
Wie haben Intellektuelle, Künstler und Journalisten die Welt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs gesehen? In einem langen
Essay, der vor allem
Leni Riefenstahl und
Victor Klemperer umfasst, kommt
Peter Nadas auch auf die Berichte des amerikanischen Journalisten
William L. Shirer aus dieser Zeit zu sprechen. Nadas beschreibt, wie der Journalist Wege fand, durch
doppelbödige Sätze an der
NS-Zensur vorbei die Wahrheit zu sagen. Aber er fragt sich, ob verantwortungsvolle Berichterstattung über eine Diktatur überhaupt möglich ist: "Ein jeder doppelbödige Satz ist ein
Triumph, es ist eine Freude für den menschlichen Geist, den Polizeistaat ganz alleine ausgetrickst zu haben? Es bleibt jedoch immer fraglich, wie weit man als Auslandskorrespondent in den Winkelzügen gehen darf, bis wann es noch sinnvoll ist, sich im Erfindergeist zu üben, und wo verantwortungsloses Handeln beginnt. Wenn beispielsweise jemand in
Boston in seiner Küche sitzt und über die brutzelnden Speckstücke seines Rühreis gerade den schön
süßen Ahornsirup gießt, versteht der dann aus solchen doppelbödigen Sätzen, wie deformiert das Denken und Verhalten jener Menschen ist, die ihre Muttersprache seit Jahren nicht zum Ausdruck, sondern gerade zum
Verbergen von Gedanken benutzen? Wie sie im Schatten der Wörter herumschleichen, einander etwas durch die Lücken in den Definitionen zuzischeln?"
Die ungarische Initiative
"Digitale Akademie der Literatur" hat
ein Porträt des
Schriftstellers Peter Esterhazy in Auftrag gegeben. Esterhazy
analysiert die Absurdität dieses Unterfangens: "Heute kann man von niemandem ein Porträt malen, weil man von allen ein Porträt malen kann. Der Auftraggeber eines Porträts war eigentlich die Gesellschaft selbst, und das ist heute nicht mehr der Fall. Heute gilt die
allgemeine Formlosigkeit. Die Porträtmalerei bedingt kulturelle, gesellschaftliche, politische Konsense, die heute nicht mehr existieren. ... Aber wir tun so, als es diese Konsense noch gäbe. Wir tun so, als ob es eine Akademie und Akademiemitglieder - wie mich! - gäbe, als ob es einen Gang in einem Gebäude geben sollte, wo Porträts der Akademiemitglieder hängen. Nun soll auch ich dort oben befestigt werden? Und, fragte der Maler
post festa, wie wäre es gewesen, wenn ich ein
Dreieck gemalt hätte und behauptet hätte, das seist Du?"