Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 04.07.2023 - HVG

Der ungarische Schriftsteller Dénes Krisovszky spricht im Interview mit Dóra Matalin über die Schwierigkeit, schreiberisch eine vertretbare Perspektive einzunehmen, und über seinen neuen Roman "Ohne Blätter", indem die Einwohner einer Kleinstadt mit einer unerwarteten Naturkatastrophe konfrontiert werden: Im Frühling fallen die Blätter der Bäume ab. "Es gibt einen teils nachvollziehbaren, teils übertriebenen Kampf um die Repräsentation. Ein extremes Beispiel dafür ist, dass das Gedicht einer schwarzen Dichterin nicht von einem weißen Mann aus der Mittelschicht übersetzt werden darf oder ein Trans-Charakter nicht von einem Cis-Schauspieler gespielt werden darf. Auch in Ungarn gab es die Debatte, ob ein weißer Mann aus der Mittelschicht im Namen eines Roma-Mädchens schreiben darf. Aus Vorsicht und Gründlichkeit dachte ich, dass ich mich als Schriftsteller jenen Feldern nähere, die ich besser überblicken kann. Ich bin kein Ungarisch-Lehrer vom Lande, doch die Ansicht eines Mannes mittleren Alters ist mir nahe. Dann kam ein Punkt beim Schreiben, als ich fühlte, dass die Figur der im Altersheim lebenden Mutter stets in einer zu passiven Situation ist und ich auch zeigen möchte, wie es war, als sie noch jünger war und als aktive, autonome Figur erschien. Meine Frau arbeitet in Wien, wöchentlich zwei bis drei Tage. Da führe ich den Haushalt, bringe die Kinder in die Schule oder in die Kita. Ich sage nicht, dass ich genau weiß, wie es in den Neunziger war Mutter zu sein, doch die Dominanz der Hausfrauenrolle beim Charakter konnte ich vielleicht zeigen. Es ist eine Art Madame Bovary in einer ungarischen Hausfrauenausgabe."

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - HVG

In einem Interview mit Boróka Parászka spricht die Schriftstellerin Andrea Tompa unter anderem über das in Ungarn dominierende Siebenbürgen-Bild, ihren Roman "Omertà" und die Erinnerung an den Holocaust in Siebenbürgen, die weder die rumänische noch die ungarische Seite annehmen möchte: "Sichtbar und oft propagiert ist das homogene, sagenumwobene und dörfliche Siebenbürgen. Wir aber, die über Siebenbürgen schreiben, von András Visky bis Gábor Vida, zeigen ein anderes. Diese Welt ist weder homogen noch archaisch und überhaupt nicht dörflich. Ich bevorzuge es über die Geschichte der ungarischen Gesellschaft in Rumänien zu sprechen, denn es geht nicht um die Alleinstellung von Siebenbürgen oder um das Inselhafte, sondern darum, dass diese Region Teil Rumäniens ist ... Mein Eindruck ist, dass Geschichten wie in meinem Buch in den Künsten nicht sichtbar sind, nicht einmal im Film. Interessanterweise spricht der rumänische Film und insbesondere das Kino von Radu Jude immer öfter über den Holocaust, wenn auch aus seiner Perspektive Siebenbürgen keine Rolle ist. Und der Holocaust in Nord-Siebenbürgen fehlt sowohl in der ungarischen wie auch in den rumänischen Holocaust-Narrativen."

Magazinrundschau vom 20.06.2023 - HVG

Der Publizist Árpád Tóta W. rauft sich die Haare angesichts der sturen, zum Teil grotesken moskautreuen Politik der ungarischen Regierung, die aber auch von einem Großteil der Bevölkerung getragen wird: "Es ist schwer vorherzusagen, was passieren wird, wenn die Ukrainer die Russen aus ihrem Haus treiben. Ich versuche es trotzdem: es wird ein riesengroßes Weltfest geben, das wird es sein, eine über alle Grenzen gehende Party. Nicht eine einzige Veranstaltung, sondern eine die Welt durchdringende Nachricht der Freude. Großartige Feste mit glänzenden Uniformen, Helden, siegenden Soldaten. Ernste und traurige Erinnerungsveranstaltungen mit Überlebenden von Gräueltaten und Genoziden. Actionfilme und historische Dramen wird es geben mit millionenfachem Publikum. Pophymnen. Legenden. Ein Fest, das wir noch nie gesehen haben. Und wir werden nicht eingeladen … Ich muss hier ein Geheimnis verraten: Der Grund warum niemand mit uns übereinstimmt, ist nicht, weil wir so tapfer und kühn sind, sondern weil wir solche Idioten sind. Wir Ungarn lieben dies. Das ist der Grund, warum wir diese Politik bekommen. Man hat es gemessen, dass wir das wollen … Wir schwimmen in unseren Emotionen, küssen die Russen, denn sie können trinken und ihr Herz ist groß, sie verprügeln die Schwuchteln und das reicht uns als Außenpolitik ... Wir lernen nicht weiter und die Welt begreift es am Ende aufgrund unserer sturen Dummheit, warum wir erneut zum letzten Handlanger wurden. Sie werden sich anlächeln und reiten dann in die Zukunft. Auch da werden wir nicht eingeladen."

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - HVG

Der Animationsfilm "27" der in Frankreich lebenden Filmemacherin Flóra Anna Buda gewann beim diesjährigen Filmfestival in Cannes in der Kategorie Kurzfilm die Goldene Palme. Unter den zahlreichen Gratulanten tat sich das Nationale Filminstitut hervor, das die Förderung des Films dreimal abgelehnt und - obgleich "27" der einzige ungarische Beitrag in Cannes war - sich nicht mal am Marketing beteiligt hatte. Im Gespräch mit Dóra Matild erzählt die Regisseurin, wie sie diesen Konflikt erlebte und warum sie weiterhin in Frankreich lebt und arbeitet. "Statt uns zu freuen, müssen wir darüber sprechen, was es nicht gab, denn eine ungarische Filmförderung gibt es gegenwärtig quasi nicht. Dabei hätten wir auch darüber sprechen können, was es gibt. Dieser Film hat eine ungarische Produktionsfirma, Boddah; er hat zwei ungarische Produzenten Gábor Osváth und Péter Benjámin Lukács: die Filme konnten nur entstehen, weil sie ihr eigenes Geld riskieren und damit wiederholt erfolgreich bei Filmfestivals waren. Obgleich es auch richtig ist, dass man manchmal Konflikte braucht, um Sachen aussprechen zu können. (...) Ich würde gerne für den Wandel kämpfen, doch gegenwärtig kann ich nur hier in Frankreich Filme machen, die die Situation in Ungarn reflektieren."

Magazinrundschau vom 23.05.2023 - HVG

Ungarn, das seit 2015 mit Dekreten regiert wird, entlässt nach einer Regierungsverordnung von Ende April an die 700 ausländische Staatsbürger, die wegen Menschenschmuggels verurteilt worden waren, aus der Haft - unter der Bedingung, dass sie innerhalb von 72 Stunden das Land verlassen. Sie sollen sich anschließend mit ihren Entlassungsdokumenten in ihren Heimatländern melden, um jeweils ihre restliche Strafe zu verbüßen. Durchgesetzt oder kontrolliert wird dies allerdings von keiner ungarischen Behörde, was nicht nur in den Nachbarländern für Irritationen sorgt. Blanka Iványi weist auf das Absurde der Verordnung hin: "Man kann sich förmlich vorstellen, wie ein Menschenschmuggler, eilig zurückgekehrt in die Heimat, sich mit auf ungarisch ausgestellten Dokumenten in seiner Hand bei den dortigen Behörden meldet, weil er seine restliche Strafe absitzen möchte. (…) Die Ausgewiesenen werden nicht mal von Beamten bis zur Grenze begleitet, sie werden auch nicht den Ordnungsbehörden ihrer Heimatländer - was auch immer dies beispielsweise im Falle von Afghanistan oder dem Irak bedeutet - übergeben. Es hängt gänzlich vom Betroffenen ab, wann und in welche Richtung er Ungarn verlässt. Freilich können sich nun Kriminelle, die bisher zur Stigmatisierung von Geflüchteten und Einwanderern als potentiellen Terroristen dienten, genauso leicht in andere europäische Länder absetzen."
Stichwörter: Ungarn, Schlepper, Irak

Magazinrundschau vom 16.05.2023 - HVG

Der Historiker und Essayist György Dalos erhielt vor kurzem den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste in Berlin. Bei dieser Gelegenheit sprach er mit Béla Weyer über Russlands Krieg gegen die Ukraine: "Putins Krieg - obgleich ich solidarisch mit der ukrainischen Bevölkerung bin - ist für mich auch eine russische Tragödie, eine historische Wunde. Solch einen Schaden hat sich Russland seit dem russisch-japanischen Krieg nicht mehr selbst beigebracht. Es kann vielleicht in manchen Phasen erfolgreich sei, doch siegen wird Russland nicht. Sie haben erneut den Gegner unterschätzt. Und meine Sorge ist groß, was mit der russischen Bevölkerung am Ende dieses nicht gewinnbaren Krieges passieren wird. (...) Das hier ist kein Krieg der Kulturen. Der Krieg wird eines Tages vorüber sein, doch der Hass wird bleiben."

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - HVG

Der Publizist Árpád Tóta W. kommentiert den dreitägigen Besuch von Papst Franziskus in Ungarn: "Vielleicht freut sich ja der Papst ungewollt, dass er inmitten von Europa ein Land findet, das sich trotzig als christliches definiert und in dem das Portfolio der Kirche stets größer wird. Obgleich dies ja zugleich die größte Gefahr ist, und wenn er über irgendetwas offen hätte sprechen können, dann wäre es dies gewesen: Dass die Politik, die er zwischen den Zeilen kritisiert, die Mauern baut und Brücken zerstört, die stolz und hart vor anderen die Tür zuschlägt, vor Fremden, vor Armen und Kranken - diese Politik verkauft sich als christlich. Das Oberhaupt der Kirche schaute lächelnd jene an, die das Christentum besangen. (...) Obwohl er freilich wissen dürfte, dass der Frevel, der gegen den Glauben verübt wird, weit weniger Schaden anrichtet, als der, der im Namen des Glaubens begangen wird."

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - HVG

Der Schauspieler und Theatergründer Tamás Lengyel erklärt im Interview mit Rita Szentgyörgyi, warum er seine Meinung geändert hat, dass ein Künstler seine Meinung über öffentliche Themen für sich behalten sollte: "Am Anfang dachte ich, dass ich keine Position beziehen darf, ich muss neutral bleiben, damit sich sowohl das rechte als auch das linke Publikum über meine Darbietungen amüsiert. Heute sehe ich es anders. Es passieren solch grundsätzliche Unkorrektheiten, Ungerechtigkeiten, Lügen um uns herum, die unser aller Zukunft, auch die unserer Kinder, gefährden, dass ich mehr Schaden anrichte, wenn ich meine Meinung für mich behalte, als wenn ich klar sage, was ich zum Beispiel über die Situation der Pädagogen oder über das Gesetz gegen Homosexuelle denke. Obgleich die Existenz unabhängiger Theatergruppen erheblich erschwert wird, gibt es großen gesellschaftlichen Bedarf an Inszenierungen, die auf wichtige Themen wie Rassismus, die Wirkung der Propaganda, der Verlust des eigenen Kindes oder Fußballhooligans reflektieren. Es gibt weiterhin einen Bedarf, dass wir dies unterhaltend oder ungewöhnlich präsentieren, (…) so versuchen wir als unabhängiges Theater zu existieren."

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - HVG

Der Bildungsexperte und Kuratoriumsvorsitzender der Republikon Stiftung (Budapest), Gábor Horn, beklagt in der Wochenzeitschrift HVG das gescheiterte Projekt der Verbürgerlichung in Ungarn, das insbesondere mit der Wende als große Erzählung zur Motivation und Identität begann. "Der hierzulande mehrfach stockende, in seiner Gänze nie entwickelte Prozess der Verbürgerlichung wurde durch Fidesz bewusst eingestellt: aus machtpolitischer Perspektive gelangte sie zu der Erkenntnis, dass die erneute Stärkung der Kádársche Ansicht 'der Staat wird es schon richten' mehr Stimmen bringen würde. Zusätzlich wurde ein eigentümlich protektionistischer und deformierter Markt etabliert und parallel dazu quasi die Welt der Kultur besetzt, Schulen wurden enteignet, die Eigenständigkeit der lokalen Gemeinschaften durch Entzug ihrer finanziellen Ressourcen eliminiert und die schwachen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Strukturen als Feinde bekämpft. Das Ergebnis dieser Aktivitäten ist der Tod des Bürgertums."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - HVG

Noémi Martini unterhält sich mit dem Soziologen Iván Szelényi über die Stellung der Intellektuellen in Ungarn und darüber, wie die Orban-Regierung ihre eigene Intelligenzia "produziert": "In der Kádár-Ära, in den siebziger, achtzigern Jahren waren die Intellektuellen betont liberal und konzentrierten sich ausgesprochen auf Budapest", erklärt Szelényi. "Dagegen hatte Fidesz von Anfang an ein angespanntes Verhältnis zu diesem Milieu, denn die Gründer der Partei waren meist Jungs vom Lande, die in erster Generation Akademiker waren und die sich in den Pester Intellektuellenkreisen überhaupt nicht heimisch fühlten. Es ist auch kein Zufall, dass zahlreiche herausragende liberale Intellektuelle in den Augen der Gruppe um Orbán zu unerwünschten Personen wurden. Sie versuchten diese Budapester Blase zu sprengen und statt dessen eine sagen wir nationale, patriotische Intelligenzia in Position zu bringen. (…) Es ist zwar eine allgemeine Auffassung in den Kreisen liberaler Intellektuellen, dass 'Fidesz keine Intellektuellen hat'. Aber was sehen wir? Wenn sie keine haben oder der Kreis doch sehr eingegrenzt ist, dann schaffen sie sich welche. Dafür gibt es verschiedene Methoden. Man 'produziert' ganz bewusst eigene Intellektuelle zum Beispiel an den Universitäten und in den Fachinternaten. Dass jemand Teil der 'nationalen Intelligenzia' sein darf, gilt in gewissen Kreisen als Auszeichnung mit gewissen Privilegien, und dafür sind viele Bereit sich loyal gegenüber der Macht zu zeigen."
Stichwörter: Szelenyi, Ivan, Ungarn, Pest