
Dass die westlichen Qualitätsmedien nur lückenhaft aus dem
Iran berichten können, versteht man ja. Aber auch über die
iranische Diaspora und ihren bekanntesten Anführer
Reza Pahlavi sind kaum ausgewogene und seriöse Informationen zu finden. Wir zitieren hier aus zwei Artikeln, die die geballte Medienkompetenz der Leser erfordern, um von ihnen zu profitieren.
Das Magazin
Le Grand Continent, das immerhin von der äußerst renommierten Ecole Normale Supérieure betrieben wird und das uns nie als besonders "links" auffiel, übersetzt ein
Porträt über Reza Pahlavi, das ursprünglich in der
Boston Review erschienen war. Der Artikel des Anthropologen
Alex Shams liest sich allerdings über weite Strecken, als wäre er von einem
Anhänger des Mullah-Regimes geschrieben worden. Pahlavi erscheint darin als schiere
Marionette Netanjahus, Trumps und des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Shams wirft allen drei Mächten vor, einen Regimewechsel zu wollen, während er nahelegt, dass sowohl die Iraner als auch die Exiliraner einen "Wandel durch Annäherung" befürworteten. Dass Israel an einem Regimewechsel interessiert sein könnte, weil der Iran der größte Sponsor
eines neuen Holocaust ist, und welche Rolle das Bündnis der iranischen Linken mit den Islamisten spielte, erwähnt Shams nicht. Nur dies: "Israel verfügt über die nötige Feuerkraft, um die iranische Regierung im Alleingang zu stürzen, und das ausgedehnte Netzwerk aus Lobbyisten und Bot-Armeen hat dazu beigetragen, Pahlavi das zu verschaffen, wovon er immer geträumt hat, aber nie hatte: den
Anschein von Unterstützung durch das Volk."
Die Zeitschrift
Iran im Diskurs war dem
Perlentaucher bisher unbekannt, sie scheint der Figur des Schahs (1919-1980) wesentlich gewogener zu sein. Hier erschien schon im letzten Jahr ein
Artikel, der mit vielen Details, Zitaten und Informationen zur deutschen 68er Bewegung und ihrem Verhältnis zum Iran aufwartet. Ob man die Verteidigung des Schahs nun teilt oder nicht, der Autor Hossein Pourseifi kommt auf das Bündnis auch der
westlichen Linken mit den Islamisten zurück, das viel älter ist als Foucaults immer wieder zitierte begeisterte Äußerungen über die iranische Revolution. Und gerade für die
Geschichte der Bundesrepublik war es prägend: Pourseifi schildert die engen Beziehungen zwischen der berühmten Publizistin
Ulrike Meinhof, dem Studentenführer
Rudi Dutschke und dem iranischstämmigen Studenten
Bahman Nirumand. Nirumands Bestseller "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt" und die Propagierung des Buchs durch Meinhof und Dutschke spielten eine zentrale Rolle für die Demo am 2. Juni 1967, bei der bekanntlich Benno Ohnesorg erschossen wurde. Pourseifi behauptet, dass Nirumand falsch über den Schah informiert hätte, er greift einen
großen Artikel des
Spiegel von 1967 auf, der auf Nirumand antwortet und ein
ganz anderes Bild vom Iran unter dem Schah zeichnet. Und er kommt auf die schmerzhafte Tatsache zurück, dass auch Nirumand jener revolutionären linksextremen "Konföderation Iranischer Studenten (CISNU)" angehörte, die zusammen mit Khomeini die iranische Revolution vorantrieb: "Die iranischen Studenten in der 'Konföderation' stilisierten Khomeini und die terroristischen Guerillagruppen, die gemordet und gebombt hatten und daher als Terroristen verfolgt wurden, zu
Helden des Widerstands für Freiheit und Demokratie. Diese Mär von 'freiheitsliebenden Demokraten' im Kampf gegen die 'Diktatur des Schahs' wird auch heute von iranischen und deutschen Linken propagiert und von deutschen Medien als Fakt akzeptiert. Doch diese Radikalen wollten Freiheit und Demokratie auf die gleiche Weise wie die ETA, die RAF oder die Hamas." Einziger Trost an diesen Kontexten: die Einsicht, dass die Zeiten damals noch polarisierter waren als heute. Dutschke
gestand im
Spiegel ganz offen ein, dass er bedauerte, den Schah nicht erschossen zu haben. "Ihn
hätten wir erschießen müssen, das wäre unsere menschliche und revolutionäre Pflicht als Vertreter der 'Neuen Internationale' gewesen. Kaum war einer von uns, einer des neuen Typus menschlichen Verhaltens, Benno Ohnesorg, erschossen worden, erschien im
Spiegel das schöne, 'vom Schah entwickelte' Persien."