Magazinrundschau

Falsche Kosmopoliten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.12.2021. Rest of World erzählt, wie die chinesische LGBTQI-Szene im Netz ausgelöscht wird. Die World Socialist Web Site fragt, ob die New York Times noch den Unterschied zwischen Geschichte und Narrativ kennt. Der Merkur geißelt das antiaufklärerische Politikverständnis der verwöhnten Deutschen. In Liberties fragt der Übersetzer Benjamin Moser, wie wir in fremde Kulturen eintauchen können, wenn wir unsere eigene kaum noch kennen. The Atlantic warnt vor dem Aufbau eines Apparats für Wahldiebstahl durch die Republikaner.

Rest of World (USA), 30.11.2021

In einem Beitrag des Magazins berichten Lavender Au und Weiqi Liu über Chinas LGBTQI-Szene, deren letzte Bastionen im Internet von der Zensur bedroht sind: "Für Mei war das Einloggen in den WeChat-Account seiner queeren Studentengemeinschaft selbstverständlich wie Essen oder Schlafen. Sechs Jahre lang organisierte er eine der bekanntesten queeren Gruppen im Land. Doch am 6. Juli war er ängstlich, als er sich anmeldete. Er hatte gehört, dass Profile anderer Gemeinschaften auf der Plattform zensiert und zum 'namenlosen Konto' umgewandelt worden waren. Minuten später ging es ihm auch so. In ganz China wurden Online-Accounts queerer Studentengemeinschaften, die zu den seltenen Orten gehörten, wo Grenzen geschützt überschritten werden konnten, gelöscht. Im Juli wurden 14 der größten und bekanntesten Konten ohne Begründung gesperrt und die Kommunikation zwischen Tausenden von Mitgliedern im ganzen Land unterbunden. Seit seinen Anfängen ist das Internet für queere Menschen in China ein Ort, um sich anonym auszutauschen und zu organisieren. Seit Jahrzehnten sieht sich Chinas queere Community mit einer Zentralregierung konfrontiert, die LGBTQI-Menschen zwar nicht aktiv ablehnt, aber auch nicht unterstützt, mit Regionalregierungen, die sich weigern, queere Organisationen zu registrieren, und staatlichen Stellen, die dazu aufrufen, queere Inhalte und feminine Darstellungen von Männern zu verbieten … Einige Gruppierungen sind der Zensur entkommen und posten weiterhin, andere haben die sozialen Medien vollständig verlassen. Anne, die eine queere Gruppe leitete, erklärt, dass sie sich auf Facebook und Instagram wohler fühle, die nur über ein VPN und außerhalb der Reichweite der Behörden zugänglich sind. Aber es ist kein Ersatz für das Verlorene … Jetzt, da so viele Communities aufgelöst wurden, treffen sich queere Leute eher zu zweit als in größeren Gruppen. 'Apps machen es leichter, Leute zu treffen', sagt Leo. 'Aber dort emotionale Unterstützung zu finden, ist schwierig.' Dennoch haben queere Gruppierungen die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Sie organisieren sich weiter, wenn auch oft offline, in der Erwartung, dass die Beschränkungen eines Tages wieder gelockert werden. Aber ihre Priorität ist im Moment vor allem, sicher zu sein und zu überleben. 'Angesichts eines so mächtigen Staates wie unserem können wir nicht viel tun', sagt Mei."
Archiv: Rest of World

HVG (Ungarn), 07.12.2021

Die Historikerin Andrea Pethő ist von ihrem Posten in der Ungarischen Akkreditierungskommission von Hochschulstudiengängen zurückgetreten, nachdem sie von der Präsidentin der Kommission aufgefordert worden war, die Ergebnisse ihrer Studie über die Instrumentalisierung des höheren Bildungs- und Forschungssektors durch illiberalen Regime vor der Veröffentlichung zu verändern. Im Gespräch mit Hanna Csatlós begründet sie ihre Entscheidung: "Die illiberalen politischen Berater haben erkannt, dass die wissenschaftliche Legitimierung, die solche Institutionen gewährleisten, nicht nur für die ideologische Grundlage benötigt wird, sondern auch um loyale Unterstützer beschäftigen zu können, die wiederum weitere loyale Unterstützer ausbilden, die später dann die Leitung realer Bildungs- und Forschungsstätte übernehmen können. (...) Illiberale Staaten versuchen ein Schaufenster zu errichten, in dem es so aussieht, als wäre alles in Ordnung, denn das ist freilich die Bedingung, dass Fördergelder aus der EU zugänglich sind."
Archiv: HVG
Stichwörter: Pethö, Andrea, Ungarn