg kommen nicht aus dem Geldadel. Dennoch schätzt Piketty, dass die Hälfte der großen Vermögen aus Erbbesitz stammen. Meine Vermutung war übrigens immer, dass die treibende Kraft hinter der Aufhebung der Vermögenssteuer die Tech-Mogule waren, die sich um ihr Vermächtnis sorgten. Damit schließt sich der Kreis." (Piketty selbst warnt in einem Interview mit der SZ vor den Folgen der immer größer werdenden Ungleichheit.)

Außerdem in dieser Ausgabe: Geoff Dyer erkennt in August Sanders Fotografien verloren gegangene Gesichter. Und David Marcus beobachtet, wie der Schriftsteller Benjamin Kunkel stramm nach links rückt.

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - Bookforum

Die Aktivistin und Filmemacherin Astra Taylor bekommt beim Lesen von Brad Stones Biografie über Jeff Bezos Gänsehaut. Höchst beunruhigend findet sie nicht nur Bezos eindimensionale Erfolgsfixierung, sondern auch die Zukunftsvision, die Stone in seinem Buch entwirft: "Der Autor lässt keinen Zweifel, dass Amazon den Buchmarkt komplett dominieren, die ganz großen Autoren publizieren und jeden Zentimeter der Verlagsindustrie kontrollieren will … Stones Kapitel über Bezos' angespanntes Verhältnis zu Verlagen ist eine provokante Fallstudie, die Amazons Weg vom potenziellen Retter im Kampf gegen Großbuchhändler zum schrecklichen Feind nachvollzieht. Führungskräfte aus Amazons Buchgeschäft verließen das Unternehmen, weil sie die skrupellosen Vertragsverhandlungen nicht mehr ertrugen. Das Tauziehen mit kleinen Verlagen über den digitalen Zugang zu ihren Backlists firmierte intern unter dem vielsagenden Namen 'Gazelle-Projekt'."

Außerdem: Jim Newell erfährt bei Malcom Gladwell ("David and Goliath") wofür eine ordentliche Lese- und Rechtschreibschwäche gut sein kann oder der frühe Verlust eines Elternteils und wieso die Gesellschaft Außenseiter braucht: Die Kompensation treibt uns zu Höchstleistungen an. Und exklusiv online stellt Jeremy Lybarger die neue Burroughs-Biografie von Barry Miles vor, die weitgehend ohne Hyperbel auskommt. Bei dem Leben keine Kleinigkeit.

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Bookforum

Bevor James Agee und Walker Evans ihr berühmtes Buch "Preisen will ich die großen Männer" veröffentlichten, waren sie 1941 für Fortune zu den Baumwollpflückern nach Alabama gereist. Ehrfurchtsvoll liest der Reporter John Jeremiah Sullivan die ursprüngliche Reportage "Cotton Tenants", die auf fünfzig Seiten von unterernährten, erschöpften und armen Menschen handelt und die das Magazin damals nicht drucken wollte: "Agee und Evans verbrachten zwei Monate in Hale County, Alabama, und lebten mit drei verschiedenen Pächterfamilien. Oder vielmehr lebte Agee mit ihnen, Evans lebte wohl hauptsächlich in einem örtlichen Motel. Agee aber wollte mehr als nur die Leute interviewen. Er wollte sich mit ihnen verbinden, nicht als einer von ihnen, sondern wie ein unsichtbarer Mann, ein geheimer Agent, der für jeden sichtbar dasitzen würde. Es sollte eine neue Art eintauchender Journalismus werden, eine Reportage wie Zola sie geschrieben hätte (die Einrichtung von Agees Farmhäusern erinnert an nichts so wie an die Bergarbeiterhütten in 'Germinal')."

Astra Taylor stellt Ethan Zuckermans Buch "Rewire" vor, der für eine neue Vernetzung plädiert, denn bisher habe uns das Internet nicht kosmopolitischer, sondern provinzieller gemacht: "Wir erfahren, was wir wissen wollen, auf Kosten dessen, was wir wissen müssen. Während wir auf virtuelle Communities stoßen, die unserer Neugier und unseren Eigenheiten entsprechen, drängt uns kaum etwas über die Komfortzone hinaus oder in etwas Unbekanntes, selbst wenn das gravierende Auswirkungen auf unser Leben haben könnte."

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Bookforum

Als Heilmittel gegen alle Illusionen über das neue Südafrika empfiehlt der Autor Rian Malan das Buch "Brave New World" des Politikwissenschaftlers R.W. Johnson, eine bittere Bilanz des unter Thabo Mbeki in Korruption und Immoralität versunkenen Südafrikas. Johnson, erzählt Malan, ging als Mitglied der Kommunistischen Partei in den 60ern ins britische Exil und kehrte 1995 zurück: "Eine churchillhafte Gestalt, bewehrt mit der Art absoluten Selbstbewusstseins, das man mit dem britischen Establishment verbindet. Jahrzehnte des Exils haben ihn zu einem Liberalen in der strengen britischen Tradition des 19. Jahrhunderts gemacht, das heißt, er ist für freie Märkte, freie Rede, eine konstitutionelle Demokratie und gegen die albernen Sperenzchen seiner einstigen Genossen. Johnson war immer auch ein begnadeter Schreiber, oder vielleicht sollte ich sagen: Redner. Essays und Artikel gingen ihm ganz leicht von der Zunge und ins Aufnahmegerät. Im Ergebnis war die Prosa gebieterisch im Ton und ein permanenter Angriff auf die linken Journalisten und Akademiker, die versuchten, das Bild von Nelson Mandela und seiner Regenbogennation zu kontrollieren. Johnson tat ihre Erzeugnisse als 'ideologische Willfährigkeit oder reine Einbildung' ab. Sie rächten sich, indem sie ihn als Rassisten brandmarkten."