Jetzt gehören sie also dazu, die Schweizer.
Willkommen! Doch nicht der Volksentscheid über einen UNO-Beitritt, ist für
Folio Anlass, ein Heft zum Zustand der
Schweiz herauszugeben, sondern die
schwere Krise, in der sich das Land wähnt. Entzauberung all über all: befleckte Vergangenheit,
Swissair-Pleite,
Amoklauf im Zuger Rathaus, das
Inferno im Gotthardtunnel. Hier also der
Stand der Dinge.
Urs Widmer (mehr
hier) etwa hat sich auf die Reise durch das
Mittelland zwischen Zürich und Bern
begeben, in einen "Landstrich, der so aussieht, als hätte ein
schlampiger und schlecht gelaunter
Gott ihn geträumt". Vergleichbar dem Rhein-Main-Gebiet. Und zwischen Jurafelsen und waldigen Hügeln ist Widmer auf das
Eigentliche gestoßen: "Denn auch der Mittelländer spricht, wie alle Menschen, am sehnsuchtsvollsten von dem, was er
nicht hat. Er liebt das Eigentliche, weil er chronisch im
Uneigentlichen lebt. Manche leiden darunter, andere mögen just das
Kaputte. Denn es tut uns Menschen auch gut, in einer Umgebung zu leben, der wir uns überlegen fühlen dürfen. Versuch das mal mit der
Toscana oder den Niagarafällen. Aber in
Suhr oder
Murgenthal gewinnt die eigene Seele fast stets über die Außenwelt."
Margrit Sprecher
beschreibt die Arbeit der PR-Agentur
Präsenz Schweiz (mehr
hier), die das Image der gebeutelten Eidgenossen aufpolieren soll: "Gelder von
Diktatoren auf Schweizer Banken und Schweizer
Nummernkonti in beinah jedem zweiten Hollywood-Thriller? Leider, aber Präsenz Schweiz arbeitet daran. Und das neue Geldwäschereigesetz wird Ordnung schaffen.
Südafrika, wo amerikanische Anwälte Sammelklagen gegen die Schweiz vorbereiten? Präsenz Suisse hat die Sache im Griff. Bereits reisten südafrikanische
Journalisten durch unser Land, um Schweizer kennenzulernen, die weder mit Geld, Waffen oder Giftgas die
Apartheid unterstützten."
Und der Autor
Dietrich Schwanitz (mehr
hier)
bemerkt zur
Paradoxie der helvetischen Willensnation: Sie bleibe an ihre Erfolge gekettet wie
Prometheus an den Felsen. "Sie kann sich auch dann nicht von den Erfahrungen der Vergangenheit trennen, wenn die Welt sich ringsum geändert hat. Neue Erfahrungen machen nur die, die
scheitern." Der Historiker Thomas Maissen
sieht das ähnlich und
freut sich deshalb über die Krise.
Weitere Artikel beschäftigen sich mit dem
Aufflackern eines neuen
Nationalgefühls ("das Leiden an der Schweiz ist out"), dem
Versagen der
Manager ("Schönwetterkapitäne"), der auf
Schadensbegrenzung beschränkten
Außenpolitik und
Tyler Brules Liebe zu Schweiz, Swiss und Pitralon.
Mit großem Bedauern stellen wir fest, dass es diesmal keine Kolumne von
Martin Suter gibt.