
Der Fachübersetzer und Leiter des ungarischen Übersetzerhauses
Péter Rácz erläutert unter anderem die
Herausforderungen des literarischen Übersetzens: "Ungarische Sprachkenntnisse sind eine Zulassungsvoraussetzung. Die Kandidaten übersetzen dann in der Regel zehn völlig unterschiedliche Werke in ihre eigene Sprache, um sich an allem zu versuchen. Literarisches Übersetzen kann man lernen, wenn man eine Leidenschaft für Literatur, Ästhetik und Satzbau hat, aber selbst dann ist es nicht für jeden leicht. So haben die Russen, Polen und Tschechen ein ausgezeichnetes
Gespür für das Absurde, (…) die Japaner vielleicht weniger. Auch
chinesische Übersetzer haben keine leichte Aufgabe. In ihrem Grundstudium befassen sie sich nicht mit der ästhetischen Analyse und sezieren auch nicht die Beweggründe der Figuren, sondern konzentrieren sich lediglich auf die Handlung. (…) Selbst bei Texten, die im Großen und Ganzen leicht zu übersetzen sind kann es ein oder zwei Tage dauern, bis man die Lösung herausgefunden hat. Kürzlich (…) konnte ich einem
französischen Kollegen, der mich nach jiddischen Wörtern aus einem Roman von
Péter Nádas fragte, einen Leitfaden anbieten. Wenn wir einen längeren Satz von Krasznahorkai oder Péter Nádas gelesen haben, haben wir uns oft dabei ertappt, wie wir gemeinsam nach dem
Subjekt des Satzes gesucht haben. Die Form muss man ja auch in der Prosa einhalten. Höchstens dann, wenn sie sich schon lange gequält haben, schieben sie noch das eine oder andere Satzzeichen am Ende des Satzes ein.
Vier Seiten eines Krasznahorkai-Buches am Tag zu übersetzen, reichen aus, statt der durchschnittlichen acht bis zehn Seiten. Dies sind die wirklichen Herausforderungen, für die es sich lohnt, diesen Beruf zu wählen."