Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

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Magazinrundschau vom 15.05.2012 - Eurozine

Der Schriftsteller Mykola Rjabtschuk berichtet von der in der Ukraine offenbar grassierenden Praxis des raiding, bei der dubiose Gruppen in Firmen und Büros eindringen und einen Anspruch auf die Gebäude geltend machen. Unterstützt werden sie dabei von korrupten Richtern, die ihre gefälschten Unterlagen anerkennen. Im Zentrum dieser Praxis sieht Riabchuk keinen geringeren als Präsident Janukowitsch: "Vor zwei Jahren haben wir Ukrainer zugelassen, dass die raiders unrechtmäßig das Parlament und die Regierung übernehmen. Jetzt lassen wir zu, dass sie einen nach dem anderen von uns zerstören und unterwerfen,... Die Ukraine hat eine Regierung, die sich für nichts interessiert als rohe Gewalt, riesige Geldsummen und zynische Lügen."

Kein Land der EU hat eine höhere Jugendarbeitslosigkeit als Spanien, wo rund die Hälfte der unter 25-Jährigen keinen Zugang zum Arbeitsmarkt findet. Diese jungen Menschen werden von der Krise besonders heftig getroffen, weil sie im Bewusstsein aufgewachsen sind, dass sich Wohlstand und Stabilität von Generation zu Generation erhöhen, erklärt Ramón González Férriz. Zugleich sei dieses Bewusstsein jedoch für die Krise mitverantwortlich: "Die Katastrophe und ihre Konsequenzen als Erfindung einer privilegierten Elite abzutun, deren Opfer alle anderen sind, ist das Verantwortungsloseste, was wir tun können. Nein: wir - die Generation, die jetzt in ihren Dreißigern ist - haben diese Krise mitverursacht, mit unserem Lebensstil, unseren Bildungsentscheidungen, unserem Konsum, unseren überzogenen Erwartungen. Wir haben einen gewissen Konservatismus mit einer gewissen Fortschrittlichkeit kombiniert: alles muss so gut bleiben, wie es jetzt ist, auch wenn wir nahezu alles ändern."

Magazinrundschau vom 01.05.2012 - Eurozine

Eurozine greift eine interessante Debatte auf, die sich auf Timothy Garton Ashs Webseite Free Speech Debate entsponnen hat. Die dort aufgestellten Prinzipien stehen Einschüchterungen oder Gewaltandrohungen entgegen, aber ebenso jedweder gesetzliche Einschränkungen der Redefreiheit. "Niemand hat das Recht, nicht beleidigt zu werden", schreibt Garton Ash. Und an anderer Stelle: "Solche Gesetze haben zudem den perversen Effekt, Menschen geradezu dazu zu ermuntern sich angegriffen zu fühlen. Wollen wir wirklich diese Art Menschen sein, die ständig beleidigt sind? 'Es ist ein Zeichen von Schwäche, nicht von Stärke', bemerkte der südafrikanische Autor J. M. Coetzee, 'wenn man sich bei jeder Anfechtung angegriffen fühlt.'"

Garton Ashs New Yorker Kollege, der Rechtstheoretiker Jeremy Waldron, pocht in seiner Antwort dagegen auf ein Verbot von Hate Speech: "Das Auffälligste an Timothys Kommentar ist, dass er in keinerlei substanziellen Weise den Schaden berücksichtigt, den Hate Speech bei denen anrichtet, die ihre Zielscheibe werden. Die Botschaft, die ein hasserfülltes Pamphlet oder Poster befördert, das jemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Religion, Sexualität oder Ethnie angreift, ist ungefähr folgende: Glaub bloß nicht, dass Du hier willkommen bist. Die Gesellschaft um dich herum mag gastfreundlich und nicht diskriminierend erscheinen, doch die Wahrheit ist, dass du hier nicht erwünscht bist, du und deine Familie. Ihr werdet gemieden, ausgeschlossen, geschlagen und vertrieben werden, wann immer wir damit davon kommen. Vielleicht halten wir den Ball im Moment flach. Aber mach es dir nicht bequem. Denk dran, was mit dir und deinesgleichen früher geschehen ist. Fürchte dich."

Kenan Malik dagegen findet in einer ganz neuen Replik die Gesetze gegen Hate Speech viel zu inkonsistent. Die Briten verbieten "beleidigende und bedrohliche" Äußerungen, Dänemark und Kanada "beleidigende und herabsetzende". Israel und Indien verbieten Reden, die religiöse Gefühhle verletzen. "Nun könnte man sagen: Definieren wir also Hate Speech genauer. Aber ich glaube, das Problem sitzt tiefer. Die Gesetze gegen Hate Speech dienen weniger dazu, mit Intoleranz fertig zu werden, als vielmehr hässliche Ideen oder Argumente als unmoralisch zu brandmarken. Es ist ein Weg, bestimmte Ideen illegitim zu machen, ohne sie politisch bekämpfen zu müssen."

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - Eurozine

Europäer fürchten Emigranten, aber nicht ausländisches - zum Beispiel chinesisches - Geld, konstatiert Slavenka Drakulic nach einer Reise durch Italien, wo sie feststellte, dass Immigranten die Kultur des Landes bereichern, während Geld eine Kulturstadt wie Venedig aushöhlt, weil die Chinesen die letzten normalen Ladengeschäfte aufkaufen, um dort dann in Chinas gefälschtes Murano-Glas zu verkaufen: "Während die Europäer darüber nachdenken, wie sie eine Mauer um den Kontinent ziehen können (wenn sie nur wüssten, wo seine Grenzen sind!) um die europäische Kultur zu retten, (...) investieren die Chinesen in aller Freiheit in venezianische Paläste, um sie in Hotels umzuwandeln und machen so noch mehr Geld mit europäischen Kulturschätzen."

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - Eurozine

Klaus-Michael Bogdal, Autor einer Geschichte der Rom-Völker, erklärt in Eurozine, wie schwierig es ist, die Geschichte eines Volks zu fassen, das mangels Schriftkultur kein Selbstbild von sich verbreitet. Es ist eine Geschichte von Zuschreibungen, und eine Erzählung ex negativo, erklärt er in Eurozine: "Sie gehören zu denen, die nicht von Anfang an da waren, die man nicht erwartet hat und die deshalb wieder verschwinden müssen. Sie gelten als unheimlich, weil sie 'überall lauern' und nach undurchschaubaren Regeln 'kommen und gehen'. Daraus erwächst ein konstantes Moment der Wahrnehmung und Begegnung: die Ambivalenz von Verachtung und Faszination. Schon früh, auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, entsteht ein Grundbestand an Stereotypen, Bildern, Motiven, Handlungsmustern und Legenden."
Stichwörter: Mittelalter, Bogdal, Michael

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - Eurozine

Es wäre ein Fehler die russischen Proteste gegen Putin mit der Arabellion zu vergleichen, meinen Stephen Holmes und Ivan Krastev in einer messerscharfen Analyse der Machtsituation in Russland (ursprünglich in iwmPost), in der sie Putin übrigens als ziemlich schwach wahrnehmen. Der Vergleich verbietet sich dennoch: "Putin ist viel jünger als Mubarak - er ist erst seit elf Jahren an der Macht, verglichen mit dreißig Jahren Mubarak, und die russische Bevölkerung ist im Durchschnitt viel älter als die ägyptische und weit weniger angetan vom Versprechen der Demokratie. Die Chancen, dass sich die Armee mit der Bevölkerung verbrüdert, sind zu vernachlässigen, und die russische Opposition ist weit entfernt von der Stärke der Islamisten."

Magazinrundschau vom 14.02.2012 - Eurozine

Der Politologe Hartmut Elsenhans schreibt in NAQD, einer französisch-arabischen Zeitschrift (und auf Englisch in Eurozine), über das einzige Rezept, das den arabischen Ländern dauerhaft Demokratie bringen kann: "Der einzige Weg ist es, ökonomische Entwicklung im Interesse der breiten Massen voranzutreiben, und das geht nur, indem man schnell anständig bezahlte Jobs als Basis für die Autonomie all jener Menschen schafft, auf denen die Demokratie letztlich beruht... Hohe Beschäftigungsniveaus hängen von der Nachfrage nach lokalen Gütern mit einem geringen Anteil importierter Güter ab. Die interne Nachfrage nach vor Ort produzierten Gütern muss gesteigert werden."
Stichwörter: Arabische Länder

Magazinrundschau vom 03.01.2012 - Eurozine

Tendenz zur Bürokratisierung einerseits, Verschiebung der Gewichte von Brüssel zu den Staatsschefs andererseits, und dann noch die dunkel-dräuende deutsche Frage, die sich in der Eurokrise mit einer dominierenden deutschen Wirtschaftsmacht neu stellt - Europa ist an einem entscheidenden Punkt angelangt, schreibt der schwedische Autor Per Wirten in einem lesenswerten Essay. Er teilt nicht Habermas" Optimismus, dass zumindest die schlimmsten Gespenster der Vergangenheit gebannt seien: "Wenn Habermas behauptet, dass zumindest das friedliche Zusammenleben durch das europäische Projekt endgültig gewährleistet sei, dann hat er für meine Gefühl in diesem Punkt unrecht. Die nationalen, chauvinistischen, separatistischen Stimmungen, die durch Ungarn, Norditalien, Dänemark und und andere Länder schwappen, sprechen für das Gegenteil. Das europäische Experiment ist noch nicht erfolgreich abgeschlossen. Die Dämonen, die durch das europäische Projekt bislang in Schach gehalten werden, warten stets noch auf Rache. Die Angst vor Europa ist immer noch gerechtfertigt."

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - Eurozine

Wie eine weise alte Eule erscheint Charles Taylor im Gespräch mit dem kapitalismuskritischen, katholischen Heißsporn Slawomir Sierakowski von der Krytyka Polityczna. Nein, meint Taylor, die liberale Demokratie ist nicht tot, die Teilhabe hat in den westeuropäischen Ländern nur aus guten Gründen abgenommen: "In diesen Ländern war die Partizipation größer, als eine Art Klassenkampf ausgetragen wurde: Labour gegen die Konservativen in Großbritannien, Sozialisten gegen Gaullisten in Frankreich, Sozialdemokraten gegen Christdemokraten in Deutschland. Es gab den Kampf eines Volkes, eines demos: Bauern und Arbeiter gegen die anderen, und diese anderen haben sich auch mobilisiert. Dies führte zu klaren Alternativen und einem hohen Grad an Partizipation. Das sehen wir heute in Indien: Die Dalits - die unterste Stufe des indischen Kastensystems - spüren sehr genau, dass die Demokratie für sie die Chance bedeutet, die Gesellschaft etwas gleicher zu machen. Im Westen gehen heute eher die Menschen zur Wahl, die wohlhabend und gut ausgebildet sind; in Indien wählen die Menschen desto eher, je ärmer und schlechter ausgebildet sie sind."

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - Eurozine

Belgien ist seit dem 13. Juni 2010 ohne Regierung. Eine Gruppe von belgischen Aktivisten hat jetzt eine Idee, wie man diese Lücke füllen kann: 1000 zufällig ausgewählte belgische Bürger sollen am 11. November in Brüssel über die Zukunft ihres Landes beraten. In Island hat das schließlich auch geklappt. "In Island wurde 2011 selbst das Schreiben eines neuen Grundgesetzes 25 Bürgern anvertraut. Bürger, die die Chance haben, miteinander zu sprechen, können, sofern sie Zeit und Informationen erhalten, rationale Kompromisse schließen. Das glückte selbst im tief gespaltenen Nordirland. Katholiken und Protestanten, die ansonsten wenig miteinander redeten, schienen imstande zu sein, für so heikle Themen wie Unterricht Lösungen zu finden."

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - Eurozine

Ola Larsmo antwortet in Eurozine auf einen Artikel Kenan Maliks über Parallelen zwischen dem norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik und dem jungen Schweden Taimour Abdulwahab, der sich in der Stockholmer Innenstadt in die Luft sprengte. Eine Gemeinsamkeit hat Malik übersehen, findet er: "Der offensichtliche Link zwischen den beiden ist der Hass auf die Moderne. Beide wollen die Gesellschaft in eine vordemokratische Ära zurückbombem. Es ist die gleiche Angst vor der Moderne, die wir von schwedischen Nationalisten der zehner bis dreißiger Jahre kennen: Demokratie spaltet, sie reißt Grenzen ein und bringt die 'Falschen' an die Macht. Sie erlaubt anderen, die Bühne zu betreten. Sie vermischt, was getrennt bleiben sollte. Das Gegenteil von Demokratie ist Reinheit."