Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 04.02.2025 - HVG

Der Cutter Dávid Jacsó arbeitet seit längerer Zeit mit Regisseuren wie Kornél Mundruczó und Brady Corbet zusammen. Für seine Arbeit im Corbets letzten Film "Der Brutalist" wurde Jancsó für den Oscar nominiert. Im Interview mit Dóra Matalin erzählt er über die Herausforderung der ungarischen Sprache für die Schauspieler beim Dreh, sowie über die Arbeit als Cutter. "Ich war am Set, es gibt ein paar Szenen, die ich Adrian Brody, der den ungarischen Architekten spielt, im Vorfeld vorgesprochen habe. Als das Drehbuch geschrieben wurde, wollte ich vermeiden, dass der Architekt im Film Ungar ist, weil man das mit den Schauspielern sprachlich einfach nicht machen kann. Ich wusste auch, dass ich im Schneideraum sitzen und leiden werde, weil sprachlich alles nicht richtig ist. (…) Zum Beruf des Regisseurs habe ich nicht genug Ideen und ich mag es nicht, im Winter in der Kälte und im Sommer in der Hitze am Set zu sein. Ein Film entsteht tatsächlich am Schneidetisch. Nur wenige Menschen wissen, was für ein einzigartiger, unvergleichlicher Teil des Filmemachens der Schnitt ist.. Unsere Aufgabe ist es, uns anzupassen und zu versuchen, aus den Leuten, die den Film gemacht haben, das herauszuholen, was sie erreichen wollten. (...) Es ist ein enormer Stress, wenn ein Regisseur Entscheidungen über die Arbeit von 50, 150, 200 Leuten treffen muss und dann nicht alles so wird, wie er oder sie es sich vorgestellt hat. Vielen Leuten fällt es schwer, das loszulassen, sie bringen es mit in den Schneideraum. Der Regisseur hat nicht den gleichen objektiven Blick auf den Schnitt wie der Cutter. Deshalb gehe ich nicht gerne zum Drehort, ich muss das Material mit den Augen des ersten Zuschauers sehen."

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - HVG

Heute gibt es in Ungarn kaum noch Raum und Achtung für die Kritik, weder für die Theater- noch für die Literaturkritik - nur noch aus persönlicher Leidenschaft pflegen einige Kritikerinnen und Literaturhistoriker das Genre, seufzt der Schriftsteller Krisztián Grecsó: "Das ist ein medienhistorischer Verlust. (...) Warum sollte es heute für einen jungen Menschen attraktiv sein, zum Beispiel Literaturkritiker zu werden, sechshundert Seiten zu lesen, zu durchdenken, in Worte zu fassen? Für fünftausend Forint knapp 12 Euro? Es ist aber auch deswegen nicht einfach, die neue Generation zu integrieren, weil sich die gedruckte Presse in Osteuropa in einer schwierigen Situation befindet. Es gibt keine Mittelschicht, deren Mitglieder Essays und Kunstkritiken lesen wollen, aber auch Wirtschafts- oder Kulturanalysen lassen sich am Bildschirm kaum durchblättern. Die Art von Haltung, welche die gedruckte Presse jenseits der Leitha (Grenzfluss zu Österreich, der oft als imaginierte Grenze für den Beginn der Hochkultur und als Anfang der westlichen Zivilisation benannt wird - Anm. d. Red.) verteidigt, hat sich hier nicht etablieren können. Es ist müßig, dem Leser zu sagen, dass eine jahrzehntealte Werkstatt, wenn sie einmal geschlossen ist, nicht wieder aufgebaut werden kann. Siehe Népszabadság! Dann gibt es noch die Komitats-Tageszeitungen, die regionale Presse, die eine nach der anderen aus politischen Gründen eingestellt wurden und die leider, da die Regierung sie seit zehn Jahren unter ihrer Fuchtel hat, unlesbare Propagandaprodukte geworden sind. Die älteste Zeitung Ungarns, die Délmagyarország, mit einem der renommiertesten Feuilleton-Teil ist ihrer Vernichtung zum Opfer gefallen (…)."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - HVG

Der Haushaltsrat des ungarischen Parlaments wurde als unabhängiges Gremium zur Überwachung der sachgemäßen Planung und Verwendung von Haushaltsmittel im Jahre 2008 gegründet. Der Ökonom György Kopits war der erste Vorsitzender des Rates, bis er Ende das Jahres 2010 von der damals neugewählten Orbán-Regierung zum Rücktritt gedrängt wurde. Kopits, der in Argentinien aufwuchs und in den USA lernte, spricht im Interview mit Zoltán Farkas über den Kontext der ungarischen Wirtschaftspolitik: "Ich habe irgendwo gelesen, dass 'wirtschaftliche Neutralität' eine ideologiefreie Beschaffung bedeutet, bei der es keine Rolle spielt, ob die Rohstoffe, das Kapital oder die Arbeitskräfte aus dem Osten oder dem Westen kommen. Wenn man sich jedoch die Entwicklungen in der Batterieindustrie anschaut oder die Eisenbahnlinie Budapest-Belgrad, die mit einem unbekannten chinesischen Kredit finanziert wird, dann kommen Technologien, Mittel und Ressourcen eher aus dem Osten. Ich glaube, dass die Infrastruktur - zum Beispiel die Renovierung des bestehenden Schienennetzes -, das Bildungs- und das Gesundheitswesen mehr zur Stärkung des Wachstumspotenzials beitragen würden, und dass damit die Grundlagen für ein langfristiges Wachstum gelegt würde. Aber vielleicht ist nicht die wirtschaftliche Neutralität das Hauptproblem, und es geht nicht einmal darum, mit welchem Staats- oder Regierungschef der Premierminister befreundet ist, sondern darum, seine natürlichen Verbündeten, seine europäischen Beziehungen und seine Nachbarn nicht zu verärgern. Ich bin viel in Europa unterwegs und sehe, dass Ungarn sein früheres Ansehen und seine Zuverlässigkeit verloren hat und zu einem der größten Hindernisse für das Funktionieren der EU geworden ist."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - HVG

Im Interview mit Márton Gergely spricht der achtzigjährige, in Jerusalem geborene Schriftsteller Miklós Haraszti über die Möglichkeiten, den Rechtsstaat in Ungarn zu restaurieren: "Für die Regierung ist es einfacher, die Gewalt zu eskalieren, als die Strategie zu ändern, insbesondere um die persönliche Macht von Viktor Orbán zu schützen. Der Premierminister ist nur noch von totalitären Philosophien beeinflusst, lernte von Carl Schmitt, dass nur der wahre Souverän die demokratischen Pflichten des Staates ungestraft außer Kraft setzen und den Ausnahmezustand ausrufen kann. Und von Antonio Gramsci, dass nur derjenige wirkliche Macht hat, der der Gesellschaft seine kulturelle Hegemonie aufzwingt. Orban hat die absolute Macht gekostet, und es ist sehr schwierig, einen 'Paradigmenwechsel' zu vollziehen. (...) Ja, die liberale Demokratie hat auch in Ungarn eine Chance, aber sie wird immer gefährdet sein. Es gibt keine perfekte Demokratie, vor allem nicht hier am westlichen Rand des Kommunismus oder, wenn man so will, östlichen Rand der Demokratie. Aber es ist erfreulich, dass Oppositionelle sich zunehmend auf die nach dem Sturz Orbáns notwendigen Reformen der Rechtsstaatlichkeit, der gegenseitigen Kontrolle und des Wahlsystems konzentrieren. Viktor Orbán hat uns viele Jahre gekostet, aber er hinterlässt uns ein sehr nützliches Erbe: eine vollständige Liste mit Tipps, was und wie man es nicht machen sollte. Eine Rückkehr zur politischen Normalität besteht darin, diese Orbán-Liste Schritt für Schritt abzuhaken."

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - HVG

Die junge Dokumentarfilmemacherin Izabella Mazzag wurde in Ungarn durch ihren Film über den aktuell erfolgreichsten Sänger und Songwriter Azahriah bekannt, drehte zuvor eine Dokumentation über Patientinnen, die mit Borderline diagnostiziert wurden. Im Interview mit Dóra Matalin spricht sie über die Beweggründe für ihre Filme: "Ich mache nicht gerne etwas, was alle zu sehr verstehen. Nicht, weil ich böse bin und den Leuten unverständliche Dinge aufdrängen will, sondern weil ich glaube, dass man nicht alles verstehen muss, manchmal reicht es, einfach nur zu fühlen. Wenn die Zuschauer meinen Film nicht ganz verstehen, sondern ihn einfach auf sich wirken lassen wollen, ist das für mich ein Erfolg. (...) Die Behandlung psychisch Kranker in Ungarn ist so schlecht, dass zum Beispiel viele Frauen mit Autismus falsch diagnostiziert werden. Das hat mich inspiriert, denn über dieses Thema wird in Ungarn kaum gesprochen, also wollte ich es angehen. Oder früher wurden Schwule verfolgt, deshalb hat sich niemand wirklich geoutet, wenn er schwul war. Bei den mentalen Problemen glaube ich nicht, dass es in der Generation Z mehr davon gibt, aber mehr von ihnen sprechen darüber. (...) Ich lebe und arbeite gerne in Ungarn, trotz der Situation, die wir hier haben und würde das Land nicht verlassen, aber mein Ziel ist es wohl, für einzelne Jobs ins Ausland zu gehen."
Stichwörter: Generation Z

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - HVG

Der Kunsthistoriker Péter Bátonyi arbeitete bis vor kurzem im Bau und Verkehrsministerium als Chefberater für Denkmalschutz. Er war nach der Ankündigung, jedoch vor der Veröffentlichung eines Interviews entlassen worden, in dem er die Ausschreibepraktiken des Ministeriums kritisierte und ihm Dilettantismus und Profitgier vorwarf. Nun spricht er im Interview mit Péter Hamvay über die Situation: "Die Bauindustrie will schnell und billig mit der ihr bekannten Technik produzieren. Es ist viel einfacher, ein altes Gebäude abzureißen und ein neues mit Betonelementen hinter der Fassade zu bauen, als Kompromisse einzugehen, ein einhundert oder zweihundert Jahre altes Gebäude an die heutigen Anforderungen anzupassen, Wandgutachten zu erstellen, Fenster und Türen zu erneuern und historische Strukturen zu verstärken. Das andere ist der allgemeine Analphabetismus von Eigentümern, Investoren und sogar Planern. Sie mögen reichlich Geld haben, sie mögen reisen, sie mögen die Welt sehen, aber sie haben nicht den Bildungsfilter, um zu entscheiden, was gute und was schlechte Praxis ist. Wer als Kind gelernt hat, mit Messer und Gabel zu essen und auf einem Stuhl zu sitzen, wird diese Regeln nicht als Halsgeige empfinden, sondern als Normalität. Dass sich der Investor gegen die Regeln des Denkmalschutzes sträubt, hat nicht nur mit finanziellem Desinteresse zu tun, sondern auch mit Unkenntnis und Dilettantismus. Es kommt dem Investor nicht einmal in den Sinn, weniger Gewinn aus einem herausragenden Denkmal zu ziehen und dafür dessen Wert zu bewahren."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - HVG

Szene aus "Bolshoi" von Anna Hárs


Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht die Dramatikerin und Dramaturgin Anna Hárs über ihr neues Projekt "Bolshoi", die über eine weitere Facette der ungarischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Premiere feierte das Werk am 25. November im Budapester Radnóti Theater, am Gedenktag der in die Sowjetunion deportierten Ungarn. "Theater ist auch dann Gegenwart, wenn das Stück in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt. Jeder ist daran interessiert, was er mit seinem Leben oder der Welt um ihn herum in Verbindung bringen kann. Meine eigenen Stücke spielen meist in der Gegenwart, weil das die Zeit ist, die ich am besten kenne. Besonders gerne habe ich jedoch 'Bolschoi' geschrieben, das in Budapest und Sibirien vor achtzig Jahren spielt. Die Korrespondenz eines getrennten Intellektuellenpaares bildet das Rückgrat des Dramas. Die Liebe, die Sehnsucht, die Ungewissheit, die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit, die ihre Zeilen durchdringen, ein Gefühl, das in allen Zeiten vertraut ist (...) Die Grundidee: Der Ehemann wird zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, und seine Frau, die in Budapest bleibt, wird von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt und geschwängert. (…) Mein Hauptanliegen war es, die beiden in jeder Hinsicht gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Die ungarische Geschichtserzählung ist traditionell männerzentriert, aber Allgemeingültigkeit hat sie nur zusammen mit der weiblichen Version. Geschichte ist nicht eine Aneinanderreihung von Fakten, sondern viele, viele Geschichten nebeneinander. 'Bolschoi' ist zum Beispiel eine Geschichte über eine wunderbare Liebe in einer brutalen Lebenssituation."

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - HVG

Der Redakteur István Riba berichtet über das Vorhaben der Fico-Regierung in der Slowakei, das Sprachengesetz so zu verändern, dass der öffentliche Sprachgebrauch der ungarischen Minderheit in der Slowakei massiv eingeschränkt wäre. "Ein Sandkorn wurde in die Maschine der so genannten 'ausgezeichneten ungarisch-slowakischen Beziehungen' gestreut. Das - nicht sehr geheime - Ziel des Sprachengesetzes war schon bei seiner ersten Fassung, die ungarische Minderheit zu schikanieren. (...) Das hat auch die ungarische Partei in der Slowakei, die sich jetzt Ungarische Allianz nennt, festgestellt. Sie halten es für inakzeptabel, vor allem, nachdem sie Ficos Kandidaten Peter Pellegrini bei den Präsidentschaftswahlen auf Druck der Orbán-Regierung unterstützt hatten. Dafür habe das ungarische Volk keinen Schlag unter der Gürtellinie verdient, betonen sie. (...) Es wird erwartet, dass der Text bald offiziell veröffentlicht wird, und das Kabinett Fico könnte ihn voraussichtlich im Januar annehmen. Sollte dies in der jetzigen Form geschehen, würde Fico natürlich die guten Beziehungen zur ungarischen Regierung riskieren, weshalb er wohl versuchen wird, den Entwurf abzuschwächen. Die Frage ist jedoch, wie er dies tun kann, ohne dass es zu Koalitionsspannungen kommt, und inwieweit er die SNS von ihren Absichten abbringen kann."
Stichwörter: Ungarn, Slowakei

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - HVG

Warum, fragt eine entgeisterte Boróka Parászka, musste Ministerpräsidenten Orbán nach den umstrittenen Wahlen in Georgien, die die pro-russische Regierung als Sieg feierten, nach Tiflis reisen? Was war es wert, "sich vor einer Menge, die ihre Rechte und ihre Würde einfordert, anspucken zu lassen? Sich als Botschafter der Unterdrückung vor den Unterdrückten und Beschämten aufzuspielen? Ist das die Rolle in der Weltpolitik, auf die er sich so lange und so sorgfältig vorbereitet hat? Als Botschafter, als Stellvertreter von Diktatoren, als Überbringer von schlechten Nachrichten durch die Welt zu eilen? Oder ist es ihm völlig egal, was so viele georgische Bürger und eingeschüchterte, in die Enge getriebene Oppositionelle denken, die um ihre Grundrechte fürchten? Wie könnte auch Viktor Orbán mit ihnen solidarisch sein, wenn in Ungarn ähnliche Dinge mit der Zivilbevölkerung und der Presse geschehen, wenn auch in einem anderen Tempo, vielleicht weniger spektakulär, und nicht mit so offener Gewalt, aber mit ähnlichen Methoden. 'Wir waren wie ihr, ihr werdet sein wie wir' - das ist die Inschrift auf dem großen globalen Friedhof der Demokratie. ... In den Ländern, in denen die Demokratie im Niedergang begriffen ist, ist der Name des ungarischen Premierministers eine Schande, ein Fluch."
Stichwörter: Orban, Viktor, Georgien, Ungarn

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - HVG

Der Schriftsteller Gábor T. Szántó spricht im Interview mit HVG über Motive seines neuen Romans "Der Jazzprofessor" sowie über die mangelnden Möglichkeiten im heutigen Ungarn historische Themen zu verfilmen, die sich mit den Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts beschäftigen: "Mittel- und Osteuropa ist kein gelobtes Land. Hier zerren gelegentlich Verfolgungen und Diktaturen an den Nerven der Menschen oder dezimieren sogar Familien. Viele sind um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, während der Horthy-Ära, 1956 und später ausgewandert, immer wenn sich Möglichkeiten boten, und ich denke, die gegenwärtige Auswanderung hat ihre Wurzeln auch darin. Bei Ungarn handelt sich um ein kleines Land mit einem kleinen Markt, in dem zum Beispiel die fehlende Kulturförderung ein Dilemma für die Künstler darstellt. Wenn sie keine Aufmerksamkeit bekommen, keinen Film machen können, haben sie das Gefühl, dass die weite Welt für sie vielleicht besser und größer ist. Die staatliche Kulturförderung ist in unserem Land aus wirtschaftlichen Gründen und wegen politischer Differenzen und Vorurteile immer ein heikles Thema, so dass sich das Dilemma, ob man gehen oder bleiben soll, vielleicht häufiger stellt als in glücklicheren Ländern. (...) Mit dem Regisseur Ferenc Török haben wir viel daran gearbeitet, die Geschichte der grenzüberschreitenden Liebe eines Musikers zu entwickeln, der in einer rumänisch-ungarischen Familie in Siebenbürgen während des Kalten Krieges aufwächst. Aber das Filminstitut hat das Drehbuch abgelehnt. Wir haben zwar nicht aufgegeben, einen Film daraus zu machen, aber wir warten auf bessere Zeiten. Die äußerst spannende und dramatische Erfahrung des 20. Jahrhunderts wird dann wieder in den Fokus des ungarischen Kinos rücken."