Magazinrundschau - Archiv

H7O

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - H7O

In einem Beitrag zum Thema Genderneutralität schreibt die tschechische Lektorin und Übersetzerin Lucie Bregantová mit einem gewissen Neid und Bewunderung über die englischsprachige Literatur, die es sich ihrer großen Leserschaft wegen erlauben könne, sich Minderheitenthemen zu widmen, vor allem aber den "riesigen Vorteil" habe, schon sprachimmanent quasi genderneutral zu sein. Denn während man im Englischen - und bis zu einem gewissen Grad auch im Deutschen - lange Abschnitte eines erzählenden Ichs lesen kann, ohne dabei zu ahnen, ob es sich um ein männliches oder weibliches Ich handelt, ist das im Tschechischen schon aus grammatisch-morphologischen Gründen schier nicht möglich, da zum Beispiel die Vergangenheitsform von Verben automatisch von einer weiblichen oder männlichen Endung markiert wird. (Ein Aspekt, der übrigens auch die romanischen Sprachen betrifft.) Auch die Dichterin Kateřina Matuštíková hat sich letzten Monat in einem Artikel diesem Problem gewidmet, das ja in den slawischen Sprachen schon beim geschlechtlich markierten Nachnamen beginnt. (Entsprechend schreibt die Autorin sich Katka Matuštík*ová.) Bregantová schreibt, es sei kein Zufall, dass etwa Jeanette Wintersons Roman "Written on the Body" (Auf den Körper geschrieben) fast als einziger der Autorin nicht ins Tschechische übersetzt worden sei. "Er ist so geschrieben, dass uneindeutig bleibt, ob die zentrale Person ein Mann oder eine Frau ist." Auch wenn der Wille da ist - das Bemühen um ein nichtbinäres oder diverses Erzählen erfordern beim Schreiben oder Übersetzen unendlich viele Kompromisse, die eine flüssige Lektüre beeinträchtigen. Dennoch macht Bregantová ein paar Vorschläge, wie man geschlechtliche Uneindeutigkeit sprachlich einigermaßen elegant ausdrücken könnte, und meint, eine mögliche Entwicklung sei hier noch ganz am Anfang. Immerhin hat sich das Tschechische in der Vergangenheit äußerst kreativ gezeigt, was die Einverleibung von ausländischen Einflüssen und Schaffung von Neologismen betrifft.

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - H7O

Anna Maślanka und Łukasz Grzesiczak berichten über das Sterben kleiner Buchhandlungen in Polen - und engagierte Bemühungen, dem etwas entgegenzusetzen. Die Voraussetzungen sind denkbar schwierig: "Im Jahr 2019 haben 61 Prozent der Polen kein einziges Buch gelesen." Immerhin kaufen sie etwas mehr, als sie lesen: "Im gleichen Jahr haben laut Picodi 63 Prozent der Frauen und 52 Prozent der Männer im Polen wenigstens ein Buch gekauft." Das geschieht allerdings zunehmend übers Internet. Da es keine Buchpreisbindung gibt, können die großen Buchhandelsketten und die Onlinehändler über die Mengenbestellungen den Verlagen größere Rabatte abfordern und günstigere Preise anbieten als die kleinen Buchhändler, die oft nur einzelne Exemplare in den Laden bestellen. Inzwischen gehört jede fünfte polnische Buchhandlung zu einer der großen Ketten. Die Kulturaktivistin Anna Karczewska hat deshalb bereits verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, mit denen die unabhängigen Läden unterstützt werden sollen. "Buchhandlungen sind keine bloßen Geschäfte und Buchlager", so Karczewska, "sie sind Kulturinstitutionen, Orte der Begegnung, der Inspiration und des Gesprächs. Und oft sind es die ersten Orte, wo wir der Literatur begegnen." Ihrem Engagement ist etwa eine Karte zu verdanken, mit der man kleine Buchhandlungen finden kann, sowie der Blog "Buchreservat", auf dem sich die einzelnen Läden vorstellen. In jedem April findet außerdem das "Wochenende der kleinen Buchhandlungen" statt, mit vielen Autorenlesungen und Diskussionen, und letztes Jahr gab es erstmals im ganzen Land die "Lange Nacht der Buchhandlungen", bei der etwa dichterische Silent Discos oder eine 24-stündige gemeinsame Proust-Lektüre stattfanden. Krakau ist übrigens die einzige Stadt Polens, die sich für den Erhalt der traditionellen Buchhandlungen einsetze.

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - H7O

Eine neue tschechische Monografie spürt in verschiedenen Aufsätzen dem Phänomen Jaroslav Hašek nach. Dessen berühmtes Hauptwerk betreffend, kommt Herausgeber František A. Podhajský im Interview zu dem unkonventionellen Schluss: "Švejk ist kein Schlitzohr, sondern eine neuzeitliche Version von Christus. 'Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk' (im Deutschen in der neuen Übersetzung von seiner früheren Putzigkeit befreit) sind kein Buch voller Anekdoten, sondern ein moderner Roman par excellence. Es handelt sich nicht um eine Art Handbuch eines moralischen Nihilismus, sondern um ein zutiefst ethisches Werk, das an einzelnen Beispielen lehrt, wie man sich in einer neuen Welt seine Menschlichkeit bewahrt."
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Magazinrundschau vom 30.06.2015 - H7O

Anlässlich der Brünner Literaturtage erzählt der Übersetzer, Autor und Ukrainist Alexej Sevruk im Gespräch mit Zdeněk Staszek von der ukrainischen Literaturszene: "Autorenlesungen sind in bestimmten Kreisen schwer in Mode. Die Leser und ihre Schriftsteller bilden eine Gemeinschaft, die subkulturelle Züge trägt. Diese Subkultur repräsentiert ein aufgewecktes, interessiertes Segment der Gesellschaft. Es besucht Festivals, Messen, Clubs, Buchhandlungen und öffentliche Säle. Etwas zugespitzt sagt man, dass der Majdan von Lesern gemacht wurde, im Unterschied zur passiven Mehrheit, die die Geschehnisse auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit im Fernsehen verfolgt hat. Andererseits gibt es in der Ukraine immer noch das Sprichwort: "Wer viel liest, der viel sündigt", und die einfachen Leute begegnen Lesern mit Misstrauen. So eine hermetische Gesellschaft mit subkulturellen Zügen ist verdächtig - was ziehen die sich da vor der Welt zurück und vollführen irgendwelche geheimen Rituale? Die Ausfälle gegen Intellektuelle (von links und rechts) erinnern an mittelalterliche Hexereibezichtigungen."