Magazinrundschau - Archiv

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366 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 37

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - HVG

Der Philosoph Miklós Radnóti spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über die Kulturförderung in Ungarn und die offensichtliche Veränderung der politischen Stimmung im Lande: "Sie können die Kultur nicht erschüttern. In der bildenden Kunst gab es in letzter Zeit einige spektakuläre und lächerliche Skandale um einige Auszeichnungen, aber das spielt keine Rolle. Fast jeder weiß, wessen Werke etwas wert sind und wessen Werke nicht. Die Herausforderung besteht darin, dass der Staat kein unparteiischer Mäzen ist, aber die großen Dichter und Schriftsteller haben schon immer auch in irgendeinem bürgerlichen Beruf gearbeitet, als Redakteure oder gar als Beamte, und nebenbei ihre großen Werke geschaffen. (...) Vor zwei oder drei Jahren hätte ich ohne weiteres gesagt, dass die Arroganz der Politik und einer extrem vereinfachten Kommunikation eine starke Apathie der Menschen zur Folge hat. Es ist zwar weiterhin der Fall, dass die Herabsetzung der Altersgrenze für die Schulpflicht, die Förderung von Facharbeiterausbildungen, die aber wegen der schnell schwindenden und sich rasant verändernden Anforderungen, Qualifikationen und Kenntnissen perspektivlos sind, die Verordnung von Pflichtschulbüchern und so weiter zeigen, dass die Machthaber eine unterwürfige Arbeiterschaft produzieren und kritische Intellektuelle verdrängen wollen. Aber das System scheint müde zu sein. Es hat grundlegende Fehler gemacht, die einige zu ihren Gunsten drehen konnten. Vielleicht kommt allmählich die kritische Masse zusammen. Die Empörungsfähigkeit der Menschen wächst einerseits, andererseits scheint ihre Täuschungsanfälligkeit zu schwinden."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - HVG

Anlässlich seines neuen historischen Romans, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, spricht der Schriftsteller und Dramatiker György Spiró mit Zsuzsa Mátraházi über gesellschaftliche Veränderungen in Ungarn, die sich entlang der Geschichte der Hauptstadt nachzeichnen lassen. Spiró betrachtet die heutige Situation Budapests mit besorgtem Blick, denn der von der Opposition geführten Stadt werden von der Landesregierung zunehmend Mittel gestrichen und so die möglichen Konsequenzen der Zahlungsunfähigkeit als politische Waffe eingesetzt - was enorme Auswirkungen auf das gesamte Land hätte: "Eine solche Reihe von gesellschaftlichen Umwälzungen, wie sie im 19. Jahrhundert in Ungarn stattfanden, sehe ich heutzutage nicht. Das ist es, was in meinem Roman so spannend zu verfolgen war. Vielleicht blicke ich auf die Entstehung des modernen Ungarn vom Ende her zurück, und deshalb erscheinen bestimmte Ereignisse in einem anderen Licht und weniger selbstverständlich, als sie bisher dargestellt wurden (...) Aber jetzt, während das Interview geführt wird, ist die Situation absurd. Es herrscht zwar noch Frieden, aber er ist völlig unterminiert worden. (...) Wenn Budapest pleite geht, gehen ein Drittel oder gar die Hälfte der nationalen Produktion verloren, und das Leben wird im ganzen Land zum Stillstand kommen. Selbst die Experten haben mangels Erfahrung keine Vorstellung von den Folgen dieser Situation. Ich sehe vielleicht Gespenster, habe keinen Zugang zu den Entscheidungsträgern, ich höre nur die Nachrichten und ängstige mich."
Stichwörter: Spiro, György, Ungarn, Budapest

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - HVG

Auch die Journalistin Veronika Munk, mittlerweile Direktorin für Innovation und neue Märkte des slowakischen Verlagshauses Dennik N, macht sich Gedanken über das geplante Gesetz. Munk arbeitete früher für das größte Nachrichtenportal Ungarns, Index.hu, bis dieses von regierungsnahen Unternehmen aufgekauft, die Redaktion komplett ausgetauscht und auf Regierungslinie gebracht wurde. Die damalige Redaktion von Index.hu gründete daraufhin das Portal telex.hu, zusammen mit einer Schwesterredaktion in Rumänien (für die Leser der ungarischen Minderheit, was wiederum in Sachen Auslandsspenden relevant sein kann). Munk verließ nach einem Jahr der Gründung und Etablierung telex.hu und arbeitet seitdem in der Slowakei, wo die freie Presse mittlerweile seitens der neuen Regierung ebenfalls bedroht wird. "Der neue Gesetzesentwurf in Ungarn ist überhaupt kein Gesetz, sondern nur ein mit Paragraphen getarnter Freibrief der Machthaber, die ihre politische Vorherrschaft um jeden Preis verteidigen. Er kann nicht durchgesetzt werden, weil er nichts vorschreibt, außer dass der Direktor des sogenannten Anti-Souveränitäts-Teams in Zusammenarbeit mit der Regierungspartei machen kann, was er wollen. Wir wissen nicht, ob dieses Instrument genutzt werden wird. Wird es sofort eingesetzt? Werden sie an einer Organisation ein Exempel statuieren? Wird es ein Damoklesschwert bleiben, das über den Köpfen der unabhängigen Medien schwingt? Werden sie uns auf die Liste setzen, werden sie die Kontrolle aufrechterhalten, sodass wir uns verbiegen müssen, sodass wir bei jeder einzelnen Leserspende z.B. aus Cluj (in Siebenbürgen) um Erlaubnis betteln müssen, bitte, bitte, lasst sie uns behalten dürfen? Schielen sie darauf, die Leser zu erschöpfen, auf dass diese bald die Nase voll haben von diesem Gesetz und dem Gejammer der Medien? (...) Die freie Presse ist wie eine Wasserleitung, wenn sie gut funktioniert, merken wir es nicht einmal, wir benutzen sie einfach. Wenn man den Wasserhahn zudreht oder mancherorts absichtlich das Rohr durchsticht, richten man jedoch großen Schaden an. Zum Glück gibt es für eine totale Austrocknung nicht genügend Kraft im System. In den letzten 15 Jahren haben wir gesehen - und ich habe es miterlebt -, wie sich der Qualitätsjournalismus gemeinsam mit den Lesern seinen Weg gebahnt hat. Er wird es wieder tun."

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - HVG

Past as you order? Political Time Travel in the Middle Ages: Hungarian and Russian Examples. Ausstellungsplakat
Der Historiker Gábor Klaniczay ist einer der Kuratoren der aktuellen Ausstellung des OSA Archivs über Parallelen der Erinnerungspolitik in Ungarn und Russland, die beide eine konstruierte, vermeintlich glorreiche Vergangenheit für die Legitimation aktueller politischer Entscheidungen ge- oder missbrauchen. Klaniczay skizziert in HVG die negativen Auswirkungen einer solchen Erinnerungspolitik: "Der Ansatz, der irgendwie versucht, das nationale Bewusstsein zu stärken, indem er die Vergangenheit glorifiziert, drängt das Wissen und die Vorstellungskraft der Menschen in eine Richtung, die zu einem falschen Selbstwertgefühl führt. Am bedrohlichsten aber ist jedoch der antieuropäische und antiwestliche Charakter dieses ideologischen Systems. Viele Menschen befürchten, dass dieses Spiel eine bedeutende Gruppe davon überzeugt, wir müssten uns von der Gemeinschaft der europäischen Völker trennen. Es handelt sich also um eine ernste Angelegenheit, bei der viel auf dem Spiel steht. Und genau dazu dient diese Erinnerungspolitik, indem sie versucht, den Menschen Lügen aufzutischen, die nicht zur Entwicklung eines gesunden Nationalbewusstseins führen, sondern zu falscher Prahlerei und dümmlicher Selbsterhebung."
Stichwörter: Ungarn, Erinnerungspolitik

Magazinrundschau vom 13.05.2025 - HVG

Im Interview mit Tamás Ligeti Nagy spricht der Pianist und Komponist Zsigmond Gerlóczy (28) über die musikalische Sprache sowie über den Unterschied zwischen Komposition und Improvisation: "Musik ist die einzige Sprache, die die Sprachverwirrung von Babel überlebt hat. In mir arbeitet unbewusst eine Menge angeeigneter musikalischer Grammatik, aber wenn ich spiele, versuche ich diese zu vergessen. So wie man einem Wort tausend Bedeutungen zuschreiben kann, gilt das auch für die Musik. Der größte Unterschied ist, dass Musik eine physische Auswirkung auf den Menschen hat (...) Der einzige Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren ist, dass es zum Improvisieren keine Zeit gibt. Es passiert dort, in dem Moment. In diesen Augenblicken versuche ich, aus dem Nichts zu spielen, so dass das, was meine Hände verlässt, einzigartig und unwiederholbar ist. Danach strebe ich. Ich leere meinen Kopf und setze mich jedes Mal hin, als ob ich noch nie zuvor Klavier gespielt hätte. Im besten Falle."

Hier eine Hörprobe:

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - HVG

Die Historiker Adrienn Szilágyi und Gábor Gyáni veröffentlichten vor kurzem ein Buch über die Geschichte der ungarischen Aristokratie ("Az arisztokrácia tündöklése és bukása Magyarországon 1700-1957"). Im Interview mit Péter Hamvay skizziert Gyáni die Unterschiede zur ungarischen Gesellschaft von heute: "Der Hauptunterschied zwischen der heutigen Elite und der Aristokratie besteht darin, dass letztere ständischen Ursprungs war, mit einem patriarchalen Ethos, das bedeutete, dass sich die Adligen um die Menschen auf dem Lande, um die Lakaien kümmern mussten. Dies führte dazu, dass sie Schulen und Kirchen bauten und eine Politik für die Armen verfolgten. So baute zum Beispiel Fürst László Batthyány-Strattmann, ein Augenarzt, zwei Krankenhäuser und behandelte arme Patienten kostenlos. Natürlich hatten die Bediensteten kein gutes Leben, aber gleichzeitig hatten sie geschützte Existenzen innerhalb des Agrarproletariats (...) Ich glaube (auch im Falle der Auswirkungen der Abhängigkeiten) nicht an einen absoluten historischen Determinismus, wir sollten nicht alles auf die Geschichte schieben. Schauen wir uns Deutschland heute an, wo sich die westliche Hälfte des Landes von diesen ständischen Fesseln befreit hat, die östliche Hälfte aber nicht, weil das kommunistische Establishment, das auf den Nationalsozialismus folgte, diese früheren Abhängigkeiten verstärkt hat."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - HVG

Seit geraumer Zeit wird behauptet, dass die amerikanische Regierung unter Donald Trump beim Umbau des Staatsapparats und der staatlichen Institutionen einer "ungarischen Blaupause" folgen würde. Der Medienwissenschaftler Gábor Polyák zieht nun einen Vergleich im Falle der Universitäten: "Harvard bleibt vorerst standhaft und weigert sich, politische Einmischung in seinen Betrieb zuzulassen, aber das Spiel ist noch nicht vorbei. Andere Universitäten haben bereits kapituliert. Trotz der Proteste von Studierenden und Lehrkräften in ganz Amerika ist es den konkurrierenden Universitäten nicht gelungen, eine kohärente Strategie zu entwickeln. Die Welt schaut zu, wer sich in der Schlacht zwischen Trump und der akademischen Freiheit durchsetzen wird. Die politische Besetzung der ungarischen Universitäten wurde von Demonstrationen und Protesten begleitet, aber nur gelegentlich. Die SZFE war die einzige Einrichtung, die sich geschlossen gegen die Regierung stellen konnte, wurde aber von den anderen Universitäten allein gelassen. Letztendlich kann der Gewinner des Dissenses und der abweichenden Revolutionen überall nur die Regierung sein. Das Spiel hier ist vorbei."

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - HVG

Letzte Woche hat die ungarische Regierung mit der 13. Grundgesetzänderung die Versammlungsfreiheit in Ungarn eingeschränkt, wodurch ein Verbot der jährlichen Parade am Christopher-Street-Day ermöglicht werden sollte. Boróka Parászka sieht Parallelen zur Türkei: "Wie Synchronschwimmer im Schwarm schwimmen, so haben Erdogan und Orban durch Hetze gegen die LGBTQ-Gemeinschaft Angst erzeugt und die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. In der Türkei geschah das nur etwas früher als in Ungarn, zur Zeit der Demonstrationen im Gezi-Park. Die Menge ging damals trotz der Einschüchterungsversuche auf die Straße. Damals skandierten die Teilnehmer des Pride-Marsches in den Straßen Istanbuls: 'Wo bist du, meine Liebe?' Die Frage blieb nicht unbeantwortet. Viel mehr Menschen schlossen sich dem Chor der Demonstranten an, als tatsächlich an der Pride teilnahmen. 'Hier bin ich, meine Liebe', antworteten sie mit ruhiger Stimme. Und sie haben sich nicht wegen der erfolgreichen LGBTQ-Propaganda an dem liebevollen Hin- und Her-Geplänkel beteiligt, sondern weil es gut war, sich über die Spaltungen zu erheben, weil es gut war, dem Hass mit Liebe und Zuneigung zu begegnen, der Diktatur ins Gesicht zu lachen. Die Fortsetzung der Geschichte ist tragisch: Auch der türkische Pride wurde von Erdogan in Blut ertränkt (...) Nur damit jeder genau versteht, wie weit die Anti-LGBTQ-Hetze geht. Die türkische Gesellschaft versteht das. Aber trotzdem ertönen seitdem immer wieder die Rufe 'Wo bist du, meine Liebe?' Und es gibt immer eine Antwort. Immer mehr Menschen verstehen, was das wirklich bedeutet: Ich bin hier, meine Liebe, an deiner Seite, gegen Erdogan und die Diktatur."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - HVG

Der Gründungsredakteur des Nachrichtenportals Origo und des Investigativ-Portals Direkt36, Balázs Weyer, appelliert in HVG zum 15. März, dem Nationalfeiertag anlässlich der Revolution und Freiheitskampf gegen die Habsburger 1848-49, für die Pressefreiheit, die in Ungarn erneut bedroht wird. "Uns allen wurde bei Schulveranstaltungen einprogrammiert, dass 1848 der Kampf für die Freiheit mit den Zwölf Punkten begann, und der erste der zwölf Punkte war die Forderung nach Pressefreiheit (...) Warum? Ich vermute, weil sie den Freiheitskampf als Ziel hatten, und genau darum geht es bei der Pressefreiheit. Nein, nicht um die Presse, sondern um die Freiheit. Unsere Freiheit, ob wir nun die Presse konsumieren oder nicht. Denn Freiheit ist die Abwesenheit von Verwundbarkeit. Voraussetzung dafür sind die Möglichkeit der Mitsprache, die Zugänglichkeit von Wissen und Information, die Begrenzbarkeit und Verantwortlichkeit von Macht (...) Wenn wir eine freie Presse wollen - wobei mit Pressefreiheit wirklich unsere eigene Freiheit gemeint ist - dann müssen wir das zeigen. Einerseits indirekt, indem wir an die Presse glauben und Erwartungen an sie stellen, indem wir nicht zusehen und akzeptieren, wenn sie nicht in unserem Sinne und nach den oben genannten Regeln arbeitet. Andererseits, indem wir für sie bezahlen (...) Die Pressefreiheit ist unsere Freiheit, also sollten wir sie nicht nur 'fordern', wie es der erste der Zwölf Punkte ausdrückt, sondern auch für sie eintreten, als ob sie uns gehören würde. Denn das tut sie."
Stichwörter: Pressefreiheit, Ungarn

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - HVG

In der vergangenen Woche bezeichnete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Ukraine als "das Ukraine genannte Gebiet", andere Regierungsvertreter fügten die Formulierung "das als Ukraine bezeichnete Problem" hinzu. Es soll in Ungarn zügig ein von der ungarischen Regierung initiiertes Referendum über eine zukünftige Mitgliedschaft der Ukraine in der Europäischen Union abgehalten werden, wobei die Regierung klar gemacht hat, dass es nicht passieren dürfe, dass die EU das Land Ukraine am Leben hält. Imre Para-Kovács meint dazu: "Es besteht kein Zweifel daran, dass nach 15 Jahren gescheiterter Regierungsführung, in denen die unoriginelle persönliche Kapitalakkumulation freilich reibungslos funktionierte, niemand mehr erwartet, dass die Regierung eine Gesundheitsreform in Angriff nimmt oder versucht, das Defizitziel zu erreichen, um den Euro einzuführen. Nein. In einer solchen Situation kann eine Regierung entweder die Hände in die Luft heben und sagen: Wir haben es versucht, sind aber gescheitert, wir sind leider ungeeignet für den Job, was ziemlich weit von der Vision der Staatspartei entfernt ist, oder sie kann sich die Fantasie 'Wir schicken einen Mann auf die Sonne' ausdenken, sich dem Aggressor anbiedern, die Opfer niedertrampeln und beten, dass das Böse das Gute besiegt, weil es sonst keinen Generalstaatsanwalt gibt, der sie aus der Scheiße zieht."