Magazinrundschau - Archiv

NZZ Folio

85 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 9

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - Folio

Auch die Schweiz steht unter PISA-Schock. Die Autoren des Folio haben sich deshalb in die Schulen begeben und liefern aus der Schweiz, Schweden, Japan und den USA ihren eigenen internationalen Schulvergleich.

Urs Schoettli war in der Morisaki-Grundschule in Yokosuka und bemerkt erste Anzeichen von Disziplinlosigkeit in japanischen Schulen: "In den letzten Jahren hat unter jungen Frauen und Mädchen der Trend eingesetzt, die Haare blond oder braun zu färben. Einige Privatschulen verbieten dies, weil sie es für ein Zeichen der Verwahrlosung halten. Ein Grund für die Disziplinprobleme sieht Yoko Aoki in der Zunahme der Einzelkinder. Die Folgen sind wachsender Egoismus und Schwierigkeiten bei der Sozialisation im Klassenverband."

Stefanie Friedhoff hat die 6d der Baker School in Boston besucht, in der die Schüler nicht Englisch, sondern Amerikanisch lernen sollen, und Tugenden wie Toleranz, Gemeinschaft, Sozialverhalten oder selbstbewussten Individualismus und grenzenlosen Optimismus. "Wissensaufbau und Intellekt sind dabei entscheidend, spielen aber nicht immer die Hauptrolle."

Weitere Artikel: Wolfgang Matl nimmt die schwedischen Schulen unter die Lupe. Obwohl das Land bei der PISA-Studie ganz gut abgeschnitten hat, leidet es unter Lehrermangel: "Viele Schulleiter setzen bei Engpässen tüchtige Gymnasialabgänger ein, die eben noch selbst die Schulbank gedrückt haben." Andreas Heller wundert sich über den Unterricht einer sechsten Klasse im deutschschweizerischen Niederteufen, deren Unterricht an Ferien im Club Med erinnere: Ausflug zur Expo 02, Freiluftkonzert, Veloprüfung unter den Augen der Kantonspolizei, zweitägiger Schlussbummel mit Zelten am Wissbach. Kaspar Meuli erklärt, warum an der Ecole du Schoenberg in Freiburg die Deutschschweizer die Schule viel lockerer nehmen als die Welschen.

Dazu gibt es ein Loblied auf die Studie mit Grenzen, Schülerporträts sowie einen Vergleich der Schulsysteme. Und fünf Lehrer aus vier Ländern diskutieren über Disziplin, Noten, Eltern und Kaugummis im Unterricht. Und natürlich gibt es noch vieles mehr.

Magazinrundschau vom 01.07.2002 - Folio

Das neue Folio-Heft ist den nicht-professionellen Tänzerinnen und Tänzern gewidmet. Denn Tanzen, so heißt es im Editorial, führt immer "zu irgendeinem Glück".

Hans Peter Treichler erinnert an die Zeit, als Zürich noch eine Bastion im Kampf wider die Tanzlust war: "Entsprechende Traktate trugen den Titel 'Vom Ballsaal zur Hölle' und stellten den Walzer als Verführungsszene in aller Öffentlichkeit dar. Er mache aus gesitteten Damen schmachtende Opfer: 'Ihr nackter Arm liegt praktisch um seinen Hals, ihr teilweise entblösster, schwellender Busen wogt im Aufruhr gegen seine Brust; er presst sie an sich, bis jede Rundung ihres Körpers erbebt vom amourösen Kontakt; sein heisser Atem, nach starken Spirituosen dünstend, streicht ihr über Haar und Wangen' - kurz, in vielen Fällen entpuppe sich der Walzer als Vorspiel 'zum sündigen Werk der Nacht'." (Wie erregend es sein muss, Calvinist zu sein!)

Reto U. Schneider war in Schweden, wo sich jeden Sommer die besten Lindy-Hopper aus aller Welt treffen: "Lindy-Hop ist der von jungen Schwarzen erfundene Swingtanz aus den dreißiger Jahren, der vor allem zu Big-Band-Jazz getanzt wird. Der Name verweist auf den Piloten und Atlantiküberquerer Charles Lindbergh."

Weitere Artikel: Lilo Weber geht der Frage nach, warum der Mensch überhaupt tanzt. Bettina Looser, Daniele Muscionico und Andreas Heller haben mehrere Tanzschulen besucht. Andreas Heller hat die Tänzer im Tanzpavillon des Hotels Luitpold in Bad Wörishofen beobachtet (Stolpern beim Quickstep ist nicht erlaubt - auch mit über 70 nicht). Markus Storrer hört die Knochen der Breakdancer splittern. Tobi Müller beschreibt die Lust des Ravers. Und Raphael Zehnder erklärt, wie ein DJ die Leute zum Tanzen bringt.

Magazinrundschau vom 03.06.2002 - Folio

"Woher kommen eigentlich die Babies?". Früher eine unangenehme, aber leicht zu beantwortende Frage. In Zukunft können man das seinen Kindern ohne Abschluss in Endokrinologie gar nicht mehr erklären, glaubt Folio und widmet sein Juni-Heft der Fortpflanzungstechnologie (und macht sich nur gelegentlich über den zum Thema geführten "operettenhaften Feuilletonkrieg" in Deutschland lustig).

Die Technik-Historikerin Barbara Orland erzählt zunächst die Geschichte der Fortpflanzungstechnologie, die mit der künstlichen Befruchtung eines Angorakaninchens im Jahr 1890 ihren großen Anfang genommen hat, und kommt zu dem Schluss. "Schwangerschaftsverhütung, Sterilisierung, Refertilisierung und Befruchtung ausserhalb des Körpers, Schwangerschaftsbetreuung und Embryonencheck sind technische Variationen der immergleichen Körperhandlung. Damit greifen alle vertrauten biologischen Begründungen für unsere Verwandtschaftsbeziehungen nicht mehr, weil das Zeugungsgeschäft durch Zerlegung in viele kleine Einzelschritte nach Belieben zusammengefügt und hinsichtlich des gewünschten Ergebnisses manipuliert werden kann. Statt leibhaftiger Männer, Frauen und Kinder treten im Zeitalter der Fortpflanzungsmedizin eben Spermien, Eizellen und Embryonen in Beziehung zueinander. Welche Konstellationen diese bilden, ist offensichtlich immer weniger eine Frage der Biologie als eine der Kultur."

Der Evolutionsbiologe Robin Baker schickt einen besorgten Bericht aus dem Jahr 2050: Die Weltbevölkerung ist auf 15 Millionen Menschen angewachsen, da der Preiszerfall bei künstlichen Gebärmüttern dazu geführt habe, dass immer Männer ein Baby bestellen.

Weitere Artikel: Cornelia Kazis schildert die entsetzlichen Torturen, die ein ungewollt kinderloses Paar aus Basel auf sich genommen hat, um endlich eine Familie zu werden. Irene Dietschi hat zu sieben heiklen Fällen der Fortpflanzungsmedizin drei Ethiker befragt. Sie sind sich selten einig: Persönliche Freiheit steht gegen die Menschenwürde, die absolut amoralische Natur gegen den vielleicht ein bisschen unmoralischen Menschen. Reto Schneider porträtiert den Soziologen und Bioethiker Tom Shakespeare (mehr hier), der zum Lieblingsgegner aller Behindertenaktivisten wurde. Shakespeare selbst ist kleinwüchsig und findet es völlig in Ordnung, ein behindertes Kind abzutreiben. Markus Hoffmann stellt dar, wie Leihmütter, schwule Samenspender, verwaiste Embryonen das Familienrecht und die Jusitz strapazieren. Ulrich Bahnsen erklärt, warum es auf die Religion des Embryo ankommt (Der katholische darf überhaupt nicht zur Forschung benutzt werden, der jüdische und der islamische dagegen bis zum 40. Tag.). Und Suzann-Viola Renninger beschreibt, warum eine Frau, die selbst keine Kinder will, ihre Eizellen spendet.

Magazinrundschau vom 06.05.2002 - Folio

Auch im NZZ-Folio wird über die Weltwirtschaft nachgedacht. "Arm und reich" ist der Titel des neuen Hefts. Der Wirtschaftshistoriker David S. Landes, Autor von "Wohlstand und Armut der Nationen", schildert die Globalisierung als einen jahrhundertelangen Prozess, in dem die Europäer es im Gegensatz zu den anfangs überlegenen Chinesen und Moslems schafften, von anderen Völkern zu lernen und durch diesen wissenschaftlichen Fortschritt wirtschaftliche Dominanz zu erlangen. Darum will er die Globalisierungskritik der chinesischen und moslemischen "Globalisierungsopfer" nicht anerkennen. "Beide brachten sie sich selber in Armut, indem sie auf ihrer kulturellen und technischen Überlegenheit über die Barbaren ringsumher insistierten, indem sie es ablehnten, von Völkern zu lernen, die sie als minderwertig betrachteten. Hochmut ist ein Gift und kommt, wie das Sprichwort sagt, vor dem Fall. Was China angeht, kostete die Weigerung, von den europäischen Eindringlingen zu lernen, das Land vierhundert Jahre eines möglichen Fortschritts. Westliche Sinologen versuchen bisweilen, die Chinesen zu trösten, indem sie den Vorsprung des Westens so spät wie möglich datieren und dessen Ausmaß so gering wie möglich veranschlagen. Die Chinesen wissen es besser. Und weil sie es besser wissen, versuchen sie jetzt, etwas in der Sache zu unternehmen."

Joseph E. Stiglitz ist auch in diesem Heft prominent vertreten. In einem Interview über Entwicklungshilfe plädiert er für ein internationales Konkursverfahren für verschuldete Länder: "Ich bin optimistisch. Verschiedene Regierungen, mit denen ich Kontakte pflege, unterstützen den Gedanken. Im 19. Jahrhundert entsandten die Briten und Franzosen noch Truppen in Länder, die ihre Schulden nicht zurückzahlten. Das ist heute nicht mehr so. In der Tat wird man zur Einsicht gelangen müssen, dass man selbst dafür verantwortlich ist, wenn man jemandem Geld ausleiht, der es nicht zurückzahlen kann."

Weiteres: Der Ethnologe Nigel Barley weist nach, dass Bilder von Armut und Reichtum kulturell bedingt seien. Ram Etwareea schildert den wirtschaftlichen Aufstieg seiner Heimat Mauritius. Stefanie Friedhoff stellt Therapien für Neureiche vor, die am " Sudden Wealth Syndrome" leiden. Christiane Henkel schreibt ein Städteporträt über Sao Paolo, eine Stadt mit 2.300 Morden im Jahr. Peter Haffner versucht zu begreifen, "was es heisst, Schweizer und arm zu sein."

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - Folio

Jetzt gehören sie also dazu, die Schweizer. Willkommen! Doch nicht der Volksentscheid über einen UNO-Beitritt, ist für Folio Anlass, ein Heft zum Zustand der Schweiz herauszugeben, sondern die schwere Krise, in der sich das Land wähnt. Entzauberung all über all: befleckte Vergangenheit, Swissair-Pleite, Amoklauf im Zuger Rathaus, das Inferno im Gotthardtunnel. Hier also der Stand der Dinge.

Urs Widmer
(mehr hier) etwa hat sich auf die Reise durch das Mittelland zwischen Zürich und Bern begeben, in einen "Landstrich, der so aussieht, als hätte ein schlampiger und schlecht gelaunter Gott ihn geträumt". Vergleichbar dem Rhein-Main-Gebiet. Und zwischen Jurafelsen und waldigen Hügeln ist Widmer auf das Eigentliche gestoßen: "Denn auch der Mittelländer spricht, wie alle Menschen, am sehnsuchtsvollsten von dem, was er nicht hat. Er liebt das Eigentliche, weil er chronisch im Uneigentlichen lebt. Manche leiden darunter, andere mögen just das Kaputte. Denn es tut uns Menschen auch gut, in einer Umgebung zu leben, der wir uns überlegen fühlen dürfen. Versuch das mal mit der Toscana oder den Niagarafällen. Aber in Suhr oder Murgenthal gewinnt die eigene Seele fast stets über die Außenwelt."

Margrit Sprecher beschreibt die Arbeit der PR-Agentur Präsenz Schweiz (mehr hier), die das Image der gebeutelten Eidgenossen aufpolieren soll: "Gelder von Diktatoren auf Schweizer Banken und Schweizer Nummernkonti in beinah jedem zweiten Hollywood-Thriller? Leider, aber Präsenz Schweiz arbeitet daran. Und das neue Geldwäschereigesetz wird Ordnung schaffen. Südafrika, wo amerikanische Anwälte Sammelklagen gegen die Schweiz vorbereiten? Präsenz Suisse hat die Sache im Griff. Bereits reisten südafrikanische Journalisten durch unser Land, um Schweizer kennenzulernen, die weder mit Geld, Waffen oder Giftgas die Apartheid unterstützten."

Und der Autor Dietrich Schwanitz (mehr hier) bemerkt zur Paradoxie der helvetischen Willensnation: Sie bleibe an ihre Erfolge gekettet wie Prometheus an den Felsen. "Sie kann sich auch dann nicht von den Erfahrungen der Vergangenheit trennen, wenn die Welt sich ringsum geändert hat. Neue Erfahrungen machen nur die, die scheitern." Der Historiker Thomas Maissen sieht das ähnlich und freut sich deshalb über die Krise.

Weitere Artikel beschäftigen sich mit dem Aufflackern eines neuen Nationalgefühls ("das Leiden an der Schweiz ist out"), dem Versagen der Manager ("Schönwetterkapitäne"), der auf Schadensbegrenzung beschränkten Außenpolitik und Tyler Brules Liebe zu Schweiz, Swiss und Pitralon.

Mit großem Bedauern stellen wir fest, dass es diesmal keine Kolumne von Martin Suter gibt.