
Heute gibt es in Ungarn kaum noch Raum und
Achtung für die Kritik, weder für die Theater- noch für die
Literaturkritik - nur noch aus persönlicher Leidenschaft pflegen einige Kritikerinnen und Literaturhistoriker das Genre,
seufzt der Schriftsteller
Krisztián Grecsó: "Das ist ein medienhistorischer Verlust. (...) Warum sollte es heute für einen jungen Menschen attraktiv sein, zum Beispiel Literaturkritiker zu werden, sechshundert Seiten zu lesen, zu durchdenken, in Worte zu fassen? Für fünftausend Forint
knapp 12 Euro? Es ist aber auch deswegen nicht einfach, die neue Generation zu integrieren, weil sich die gedruckte
Presse in Osteuropa in einer schwierigen Situation befindet. Es gibt
keine Mittelschicht, deren Mitglieder Essays und Kunstkritiken lesen wollen, aber auch Wirtschafts- oder Kulturanalysen lassen sich am Bildschirm kaum durchblättern. Die Art von Haltung, welche die gedruckte Presse jenseits der
Leitha (Grenzfluss zu Österreich, der oft als imaginierte Grenze für den Beginn der Hochkultur und als Anfang der westlichen Zivilisation benannt wird - Anm. d. Red.) verteidigt, hat sich hier nicht etablieren können. Es ist müßig, dem Leser zu sagen, dass eine jahrzehntealte Werkstatt, wenn sie einmal geschlossen ist, nicht wieder aufgebaut werden kann. Siehe
Népszabadság! Dann gibt es noch die Komitats-Tageszeitungen, die regionale Presse, die eine nach der anderen
aus politischen Gründen eingestellt wurden und die leider, da die Regierung sie seit zehn Jahren unter ihrer Fuchtel hat, unlesbare Propagandaprodukte geworden sind. Die älteste Zeitung Ungarns, die
Délmagyarország, mit einem der renommiertesten Feuilleton-Teil ist ihrer Vernichtung zum Opfer gefallen (…)."