Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 12.09.2023 - HVG

Der Film "Magyarázat mindenre" (Explanation for everything) des Regisseurs Gábor Reisz gewann gerade bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis der Sektion Orizzonti. Reisz spricht im Interview mit Dóra Matalin über die politische Situation in Ungarn, die seinen Film inspirierte: "Ich war schon immer daran interessiert, Filme zu machen, die die Gegenwart Ungarns widerspiegeln. Es begann mich zu stören, dass wir auf den unterschiedlichsten kulturellen Plattformen, im Theater oder in der Literatur, bereit sind, die aktuelle Politik zu kritisieren, nur der Film tut so, als gäbe es dieses Thema nicht. … Politik ist in unseren Filmen ein Tabu geworden, nicht nur in den letzten 13 Jahren, sondern auch schon davor (...) Es gibt viele andere Länder mit einer gespaltenen politischen Landschaft, aber in Ungarn hat der Hass ein solches Ausmaß erreicht, dass wir nicht einmal versuchen, einander zu verstehen. Stattdessen sprechen wir nur unsere eigene Wahrheit immer lauter aus. Es gibt keine wirkliche Kommunikation, wir drehen nur an der Lautstärke herum."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - HVG

Der Theaterregisseur Péter István Nagy spricht im Interview mit Dóra Puszta über die Erfahrungen nach der erzwungenen Umgestaltung der Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE) in Budapest. "Ich glaube, dass jeder eine persönliche Geschichte darüber hat, wie die Universität früher war. Für mich ist es jetzt so, als ob jemand dieses Bild ausgebleicht hätte. Das ist nicht die Institution, an der ich früher war. Zum Beispiel ist jene brausende Osmose, die es früher zwischen den Abteilungen Film und Theater gab, völlig verschwunden. Selbst wenn wir keine Vorlesungen oder Proben hatten, waren wir immer noch an der Universität, wir trafen viele Leute, die nicht einmal an unserem Institut waren, es war eine große Gemeinschaft, wir schauten uns gegenseitig zu, wir waren an der Arbeit des anderen beteiligt. Diese Gemeinschaftsfunktion wurde eliminiert. Zum Teil absichtlich, denn die alten und die neuen Klassen sind getrennt voneinander in verschiedenen Gebäuden untergebracht, und die Filmemacher sind in einem dritten, weit weg von den beiden anderen. Lange Zeit war die Experimentbühne Ódry geschlossen und auch ansonsten gab es keine Gemeinschaftsräume. Im Vergleich zu früher begegnen sich Alt und Neu heute kaum noch. (…) Aber wenn ich die Sache etwas aus der Ferne betrachte, verkümmern die Foren des Theaterberufs gleichermaßen. Es gibt eine Art schales Selbstbewusstsein in der Intelligenz. Wir sind Frösche in einem Topf und merken nicht, dass das Wasser um uns herum immer heißer wird. Wir sitzen zusammen in dem Topf und tun nichts."

Magazinrundschau vom 29.08.2023 - HVG

Ungarn veranstaltete in der vergangenen Woche die Leichtathletik-WM, für die in der Vorbereitung unter anderem ein ganz neues Stadion gebaut wurde. Außerdem wurde am 20. August der Nationalfeiertag gefeiert, ein Fest, zu dem die Regierung "Freunde aus dem Ausland" eingeladen hatte. Gekommen waren die Staatsoberhäupter aus Turkmenistan, Usbekistan, Aserbaidschan, Kirgisistan und Tatarastan sowie der türkische Präsident Erdogan, Aleksandar Vučić aus Serbien, Milorad Dodik aus Bosnien, und die ehemaligen Staatsoberhäupter Janez Janša, Andrej Babiš und Sebastian Kurz. Nach der Veranstaltung wurden erneut Stimmen laut, dass Ungarn sich auch für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele bewerben solle. Aber wozu, fragt Márton Gergely. "Das Land konnte die sich nie amortisierenden Kosten von etwa dreihundert Milliarden Forint (ca. 800 Millionen Euro - Anm. d. Red.) für die Leichtathletik-WM verkraften. Sie hat aber die Stadt nicht lebenswerter, den Verkehr nicht besser, die Umwelt nicht grüner und die Hauptstadt nicht attraktiver für ausländische Touristen gemacht. Wir sind mit einem für die Leere prädestinierten Stadion und ein paar peinlichen Fotos aus der mit Diktatoren gefüllten VIP-Lounge davongekommen. Wenn jemand in der Lage ist die Gehälter der Lehrer und die maroden Krankenhäuser zu vergessen, dann kann man vielleicht sogar sagen, dass sich das Land so viel Luxus leisten konnte."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - HVG

Der Dirigent Gábor Hollerung spricht mit Péter Hamvay unter anderem über die Neubesetzung des Postens des Direktors der Ungarischen Musikakademie durch die Regierung sowie über Vermittlung klassischer Musik an ein jüngeres Publikum "Unser Gamerkonzert, bei dem Tausende von jungen Menschen im Publikum saßen, war in der Tat von großer Bedeutung! Das ist für mich eine gute Entschädigung dafür, dass ich in der Stratosphäre der ungarischen Musik als Verräter gelte. Jedoch haben wir in 'Herzog Blaubarts Burg' von Bela Bartok keine einzige Note verändert, wir haben lediglich den Kommunikationskanal des Werks vereinfacht, um es zugänglicher zu machen. Bartók hätte sich darüber gefreut. Diejenigen, die uns als gesalbten und selbstverliebten Koryphäen des ungarischen Musiklebens kritisieren, wollen die klassische Musik als ein schwer zugängliches Geheimnis bewahren. Sie versprechen, dass bei gutem Benehmen und wenn man ehrfürchtig zuhört, an den Brosamen eines Wunders teilhaben kann. Aber diese Haltung wird das Ende der klassischen Musik bedeuten. Die Verbindung zwischen der klassischen Kultur und den jungen Menschen erodiert bereits jetzt."
Stichwörter: Klassische Musik

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - HVG

Der 91-jährige renommierte Theater- und Filmregisseur, sowie ehemaliger Rundfunk- und Opernintendant Miklós Szinetár kritisiert im Gespräch mit Zsuzsa Mátraház eine Kulturpolitik, in der niemand mehr weiß, wer warum welche Entscheidungen trifft: "Entweder soll eine Person mit Namen und Gesicht alles selbst entscheiden und dafür auch geradestehen, wie es vor der Wende der Fall war, oder aber der Senat, der sich aus den besten Leuten des Berufsstandes zusammensetzt, hat in Berufsfragen freie Hand. Der jetzige Zwischenzustand, dass sich jemand von überall einmischen und in der Zwischenzeit das Gesetz ändern kann, um eine bestimmte Person zu ernennen, ist Holzklassenkapitalismus. (…) Früher gab es zum Beispiel vier oder fünf Filmstudios, die von international renommierten Regisseuren geleitet wurden, und drei Fernsehstudios. Wenn das Drehbuch eines Regisseurs irgendwo nicht angenommen wurde, konnte er es an mehreren anderen Orte einreichen. Heute entscheiden in einem Wasserkopfbehörde namenlose Bürokraten über Filmideen. Man weiß nicht einmal, wer von ihnen die Entscheidung trifft, und es gibt keine Einspruchsmöglichkeit. War es nicht demokratischer damals, als eine mörderische Parodie auf meinen Film 'Rozsa Sandor' wiederholt beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde? Können Sie sich vorstellen, dass heute Parodien auf die jüngsten Propagandafilme gedreht und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden? Unvorstellbar!"

Magazinrundschau vom 08.08.2023 - HVG

Vor kurzem sind die Ergebnisse einer Studie zur Kompetenzerfassung von Schülern der Mittelstufe in Ungarn veröffentlicht worden, nach denen eine Verschlechterung der Grundkompetenzen um 40 Prozent festzustellen war. Ein Regierungsmitglied erklärte dies auf Anfrage mit "Integrationsschwierigkeiten" insbesondere in Gebieten, in denen die Roma-Bevölkerung überdurchschnittlich vertreten ist. Über die rassistischen Äußerungen des Abgeordneten gab es viel Empörung. Nach Meinung der Publizistin Boróka Parászka verdeckt jedoch die um Rassismus geführte Debatte einen wesentlichen Punkt: nämlich das totale Versagen von dreizehn Jahren Bildungspolitik der Regierung Orban. "Vierzig Prozent der ungarischen Achtklässler blieben laut der Umfrage unterhalb des Grundniveaus. Wie ist das möglich? Es gibt lediglich Schätzungen darüber, wie viele Roma oder Menschen mit 'Roma-Zugehörigkeit' in Ungarn leben: ungefähr sechs Prozent der Bevölkerung. Wie kann das eine Verschlechterung von 40 Prozent erklären? Gar nicht. (…) Ungarn hat ein Gefälle von West nach Ost, auch in der Integration. Es gibt zwar überall Probleme, aber am schwersten ist der östliche Teil des Landes betroffen. Vergleichen Sie diese Karte mit der Karte der Schulschließungen, Schulzusammenlegungen und der Lehrer, die ihren Beruf aufgeben. Ohne Schule und Lehrer ist es schwierig, Kompetenzen zu stärken. Nicht nur der Roma mit 'Integrationsschwierigkeiten', nicht nur der in den isolierten Siedlungen lebenden und zu den abgeschlagenen Schichten gehörenden Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, sondern jedes Schülers. Selbst im Herzen Budapests kann heutzutage jeder ein funktionaler Analphabet werden, wenn die Eltern kein Geld für Privatschulen haben oder keine Beziehungen, um das Kind in eine funktionierende Stiftungsschule oder kirchliche Schule zu schicken. (…) Diese Situation kann in Ungarn, wo Rassismus gefragt ist, mit den Roma erklärt werden."

Magazinrundschau vom 25.07.2023 - HVG

Die Dichterin Kamilla Vida publizierte bereits als Gymnasiastin Gedichte, wobei ihr nach eigenen Angaben am meisten literarische Kreise halfen, die sich auf freiwilliger Basis organisierten. Nun arbeitet die 26-Jährig an ebenso einem Projekt, bei dem jüngeren Berufsanfängern rund um die Literatur Möglichkeiten der Entfaltung gezeigt werden, erzählt sie im Gespräch mit Sára Szilágyi: "Die Entscheidung für ein literarisches Leben bringt vor allem existentielle Unsicherheit. Darum ist sie eben schwer. Sicherlich gilt das nicht nur für die Literatur, sondern für alle künstlerische Tätigkeiten. Andererseits ist es gerade heutzutage etwas leichter damit anzufangen, denn viele beschäftigen sich mit Talentförderung und helfen Anfängern, sich in dem Milieu zu integrieren. Das geschieht oft nicht auf institutioneller Ebene, sondern durch Workshops und Seminare… Gedichteschreiben kann teilweise gelernt werden, und darum ist Schreiben keine Tätigkeit des Einsamen oder keine einsame Tätigkeit. Ich habe mich am weitesten in Workshops entwickelt, denn dort beschäftigen wir uns gemeinsam mit unseren Texten. Die meisten Texte von Berufsanfängern entstehen in einer Gemeinschaft. Über das Redigieren der Texte hinaus ist es besonders wichtig zu lernen, dass wir Kollegen sind und Solidarität füreinander entwickeln."

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - HVG

Literarische Werke, die Homosexualität zeigen, müssen in ungarischen Buchhandlungen künftig in blickdichter Folie eingeschweißt sein. In einem Radius von 200 Metern um Kirchen oder Schulen dürfen diese Bücher gar nicht verkauft werden - so eine neue Regierungsverordnung. "Das Ganze dient dazu, dass sich in den Bücherläden die verdächtigen Brillenträger ärgern, worüber sich die Regierungsunterstützer wiederum freuen, obgleich sie ja gar nicht in Buchhandlungen gehen. Aber auch ihnen muss irgendwie Freude bereitet werden", spottet der Publizist Árpád W. Tóta. "Das bekommen sie (und wir alle) anstatt eines funktionierenden Bildungs- und Gesundheitswesens: Das Wissen, dass es auch anderen schlecht geht. Dies ist die einzige öffentliche Dienstleistung des ungarischen Staates auf höchstem Niveau. Lehrer und Ärzte kann er nicht gewährleisten, jedoch einen Feind."
Stichwörter: Ungarn, Homosexualität

Magazinrundschau vom 18.07.2023 - HVG

Der Schriftsteller und Dichter, Kritiker und Übersetzer Mátyás Dunajcsik verließ 2014 Ungarn, zog zunächst nach Island, lebt heute in Berlin und ist Mitarbeiter des Programmbüros der Akademie der Künste. Im Herbst erscheint sein neues Buch, in dem es um den Bruch mit der Muttersprache geht. Die Rechte der Veröffentlichung zog er vor zwei Wochen zurück, als der von ihm mitbegründete Libri Verlag von einer regierungsnahen Stiftung aufgekauft wurde. Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht Dunajcsik über seine Auswanderung: "In Wirklichkeit sieht das Auswandern nicht so aus, dass ich nach einem großen Trauma meinen Koffer packe. Damals flohen wir mit meinem Partner nicht vor etwas, sondern wir gingen mit dem Umzug nach Island auf etwas zu. Seitdem gibt es aber jede Woche Nachrichten aus und über Ungarn, bei denen ich immer denke: hätte ich es nicht früher getan, dann würde ich jetzt meine Siebensachen packen. (…) Wenn morgen das Orbán-System zusammenbräche, würde es ungefähr zwanzig Jahre dauern, bis Ungarn wieder ein Ort wäre, wo man leben könnte. Die Regierung hat Strukturen vernichtet, die man nicht von heute auf nachher neu aufbauen kann. Zusätzlich ist es ihr gelungen mit Xenophobie und Frauenfeindlichkeit, mit der negativen Haltung gegenüber Transmenschen und Homosexuellen die schlechtesten Instinkte der ungarischen Gesellschaft zu wecken."

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - HVG

Der Dichter und Übersetzer Ádám Nádasdy spricht über die Veröffentlichung seiner gesammelten Schriften und die Gestaltung der Sprache in der sozialistischen Zeit: "Der Stil und die Texte vieler Lieder in der realsozialistischen Zeit vermittelten das Depressive, Hoffnungslose, Sinnlose. Die sozialistische Propaganda verbreitete einen unerschrockenen Optimismus. Dagegen setzten meine Freunde ich das Attribut 'müde'. Wir sind als zum Beispiel 'in ein müdes Restaurant' gegangen. Das bedeutete oft nur, dass der Ort normal war und dass in ihm nicht die erzwungene gute Laune herrschte, die man in den sozialistischen Jugendcamps zeigen musste. Und in diesem Sinne waren die Lieder dann spannend müde und entnervt, also anziehend für uns."
Stichwörter: Nadasdy, Adam