Magazinrundschau - Archiv

Le Grand Continent

29 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - Le Grand Continent

Ist der Trumpismus ein Faschismus? Ein prominenter Verfechter dieser These ist Timothy Snyder, neulich erst wieder in der FAS, unser Resümee. Oder ist der Trumpismus ein Cäsarismus - Liebhaber dieser These finden in Soziopolis bei Felix Sassmannshausen Futter. Dem SZ-Autor Gustav Seibt gefällt hingegen der Vergleich mit Nero besser, unser Resümee. Oder doch lieber Augustus? (mehr hier). Oder ein bisschen Imperialismus des 19. Jahrhunderts gefällig (mehr hier)? Alles falsch, beim Trumpismus handelt es sich eindeutig umeinen Fall von Neo-Royalismus, diagnostizieren die amerikanischen Politologen Stacie Goddard und Abraham Newman. Der Trumpismus zeichne sich durch die strikte Leugnung zweier Grundprinzipien der aktuellen Weltordnung aus: "der gegenseitigen Anerkennung der äußeren Souveränität der Staaten und des Vorrangs des Rechts als Grundlage der politischen Legitimität und als Grenze der Machtausübung." An deren Stelle tritt ein "präwestfälischer" Klanismus, vergleichbar mit den Monarchien bis zum Dreißigjährigen Krieg. Inklusive Gottgesandtheit: Die neoreaktionären Vordenker der "dunklen Aufklärung" beschwören bekanntlich ein Zeitalter neuer Könige. Und "andere Äußerungen Trumps oder seiner engen Mitarbeiter stellen seine Präsidentschaft als ein Mandat des Himmels dar, das nicht vom Volk, sondern von Gott erteilt worden sei. In seiner Antrittsrede erklärte der Präsident der Vereinigten Staaten, dass der Mordversuch, dem er entgangen war, beweise, dass er 'von Gott gerettet worden sei, um Amerika wieder groß zu machen'. Monate später, im Mai 2025, organisierte der Verteidigungsminister einen christlichen Gebetsgottesdienst im Pentagon, bei dem laut der New York Times 'Präsident Trump als von Gott bestimmter Führer gefeiert wurde'."

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - Le Grand Continent

Dass die westlichen Qualitätsmedien nur lückenhaft aus dem Iran berichten können, versteht man ja. Aber auch über die iranische Diaspora und ihren bekanntesten Anführer Reza Pahlavi sind kaum ausgewogene und seriöse Informationen zu finden. Wir zitieren hier aus zwei Artikeln, die die geballte Medienkompetenz der Leser erfordern, um von ihnen zu profitieren.

Das Magazin Le Grand Continent, das immerhin von der äußerst renommierten Ecole Normale Supérieure betrieben wird und das uns nie als besonders "links" auffiel, übersetzt ein Porträt über Reza Pahlavi, das ursprünglich in der Boston Review erschienen war. Der Artikel des Anthropologen Alex Shams liest sich allerdings über weite Strecken, als wäre er von einem Anhänger des Mullah-Regimes geschrieben worden. Pahlavi erscheint darin als schiere Marionette Netanjahus, Trumps und des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Shams wirft allen drei Mächten vor, einen Regimewechsel zu wollen, während er nahelegt, dass sowohl die Iraner als auch die Exiliraner einen "Wandel durch Annäherung" befürworteten. Dass Israel an einem Regimewechsel interessiert sein könnte, weil der Iran der größte Sponsor eines neuen Holocaust ist, und welche Rolle das Bündnis der iranischen Linken mit den Islamisten spielte, erwähnt Shams nicht. Nur dies: "Israel verfügt über die nötige Feuerkraft, um die iranische Regierung im Alleingang zu stürzen, und das ausgedehnte Netzwerk aus Lobbyisten und Bot-Armeen hat dazu beigetragen, Pahlavi das zu verschaffen, wovon er immer geträumt hat, aber nie hatte: den Anschein von Unterstützung durch das Volk."

Die Zeitschrift Iran im Diskurs war dem Perlentaucher bisher unbekannt, sie scheint der Figur des Schahs (1919-1980) wesentlich gewogener zu sein. Hier erschien schon im letzten Jahr ein Artikel, der mit vielen Details, Zitaten und Informationen zur deutschen 68er Bewegung und ihrem Verhältnis zum Iran aufwartet. Ob man die Verteidigung des Schahs nun teilt oder nicht, der Autor Hossein Pourseifi kommt auf das Bündnis auch der westlichen Linken mit den Islamisten zurück, das viel älter ist als Foucaults immer wieder zitierte begeisterte Äußerungen über die iranische Revolution. Und gerade für die Geschichte der Bundesrepublik war es prägend: Pourseifi schildert die engen Beziehungen zwischen der berühmten Publizistin Ulrike Meinhof, dem Studentenführer Rudi Dutschke und dem iranischstämmigen Studenten Bahman Nirumand. Nirumands Bestseller "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt" und die Propagierung des Buchs durch Meinhof und Dutschke spielten eine zentrale Rolle für die Demo am 2. Juni 1967, bei der bekanntlich Benno Ohnesorg erschossen wurde. Pourseifi behauptet, dass Nirumand falsch über den Schah informiert hätte, er greift einen großen Artikel des Spiegel von 1967 auf, der auf Nirumand antwortet und ein ganz anderes Bild vom Iran unter dem Schah zeichnet. Und er kommt auf die schmerzhafte Tatsache zurück, dass auch Nirumand jener revolutionären linksextremen "Konföderation Iranischer Studenten (CISNU)" angehörte, die zusammen mit Khomeini die iranische Revolution vorantrieb: "Die iranischen Studenten in der 'Konföderation' stilisierten Khomeini und die terroristischen Guerillagruppen, die gemordet und gebombt hatten und daher als Terroristen verfolgt wurden, zu Helden des Widerstands für Freiheit und Demokratie. Diese Mär von 'freiheitsliebenden Demokraten' im Kampf gegen die 'Diktatur des Schahs' wird auch heute von iranischen und deutschen Linken propagiert und von deutschen Medien als Fakt akzeptiert. Doch diese Radikalen wollten Freiheit und Demokratie auf die gleiche Weise wie die ETA, die RAF oder die Hamas." Einziger Trost an diesen Kontexten: die Einsicht, dass die Zeiten damals noch polarisierter waren als heute. Dutschke gestand im Spiegel ganz offen ein, dass er bedauerte, den Schah nicht erschossen zu haben. "Ihn hätten wir erschießen müssen, das wäre unsere menschliche und revolutionäre Pflicht als Vertreter der 'Neuen Internationale' gewesen. Kaum war einer von uns, einer des neuen Typus menschlichen Verhaltens, Benno Ohnesorg, erschossen worden, erschien im Spiegel das schöne, 'vom Schah entwickelte' Persien."

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - Le Grand Continent

Rana Foroohar ist die Trump-Expertin der Financial Times. Trump mag sich ja in die Brust werfen, aber innen ist er hohl, meint sie. Und auch rein wirtschaftlich sieht sie im Gespräch mit Louis de Catheu schwarz: "Trump ist ein Mann, der seine Karriere auf den Immobilienmärkten gemacht hat; das zeigt sich daran, wie er Europa unter Druck setzt, die Technologievorschriften zu lockern. Für ihn dreht sich alles um Geld, Transaktionsdenken und Kommerz - dort, wo seine Interessen liegen. Ich glaube, dass genau diese Eigenschaft sein Untergang sein wird. Die Art und Weise, wie die Regierung Kryptowährungen unterstützt, erinnert an die afrikanischen Diktatoren der 1970er Jahre, die durch Deregulierung und Sonderinteressen die Taschen ihrer Familien füllten. Ich glaube, dass eine solche Situation die nächste Finanzkrise auslösen wird. Wenn ich Xi Jinping wäre, würde ich die USA einfach immer tiefer in diese Kryptowährungsblase sinken lassen. Und wenn sie zu platzen beginnt, würde ich Staatsanleihen verkaufen und dem IWF sagen, dass die USA nicht mehr vertrauenswürdig sind, dass es Zeit für eine Neugewichtung ist, dass wir einen Währungskorb brauchen und dass wir uns vom dollarbasierten System entfernen müssen. Wie man aus der gegenwärtigen Situation Kapital schlagen kann, ist leicht vorstellbar."
Stichwörter: Foroohar, Rana

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - Le Grand Continent

Wer Spaß hat an düsteren Voraussagen, wird in diesem Interview mit einem der berühmtesten Wirtschaftswissenschafler der Welt auf seine Kosten kommen. Auf die Frage Louis de Catheus, warum die Börsen Trumps chaotische Wirtschaftspolitik und die Zölle so gut wegstecken, antwortet Kenneth Rogoff: Es liege daran, dass Trump der Künstlichen Intelligenz schrankenlose Freiheit gewährt. "Er sagte der Industrie: 'Macht, was ihr wollt. Wenn Kenneth Rogoff ein Buch schreibt und ihr ihm alles stehlen wollt, macht euch keine Sorgen um ihn, um keinen Wissenschaftler und keinen Künstler: Macht euch um niemanden Sorgen.' KI stiehlt die Stimmen, Gesichter und Ideen von Menschen. Trump sagte auch: 'Die globale Erwärmung ist mir egal. Verbraucht so viel Strom, wie ihr wollt', und kündigt an, dass er unsere Stromproduktion verdoppeln werde. Diese beiden Veränderungen - die unter einer Präsidentschaft von Harris nicht stattgefunden hätten - haben KI begünstigt. Darüber hinaus zeigt die Industrie nun, dass sie Personal abbauen kann, um ihre Gewinne zu steigern. Wir treten in eine Ära ein, in der die Gewinne steigen, während die Arbeitseinkommen sinken. Die Vereinigten Staaten werden daher Massenarbeitslosigkeit erleben. Es gibt viele Schätzungen, aber ich glaube, dass dies schneller geschehen wird, als wir denken." Und was passiert als nächstes? Die Republikaner "erkennen nicht, dass sie in vier Jahren einen Präsidenten Mamdani oder jemanden dieser Art haben könnten, der die gesamte Macht erbt, die Trump für das Präsidentenamt aufgebaut hat. Denn Trump verändert nicht nur seine eigene Macht, sondern das Amt des Präsidenten selbst."
Stichwörter: Rogoff, Kenneth

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - Le Grand Continent

Die Literaturwissenschaftler Pierre Bayard und Jean-Louis Fournel analysieren, wie Sprache benutzt wird, um ein Kriegsgeschehen zu "framen". Die Serben sprachen seinerzeit beispielsweise nicht mehr von Kroaten oder Bosniern, sondern von "Ustascha-Kämpfern" und "Türken". Russland hat ein ganzes Vokabular und System von Referenzen entwickelt, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine der eigenen Verblendung gemäß zu beschreiben. Die "Spezialoperation" ist nur eines dieser Wörter. Die Mission Russlands ist es nach dieser Ideologie, "gegen den moralischen Verfall des Westens anzukämpfen, der die 'traditionellen Werte' des christlichen Glaubens vernachlässigt habe, insbesondere, indem er aufgehört habe, der Familie Vorrang einzuräumen, und den Thesen der LGBT+-Bewegung Glauben geschenkt habe. Es überrascht daher nicht, dass man in Putins Wörterbuch Einträge wie 'Satan' findet, wobei der Ausdruck 'Satanismus' sowohl in Putins Diskurs als auch in dem der russisch-orthodoxen Kirche zu einem Gemeinplatz geworden ist, um … folglich zu rechtfertigen, dass eine Art 'heiliger Krieg' gegen diese 'korrupte' Welt geführt wird." Die korrekte Bezeichnung für Putins Krieg wäre laut den Autoren darum übrigens nicht "Ukraine-Krieg", nicht einmal "Angriffskrieg gegen die Ukraine", sondern "Angriffskrieg gegen Europa".

Magazinrundschau vom 28.10.2025 - Le Grand Continent

Dringend mahnt Josef Aschbacher die Europäer, die Weltraumfahrt sehr ernst zu nehmen - kein Wunder, er ist Chef der European Space Agency. Aber seine Argumente, vorgebracht im Gespräch mit Gilles Gressani, leuchten ein: Viele Aspekte unseres Alltags hängen von Satelliten ab, vom Wetterbericht bis zum Navi im Auto. Und Europa ist auch auf diesem Gebiet leider nicht ganz vorn: "Wenn man das Bruttoinlandsprodukt der ESA-Mitgliedstaaten - einschließlich des Vereinigten Königreichs, Norwegens und der Schweiz - addiert, machen sie mehr als 20 Prozent des weltweiten BIP aus. Dennoch betragen unsere öffentlichen Investitionen im Raumfahrtsektor nur etwa 10 Prozent der weltweiten Gesamtinvestitionen aus. Die Vereinigten Staaten investieren etwa 60 Prozent und China etwa 15 Prozent. Dieses Ungleichgewicht zeigt eine einfache Tatsache: Europa hat jahrelang nicht proportional zu seinem wirtschaftlichen Gewicht in die Raumfahrt investiert. Die Folgen sind nun sichtbar: Die amerikanischen Wirtschaftsakteure sind extrem mächtig geworden, während Europa seinem Privatsektor keine vergleichbaren Bedingungen bieten kann."

Magazinrundschau vom 21.10.2025 - Le Grand Continent

Nicht dass er etwas daraus gelernt hätte, aber auch Xi Jinping hatte eine schwere Kindheit, eine sehr schwere sogar. Le Grand Continent stellt einige Passagen aus einer Biografie von Xi Jinpings Vater Xi Zhongxun, eines sehr hohen Parteifunktionärs zusammen - vrfasst wurde sie vom Politologen Joseph Torigian. Xi Zhongxun wurde, wie unter Diktatoren üblich, während der Kulturrevolution gefoltert und aussortiert. Sein Sohn hatte schlimmste Schikanen zu ertragen. Er selbst sagte 1997 zu einem Journalisten, dass er mehr gelitten habe als die meisten anderen Leute. "Einmal, wohl im Frühjahr 1967, organisierte die Parteischule eine Massenkundgebung, um sechs 'Kapitalisten' sowie andere Erwachsene - und ein Kind - zu kritisieren: Xi Jinping. Aufgrund seines jungen Alters fiel es dem jungen Xi schwer, den schweren, lächerlichen Stahlhelm zu halten, den sie alle als Zeichen der Demütigung während der Veranstaltung auf dem Kopf tragen mussten. Xi Jinping musste ihn mit den Händen festhalten. Seine Mutter, Qi Xin, war bei dieser Versammlung anwesend. Als die Menge 'Nieder mit Xi Jinping' skandierte, hob sie die Hände und schrie mit. Obwohl Mutter und Sohn nur wenige Meter voneinander entfernt waren, durften sie nicht miteinander sprechen.

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Auf der Homepage von Le Grand Continent finden sich zur Zeit mehrere Texte über China, unter anderem einer mit Erläuterungen zum neuen Fünfjahresplan. In einem weiteren Text werden teils unglaublich klingende Statistiken aus einem zugleich explodierenden und (demografisch) implodierenden China präsentiert. Etwa: "Schanghai hat im Jahr 2022 mehr Container umgeschlagen als alle US-Häfen zusammen." Oder: "China hat nun die Kapazität, etwa 60 Millionen Autos pro Jahr zu produzieren - ein Drittel davon Elektrofahrzeuge, zwei Drittel Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor -, bei einem weltweiten Jahresmarkt von etwa 90 Millionen verkauften Autos." Aber auch: "Im Jahr 2019 wurden in China 15 Millionen Geburten registriert; vier Jahre später war diese Zahl auf 9 Millionen gesunken. Diese Zahl lag unter dem, was die Vereinten Nationen einige Jahre zuvor als 'Szenario niedriger Fertilität' bezeichnet hatten. Im Jahr 2024 heirateten sechs Millionen Chinesen, das sind nur halb so viel wie vor zehn Jahren. Chinesische Familien haben heute durchschnittlich 1,0 Kind pro Frau - weit weniger als die 2,1 Kinder, die für eine stabile Bevölkerungszahl erforderlich sind." All diese Zahlen entstammen Dan Wangs Buch "Breakneck - China's Quest to Engineer the Future".
Stichwörter: China, Xi Jinping

Magazinrundschau vom 23.09.2025 - Le Grand Continent

Charlie Kirk spricht aus dem Jenseits - dank KI:


Künstliche Intelligenz ist das neueste Instrument des Priestertrugs: "In mehreren Megakirchen haben Pastoren in den letzten Tagen Tausenden von Gläubigen eine Botschaft vorgespielt, die von einer Simulation der Stimme von Charlie Kirk stammt, der - nach seinem 'Martyrium' - angeblich aus dem Jenseits und dem Paradies spricht", erzählt der Rechtsprofessor und Religionswissenschaftler Pasquale Annicchino im Gespräch mit Gilles Gressani von Le Grand Continent. Die evangelikale Dimension des Trumpismus wurde bisher - wohl aus genereller Wohlgesonnenheit gegenüber allem Religiösen in westlichen Öffentlichkeiten - viel zu wenig thematisiert. Aber jenseits des Kitsches von AI-Videos, wie sie nach dem Tod von Charlie Kirk im Netz zirkulieren, gilt es, die apokalyptischen Visionen der MAGA-Revolutionäre äußerst ernstzunehmen, warnt er. Denn sie rechtfertigen einen Ausnahmezustand mit der Begründung, "dass nach der Ermordung von Kirk nichts mehr so sein kann wie zuvor... Dieser Ansatz trägt ganz offensichtlich dazu bei, die Grundlagen jedes zivilen Dialogs zu untergraben, denn er rechtfertigt jede Maßnahme, die als nützlich angesehen wird, um Amerika vor den Mächten der Finsternis zu 'retten'. Wenn Ihr Gegner ein satanischer Feind ist, sind alle Mittel erlaubt und Gesetze müssen außer Kraft gesetzt werden. Die jüngsten Äußerungen von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, der die Existenz einer 'organisierten terroristischen Bewegung' in der Linken aufdecken will, eröffnen die Möglichkeit, jeden politischen Gegner wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten anzuklagen, was wahrscheinlich den operativen Kern dieses Schemas erweist."

Magazinrundschau vom 15.09.2025 - Le Grand Continent

Seit Wladimir Putins Überfall am 24. Februar 2022 dauert der Ukraine-Krieg nun bald so lange wie der Erste Weltkrieg. Die Ukrainer haben eine ungeheure Zähigkeit beweisen, unterstreicht der Historiker Jaroslaw Hryzak in einem langen Gespräch mit Fabrice Deprez. Der Grund ist einfach: Sie wollen zum Westen gehören, nicht zum unentrinnbaren Gewaltzusammenhang Russlands. Ein Vergleich mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg macht den großen Unterschied eines heutigen Kriegs klar: "Unser Krieg - das sind Schützengräben und Drohnen. Die Technologie hat sich verändert, aber sie hat diesen Konflikt nicht in einen Bewegungskrieg verwandelt: Es gibt keinen Durchbruch, die Frontlinie bewegt sich nur langsam voran - einige haben berechnet, dass die russische Armee bei konstantem Tempo hundert Jahre brauchen würde, um Kiew zu erreichen. Der zweite Unterschied ist das Ausmaß: In der Ukraine gibt es keine groß angelegten Operationen und Schlachten, an denen Hunderttausende von Soldaten beteiligt sind. Wir befinden uns in einem Zermürbungskrieg mit einer anderen Logik: Die Niederlage wird nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern von der öffentlichen Meinung. Und der Sieg hängt von der Fähigkeit der Gesellschaft ab, die Last des Krieges zu tragen. Wir wissen inzwischen, dass dieser Krieg nicht durch einen militärischen Sieg beendet werden wird, sondern durch den Zusammenbruch der einen oder anderen Seite. Diejenigen, die die Kosten nicht tragen können, werden zusammenbrechen - und das wird das Ende sein. Zwischen Russland und der Ukraine ist die Frage im Grunde genommen recht einfach: Wer wird zuerst zusammenbrechen? Ich bin optimistisch: Trotz der Verluste und trotz der Spannungen bricht die Ukraine nicht zusammen und könnte noch Monate, wenn nicht sogar Jahre durchhalten."

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Le Grand Continent

Ah, die französischen Elite-Institutionen haben doch auch ihr Gutes. Höchst kenntnisreich und dabei interessant zu lesen entfaltet Michel Foucher, ehemaliger Diplomat, und Professor an der Ecole Normale Supérieure und an Sciences Po, alle Aspekte, die den aktuellen Konflikt zwischen Kambodscha und Thailand erklären - dass die beiden Länder sich jetzt erstmal wieder vertragen, sollte von der Lektüre nicht abhalten. Zunächst einmal ist da die uralte Konkurrenz zwischen den Khmer und den Thailändern, so Foucher - die übrigens auch Thema der Tempelfriese an den von den Franzosen wiederentdeckten Anlagen von Angkor wat sind. Der eigentliche Grenzkonflikt, bei dem es unter anderem um einige Tempel geht, ist auch schon mehr als hundert Jahre alt. Nach dem Krieg hatten die Thailänder die Anlagen erobert, so Foucher: "Als Reaktion darauf brachte Kambodscha den Streit vor den Internationalen Gerichtshof (IGH), der 1962 zugunsten Kambodschas entschied." Dies sei einer der Faktoren, die zu Spannungen führen. "Er hat dazu beigetragen, die tiefsitzenden und feindseligen Gefühle zwischen den beiden Völkern zu kristallisieren. Da es sich um einen der großen Klassiker der internationalen Rechtsprechung handelt, den Fall des Tempels von Preah Vihear (aber auch um einen aktuellen Fall mit der Entscheidung von 2013), findet er weltweite Resonanz, was die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze noch mehr erzürnt, da sie vor der ganzen Welt, die ihrer Meinung nach auf sie schaut, ihr Gesicht wahren will." Der Konflikt wird immer wieder neu belebt, so Foucher, wenn es in einem der beiden Länder darum geht, Sündenböcke für innenpolitische Geplänkel zu finden. "Da die Frage der Grenzen die Bevölkerungen der jeweiligen Seite stark eint, nutzen politische Entscheidungsträger dieses Einheitsmoment für interne politische Zwecke, beispielsweise bei Wahlen, oder um politische Krisen zu überwinden."
Stichwörter: Thailand, Kambodscha