Magazinrundschau - Archiv

NZZ Folio

85 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 9

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Folio

Grauer Anzug, reservierte Miene und seidene Zunge: der Diplomat.

Was versteht man eigentlich genau unter Diplomatie? William Pfaff definiert sie folgendermaßen: "Diplomatie ist unentbehrlich, solange die politische, militärische und wirtschaftliche Macht geteilt ist und das internationale System geprägt ist von vielfältigen Interessen. Dieser Grundsatz gilt seit dem Westfälischen Frieden von 1648, mit dem das moderne System von souveränen Staaten geboren war."

Ohne das Protokoll geht gar nichts. Viviane Manz weist uns ein in die Feinheiten der diplomatischen Gepflogenheiten. Eine Kostprobe: "Bei einem diner assis wird Ihnen die Tischordnung den Platz weisen. Fehler machen kann hier höchstens der Gastgeber, der die Gäste nach der 'preseance', der diplomatischen Hackordnung, placiert. Neben der guten Kinderstube ist bei Tisch zu beachten, dass niemand nach Hause geht, bevor sich der Ehrengast verabschiedet hat. Finden Sie rechtzeitig heraus, ob Sie der Ehrengast sind, damit Sie nicht die ganze Gesellschaft bis spät in die Nacht festhalten."

Michael Marti erzählt eine Schauergeschichte um einen missbrauchten Diplomatenkoffer. Vorher klärt er uns jedoch auf, was ein Diplomatenkoffer tatsächlich ist: "Der Diplomatenkoffer oder la valise diplomatique ist in den seltensten Fällen ein Koffer, sondern meistens, wie es die englische Bezeichnung diplomatic bag richtig ausdrückt: ein Sack; üblicherweise ein großer Segeltuchbeutel, oft beschichtet mit Wachs oder Plastik. Der Diplomatenkoffer, der in Wahrheit ein Sack ist, muss mit einem Siegel oder einer Etikette gekennzeichnet sein - nur dann gilt, was 143 Nationen am 18. April 1961 in der Wiener Konvention, Artikel 27, Absatz 3, beschlossen haben: dass er 'weder geöffnet noch zurückgehalten' werden darf. Der Diplomatenkoffer ist ein juristisches Konzept, kein Gepäckstück, und er ist unantastbar."

Weitere Artikel: Andreas Dietrich porträtiert die Schweizer Krisendiplomatin Heidi Tagliavini, Sonderbeauftragte der Uno in Georgien, von der man sagt, sie habe "deutsche Disziplin, ein italienisches Herz und französischen Charme".

Er trägt Shorts und ärmellose T-Shirts, doch allem Anschein zum Trotz ist Robert Weibel der begehrteste Verhandlungs-Trainer Europas, weiß Martin Senti. Markus Schär erklärt, was Wirtschaftsdiplomaten alles können müssen. Andreas Heller stellt die Spezies der Honorarkonsuln vor, und zwar als "Jahrmarkt der Eitelkeiten". Diplomatie kann bitterer Ernst sein, doch es gibt sie auch als Spiel, hat Tom Felber herausgefunden. Max Frenkel hat ein (un)diplomatisches Glossar zusammengestellt, in dem ein stocksteifer Begriff den anderen jagt.

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - Folio

Das Folio-Heft widmet sich Düften. Stefanie Friedhoff hat sich zu Pamela Dalton gewagt, der "Herrin der Düfte", die für das amerikanische Militär an der Zusammenstellung einer effizienten Geruchswaffe, sprich "Stinkbombe" arbeitet. Dalton erklärt, worauf es dabei ankommt: "Eine Stinkbombe muss einen Geruchscocktail verbreiten, der für jeden Adressaten mindestens einen unbekannten Gestank enthält. Und jede Komponente allein sollte möglichst viele verschiedene Menschen ängstigen. Letzteres erweist sich allerdings als kompliziert. Das Riechen scheint auch deshalb das Stiefkind der Forschung zu sein, weil es sich als komplexer entpuppt hat als Sehen und Hören, Fühlen und Schmecken.

Präsentiert wird ein Auszug aus Chandler Burrs Buch "The Emperor of Scents", eine Porträt des Biophysikers Luca Turin, der eine neue Theorie des menschlichen Geruchssinns aufgestellt hat, mit der er die "Biologie und einige Multimilliardendollarkonzerne revolutionieren" und Mrs. Daltons Arbeit erleichtern könnte - vorausgesetzt, er hat Recht. Turin geht es nämlich um nichts weniger als den Beweis für eine These, die 1938 erstmals der Engländer Malcolm Dyson vortrug: "Die Nase ist ein Spektroskop." Turin, der künftig monatlich eine Parfumkritik für NZZ-Folio schreiben soll, erklärt unter anderem, warum er sich für Düfte interessiert: "Überall in Frankreich stößt man auf diese Vorstellung, dass die Dinge ein bisschen schmutzig, überreif, ja beinahe ein wenig fäkalisch sein müssen. Franzosen lieben verdorbenen Käse und schmutzige Laken und ungewaschene Frauen. Guy Robert, ein Parfumeur der dritten Generation, der für Hermes den Duft 'Caleche' schuf, fragte mich einmal: 'Est-ce que vous avez senti some molecule or other?' Ich antwortete, nein, ich hätte noch nie an dem Parfum gerochen, wonach es denn rieche? Er wiegte gewichtig das Haupt und erwiderte: 'Ca sent la femme qui se neglige' -­ es duftet nach einer Frau, die sich vernachlässigt."

Weitere Artikel: Was es bedeutet, nichts mehr zu riechen, hat Martin Lindner von der an Anosmie erkrankten Natascha Thümmler erfahren. Reto U. Schneider hat sich einem Selbstversuch mit Sexuallockstoffen unterzogen - mit leider nur allzu mäßigem Erfolg. Viviane Manz erläutert das Prinzip des Star-Parfums. Hans Peter Treichler sieht in der Nase viel mehr als nur das bloße Riechorgan. Außerdem bekommen wir eine kleine Kollektion der Alltagsdüfte gereicht, und schließlich schreibt Eleonore Frey vom glücklosen Aufeinandertreffen von Duft und Sprache

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - Folio

Auch in der Schweiz funktioniert nichts mehr, schon gar nicht die Rentensystem. Also widmet Folio sein neues Heft der Altersvorsorge. Was uns ja bekanntlich alle angeht.

"Wo ist mein Geld?", fragt sich Andreas Dietrich und hat sich auf die ernüchternde Suche nach seinem Vorsorgegeld begeben: "Eine interessante Frage, sagt Frau Bösch, als ich sie aufsuche. Aber wie meinen Sie das genau? Genau weiß ich das auch nicht. Ich gehöre einer Generation an, die den jährlich eintreffenden Vorsorgeausweis gern mit der Bonusabrechnung des Swissair-Vielfliegerprogramms verwechselte und bestenfalls die Zeile mit dem Pensionierungsdatum streifte. Bei mir steht da der 1. Juni 2029. Für die Qualiflyer-Generation konnte es nur sorglosen Wohlstand bedeuten, mindestens. Anderes kennen wir nicht, die wir im Gründungsjahr der Stiftung Warentest, 1964, geboren wurden. Das war gestern. Heute gibt es keine Swissair mehr, die Swiss schon fast wieder nicht mehr, und meinen neuen Vorsorgeausweis habe ich immer noch nicht erhalten."

Als Weg aus dem Dilemma der Altersvorsorge empfiehlt Beat Kappeler längeres Arbeiten: "Wenn die Älteren vermehrt aktiv bleiben, sind sie nicht länger gezwungen, ihren langen Lebensabend in der Haltung eines Hotelgastes abzusitzen." Markus Schär erzählt, wie Manager einer Pensionskasse Millionen in den Sand setzten und gleichzeitig ihre eigenen Taschen füllten. Martin Lengwiler und Matthieu Leimgruber sehen allerdings keine großartigen Umwerfungen im schweizerischen Rentensystem. Die unheilvolle Mischung aus Lobby-Arbeit und Sachzwänge habe schon immer seine Geschichte bestimmt und im selben Stil dürfte es weitergehen. Andreas Heller rät deshalb: "Den Job an den Nagel hängen, das Geld aus der Pensionskasse kassieren und dann ab ins Ausland."

In den USA hat der Börsencrash die Pensionsfonds ins Elend gestürzt, berichtet Stefanie Friedhoff, inzwischen kann sich jeder vierte Rentner keinen Ruhestand mehr leisten und muss "back to work". Berhard Imhasly weist dagegen darauf hin, dass Inder selbst von einem desolaten Rentensystem nur träumen können: "Ein Haus, ein Stück Land, etwas Goldschmuck, guterzogene Kinder: Für die große Mehrheit der Inder (schätzungsweise 90 Prozent oder 900 Millionen) ist das die einzige Vorsorge fürs Alter." Und Urs Schottli blickt auf Japan, das uns Europäern mit einer Geburtenrate von 1,34 Kindern und einer Lebenserwartung von 90 Jahren bereits einige Jahre im Abwärtstaumel voraus ist.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - Folio

Seelenräuber oder Traumspender? Um ihn geht es, um "den entscheidenden Augenblick", den Druck auf den Auslöser - und um den Fotografen dahinter. Es gibt sie, die Fotos der sterbenden Prinzessin Diana, berichtet Harald Willenbrock. Und doch hat man sie nie gesehen, auf keiner Titelseite. Wohl weil sie als solche Fotografen, Presse und Betrachter gleichermaßen anklagen. Und so schlafen sie weiter: "Wahrscheinlich schlummern Dutzende von Abzügen in den Stahlschränken der Bildagenturen. Tausende dürften auf den Festplatten von Redaktionen in aller Welt liegen - als digitale Klone, die in der Nacht des Unfalls freigesetzt wurden, lassen sie sich nie mehr einfangen. Dennoch tun man gut daran, sie uns nicht zuzumuten: Die letzten Fotos von Lady Diana sind ein Spiegel, in den wir niemals hineinschauen dürfen. Täten wir es, würden wir in ihm uns selbst und unsere Sucht nach Ikonen wiedererkennen. Und das wäre kein schöner Anblick."

Das sind noch wahre Abenteurer, die Fotografen des National Geographic - weiß Reto U. Schneider zu berichten - Helden, die einfach so in die Ferne losziehen, ohne sich umzudrehen: "Der kürzeste Auftrag, den je ein National-Geographic-Fotograf erhalten hat, soll aus zwei Worten bestanden haben: 'Mach Indien.' Darauf reiste der Fotograf Volkmar Wentzel 1946 per Frachtschiff nach Indien, kaufte dort für 400 Dollar einen alten Sanitätswagen, den er mit 'National Geographic Society U. S. A.' in Englisch, Hindi und Urdu beschriftete, und machte sich auf eine 65 000 Kilometer lange Reise." Die Zeit, das ist es auch, was das Besondere am National Geographic ausmacht: "Wo passiert einem das schon: Eine Frau wird schwanger, bekommt ihr Kind, und wir haben alles im selben Artikel."

Weitere Artikel: Heinz Bütler versucht sich an der Biografie eines Blickes, und zwar nicht irgend eines Blickes, sondern dem von Henri Cartier-Bresson. Viviane Manz schwelgt in der Nostalgie des alten Fotoautomaten in der Zürcher Badenerstrasse. Alberto Venzago stellt den Beniner Fotografen Cyrill Houpke vor, der in seiner Stadt zur unumgänglichen Institution geworden ist. Markus Hofmann hat sich kundig gemacht und erklärt, warum digitale Fotos genauso schwer zu manipulieren sind wie analoge. Dass die digitale Fotografie allerdings andere Vorzüge besitzt, davon hat sich Daniel Weber überzeugt. Widerum Daniel Weber hat mit Jean-Christophe Ammann, früher Leiter des Museums für moderne Kunst in Frankfurt, gesprochen und ihm drei Fotos gezeigt, für die Ammann entscheiden soll: "Kunst oder nicht Kunst". Schade nur, dass der Leser die Fotos nicht zu Gesicht bekommt!

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - Folio

Vom Kompostklo zum Schweineplaneten: das NZZ-Folio macht einen Rundgang durch die bunte Haushaltswelt.
Prostetnik Vogon Jeltz stammt nach eigener Aussage vom "Schweineplaneten" und verteidigt die Chaoten dieser Welt mit einem Manifest, das sich gewaschen hat (oder doch nicht?). Denn "leider ist diese Welt von den Ordentlichen beherrscht. (Selten hört man: 'Schlimm, diese geputzte Küche.') Wer unordentlich ist, ist in Opposition." Und so versorgt PVJ seine "Schweinebrüder" mit dem theoretischen Fundament zur Rebellion gegen den "Terror" der Ordnung, die nichts anderes als eine Spielart der Unmenschlichkeit ist: "Tatsächlich sind etwa schicke Lofts wunderbare Orte, sich steif und unwohl zu fühlen: Im Vergleich mit dem Interieur ist der Besucher ein Schandfleck. Was für ein Unterschied zu einer unaufgeräumten Küche: Hier strahlen noch die hässlichsten Gäste!"

Michael Marti hat sich den Geschlechterkampf auf dem Haushaltsschlachtfeld genauer angesehen. Was dabei herauskommt, ist so sehr in Einklang mit dem Klischee der Hausfrau und des Heimwerkers, dass man sich nur wundern kann: "Steigen die Männer in die Niederungen der Weiblichkeit hinab und wischen den Boden, packen die Wäsche in die Maschine, räumen die Wohnung auf, so tun sie es meistens in der Art eines Hilfsarbeiters: auf Geheiss, unter Anleitung und Aufsicht der Frau. Nur im Bereich 'handwerkliche und administrative Tätigkeiten' entwickeln die Herren Eigenverantwortung und leisten mehr als ihre Partnerinnen: Glühbirnen auswechseln, Rasen mähen, die Steuererklärung ausfüllen, das sind Herausforderungen, die der Durchschnittsmann als seiner würdig erachtet. Auch beliebt ist der Großeinkauf am Wochenende, besonders wenn das Auto benützt werden kann." Und auch wenn die (oft berufstätige) Frau noch den Großteil des Haushalts erledigt, gelobt fürs Schrubben wird sie eher selten, was dann zum Beispiel so klingt: "Ich habe Mühe, eine Akademikerin dafür zu loben, dass sie auf den Knien den Badezimmerboden putzt." Da hilft nur üben, üben, üben!

Weitere Artikel: Daniele Muscionico war auf exotischer Haushaltstour: bei der Pfarreihaushälterin Theresia Chin, in einem Männerhaushalt und in einem traditionell jüdischen Haushalt. Ursula von Arx ist zu Gast in einem umweltbewussten Haushalt. Isolde Schaad hat die Haushaltsgeräte bespitzelt und schreibt über deren "heimliches Treiben". Lilli Binzegger erzählt, wie der Haushaltsunterricht die Emanzipation erst so richtig zum Kochen brachte. Kaspar Meuli hat die kleinen Heinzelmännchen des Haushalts überrascht: die Reinigungsmittel. Da hat jemand den Begriff "Ironman" nicht verstanden: Jetzt gibt es auch Bügeln als Extremsportart, berichtet Andreas Dietrich.

Und schließlich bringt das NZZ-Folio noch ein paar Fakten auf den Tisch, unter anderem dass die Qualifikationsanforderungen nach arbeitspsychologischen Kriterien an eine Hausfrau bei 618 liegen (auf einer Skala bis 11000), an einen Polizisten allerdings nur bei 471.

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - Folio

Hiiilfe! Das NZZ-Folio lockt mit dem nackten Grauen. Aber nicht doch, wer wird denn Angst haben?

Reto U. Schneider hat auf der Achterbahn geschwitzt und in der Geisterbahn gezuckt. Jetzt weiß er mehr über unsere Urängste. Dass sie aus neuronalen Gründen nicht rational kontrollierbar sind, weil zuerst der Mandelkern, das emotionale Zentrum angesprochen wird, und dass sie anscheinend über Jahrtausende vererbt wurden wie das Familiensilber. Doch warum gerade die Ängste und nicht die Furchtlosigkeit? Die Antwort ist einleuchtend: "All jene, die in der Steinzeit keine Furcht vor Höhe, Schlangen, Spinnen oder Dunkelheit zeigten, hatten nur geringe Chancen, unsere Vorfahren zu werden: Wer mit 15 vom Fels stürzte oder sich von einer Mamba beissen liess, hatte keine Kinder, die seine Furchtlosigkeit in die nächste Generation trugen." Angst als lebenserhaltende Funktion also. "Bleibt ein letztes Rätsel: Warum erleben wir Furcht und Angst als unangenehmes Gefühl? Wenn der Mandelkern Furchtreflexe schon unbewusst auslöst, warum müssen wir dann überhaupt davon erfahren? Die Wissenschaft hat darauf keine wirklich gute Antwort, denn diese Frage schliesst eine viel grössere ein: Warum haben wir überhaupt ein Bewusstsein?"

Wunderbar zu erfahren, wovor sich zu fürchten lohnt: die jährlichen Todesfälle durch fallende Kokosnüsse (150) sind den hungrigen Haien weit voraus (10). Doch Achtung! Immerhin fünf Schweizer sterben jährlich an "Herumgehen in Haus und Garten". Doch wovor Männer sich wirklich fürchten, steht weiterhin in den Sternen, denn: "Eine wissenschaftliche Studie kommt zum Schluss: Männer lügen bei Angstumfragen."

Weitere Artikel: Andreas Dietrich berichtet über den erstaunlichen Fall des "anständigen Buchhalters" und ehrlichen Betrügers Max B., der die Schweizerischen Bundesbahnen um 3,17 Millionen Franken erleichterte und 1187 Tage der Angst erlebte. Claire Keller schreibt über panische Hundeangst, uneinige Ratgeber und angstlose Therapeuten. Harald Willenbrock hat drei Angst-Meisterern über die Schulter geschaut: Ulrich Wegener, dem Held von Mogadischu, dem Helfer und Psychologe für NATO-Jet-Piloten Bernd Willkomm und dem Hasardeur und Kamikazekünstler Rüdiger Nehberg.

Daniel Weber hat mit einem gesprochen, der auszog, seine Zuschauer das Fürchten zu lehren, nämlich Regisseur Michael Haneke - und der weiß viel über die Macht der Bilder und Angst, die vorbereitet sein will. Cornelia Kazis schreibt über kindlichen Angstphantasien, die "Hieronymus Boschs Bilderwelt" in nichts nachstehen. Und schließlich sieht Dietrich Schwanitz in der Moderne die "zweite Vertreibung aus dem Paradies, aus dem Paradies der Gesellschaft" und damit eine geeignete Grundlage für Ängste, die in die ungewisse Zukunft weisen, ohne von einem tröstlichen Jenseits gemildert zu werden.

Und noch zwei Extras: In der Sprachlese stellt Wolf Schneider fest, dass man sich am besten vor Wörtern in Acht nehmen sollte, denn sie sind Vorurteile und Mumien. Und Reto U. Schneider beschäftigt sich mit dem Wissenschaftler Gilbert Levin, Leben auf dem Mars und undeutbaren Experimenten.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - Folio

Folio empfiehlt in seiner Dezemberausgabe ein festliches Sechs-Gänge-Menü - natürlich mit Aperitif und Digestif.

Zum Aperitif wird gereicht das Tischgespräch zwischen dem Schriftsteller E. Y. Meyer und dem Sänger und Filmemacher Dieter Meier. Bei deren Rezepte-Geplänkel läuft dem Leser unweigerlich das Wasser im Munde zusammen.

Reto U. Schneider verrät, wie man sich so richtig vollstopfen kann, ohne dass sich Sättingungsgefühle querstellen. Wie wärs zum Beispiel mit "fasten, spritzen oder haschen"? (Rezept). Die Suppe hat es in sich. Doch Hans Peter Treichler wundert sich, warum die gute Suppe gerade für negative Redensarten herhalten muss. Herr Ober! Da ist ein Haar in der Suppe! (Rezept) Herbert Cerutti rümpft die Nase über die Methoden der Lachszucht und weiß - es geht auch anders. (Rezept)

Im Hauptgang wird serviert ein Interview mit Michel Bras, "dem derzeit vielleicht interessantesten Koch von ganz Frankreich". Dieser gibt sich als naturverbundener Mystiker: "Meine Herkunft ist einfach, und der Aubrac, meine Heimat, ist ein Ort, wo es eigentlich nicht viel gibt ­ ganz im Unterschied zu anderen Regionen, etwa dem Burgund oder der Gegend um Lyon. Es ist ein karges Land, eine Hochebene, geprägt von Steinen, Wäldern, einem einzigartigen Licht. Mein Terroir sind nicht einzelne Produkte, sondern meine persönliche Erfahrung dieser Landschaft und ihrer Produkte. Ich versuche, die Emotionen, welche die Landschaft, das Licht, ein Windstoss in mir wecken, in ein Gericht zu übersetzen." (Rezept) Rudolf Trefzer berichtet besorgt, dass die italienische Käsevielfalt bedroht ist. (Rezept), und zum Dessert gibt es einen Text von E. Y. Meyer. (Rezept)

Das Digestif - nun ja, es ist die Verdauung selbst, in deren Abgründe Volker Stollorz eingetaucht ist. "Doch keine Angst! Auch wenn im Folgenden verdaut wird, soll dabei niemandem der Appetit vergehen. Eher handelt es sich um ein Plädoyer für ein wenig Ehrfurcht vor den Leistungen eines unterschätzten Organsystems. Denn die Reise in das mehr als acht Meter lange, verschlungene Dunkel der Verdauungsorgane ist in Wahrheit wundersamer als jede Küchenkreation."

Und hier noch einmal das ganze Menü zum Nachkochen.
Stichwörter: Lyon, Meier, Dieter, Wasser

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - Folio

Hahaha!! Während die deutsche Zeitungswelt in der Krise steckt, hat die Schweiz gut lachen. Denn Humor lautet das Thema (Editorial), über das sich die Geister diesmal scheiden, und es wird reichlich spannender und sogar erheiternder Lesestoff geboten!

Und da zuviel Theorie dem Humor nur schaden kann, hat die Redaktion ein kleines Experiment durchgeführt: ein Humorexperiment. Fünf Humoristen bringen sich reihum zum Lachen - oder versuchen es. Dabei weiß der jeweilige Leser natürlich nicht, wessen Text ihm da vorgesetzt wird... Und so findet Sissi Perlinger dieses Experiment zwar wunderbar, Thomas Maurer allerdings "larmoyant" und "verquast", Peach Weber kritisiert lieber die Humorkritik als Sissi Perlinger, Joachim Rittmeyer findet, dass Peach Weber "Zwerchfallstudien" betreibt, anstatt es ordentlich zu kitzeln, Wolfgang Bortlik gefällt das Ende von Joachim Rittmeyers Text... ein bisschen, und Thomas Maurer bescheinigt Wolfgang Bortlik "vor Originalitätswollen krampfgeäderte Formulierungen". Ob sie am Ende alle nur über sich selbst lachen können?

Dann vielleicht doch lieber Theorie: Man könnte zum Beispiel die neuesten Einsichten der Humorforschung als Erklärungsmodell für die lachfaulen Humoristen nachreichen. Robert L. Provine, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften, findet Abhandlungen über Komik müßig: " ... die meisten Leute wissen im Grunde nicht, warum sie lachen." Das Lachen sei in erster Linie sozial. Dafür spreche auch der epidemische Charakter des Lachens (es soll schon zu richtiggehenden Lachepidemien gekommen sein), das geschlechterspezifisches Lachverhalten und nicht zuletzt das Kitzeln, dem Provine einen großen Platz einräumt. In der Tat sieht für ihn "die Mutter aller Witze" so aus: "Das vorgetäuschte Kitzeln des Kitzelmonsters in dem unter Menschenkindern so beliebten Ich-krieg-dich-noch-Spiel." Kille-kille-kille!

Dem Gerücht, es gebe einen deutschen Humor, glaubt die Schriftstellerin Herta Müller ("Im Haarknoten wohnt eine Dame") gerne. Doch kommt sie ihm nicht so recht auf die Schliche, wie eine Episode in der Metzgerei bezeugt: "Man kann in einem fremden Land alles schneller und einfacher lernen als den Humor. Weshalb glaubte der Kunde, seine zwei Pärchen Landjäger gegen mich verteidigen zu müssen?" Passend dazu erklärt der Ethnologe Nigel Barley , warum Witze nicht universell verständlich sind.

Weitere Artikel: Ein Besuch der 21. Internationalen Humorkonferenz in Italien hat Andreas Heller gelehrt, dass die Wissenschaft des Humors eine ernste Sache ist. Einen Witz hat er aber retten können ... Gerda Wurzberger versucht herauszufinden, warum es keinen weiblichen Woody Allen gibt und stellt fest, dass Frauen immer bemüht sind, ihren Sarkasmus zu mildern. "Sonst hält man sie schnell einmal für verrückt. Und verrückte Frauen gelten als krank, aber nicht als lustig. Wahnsinnige Frauen kommen in tragischen Opern vor, nicht in komischen." Robert Gernhardt ist geradezu entzückt von einem auf den ersten Blick "sturzbiederen" Gedichtband des Diplomingenieurs Günter Nehm, insbesondere seinem virtuosen Umgang mit dem Schüttelreim. Kostprobe: "Heiser wandeln Säuferkehlen. / Weiser handeln Käuferseelen." Und Peter Haffner berichtet trocken, wie sich das Karussel der Harald-Schmidt-Show um seinen Sonnenkönig dreht.

Magazinrundschau vom 07.10.2002 - Folio

Eine gute Idee, zur Buchmesse ein Heft darüber herauszugeben, wie man Bücher schreibt! Denn Manfred Papst dürfte mit seinem "Glück, kein Buch geschrieben zu haben", ziemlich allein dastehen. Bei allen anderen ist es heute nahezu ein Muss, das eigene Buch herausgebracht zu haben.

Andrea Köhler war im Creative-Writing-Workshop und lässt uns netterweise an dem teilhaben, was sie gelernt hat: "Wie schreibt man einen Roman? In Amerika gibt es darauf eine Antwort: Just do it. Gehen Sie in einen Workshop. Und vergessen Sie alles, was Sie als Europäer im Literaturstudium möglicherweise gelernt haben. Vergessen Sie die hundert Verbote der Moderne, die da heißen: Du sollst keine Handlung erfinden und keinen Plot aufbauen, Du sollst keine realistischen Helden hinstellen und Gut und Böse ins Jenseits verbannen, Du sollst deine Figuren nicht mit Gesinnungen kostümieren, nicht Zuflucht ergreifen bei den Sicherheiten der Erzähltradition, Du sollst das Bewährte meiden. Vergessen Sie diese Verbote, nein: verstossen Sie gegen sie. Wie sagt meine Creative-Writing-Lehrerin? Shut up all your knowledge of writing!" Und dann erklärt sie die wirklich geltenden zehn Gebote, von denen einige heißen: Du sollst lügen. Du sollst stehlen. Und: Du sollst Deinen Figuren Leid zufügen.

Interessant ist auch ein Text von Harald Willenbrock, der Einblick in die Arbeit der Ghostwriter gibt: "Ghostwriting kann gutgehen wie bei Harald Juhnke: Woran Juhnke sich nicht mehr erinnerte, erfragte sein Ghost bei Zeitzeugen. Es kann schiefgehen wie bei Hanns Joachim Friedrichs; da hielt zum Schluss Friedrichs sein Leben und der Ghostwriter seine Arbeit für verkannt." (Willenbrock selbst hat übrigens als Ghost das Buch der Sommeliere Paula Bosch geschrieben).

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Matthias Zschokke erklärt, was ihn antreibt, Bücher zu schreiben. Peter Haffner gibt Ratschläge, wie man sein Manuskript an den Verleger bringt. Allerdings helfe es auch nichts, den Lektor zu beschimpfen, zu bedrohen oder zu bestechen, wenn dem die ersten zwanzig Seiten nicht gefallen. Werner Morlang empfiehlt im gleichen Zusammenhang, sich an die kleinen, aber feinen Verlage zu halten. Marion Janzin und Joachim Güntner haben sich angesehen, was das Unternehmen Books on Demand so druckt (nämlich alles). Und Ursula von Arx schreibt über Lesungen als Events, bei denen sich zu "Musik und Bier auf Lümmelsofas" alles zeige, was gerne jung, umstritten und angesagt ist.

Magazinrundschau vom 02.09.2002 - Folio

Das NZZ Folio setzt zur Ehrenrettung des Marktes an, dessen Ruf in letzter Zeit ein wenig gelitten hat: Auf dem Markt entwickelten sich Zivilisation und Kultur, schreibt das Folio, hier wurde wurde zuerst geschrieben und gerechnet. Und schließlich heißt es in dem Heft: Märkte sind überall und haben immer Recht. Zu lesen ist eine großartige Reportage von Kurt Pelda über den sagenumwobenen Salzmarkt von Timbuktu. "Vielleicht sind es die allgegenwärtigen Zeichen des Niedergangs, die manche Besucher am Fortbestand des uralten Salzhandels zweifeln lassen. Auf dem kleinen Markt werden jedenfalls nur einige wenige Salzplatten feilgeboten. Davon sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen, denn sie sind nur für den lokalen Verbrauch bestimmt. Wer Salzhändler treffen will, muss die Häuser der maurischen Händler aufsuchen, deren Familien den Fernhandel seit Menschengedenken kontrollieren."

Sehr lesenswert ist auch der Bericht von Peter Haffner ("Grenzfälle") über den Basar im ehemaligen Warschauer Fussballstadion Dziesieciolecia, Europas größtem Freiluftmarkt, auf dem von gefälschten Microsoft-Programmen über israelische Uzis bis zur Hitler-Büste alles zu bekommen ist. "Wann immer ich in Warschau bin, gehe ich da hin, wohlversorgt mit Mahnungen meiner polnischen Freunde, mich nicht beklauen, verprügeln oder umbringen zu lassen. Für sie ist das Stadion so etwas wie eine Geisterbahn, zwar anziehend, aber unheimlich."

Weitere Artikel: John McMillan, Professor für Ökonomie an der Stanford School of Business, erklärt, was Märkte zum Funktionieren bringt. Hilmar Schmundt fragt sich, ob bei ebay der Traum vom perfekten Markt wirklich Wirklichkeit geworden ist. Jens Korte und Heike Buchter beschreiben einen Handelstag an der New Yorker Börse. Thorsten Hens, Professor am Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich, erklärt, warum Kleinanleger an der Börse nur verlieren können. Ursula von Arx hat eine Vertreterin von Just-Kosmetikprodukten begleitet. Beat Gygi infomiert über das Geschäft der Zukunft - den Handel mit Wetterderivaten. Beat Kappeler ärgert sich über Preisabsprachen, Verbandskungeleien und behördliche Regelungen.