Magazinrundschau

Saubere, schöne, glasklare Sätze

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.07.2025. Die New York Times beschreibt das Grauen, das Putins Drohnen nachts über die Ukraine bringen.  In Seznam Zpravy erzählt Liao Yiwu wie wichtig Vaclav Havel für die chinesischen Dissidenten der 1990er war. In Desk Russie entwirft Litauens ehemaliger Außenminister Gabrielius Landsbergis mit leichter Hand ein Szenario für Sarajewo 3.0. Le Grand Continent und die London Review waten durch den Sumpf der Neoreaktion. BioGraphic besucht die wilden Tiere Roms. Der New Yorker betrachtet traurig die Studenten von heute.

New York Times (USA), 29.06.2025

C.J. Chivers erzählt, wie die achtzigjährige Ukrainerin Liudmyla Zarutska, genannt Liuda, in ihrem Plattenbau im 9. Stock ums Leben kam. Eine russische Shahed-Drohne schlug ein. Zarutska überlebte die von der Drohnen freigesetzten Metall-Kugeln, die im Beton ihrer Wohnungswände steckenblieben. Aber als nächstes setzte die Drohne einen Feuersturm frei, der in alle Zwischenräume drang und auch den Hausflur hinabraste und alle Möbel in Brand steckte. "Liuda überlebte auch das. Aber Flammen versperrten ihr den Weg zum Ausgang, so dass sie sich in ihrem Schlafzimmer verstecken musste, das durch eine Holztür vom brennenden Flur getrennt war. Luft strömte durch zerbrochene Fenster und fachte das Inferno an. Ihr Zufluchtsort wurde zu einem Betonofen. Die Zeit war knapp, sie hatte kaum Optionen. Außer einem Sprung auf den neun Stockwerke tiefer liegenden Spielplatz gab es keinen unmittelbaren Fluchtweg. Nachrichten von den Drohnenangriffen verbreiten sich schnell. Noch als die Flammen aus den Fenstern schlugen, alarmierte ein Nachbar Liudas Sohn Mykola über den Angriff. Er rief seine Mutter dreimal an. Sie nahm nicht ab. Sie konnte nicht. Umgeben von einem orangefarbenen Feuerschein stand sie am Fenster ihres Schlafzimmers und schrie, während sie verbrannte." Das ist der Anfang dieser teilweise kaum zu ertragenden, aber großartig erzählten und recherchierten Reportage, in der Chivers auch eine Menge Informationen über die Drohnen zusammenträgt: Sie werden inzwischen in Russland produziert, auch wenn nach wie vor iranische Teile verbaut werden. Anfangs setzte Russland 38 pro Woche davon ein, jetzt, nach Trumps Telefonaten mit Putin, über 1000 Stück pro Woche. Eine Drohne kostet 50.000 Dollar, im Gegensatz zu 2 Millionen Dollar für eine Iskander-Rakete. Diese Drohnen fliegen tief, sie sind schwarz, in der Nacht kaum auszumachen. Sie wechseln die Flughöhe und fliegen unberechenbare Bahnen, bevor sie ihr Ziel erreichen. Kurz: "Diese Waffen kosten wenig, sie fliegen weit und machen die Schlafenszeit in der Ukraine zu einer Zeit der Angst."
Archiv: New York Times

Seznam Zpravy (Tschechien), 24.06.2025

Der im Berliner Exil lebende chinesische Dissident, Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Liao Yiwu erzählt im Gespräch mit Petr Vizina, was für eine Bedeutung der tschechische Schriftsteller und spätere Präsident Václav Havel in den 90er-Jahren für ihn besaß: "Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis fiel mir eine Übersetzung seines Essays 'Versuch, in der Wahrheit zu leben' in die Hände, die damals in Hongkong erschien. Havels Text hat mir, ohne Übertreibung, das Leben gerettet. Er hat mir einen Weg gezeigt, mit der Verfolgung umzugehen. In gewisser Weise betrachte ich Havel als meinen Retter. Die chinesische Übersetzung des Essays hat mir dann mein Freund, der spätere Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo geklaut, was ich nicht als Vorwurf meine. Der Text war für uns so wichtig, dass man sogar unter besten Freunden darum rangelte. Wir wollten ihn im Haus haben, er half uns zu überleben. (…) Die Charta 77 hat uns auch inspiriert, die Charta 08 zu verfassen. Kurz, Havel ist unter den zeitgenössischen westlichen Denkern bis heute derjenige, der in China den größten Einfluss hat. Jemand wie Havel mit seiner moralischen Haltung und seinem geistigen Weitblick ist unter den heutigen Staatsmännern selten."
Archiv: Seznam Zpravy

Desk Russie (Frankreich), 15.06.2025

Wenn Russland ein Nato-Land angreift, dann bald, in der berechtigten Hoffnung, dass Trump amüsiert zuschaut, und bevor Europa aufgerüstet hat. Der ehemalige Außenminister Litauens Gabrielius Landsbergis malt schon mal ein Szenario aus: "Stellen Sie sich vor: Nach einem Cyberangriff auf den Zug, der zwischen Moskau und Kaliningrad unterwegs ist, muss der Zug, der russische Staatsbürger befördert, in Litauen anhalten. Gerade laufen russisch-weißrussische Manöver nahe der litauischen Grenze. 
- Die litauischen Behörden reagieren umgehend. Die Lage spitzt sich zu: Die russischen Passagiere des Zuges behaupten, bedroht zu werden.
- Der russische Präsident ruft eine humanitäre Krise aus und befiehlt seiner Armee, den Zug zu 'sichern' und die Passagiere zu schützen. Russische Truppen überschreiten die Grenze.
- Litauen leistet Widerstand. Es fallen Schüsse. Russland behauptet, es handele sich lediglich um eine Rettungsaktion, und schickt Verstärkung.
- Litauen beruft sich auf Artikel 5 des NATO-Vertrags, aber nicht alle Mitgliedstaaten sind sich einig, dass es sich um einen Angriff handelt. Einige sprechen von einem schlecht gehandhabten zivilen Zwischenfall und fordern weitere Informationen.
- Die Vereinigten Staaten, die ihre Beziehungen zu Russland wiederherstellen wollen, weigern sich zu handeln."
Archiv: Desk Russie

Le Grand Continent (Frankreich), 28.06.2025

Arnaud Miranda und Andrea Venanzoni haben sich ein wenig Eukalyptussalbe in die Nasenlöcher geschmiert, Schutzhandschuhe und Gummistiefel übergezogen und sind hinabgestiegen in den Sumpf der Neoreaktion, kurz "NRx", also in das Gewimmel jener neoreaktionären Blogger, Spinner und Professoren von Curtis Yarvin, Patrick Deneen, Bronze Age Pervert oder Nick Land, von denen sich Trump und seine Quislinge inspirieren lassen (wenn sie in ihrem Zerstörungswerk einmal die Zeit zum Lesen finden). Ob man diese Autoren wirklich lesen muss, ist nochmal eine andere Frage. Aber andererseits zitiert Gilles Gressani, der das Interview mit den beiden führt, eine Devise Giuliano da Empolis: "Toute résistance commence par la connaissance" - aller Widerstand beginnt mit Kenntnis. Die beiden Autoren breiten in Le Grand Continent einen veritablen Atlas dieses Denkens aus mit kleinen Porträts der wichtigsten Akteure. Viele Texte der genannten Autoren, zu denen übrigens auch der deutsche Habermas-Schüler Hans-Hermann Hoppe gehört, lassen sich kostenlos als pdf herunterladen. So muss man nur mit Lebenszeit dafür bezahlen. Venanzoni beschreibt diese intellektuelle Sphäre, die den Hallraum für Trump bildet, so: "Das neoreaktionäre Denken zeichnet sich durch seine schwer fassbare, diffuse und stets provokative Natur aus. Es wäre irreführend, darin die strukturierte Kohärenz einer Schule oder einer politischen Bewegung im klassischen Sinne zu suchen. Das zweite Missverständnis entsteht aus seinem Namen zusammen: Auch wenn sie eine Wiederbelebung der Lehren von Joseph de Maistre, Thomas Carlyle, Louis de Bonald, Donoso Cortés, Nicolás Gómez Dávila oder Karl Ludwig von Haller anzukündigen scheint, behält die Neoreaktion (oder NRx) in Wahrheit nur sehr wenig davon bei. Zwar finden sich hier und da Zitate, Fragmente, Aphorismen oder sogar die Beschwörung einer gewissen Aura der genannten Autoren - doch das Ganze ist eingebettet in einen großen psychedelischen und flüchtigen digitalen Strudel, der eher dazu neigt, ein ganzes Buch von Julius Evola zu einem einfachen Meme zu verdichten, als eine strukturierte Doktrin zu produzieren. Denn die Neoreaktion ist in erster Linie dies:ein langes, ununterbrochenes Meme - das plötzlich zu einem Instrument der Machtergreifung wird."

Hudson Review (USA), 31.05.2025

Dean Flower entdeckt einen ganz neuen Henry James mit der Neuausgabe der "Prefaces", die Oliver Herford besorgt und - wie Flower findet - mit einer fantastischen Einleitung begleitet hat. So lernt er u.a., wie wichtig Balzac für James war: "Herford hat eindeutig ein ausgezeichnetes Gespür für die Intensitäten von James. Diese kommen besonders gut in seinem 'späten' Stil zum Vorschein - der Sinn für entfesselte figurative Energie, zwanghafte Wiederholung und oft kühne Diktion - eine Sprache, die unweigerlich überschwappt, wenn er 'den großen Schatten von Balzac' heraufbeschwört, der über ihm schwebt und ihn an den Rand drängt. Balzac war immer im Zentrum, er durchdrang seine Themen, 'öffnete eine Reihe von düsteren Passagen' in ihnen. So schrieb James 1905, kurz vor der Veröffentlichung der New Yorker Ausgabe, 'Balzacs Luxus ... bestand in der außergewöhnlichen Anzahl und Länge seiner strahlenden und verzweigten Korridore - das Labyrinth, in dem er sich schließlich verlor. . . . Es ist eine Frage des Eindringens in ein Thema; seine Korridore gingen immer weiter und weiter und weiter.'"
Archiv: Hudson Review

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.06.2025

Der Dichter, Übersetzer, Slammer und Redakteur Ferenc André denkt im Gesprächt mit Julianna Zeck u.a. über die Gegenwart und Zukunft der Poesie nach: "Ich sehe, dass sowohl die Leser als auch die Literaten ein wenig Angst vor der Poesie haben. Sie haben Angst, sie nicht zu verstehen, denn sie denken, dass Poesie verstanden werden sollte, aber in erster Linie muss Poesie gefühlt werden. Das Gedicht wirkt auf die Sinne, freilich mit dem Intellekt, denn es wird durch Worte, durch sprachliche Konstruktionen kreiert, aber dennoch sollte ein guter Text eher eine emotionale Erfahrung im Menschen hervorrufen. (...) Ich habe nicht das Gefühl, dass die Poesie stirbt, und sie wird auch geschrieben. Ich glaube, dass der Wunsch, etwas zu schaffen, ewig da sein wird, so wie er in der Antike da war und so wie er in hunderttausend Jahren da sein wird. Solange es die Menschheit gibt, wird der kreative Gebrauch der Sprache immer wichtig sein, ob wir es nun Poesie oder anderes nennen werden, weiß ich nicht, aber dieser kreative Spaß und die Freude an der Sprache, sowohl konkret als auch abstrakt, spielerisch und ernst, wird immer Teil der Menschheit sein."

London Review of Books (UK), 10.07.2025

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Jonathan Meades bespricht - nicht besonders überzeugt - ein Buch Owen Heatherleys über den Einfluss europäischer Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg auf die britische Kulturszene. Aber zunächst mal hatten die Neuankömmlinge enorme Anpassungsschwierigkeiten: "Für [den in Hamburg geborenen Fotografen] Bill Brandt war England eine Nation von 'Träumern in einer surrealen Landschaft', eine Nation, zu der er nur schwer Zugang fand. Er sprach mit einem mysteriösen Akzent und beugte sowohl Sprache als auch Nation seinem Willen, indem er tableaux vivants inszenierte, die 'Puristen' - also die spröden Kunstverächter - als Betrug bezeichneten. ...  Brandt hat verändert, wie die Engländer sich selbst sehen. Er war kosmopolitisch. Sein Schüler Tony Ray-Jones war es nicht. Er ließ sich mit seinem ehemals provinziellen Blick von Brandt anleiten. Ray-Jones mag seine Themen mit Donald McGill oder Ken Russell geteilt haben, aber seine Kompositionen von gleichzeitigen Aktionen konkurrierender Spieler sind aus einer anderen Welt gestohlen." Meades interessiert sich vor allem für die dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Migranten und in Großbritannien geborenen Künstlern: "Beide Gruppen leiden unter Entfremdung. Die längst Etablierten wie auch die vermeintlich bedrohlichen und bedrohten Neuankömmlinge - Flüchtlinge auf der Flucht - sind in gegenseitigem Misstrauen, Konfrontation, Provokation und komplettem Missverstehen gefangen. Hatherley schließt seine Einleitung zu seinem großen Panorama mit den Worten: 'Die Fremden haben uns alle ein bisschen fremd gemacht.'"

William Davies hat sich einen TikTok-Account zugelegt, um herauszufinden, warum (in Britannien) ausgerechnet Nigel Farages extreme Rechte auf der Plattform so erfolgreich ist. Tatsächlich werden auch Davies in seinem algorithmusbasierten "For You"-Feed jede Menge xenophobe, populistische Kurzclips angezeigt. In seinen Augen ist das Phänomen Symptom einer gesellschaftlichen Desorientierung: "Warum sind Grundbedarfsartikel plötzlich so viel teurer? Wie können sich junge Männer aus einer anderen Community so teure Autos leisten? Warum behauptet die Regierung, kein Geld zu haben, obwohl sie Milliarden in die Ukraine schickt und Ausländer in Hotels unterbringt? Das einfache, transparente Gleichgewicht des Marktes ist ersetzt worden durch das undurchsichtige Ungleichgewicht der Wertabschöpfung - oder, anders gesagt: durch Betrug. Das ist zumindest teilweise das, was in einer kapitalistischen Gesellschaft geschieht, wenn die Profite hoch bleiben, während Produktivität und Lohnwachstum stagnieren. Die Rechnung geht nicht mehr auf. Viele können nicht mehr durch Arbeit Eine Familie ernähren. Irgendjemand irgendwo wird ganz offensichtlich reicher - aber es ist nicht klar, wie oder warum. Auf TikTok findet man einen ständigen Strom praktischer Ratschläge, wie man das System austricksen kann: vermittelt Online-Shopping-Plattformen, von denen Supermärkte nicht wollen, dass man sie kennt, oder durch Investmentstrategien und Nebenjobs, die besser bezahlt sind als ein echter Beruf. Auf meiner eigenen 'For You'-Reise in den Faragismus fiel mir auf, wie oft vorausgesetzt wurde, dass der wahre Erfolg in irgendeiner Form von Ausstieg besteht: in Ruhestand mit passivem Einkommen oder in Auswanderung in eine weniger kaputte Gesellschaft mit besserem Wetter. Im Gegensatz zu den 'Win-Win'-Versprechen des marktwirtschaftlichen Liberalismus erinnert das alles stark an Trump'sche Nullsummen-Deals, bei denen einer nur gewinnen kann, wenn der andere verliert."

bioGraphic (USA), 24.06.2025

Rom war immer schon ein biologischer Hotspot, erklärt Mark Garrison in bioGraphic, dem Nachfolgemagazin von Hakai. In antiken Zeiten brachten die römischen Eroberer nicht nur zahlreiche Tiere und Pflanzen in die Stadt, sondern von dort aus auch in den Rest Europas, wo die einstigen Importe heute als heimisch gelten. Aber auch heute tut sich hier noch einiges: "Zum Teil auch dank der Fülle an historischen Stätten - von denen heute viele als natürliche Oasen dienen, frei von Autos und modernen Entwicklungen - ist Rom ein Knotenpunkt für urbanes Wildleben. Öffentliche Grünflächen machen etwa 35 Prozent des Gebiets aus. ... Im heutigen Rom werfen Wildschweine Mülleimer um, ziehen Wölfe durch die Stadtränder, nisten Raubvögel auf Marmorsäulen und kümmern sich Enten um ihre Eier in Kunstmuseeen von internationalem Rang." Doch "die Tiere, die die Kontinuität zwischen Roms Vergangenheit und Gegenwart vielleicht am besten darstellen, sind die Süßwasserkrabben, die einst in dem sumpfigen Flußtal lebten, auf dem die Stadt errichtet wurde. ... 2005 gruben Archäologen eine Stelle namens Trajans Forum aus (ein Teil des archäologischen Parks rund um das Colosseum) und stießen auf eine Population dieser Krabben, die in verlassenen Kanalanlagen unterhalb der Stadt siedelten. Forscher fanden heraus, dass die Krustentiere dort vor etwa 2000 Jahren eingeschlossen wurden, als Rom sich zur Stadt entwickelte, und seitdem fortlaufend dort gelebt haben - nicht nur unterhalb von Trajans Forum, sondern in einem ganzen System an Kanälen, Abflussrohren und anderer Abwasserinfrastruktur, die unter den Straßen der Stadt versteckt war. Abgeschnitten von äußeren Populationen, entwickelten Roms Süßwasserkrabben eine Form des Gigantismus: Sie sind nun 13 bis 20 Prozent größer als ihre Cousins außerhalb der Stadt. Sie wachsen auch langsamer und leben länger." (Hier klebt eine von ihnen an einer antiken Säule. Überhaupt sind die Fotos toll.)
Archiv: bioGraphic
Stichwörter: Rom, Urbane Wildtiere, Krabben

HVG (Ungarn), 27.06.2025

Der Philosoph Miklós Radnóti spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über die Kulturförderung in Ungarn und die offensichtliche Veränderung der politischen Stimmung im Lande: "Sie können die Kultur nicht erschüttern. In der bildenden Kunst gab es in letzter Zeit einige spektakuläre und lächerliche Skandale um einige Auszeichnungen, aber das spielt keine Rolle. Fast jeder weiß, wessen Werke etwas wert sind und wessen Werke nicht. Die Herausforderung besteht darin, dass der Staat kein unparteiischer Mäzen ist, aber die großen Dichter und Schriftsteller haben schon immer auch in irgendeinem bürgerlichen Beruf gearbeitet, als Redakteure oder gar als Beamte, und nebenbei ihre großen Werke geschaffen. (...) Vor zwei oder drei Jahren hätte ich ohne weiteres gesagt, dass die Arroganz der Politik und einer extrem vereinfachten Kommunikation eine starke Apathie der Menschen zur Folge hat. Es ist zwar weiterhin der Fall, dass die Herabsetzung der Altersgrenze für die Schulpflicht, die Förderung von Facharbeiterausbildungen, die aber wegen der schnell schwindenden und sich rasant verändernden Anforderungen, Qualifikationen und Kenntnissen perspektivlos sind, die Verordnung von Pflichtschulbüchern und so weiter zeigen, dass die Machthaber eine unterwürfige Arbeiterschaft produzieren und kritische Intellektuelle verdrängen wollen. Aber das System scheint müde zu sein. Es hat grundlegende Fehler gemacht, die einige zu ihren Gunsten drehen konnten. Vielleicht kommt allmählich die kritische Masse zusammen. Die Empörungsfähigkeit der Menschen wächst einerseits, andererseits scheint ihre Täuschungsanfälligkeit zu schwinden."
Archiv: HVG

iLiteratura (Tschechien), 23.06.2025

Der tschechische, auch auf Deutsch schreibende Schriftsteller Jaroslav Rudiš erinnert sich an seine Treffen als junger Autor mit der alten Schriftstellerin Lenka Reinerová, die als letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur 2008 starb. Im Gespräch mit Radana Litošová (die über Reinerová soeben ihre Abschlussarbeit verfasst hat) erzählt Rudiš, dass er auf Kaffeebesuche zu Reinerová kam, und "diese Kaffeetreffen dauerten meist vier bis fünf Stunden." Ihm habe gefallen, dass Reinerová sich weniger als Schriftstellerin denn als Aufschreiberin und Lebensbeobachterin verstand. "Sie hat den Menschen wirklich zugehört (…) Ich habe von ihr viel fürs Leben gelernt: dass man sich für alles interessieren muss, offen bleiben und vor allem zuhören muss." Trotz ihrer persönlichen Tragödien, der Holocaust-Ermordungen ihrer jüdischen Familie und ihrer eigenen Verhaftung unter den Kommunisten habe die mehrsprachige Lenka Reinerová eine erstaunliche optimistische Energie ausgestrahlt. "Es tut mir leid, dass sie in Deutschland etwas in Vergessenheit geraten ist", so Jaroslav Rudiš, der dennoch an ihre Wiederentdeckung als große deutschsprachige Schriftstellerin glaubt. "Sie hat eine so einfache, klare Sprache verwendet, die jedoch bis ins Mark ausgefeilt war. Ich mag diese Schreibweise sehr, es ist eine große Kunst, sich nicht hinter großen Metaphern zu verstecken, sich nicht im Text zu verlieren. Sie hatte einen so ruhigen Erzählton, saubere, schöne, glasklare Sätze." Lesenswert in diesem Zusammenhang ist sicher auch das Abschiedsbuch von Reinerovas Tochter Anna Fodorova, das vor drei Jahren auf Deutsch erschien.
Archiv: iLiteratura

New Yorker (USA), 14.07.2025

New-Yorker-Mitarbeiter Hua Hsu ist gleichzeitig Englischprofessor am Bard College. In einem Essay überlegt er, was es bedeutet, in Zeiten von Künstlicher Intelligenz zu lehren und welchen Wert höhere Bildung noch hat, wenn es nur darum geht, mit wenig Aufwand Bestnoten zu erzielen, ohne selbst etwas dabei zu lernen. Eine Lösung hat er auch nicht: "Studenten dieser Tage betrachten das College wie Konsumenten, auf Arten und Weisen, die mir in ihrem Alter nie eingefallen wären. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die Gesellschaft schnelle Meinungen wertschätzt, nicht langsames, kritisches Denken. (…) Bildung, insbesondere in den Geisteswissenschaften, verlässt sich auf die Annahme, dass neben den praktischen Dingen, die Studenten behalten, auch manche arkane Idee, die im Vorbeigehen geäußert wird, sich in ihren Hirnen festsetzt und irgendwann blühen kann. AI sorgt dafür, dass wir uns alle wie Experten fühlen können, aber es sind Risiko, Zweifel, Scheitern, die uns menschlich machen. Ich sage meinen Studenten oft, dass dies das letzte Mal in ihrem Leben ist, dass jemand lesen muss, was sie geschrieben haben, sie mir also auch einfach sagen können, was sie wirklich denken. Trotz des momentanen Aufruhrs um schummelnde Studenten sind sie nicht diejenigen, denen man die Schuld zuschieben sollte. Sie haben nicht dafür gekämpft, dass Laptops eingeführt werden, als sie in der Grundschule waren, und es ist nicht ihre Schuld, dass sie während der Pandemie Unterricht über Zoom hatten. Sie haben die AI-Tools nicht kreiert und waren auch nicht an vorderster Front, als es darum ging, technologische Innovationen zu hypen. Sie waren nur die early adopters, die versuchen, das System zu überlisten, in einer Zeit, in der das so einfach ist wie nie zuvor. Und sie haben nicht mehr Kontrolle darüber als der Rest von uns."

Im übrigen ist dies die Fiction-Ausgabe: Zadie Smith, Jhumpa Lahiri und Ottessa Moshfegh haben jeweils eine Erzählung beigesteuert (hier, hier und hier) und außerdem einen Text über das Buch, das sie zu ihrer Erzählung inspiriert hat (hier, hier und hier). Thomas Mellon erzählt, was New-Yorker-Autoren für die erste Ausgabe des Magazins 1925 gelesen haben. Anthony Lane schreibt über den Stil Elmore Leonards. Molly Fisher liest ein Buch von Matt Richtel, das fragt, ob Handys wirklich das Leben der Teenager ruinieren. Und Daniel Alarcón stellt die populäre sechsjährige Comicfigur Mafalda vor, die der argentinische Zeichner Quino in den Sechzigern schuf.
Archiv: New Yorker