Magazinrundschau - Archiv

HVG

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Magazinrundschau vom 20.05.2025 - HVG

Past as you order? Political Time Travel in the Middle Ages: Hungarian and Russian Examples. Ausstellungsplakat
Der Historiker Gábor Klaniczay ist einer der Kuratoren der aktuellen Ausstellung des OSA Archivs über Parallelen der Erinnerungspolitik in Ungarn und Russland, die beide eine konstruierte, vermeintlich glorreiche Vergangenheit für die Legitimation aktueller politischer Entscheidungen ge- oder missbrauchen. Klaniczay skizziert in HVG die negativen Auswirkungen einer solchen Erinnerungspolitik: "Der Ansatz, der irgendwie versucht, das nationale Bewusstsein zu stärken, indem er die Vergangenheit glorifiziert, drängt das Wissen und die Vorstellungskraft der Menschen in eine Richtung, die zu einem falschen Selbstwertgefühl führt. Am bedrohlichsten aber ist jedoch der antieuropäische und antiwestliche Charakter dieses ideologischen Systems. Viele Menschen befürchten, dass dieses Spiel eine bedeutende Gruppe davon überzeugt, wir müssten uns von der Gemeinschaft der europäischen Völker trennen. Es handelt sich also um eine ernste Angelegenheit, bei der viel auf dem Spiel steht. Und genau dazu dient diese Erinnerungspolitik, indem sie versucht, den Menschen Lügen aufzutischen, die nicht zur Entwicklung eines gesunden Nationalbewusstseins führen, sondern zu falscher Prahlerei und dümmlicher Selbsterhebung."
Stichwörter: Ungarn, Erinnerungspolitik

Magazinrundschau vom 13.05.2025 - HVG

Im Interview mit Tamás Ligeti Nagy spricht der Pianist und Komponist Zsigmond Gerlóczy (28) über die musikalische Sprache sowie über den Unterschied zwischen Komposition und Improvisation: "Musik ist die einzige Sprache, die die Sprachverwirrung von Babel überlebt hat. In mir arbeitet unbewusst eine Menge angeeigneter musikalischer Grammatik, aber wenn ich spiele, versuche ich diese zu vergessen. So wie man einem Wort tausend Bedeutungen zuschreiben kann, gilt das auch für die Musik. Der größte Unterschied ist, dass Musik eine physische Auswirkung auf den Menschen hat (...) Der einzige Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren ist, dass es zum Improvisieren keine Zeit gibt. Es passiert dort, in dem Moment. In diesen Augenblicken versuche ich, aus dem Nichts zu spielen, so dass das, was meine Hände verlässt, einzigartig und unwiederholbar ist. Danach strebe ich. Ich leere meinen Kopf und setze mich jedes Mal hin, als ob ich noch nie zuvor Klavier gespielt hätte. Im besten Falle."

Hier eine Hörprobe:

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - HVG

Die Historiker Adrienn Szilágyi und Gábor Gyáni veröffentlichten vor kurzem ein Buch über die Geschichte der ungarischen Aristokratie ("Az arisztokrácia tündöklése és bukása Magyarországon 1700-1957"). Im Interview mit Péter Hamvay skizziert Gyáni die Unterschiede zur ungarischen Gesellschaft von heute: "Der Hauptunterschied zwischen der heutigen Elite und der Aristokratie besteht darin, dass letztere ständischen Ursprungs war, mit einem patriarchalen Ethos, das bedeutete, dass sich die Adligen um die Menschen auf dem Lande, um die Lakaien kümmern mussten. Dies führte dazu, dass sie Schulen und Kirchen bauten und eine Politik für die Armen verfolgten. So baute zum Beispiel Fürst László Batthyány-Strattmann, ein Augenarzt, zwei Krankenhäuser und behandelte arme Patienten kostenlos. Natürlich hatten die Bediensteten kein gutes Leben, aber gleichzeitig hatten sie geschützte Existenzen innerhalb des Agrarproletariats (...) Ich glaube (auch im Falle der Auswirkungen der Abhängigkeiten) nicht an einen absoluten historischen Determinismus, wir sollten nicht alles auf die Geschichte schieben. Schauen wir uns Deutschland heute an, wo sich die westliche Hälfte des Landes von diesen ständischen Fesseln befreit hat, die östliche Hälfte aber nicht, weil das kommunistische Establishment, das auf den Nationalsozialismus folgte, diese früheren Abhängigkeiten verstärkt hat."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - HVG

Seit geraumer Zeit wird behauptet, dass die amerikanische Regierung unter Donald Trump beim Umbau des Staatsapparats und der staatlichen Institutionen einer "ungarischen Blaupause" folgen würde. Der Medienwissenschaftler Gábor Polyák zieht nun einen Vergleich im Falle der Universitäten: "Harvard bleibt vorerst standhaft und weigert sich, politische Einmischung in seinen Betrieb zuzulassen, aber das Spiel ist noch nicht vorbei. Andere Universitäten haben bereits kapituliert. Trotz der Proteste von Studierenden und Lehrkräften in ganz Amerika ist es den konkurrierenden Universitäten nicht gelungen, eine kohärente Strategie zu entwickeln. Die Welt schaut zu, wer sich in der Schlacht zwischen Trump und der akademischen Freiheit durchsetzen wird. Die politische Besetzung der ungarischen Universitäten wurde von Demonstrationen und Protesten begleitet, aber nur gelegentlich. Die SZFE war die einzige Einrichtung, die sich geschlossen gegen die Regierung stellen konnte, wurde aber von den anderen Universitäten allein gelassen. Letztendlich kann der Gewinner des Dissenses und der abweichenden Revolutionen überall nur die Regierung sein. Das Spiel hier ist vorbei."

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - HVG

Letzte Woche hat die ungarische Regierung mit der 13. Grundgesetzänderung die Versammlungsfreiheit in Ungarn eingeschränkt, wodurch ein Verbot der jährlichen Parade am Christopher-Street-Day ermöglicht werden sollte. Boróka Parászka sieht Parallelen zur Türkei: "Wie Synchronschwimmer im Schwarm schwimmen, so haben Erdogan und Orban durch Hetze gegen die LGBTQ-Gemeinschaft Angst erzeugt und die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. In der Türkei geschah das nur etwas früher als in Ungarn, zur Zeit der Demonstrationen im Gezi-Park. Die Menge ging damals trotz der Einschüchterungsversuche auf die Straße. Damals skandierten die Teilnehmer des Pride-Marsches in den Straßen Istanbuls: 'Wo bist du, meine Liebe?' Die Frage blieb nicht unbeantwortet. Viel mehr Menschen schlossen sich dem Chor der Demonstranten an, als tatsächlich an der Pride teilnahmen. 'Hier bin ich, meine Liebe', antworteten sie mit ruhiger Stimme. Und sie haben sich nicht wegen der erfolgreichen LGBTQ-Propaganda an dem liebevollen Hin- und Her-Geplänkel beteiligt, sondern weil es gut war, sich über die Spaltungen zu erheben, weil es gut war, dem Hass mit Liebe und Zuneigung zu begegnen, der Diktatur ins Gesicht zu lachen. Die Fortsetzung der Geschichte ist tragisch: Auch der türkische Pride wurde von Erdogan in Blut ertränkt (...) Nur damit jeder genau versteht, wie weit die Anti-LGBTQ-Hetze geht. Die türkische Gesellschaft versteht das. Aber trotzdem ertönen seitdem immer wieder die Rufe 'Wo bist du, meine Liebe?' Und es gibt immer eine Antwort. Immer mehr Menschen verstehen, was das wirklich bedeutet: Ich bin hier, meine Liebe, an deiner Seite, gegen Erdogan und die Diktatur."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - HVG

Der Gründungsredakteur des Nachrichtenportals Origo und des Investigativ-Portals Direkt36, Balázs Weyer, appelliert in HVG zum 15. März, dem Nationalfeiertag anlässlich der Revolution und Freiheitskampf gegen die Habsburger 1848-49, für die Pressefreiheit, die in Ungarn erneut bedroht wird. "Uns allen wurde bei Schulveranstaltungen einprogrammiert, dass 1848 der Kampf für die Freiheit mit den Zwölf Punkten begann, und der erste der zwölf Punkte war die Forderung nach Pressefreiheit (...) Warum? Ich vermute, weil sie den Freiheitskampf als Ziel hatten, und genau darum geht es bei der Pressefreiheit. Nein, nicht um die Presse, sondern um die Freiheit. Unsere Freiheit, ob wir nun die Presse konsumieren oder nicht. Denn Freiheit ist die Abwesenheit von Verwundbarkeit. Voraussetzung dafür sind die Möglichkeit der Mitsprache, die Zugänglichkeit von Wissen und Information, die Begrenzbarkeit und Verantwortlichkeit von Macht (...) Wenn wir eine freie Presse wollen - wobei mit Pressefreiheit wirklich unsere eigene Freiheit gemeint ist - dann müssen wir das zeigen. Einerseits indirekt, indem wir an die Presse glauben und Erwartungen an sie stellen, indem wir nicht zusehen und akzeptieren, wenn sie nicht in unserem Sinne und nach den oben genannten Regeln arbeitet. Andererseits, indem wir für sie bezahlen (...) Die Pressefreiheit ist unsere Freiheit, also sollten wir sie nicht nur 'fordern', wie es der erste der Zwölf Punkte ausdrückt, sondern auch für sie eintreten, als ob sie uns gehören würde. Denn das tut sie."
Stichwörter: Pressefreiheit, Ungarn

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - HVG

In der vergangenen Woche bezeichnete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Ukraine als "das Ukraine genannte Gebiet", andere Regierungsvertreter fügten die Formulierung "das als Ukraine bezeichnete Problem" hinzu. Es soll in Ungarn zügig ein von der ungarischen Regierung initiiertes Referendum über eine zukünftige Mitgliedschaft der Ukraine in der Europäischen Union abgehalten werden, wobei die Regierung klar gemacht hat, dass es nicht passieren dürfe, dass die EU das Land Ukraine am Leben hält. Imre Para-Kovács meint dazu: "Es besteht kein Zweifel daran, dass nach 15 Jahren gescheiterter Regierungsführung, in denen die unoriginelle persönliche Kapitalakkumulation freilich reibungslos funktionierte, niemand mehr erwartet, dass die Regierung eine Gesundheitsreform in Angriff nimmt oder versucht, das Defizitziel zu erreichen, um den Euro einzuführen. Nein. In einer solchen Situation kann eine Regierung entweder die Hände in die Luft heben und sagen: Wir haben es versucht, sind aber gescheitert, wir sind leider ungeeignet für den Job, was ziemlich weit von der Vision der Staatspartei entfernt ist, oder sie kann sich die Fantasie 'Wir schicken einen Mann auf die Sonne' ausdenken, sich dem Aggressor anbiedern, die Opfer niedertrampeln und beten, dass das Böse das Gute besiegt, weil es sonst keinen Generalstaatsanwalt gibt, der sie aus der Scheiße zieht."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - HVG

Der Publizist Árpád Tóta W. kommentiert die Neupositionierung der USA, und das shockingly respektlos: "Trumps Auftrag lautet, Amerika wieder groß zu machen und die Interessen Amerikas in den Vordergrund zu stellen. Damit ist er bereits gescheitert. Amerika ist auf dem Weg, der Clown der Welt zu werden, an dem sich schläfrige Diktatoren ihre Stiefel abwischen. Er demütigt die Ukraine, die seit drei Jahren heldenhaft gegen die Russen kämpft - doch Amerika war groß, als es die Supermacht Sowjetunion mit Wettrüsten, Wirtschaft und klug rationierten Waffenlieferungen in Afghanistan demütigte. Mit Kultur. Mit Freiheit. Jetzt tänzelt es wie eine Hilfshyäne um ein zerbombtes kleines Land herum, beugt sich und lässt Russland vor, damit es weiterbomben kann. Ronald Reagan dislikes it. (...) Es ist keine neue Weltordnung, denn im Wahnsinn gibt es kein System. Er ist ein Systemfehler. Die Republikanische Partei ist die erste, die das in Ordnung bringen muss, aber wenn sie es nicht tut, werden die Wähler das übernehmen. Und sie werden es nicht wegen der Ukraine oder der ausbleibenden Unterstützung der freien ungarischen Presse tun, sondern weil Amerika so nicht wieder groß wird. Und das Leben nicht billiger."

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - HVG

Der Regisseur und Schauspieler Pál Mácsai ist scheidender Intendant des Budapester Örkény Theater, das nach dem Regierungswechsel 2010 durch große Anstrengungen die Unabhängigkeit bewahren konnte. Mácsai spricht nun in der Wochenzeitschrift HVG u.a. über das Verhältnis der darstellenden Künste zur Politik und erklärt, warum er sich nie offen für die Opposition gegen Victor Orban engagiert hat: "Grundsätzlich glaubt die Politik gerne - die jetzige allerdings mehr als andere - dass die darstellenden Künste ihre Handlanger seien. Wer ihre Ideologie in der einen oder anderen Form propagiert, bekommt Geld, wer souverän ist, geschweige denn sich kritisch äußert, der wird nicht berücksichtigt. So primitiv einfach ist das. In dieser Hinsicht ist die Gegenwart nicht anders als die 1960er und 1970er Jahre. Das untergräbt freilich das unabhängige Denken, das Herzstück unseres Berufes. (…) Sicherlich akzeptiere ich es, wenn sich jemand für seine Überzeugungen auf die Bühne der Opposition stellt, denn dazu gehört heute eine gewisse Portion Mut, aber auch hier verlasse ich mich auf meine bescheidene Fähigkeit, nein zu sagen. Ich habe zu viele Beispiele für den Verlust der persönlichen Souveränität in der Politik gesehen. Und ich denke, mein ganzes Schaffen sagt genauso viel aus wie es eine politische Rede von mir täte."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - HVG

Anlässlich des 200. Geburtstags des Schriftstellers Mór Jókai spricht der Literaturhistoriker Márton Szilágyi im Interview mit Balázs Illényi über die Literatur des 19. Jahrhunderts und die Aktualität von Jókais Werken. Jókai ist bis zum heutigen Tage der wohl meist gelesene Schriftsteller in Ungarn. Seine Romane wie "Der Goldmensch" (1872 - erschien damals in Übersetzung sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch) sind bis zum heutigen Tag Pflichtlektüre an ungarischen Schulen. "Als ich 9 oder 10 Jahre alt war, lernte ich aus Jókais Texten, dass es sich lohnt, bestimmte Leseschwierigkeiten zu überwinden. Man sollte jungen Menschen beibringen, dass es in Ordnung ist, wenn sie etwas nicht verstehen, denn wenn sie einen Roman in einer Fremdsprache lesen, kennen sie ja auch nicht jedes Wort, manchmal müssen sie anhalten, nachschauen, nachdenken. Doch es geht dabei nicht nur um den Literaturunterricht. Es fällt vielen Kindern von heute auch schwer, Mathe- und Physikaufgaben zu lösen, weil sie nicht sorgfältig lesen können. Auch scheinen sich in letzter Zeit Schüler immer weniger der Ironie der Sprache bewusst zu sein, weil sie sich an die Vorstellung gewöhnt haben, dass etwas ironisch ist, wenn es einen Smiley am Ende hat. Mit Jókai lässt sich auch die Interpretation der Ironie gut üben."